Müssen wir immer zuhören?

„Du hörst mir nie zu“ ist ein schwerer Vorwurf. Und generell ist Zuhören keine falsche Sache.

Aber ich wurde schon mehrmals ermahnt, auch Esoterikern, Verschwörungsmythologen, Maskenverweigerern, Wunderheilern und dergleichen zuzuhören. Man müsse doch einander zuhören, den anderen nicht gleich abstempeln, er habe ja sicher seine Gründe

Nein, hier höre ich nicht mehr zu!

Ein Mensch, der seine Oma vergiftet, hat in der Regel auch seine Gründe. (Hass und Gier mögen schreckliche, zu Recht geächtete Gründe sein, aber auch der schlechteste Grund ist kein Nicht-Grund.) Wäre ich als Anwalt, Richter, Sozialarbeiter, Psychologe, Journalist oder Beichtvater dazu aufgefordert, müßte ich solchen Menschen zuhören. Aber ich bin nur Dichterin und Putzfrau. Das erspart mir vieles. Ich darf abblocken.

Ein Mensch, der, warum auch immer, die Hildmänner und Wodarge dieser Welt für das Nonplusultra im Kampf gegen Krankheit und Übel aller Art hält, ist für mich kein Gesprächspartner. Wenn er wissen will, wo die nächste Kirche zu finden ist und wann die Beichtzeiten sind bzw. wie man zum Katholizismus konvertiert, bin ich gerne auskunftsbereit. Wenn er mich vollsülzen will, gleich ob es um Gesundheit, Krankheit, Religion, Weltanschauung oder sonst irgendetwas geht, hat er Pech – ich höre ihm nicht zu.

Wer mich für die Intoleranz in Person hält, weil ich mir nicht jeden Dreck anhöre, hat ein Problem – nicht so sehr mit mir als mit sich selber, denn solche Vorwürfe kommen immer nur von Leuten, die nicht einmal meine einfachsten Aussagen bereit sind zu verstehen.

Oha, ich habe gerade die Hildmann- und Wodarggläubigen mit Vergiftern vergleichen! Ja… wenn sie es doch sind! Der Latinist übersetzt virus mit „Schleim, Gift, Gestank“.

vīrus, ī, n. (altind. višám, griech. ἰός = Ϝισός, Gift), I) die natürliche zähe Feuchtigkeit, der Schleim, Saft, a) der Gewächse, ciceris et lini, Colum. 2, 13 (14), 3: pastinacae, Plin. 19, 89: virus, odoriferis quod Arabum in campis carpsi, Stat. silv. 1, 4, 104. – b) der Tiere, cochlearum, Plin. 30, 44. – vom Samen der Tiere, Plin. 9, 157. Verg. georg. 3, 281. – II) insbes., im üblen Sinne: A) das Gift, der Schlangen, Lucr., Verg. u.a.: letale virus (in Pflanzen), Sulp. Sev.: virus (Gifttrank) cognitis ante venenis (Giftzutaten) rapidum, Tac. – bildl., illud malum virus, Sen.: aliquis, apud quem evomat virus acerbitatis suae, Cic. – B) der widrige Geruch, der Gestank, paludis, Colum.: animae leonis, Plin.: odoris, Plin. – C) der scharfe, salzige Geschmack, tetrum, des Seewassers, Lucr.: vini, Plin.: ponti, Manil. – / Heteroklit. Genet. Sing. virus, Amm. 18, 4, 4 (wo copia virus).

(Georges, Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch 1913)

Wer also das Corona-Virus für gar nicht so schlimm und alle Vorsichtmaßnahmen für diktatorisch erklärt, ist in meinen Augen ein schleimiger, giftiger Stinker. Nein, man muss nicht jeden schleimigen, giftigen Stinker anhören. Es sei denn, man wäre sein Anwalt, Richter, Sozialarbeiter, Psychologe, Journalist oder Beichtvater.

Es ist wichtig, dem Staat auf die Finger zu schauen, besonders in etwas schwierigeren Zeiten. Wenn in jedem Bundesland andere Verbote erteilt werden, die einander teilweise widersprechen, darf man sich zumindest wundern (auch wenn formal aufgrund der Souveränität der Bundesländer schwer dagegen vorzugehen ist). Man darf erwarten, daß bei einer Pandemie die Vertreter der Länder einer Bundesrepublik sich wie erwachsene, vernünftige Leute zusammensetzen und ein gemeinsames Vorgehen planen, ohne deshalb zum zentralistischen Staat zu mutieren. Die sind ja doch schon groß!

Von Coronaleugnern erwarte ich hingegen nicht, daß etwas Sinnvolles herauskommen könnte, wenn sie sich zusammensetzen. Denn die setzen sich ja tatsächlich zusammen, und was dabei bisher herauskam, ist alles Mögliche von lächerlich bis furchterregend, aber nicht sinnvoll.

Die Coronaleugner stehen hier nur exemplarisch für verschiedene Menschentypen, denen ich nicht mehr zuhören will. Sie haben sich diese beispielhafte Stellung hart erarbeitet. Wenn ich anderen Menschen gegenüber nicht aus Unachtsamkeit oder Zeitgründen, sondern ganz bewußt abblocke, dürfen sie sich als in meinen Augen genau so nervig wie jene verstehen.

Ich bin 58 Jahre alt. So Gott will, bleiben mir noch zwanzig, vielleicht dreißig Jahre Erdenleben, bisher mit recht gutem Gehör. Ich werde hoffentlich noch vielen Menschen zuhören, wenn sie von ihren Sorgen, ihren Ängsten, ihren Freuden, ihrem Glauben und Wissen erzählen oder einfach nur einen wirklich guten Witz. Aber die Zeit ist endlich, und komplett sinnfreies und zudem gefährliches Geschwafel will ich nicht mehr anhören. Nicht einmal von Menschen, die in anderen Bereichen durchaus Kluges und Gutes sagen können.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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