Notre Dame

1984, als 22jährige Neugetaufte, zog ich für neun Monate nach Paris. Ich lernte die Kirche, in die ich gerade aufgenommen worden war, dort kennen (und sollte mich bei meiner Rückkehr sehr wundern, wie bürokratisch sie hierzulande sein kann). In Notre Dame war ich fast täglich wenigstens für ein kurzes Gebet und gelegentlich zur Beichte. Schönheit, Geheimnis, Güte, Liebe, Freude – all dies wurde mir hier in besonderer Weise näher gebracht als ich es je erwartet hatte (und dabei bin ich ja keinesfalls kunst- und kulturfern aufgewachsen).

Bald sang ich dort auch im Chor. Wir sangen immer bei der Vorabendmesse. Es war ein kleiner Chor mit Sängern aus verschiedenen Ländern und Kontinenten, trotz der großartigen Kathedrale kein besonders großartiger Chor, aber auch kein ganz schlechter.

Der Chorleiter liebte deutsche Musik und ließ uns vieles in Originaltexten singen, wobei ein Glück war, daß es noch mehrere Deutsche im Chor gab, die für richtige Aussprache sorgten. Zu meinen lustigsten Erinnerungen gehört des Chorleiters seelenvolle Ansage beim Einstudieren des Engelterzetts von Mendelssohn-Bartholdy: „C’est allemand, ça se prononce comme ça¹: Äbe deine AAugen aauf zu den Bäärgen von wälschen dier Ielfe kommt.“ (Man verzeihe mir meinen leisen Spott, der gute Mann hat mir viel über deutsche Musik aus Barock und Romantik beigebracht, und ich bin ihm dankbar dafür.)

Zu Ostern – das heißt, lange davor – probten wir das Halleluja von Händel. Das hatte zur Folge, daß ich wochenlang morgens früh aufwachte und noch aus meinem letzten Traum im Ohr hatte: Haaa-lle-luu-ja! Haaa-lle-luu-ja! Halleluja! Halleluja! Halle-e-e-lu-jaaa! Da blieb es dann den Tag lang. In der Osternacht war die riesige Kathedrale voll, und das Halleluja war der Schlußchoral.

Nun ist Karwoche, und das Halleluja wird nicht angestimmt. Dennoch kommen wir auch in der Karwoche dem Aufruf „hallelu-ja“, zu Deutsch: „Lobt Gott“, in jeder Messe nach, selbst in einem Requiem wird ja Gott gelobt dadurch, daß man sich vertrauensvoll an Ihn wendet.

Damals war Kardinal Jean-Marie Lustiger Erzbischof von Paris. Ich durfte ihn mehrmals als Zelebranten erleben. Damals war ich noch nicht besonders gefestigt und hatte ziemlich alberne Ideen von einer Kirche, die schon noch dahin gedeihen wird, Frauen zu weihen. Entsprechend fremd war mir vieles, was dieser tiefgläubige Mann sagte und schrieb. Das änderte aber nichts daran, daß er tiefen Eindruck auf mich machte als Zelebrant, und daß ich einmal, als er in einer Prozession direkt an mir vorbeiging und den Segen erteilte, vor Ehrfurcht fast im Boden versank. Ich bin heute recht sicher, daß zu meinem geistlichen Wachstum auch Kardinal Lustiger – die meiste Zeit vom Himmel aus – beigetragen hat.

Die Türme von Notre Dame waren mir Wegweiser und freundliche Mahner, die Fensterrosetten mit ihrem mystischen Blau waren mir wie das sanfte freundliche Auge Gottes, das mich sieht und bewacht und anstrahlt. Nun gibt es diese Fensterrosetten nicht mehr [edit: – so dachte ich, aber die größte Fensterrose blieb erhalten!]. Der filigrane Spitzturm ist gefallen. Auch wenn Notre Dame wieder aufgebaut wird, wird es nie mehr so sein wie früher.

Dennoch werden wir zu Ostern das Halleluja anstimmen. Ich hoffe von Herzen, auch die Sänger von Notre Dame werden das tun – wo auch immer.

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Und wieder ein Podcast

… mit dem gestern auf Radio Horeb gesendeten Wochenkommentar zur Umwelt.

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Grünes zu Palmarum

Von lieber Hand bekam ich per Post zwei überaus sorgfältig gearbeitete Palmstöcke in Kreuzform – herzlichen Dank!
Ich bin ja handwerklich minderbegabt, aber zum Pflücken einiger Buxuszweiglein reicht es. Die Kreuze in meiner Wohnung und die beiden Plaketten mit meinen Namenspatroninnen Claudia und Johanna sind nun mit geweihten Palm- oder vielmehr Buchsbaumzweigen geschmückt. Möge mein heute leider auch erlittener Ärger schneller welken und meine in der Fastenzeit doch auch erworbene Disziplin länger frisch bleiben als diese.

Allen Lesern wünsche ich eine gesegnete Karwoche!

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Programmhinweis: Wochenkommentar

Am kommenden Samstag, 13. April, werde ich im Wochenmagazin auf Radio Horeb mit einem Kommentar zu hören sein. Wie immer werde ich später auch den Podcast veröffentlichen.

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Eine Magnolie für Schiller

Sie steht auf dem Schillerplatz in Friedenau und blüht zwar nur kurz, aber dafür zweimal jährlich, wie es Magnolien eben tun: Einmal im Frühling ohne Laub, einmal im Sommer mit Laub. Die Wirkung ist ganz verschieden. Jetzt ist die Blütenpracht gegen den blauen Himmel eine rosaweiße Wolke, später werden die Blüten sich von dunkelgrünem kräftigen Laub abheben.

Soweit ich weiß, hat Schiller sie nirgendwo beschrieben. Es gab sie schon in Europa, sie war sogar schon im 17. Jh. von europäischen Botanikern erforscht worden (Charles Plumier, Paulanermönch und Botaniker, gab ihr ihren Namen zu Ehren seines Kollegen Pierre Magnol), aber wie weit sie in Europa verbreitet war, weiß ich nicht. Gefallen hätte sie auch dem Dichter ganz gewiss.

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Die Berufung der Laien

Hier kann man hören, was ich auf Radio Horeb dazu zu sagen habe.

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Programmhinweis

Morgen, am 5. April 2019, um 20.30 Uhr, geht es auf Radio Horeb um Laienberufungen.
Josef Bordat ist Referent, und gegen 20.45 Uhr bin auch ich zum Thema zu hören.

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St. Isidor von Sevilla

Der heutige Tagesheilige Isidor (um 560-630) folgte seinem ebenfalls heiligen Bruder Leander im Bischofsamt. Er schuf eine Enzyklopädie des Weltwissens seiner Zeit und gilt für diese Arbeit als (noch unbestätigter) Schutzpatron des Internet. Ihn habe ich auch zum Schutzherrn dieses Weblogs ernannt oder vielmehr erbeten.

Papst Benedikt XVI. sagte über ihn in einer Ansprache während der Generalaudienz am 18.6.2006:

Der Reichtum an kulturellem Wissen, über den Isidor verfügte, erlaubte ihm, ständig die Neuheit des Christentums mit dem klassischen griechisch-römischen Erbe zu vergleichen, auch wenn er statt über die kostbare Gabe der Synthese eher über die Gabe der „collatio“, also der Sammlung, zu verfügen schien, die in einer außerordentlichen persönlichen Gelehrtheit, welche nicht immer so geordnet war, wie man es sich hätte wünschen können, zum Ausdruck kam.

Zu bewundern ist in jedem Fall seine Sorge, nichts von dem auszulassen, was die menschliche Erfahrung in der Geschichte seines Heimatlandes und der gesamten Welt hervorgebracht hatte. Isidor hätte nichts von dem verlieren wollen, was sich der Mensch in früheren Zeiten angeeignet hatte, seien diese nun heidnisch, jüdisch oder christlich. Es darf daher nicht verwundern, wenn es ihm bei der Verfolgung dieses Ziels nicht immer gelungen ist, die Kenntnisse, die er besaß, auf angemessene Weise, wie er es gewollt hätte, durch das reinigende Wasser des christlichen Glaubens zu führen. Tatsächlich bleiben jedoch in den Absichten Isidors die Vorschläge, die er macht, immer im Einklang mit dem katholischen Glauben, der von ihm mit Bestimmtheit vertreten wird.

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Der eifersüchtige Bruder

Lk. 15,11-32

Die harte Arbeit hab ich gern gemacht.
Hab froh und gut gepflügt, gesät, geschnitten.
Ließ mich um keine Hilfe zweimal bitten,
Hab neues Land und Vieh uns eingebracht.

Ich liebe unsre alten Bauernsitten,
Dies Land, das grün in goldner Sonne lacht.
Ich hab mich mit dem Wildfang nie verkracht!
Er war doch immer bei uns wohlgelitten!

Es hat dem Vater fast das Herz gebrochen,
Als er mit seinem Erbe fortgegangen.
Nun hat ers durchgebracht, kommt angekrochen!

Er wird gefeiert. Ich bin nur Getriebe.
Darf ich, der Immertreue, nichts verlangen?
Und ich verlang doch nichts – nur Vaters Liebe.

Claudia Sperlich, aus: Lass mich bekennen Deine Mandelblüte, tredition 2015

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Fastenzeit ist schön!

Die Fastenzeit ist halb um, und ich kann am Sonntag Laetare eine frohe Bilanz der Halbzeit ziehen: Sie ist schön! Sie ist segensreich und frohmachend, sie ist gut.

Ich habe mir vorgenommen, wirklich zu fasten – d.h. auf eine Menge leckerer Dinge zu verzichten, genauer: auf Zucker, Fett und tierische Produkte, und insgesamt wenig zu essen. An den fastenfreien Sonntagen esse ich zwar Milchprodukte und Eier, aber weder Fleisch noch Fisch und auch nichts Süßes (außer Marmelade). Ich stelle fest, daß ich das kann, ohne mich zu überanstrengen. Daß es mir gesundheitlich sehr gut tut, ist ein erwünschter Nebeneffekt. Im Wesentlichen aber hilft es mir, Disziplin zu lernen und Zeit und Geld zu sparen. Zeit für Gebet und Bibellektüre, Geld für den Klingelbeutel.

Das regelmäßige Stundengebet hatte ich vor der Fastenzeit leider etwas vernachlässigt; nun bete ich wieder nach Möglichkeit täglich Laudes, Sext, Vesper und Komplet. Auch wenn ich das nicht ganz schaffe – Sext und Vesper müssen an zwei Tagen der Woche aus Zeitgründen in der Regel ausfallen – gibt das dem Tag Struktur und Ruhe, auch an Tagen, wo ich die Horen eigentlich nur „herunterbete“. Die poetische Schönheit der Psalmen berührt mich. Bei manchen Psalmen denke ich, dies kann ich gar nicht für mich selbst beten, so fürchterlich ist meine Situation ja auch wieder nicht, mit zahlreichen Bedrängern, die mir nach dem Leben trachten… aber dann bete ich sie für die vielen bedrängten Christen, die unser Gebet so nötig haben.

O Gott, komm mir zu Hilfe. *Herr, eile, mir zu helfen.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist *
wie im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.

Ein Zeitraum, der so begonnen wird, hat schon gute Chancen.

Ich habe mir vorgenommen, in der Fastenzeit das Buch Jeremia vollständig zu lesen. Auch hier fallen zwei Tage aus, an allen anderen lese ich. Einfach ist dies Buch nicht – aber großartig! Ich sehe kommen, daß ich es tatsächlich in der Fastenzeit vollständig durchlese, und mir kam dabei auch der Gedanke, mal wieder Franz Werfels „Jeremias. Höret die Stimme“ zu lesen, einen Roman, der sich ganz eng an die biblische Vorlage hält.

Ein letztes, was ich nicht immer sehr erfolgreich versuche, ist der Verzicht auf Ärger. Ich bin ein Mensch, der sich zu leicht und zu schnell ärgert – und andere mit. Das Fasten macht es mir leichter, Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten zu belächeln statt zu bemaulen. Oder wenigstens zu ignorieren.

Das bedeutet nicht, daß ich plötzlich eine sanfte, liebe, asketische und hochdisziplinierte Person bin, immer lächelnd und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. (Allein die Vorstellung ist ziemlich gräßlich, oder?) Aber die Fastenzeit hilft mir, wenigstens zeitweise ein bißchen besser zu handeln (und vielleicht zu sein), als ich es normalerweise tue (und bin). Wenn das nichts ist!

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