Der Satz begegnete mir schon öfter, meist in zweifelhaften Zusammenhängen. Gestern wurde er mir in dem Zusammenhang vor den Latz geballert, daß ich bestimmte Menschen lieber meide. Auch wenn sie Gottes Geschöpfe sind (womit auch argumentiert wurde).
Selbstverständlich macht Gott keine Fehler. Darüber brauche ich nicht zu diskutieren. Seine vernunftbegabten (doch, sicher) Geschöpfe, die Menschen, machen dafür umso mehr Fehler. Die immer wiederkehrende sentimentale Behauptung, man müsse doch alle, alle akzeptieren – weil ja alle, alle Gottes Geschöpfe sind und Gott keine Fehler macht – geht immer einher mit der Forderung, man solle jede Tat akzeptieren, nichts verurteilen, keinem Menschen aus dem Wege gehen. Und vor allem: Es mache einen ja echt traurig, wie hart und angsterfüllt man sei, weil man sagt, man geht bestimmten Leuten aus dem Wege. Ach, ach.
Gott, der in der Tat keine Fehler macht, sagt „Liebt eure Feinde“ – und nicht: „Schmeißt euch euren Feinden an den Hals“. „Tut wohl denen, die euch übelwollen“ – und nicht: „Nennt jede Lüge wahr, um euren Gegnern nur ja nicht weh zu tun.“
Vor allem sagen die ob meiner Intoleranz so „Traurigen“ keineswegs, daß mir gegenüber Toleranz geboten wäre. Wenn ich nach dem Mord an einem Studenten durch einen Maskenverweigerer erkläre, ich werde um Querdenker in Zukunft einen Bogen machen, weil ich ja nicht weiß, ob dieser eine Querdenker heute gerade einen friedlichen Tag hat oder generell gewaltfrei ist, ernte ich Entrüstung, keine Toleranz. Wenn ich sage, daß ich nicht gern erschossen werde, wird mir eine neurotische Todesangst nachgesagt.
Ich halte die Querdenker nicht samt und sonders für so schlimm wie Pol Pot oder Stalin. Aber ich frage mich wirklich, ob die Querdenker-Meinung, man müsse allen gegenüber immerzu nicht nur Toleranz, sondern Akzeptanz walten lassen, außer natürlich denen gegenüber, die ihnen offen widersprechen, ihnen selbst sinnvoll erscheint.
Sofern Ihr Hunde oder freilaufende Katzen habt, bin ich sicher, daß Ihr über kurz oder lang hunderte von Gottes Geschöpfen durch eine chemische Keule vernichten werdet oder das schon getan habt – dann nämlich, wenn Euer Liebling sich ständig kratzt. Niemand wird mit den Flöhen, die das Haustier und ihn selbst piesacken, innige Freundschaft pflegen.
Empörtes Räuspern jener Leser, die zwischen Vergleich und Gleichsetzung nicht unterscheiden wollen. Zur Klarstellung: Ich bin sicher, daß alle Insekten und Viren ihren gottgewollten Platz in der Schöpfungsordnung haben. Aber ich halte Motten und Stechmücken aus meiner Wohnung fern. Und ich schütze mich, so gut ich kann, vor den von Gott geschaffenen Coronaviren verschiedener Art.
Liebe Querdenker, es gibt viele Geschöpfe, denen man vernünftigerweise möglichst aus dem Weg gehen soll. Bachen mit Frischlingen gehören dazu, um mal ein wirklich niedliches Beispiel zu bringen. Hungrige oder verletzte Tiger, sofern man nicht eine dazu passende Ausbildung hat. Schlecht erzogene Pitbulls. Tsetsefliegen. Und Menschen, die der Ansicht sind, ein kleiner Mord an Andersdenkenden sei weniger schlimm als mein Wunsch, solche Leute zu vermeiden.
Falls übrigens ein Querdenker unbedingt mit mir kommunizieren will, so empfehle ich ihm, nicht anzufangen mit „Wir sind doch alle Gottes Geschöpfe“. (Nota bene: das waren Pol Pot und Stalin auch.) Wenn er aber den Ausdruck „Gottes Geschöpfe“ mit „Sünder“ ersetzt, kann es zu einem interessanten Austausch kommen. Allerdings bin ich derzeit aus Sicherheitsgründen nicht gewillt, ein analoges Gespräch mit welchem Querdenker auch immer zu führen. Es tut mir nur in sehr geringen Maßen Leid, daß ich damit die Friedfertigen unter den Querdenkern ausschließe. Aber nachdem noch kein einziger Querdenker wirklich an einem Gespräch mit mir interessiert war, werden sie das wohl auch verschmerzen.



