Mord und Beifall

Der Mann, der einen in einer Tankstelle jobbenden Studenten erschoss, weil der ihn ermahnte, eine Maske zu tragen, wird nicht nur im Internet bejubelt. Seine Tat wird teils gutgeheißen, teils relativiert. Ich weiß nicht, wie oft ich jetzt schon gelesen habe, daß man einen Mord ja irgendwie verstehen müsse, wenn es um die „Diktatur“ der Maskenpflicht gehe.

Inzwischen ist auch eine junge Optikerin von einem maskenlosen Kunden bedroht worden. Weitere Aussagen zeigen, daß das Beseitigen von Menschen, die für die Maskenpflicht sind, offenbar eine in Deutschland geduldete und populärer werdende Schar von Befürwortern findet. Eine Morddrohung wird relativiert, ist ja nicht so schlimm, weil der Mann keine Waffe hatte. (Auch der Täter in jener Tankstelle hatte zunächst keine Waffe bei sich, kam dann aber bewaffnet wieder.)

Mein Artikel, daß und warum ich Querdenkern künftig überdeutlich aus dem Weg gehen werde, hatte harsche Kritik zur Folge; ich gelte seither einigen Ex-Lesern als intolerant und unchristlich. Das verwundert mich ein wenig, da ich bislang der Meinung war, das 5. Gebot erfreue sich weitgehender Zustimmung nicht nur unter Christen, und die Vermeidung eines Verstoßes sei allgemein verständlich. Selbstverständlich bin ich irrtumsanfällig, aber in diesem Fall war ich mir doch sehr, sehr sicher (zumindest wenn es um bereits geborene Menschen geht). Besonders schmerzlich ist dieser Irrtum, wenn sich Glaubensgeschwister unter den Relativierern befinden.

Sehr viele Menschen, die Morde relativieren oder gar gutheißen, gehen heute wählen. Aus Gründen der Gerechtigkeit finde ich ganz richtig, daß sie das dürfen. Aber für mich ist es ein starkes Argument, vielleicht das stärkste, auch wählen zu gehen – denn dieser Sorte will ich nicht das Feld überlassen. Ich verstehe wenig von Politik, aber ich verstehe durchaus etwas von Pack. Denn mit Pack habe ich meine Erfahrungen, und die möchte ich künftig so gering wie möglich halten.

Falls sich jemand an dem unfrommen Ausdruck „Pack“ stört: Mit Schlangenbrut, Heuchlern, unkenntlich gewordenen Gräbern und toten Hunden habe ich auch Erfahrung, die ich nicht weiter ausbauen möchte. Gott segne sie alle – und halte sie mir fern. Denn ich werde nicht gern erschossen.

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Klänge

Schöpfer der Klänge, Herr der Gesänge,
Herr über alles, alle, das All,
vor dem ich knie, weil ich Ihn liebe
und höre Geräusch und Musik und Klang!

Ein Meister lehrt Orgelspiel, Lieder regnen
von der Empore. Samtweich die Stimme
fällt aufs Gestühl wie ein warmes Tuch.
Dann die Erklärung, munterer Ton,
leise Zustimmung, etwas dunkler,
dann wieder Orgelspiel, fließend, getragen.

Oben, zwischen den hohen Fenstern
quer durch die Kirche ein feines Sirren,
nicht ganz irdisch, hoch und beständig
quer durch die Kirche vor dem Altar – 
fast immer höre ich's, heute so froh.
Heute ist es wie eine Antwort,
wie Bestätigung, froh und lebendig:

Ja, Ich bin Herr über Klang und Welle,
über Ton und Geräusch und Gesang,
über den Donner und über das Rauschen,
über die Wale und die Zikaden,
über Musik von Menschen und Engeln,
über Gesang von Meeren und Sternen.
Ich habe Welle und Klang geschaffen
und das Gehör gepflanzt in den Menschen!
Ich bin, der begabt mit Musik und Erfindung!

Freue dich hier an den Klängen der Orgel,
an den Gesängen und den Geräuschen,
an den leisen Flammen der Kerzen,
Schleifen der Tür und Schritten im Raum.
Einst wirst du hören, wie Engel singen,
Sternbilder klingen zu Meiner Ehre,
und du wirst hören Meinen Gesang,
wenn Ich erschaffe und wenn ich befreie.

Höre die Klänge. Ich bin der Herr.

© Claudia Sperlich
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Espresso

Warum ich die Kaffeebohnen
direkt in den Topf tat,
noch nass vom Abwasch,
kann ich nicht sagen.
Doch daß die Handmühle
mit feuchten Bohnen bestückt
beim besten Willen nicht mahlt – 
das weiß ich nun.

Das Gute im Schlechten:
Beim Italiener sitzen
nach der Messe, der Kirche nah,
den doppelten Espresso
(so teuer war er nicht mal)
genüßlich trinken,
von Sonne beschienen
das Leben betrachten,
die Häuser und Bäume,
die Hildegardstraße,
die Menschen und Hunde 
(nicht allzu nah letztere,
und dito die Autos),
den blauen Himmel
und welkende Blätter
und reifende Ahornsamen
(auf Kindernasen zu kleben
wie trutzige Hörner) – 
die seltene Freude,
so schön und besonders,
erfüllt mich mit Dank.

© Claudia Sperlich

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Warum ich künftig vor Querdenkern fliehen werde

Bis vor kurzem dachte ich, es langt, einem querdenkenden und maskenverweigernden Gegenüber schlicht klarzumachen, daß ich mit ihm nicht diskutieren werde, und zwar gleich worüber. Der Mord an einem jungen Studenten in Idar-Oberstein zeigt mir, daß das nicht langt. Ich werde zumindest die Straßenseite wechseln, und zwar möglichst schnell.

Ganz kurz der Hergang: 49jähriger Mann kommt nachts ohne Maske in Tankstelle und will einen Sechserpack Bier. An der Kasse jobbender 20jähriger Student sagt, daß hier Maskenpflicht herrscht und er ihn nur bedient, wenn er eine Maske trägt. Mann geht. Bis hierher ist es noch erträglich. Jemand akzeptiert eine seit Monaten aus gutem Grund geltende Regel nicht, der Kontakt (hier: das Geschäft) wird abgebrochen. Mag der Mann ohne Sechserpack glücklich werden.

Dann kommt er wieder, mit Maske, die er sich direkt vor der Kasse abnimmt. Der Kassierer weist ihn nochmals darauf hin, daß er ohne Maske nicht bedient wird. Der Mann zieht eine Pistole und schießt den Kassierer aus nächster Nähe in den Kopf. Der Kassierer ist tot.

Der Querdenker hat also 1. eine Waffe zu Hause, 2. diese Waffe nach der Zurückweisung durch den Kassierer in der Absicht geholt, den Kassierer zu provizieren und dann totzuschießen.

Im Internet gibt es aus Querdenkerrichtung hämischen Applaus für die Tat.

Es ist mir vollständig egal, ob hier lesende oder mir künftig in die Quere kommende Querdenker tatsächlich gewalttätige Suffkes sind oder nicht. Denn ich kann es nicht sehen. Zu meiner Sicherheit werde ich es aber annehmen. Deshalb erscheint mir Flucht die sinnvollste Reaktion auf Querdenker. Diskussionen mit dieser Sorte sind ja offenbar lebensgefährlich.

Der Herr nehme den Studenten Alexander auf in Sein Reich. Er tröste die Eltern, Verwandten, Freunde des jungen Mannes. Er stehe auch dem Besitzer jener Tankstelle bei und allen, die von diesem Mord auf irgendeine Weise betroffen sind. Kommilitonen, Dozenten, Nachbarn, andere Jobber in Tankstellen… ein Mord betrifft immer viele Menschen.

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Wir und die anderen

Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person! Wenn in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz du dich hier auf den guten Platz! und zu dem Armen sagt ihr: Du stell dich oder setz dich dort zu meinen Füßen! – macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und seid Richter mit bösen Gedanken? Hört, meine geliebten Brüder und Schwestern! Hat nicht Gott die Armen in der Welt zu Reichen im Glauben und Erben des Reiches erwählt, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

Jakobus 2,1-5

Im Allgemeinen Gebet wird oft gebetet für die Armen, die Bedürftigen, die Kranken – und dafür, daß Gott „uns“ zeige, wie wir „ihnen“ helfen können. Darauf sagt dann die ganze Gemeinde im Chor: „Wir bitten Dich, erhöre uns.“

Die ganze Gemeinde. Und zu ihr gehören mit Sicherheit auch einige Arme, Bedürftige und Kranke.

Ich lebe in einer Gegend, in der es verglichen mit dem Rest der Welt eher wenig materielle Armut gibt (auch wenn die Roten Zahlen wachsen). Kranke können hier in aller Regel auf kompetente ärztliche und pflegerische Hilfe zählen. Von den Menschen, die am Gottesdienst teilnehmen, haben viele die üblichen Altersbeschwerden. Einige sind ernsthaft krank, obwohl sie noch jung sind. Einige sehnen sich sicher nach der Art Hilfe und Gesellschaft, die ein Pflegedienst oder Arzt nicht geben kann. Fast alle sind sorgfältig und gut gekleidet und werden nach der Sonntagsmesse ihr Sonntagsessen genießen. Manchmal sehe ich einen, von dem ich weiß, daß er nicht immer ein Dach über dem Kopf hat und daß seine Gesundheit dadurch erheblich beeinträchtigt ist. Seine Kleidung ist sauber, aber sehr abgetragen. Manchmal kommt eine Frau zum stillen Gebet in die Kirche, von der ich weiß, daß sie von Wohnungslosigkeit bedroht ist und schwerwiegende seelische Probleme hat. Es gibt noch mehrere in ähnlicher Situation, die ab und zu kommen und die zu unserer Gemeinde gehören. Und noch mehr gibt es, die sich nicht in die Kirche trauen, weil sie nicht „ordentlich“ aussehen.

Wenn wir sagen „Wir bitten für die Armen und Obdachlosen: Behüte sie und zeig uns Wege, ihnen zu helfen“ (oder ähnliches), dann sind da auf der einen Seite wir und auf der anderen die Armen. Als ob die Armen eine andere Kategorie wären, bestenfalls einer obskuren fremden Denomination angehörig, aber sicher nicht Teil dieser Gemeinde! Den wir sitzen ja gerade hier in der Kirche und beten gemeinsam.

Es ist gut, daß die Gemeinde Maria unter dem Kreuz wie viele andere Kirchen eine Suppenküche betreibt, daß es in Berlin zahlreiche Hilfen für Arme gibt, gerade von kirchlichen Stellen verschiedener Denomination und zum Teil erfrischend spontan und persönlich. So kümmert sorgt die evangelische Nachbargemeinde Zum Guten Hirten rührend für einen seit zehn Jahren Obdachlosen, der unter dem Dachüberhang eines Hauses zwischen Gemeindehaus und Kirche lagert. Es ist selbstverständlich, daß zum Apostolat der Kirche die Armenfürsorge gehört, und zwar unabhängig von Glauben oder Konfession der Bedürftigen. Aber es ist verkehrt, Gebete so zu formulieren, als seien die Armen notwendig woanders als in unserer Gemeinde.

Die Menschenscheu vieler Armer und Obdachloser hat ihre Gründe. Sicher spielt auch Stolz eine Rolle, aber mehr noch die bösen Erfahrungen mit Zeitgenossen, die Arme als Menschen zweiter Klasse (oder schlimmer) behandeln. Seien wir als Kirche deutlich anders. Vor Gott sind wir ohnehin alle Bettler.

Herr, gib uns offene Augen und Herzen für die Not unserer Nächsten. Gib den Armen unter uns den Mut, sich als Mitglieder der Gemeinde zu bekennen. Gib denen unter uns, die ihr Auskommen haben, die Liebe, sie als Brüder und Schwestern anzuerkennen und sie nicht nur über ihre Bedürftigkeit und vermeintliche oder tatsächliche Andersartigkeit zu definieren, sondern ihnen freundlich und herzlich entgegenzukommen. Amen.

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Adé, lieber Lieblingsladen!

Ich habe immer gern bei Sirplus eingekauft – vor allem Obst und Gemüse. Vor dem Wegwerfen gerettete Lebensmittel, die oft nur deshalb im normalen Handel als „Müll“ gelten, weil sie nicht die Form oder Größe haben, die sie standardmäßig haben sollten.

Nun sind die Filialen von Sirplus leider Corona zum Opfer gefallen. Ich verstehe es nicht! Ich hätte gedacht, gerade in Zeiten des knappen Geldes gehen mehr Leute dort einkaufen. Aber noch mehr wurde der Online-Handel in Anspruch genommen.

Den macht Sirplus auch, und man kann sich beliefern lassen. Aber frisches Obst und Gemüse können sie auf diese Weise nicht verkaufen, weil das ihre logistischen Möglichkeiten übersteigt.

Sehr, sehr schade! Dennoch bleibt Sirplus eine bedenkenswerte Adresse zum Einkaufen – mit und ohne Abo, vielleicht auch für einen größeren Vorratseinkauf. Ich hoffe sehr, daß sie die logistischen Schwierigenkeiten für Obst- und Gemüseversand lösen können. Und daß noch andere Wege gefunden werden, gute frische Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu retten. (Es gibt ja schon eine Menge, aber immer noch kommt viel zu viel gutes Essen um, weil es eine Macke hat, nicht durch die Schablone passt oder nur noch bis übermorgen hält.)

Auch gibt es für gerettetes Obst und Gemüse die Möglichkeit, bei etepetete zu bestellen – da bekommt man Bioqualität, die unsortiert vom Feld in die Verpackungshalle geliefert wird, wobei etepetete krummes, zu kleines oder zu großes, irgendwie nicht normgerechtes Obst und Gemüse eben nicht aussortiert. Der Nachteil von Online-Einkäufen ist, daß ich damit auf Lieferung angewiesen bin und nicht mehr äußerst umweltschonend mit dem Fahrrad einkaufen fahre. Die Vorteile sind kurze Lieferketten und fristlos kündbare Abos. Wiederum ein Nachteil ist die Beschränkung auf Bioware, was das Vergnügen eben doch etwas teurer macht als Sirplus, wo es auch konventionelle Ware gibt. Immer noch viel günstiger als vergleichbare Ware im normalen Handel!

Auch gibt es über foodsharing die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und Essen vor Ort vor der Vernichtung zu schützen. Leider ist es den Bahnhofsmissionen und ähnlichen Hilfestellen mittlerweile verboten, unverpackte Lebensmittel (Brot, belegte Brötchen etc.) anzunehmen, aber mit verpackter Ware, die man selbst nicht braucht, kann man immer noch nach einer Rettungsaktion dorthin fahren. Obdachlose freuen sich meist über eine Tüte belegte Brötchen oder dergleichen. Und natürlich darf man alles behalten, was man selbst brauchen kann. Das alles ist aber für mich einfach nicht mehr zu schaffen. Vielleicht komme ich mal wieder in einen Modus, wo das geht, aber derzeit ist es mir zu zeit- und kraftaufwendig.

Schließlich gibt es Ausgabestellen von Essensrettern, an denen man sich anstellen kann. Man kann dort sehr gute Sachen bekommen, Brot en masse, Obst und Gemüse (nicht mehr ganz taufrisch, aber noch gut – Ihr habt ja selbst schon Sachen mehr als einen Tag aufbewahrt und dann mit Genuss verzehrt!), Milchprodukte, zuweilen auch Wurst und Käse. Man bekommt hier nicht unbegrenzte Mengen, die Verteiler achten sehr auf Gerechtigkeit, und manchmal muss man lange anstehen – aber dafür kostet es keinen Cent.

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Allmacht und Güte

Kürzlich hörte ich die Bemerkung, die Kirche sei nur dann glaubwürdig, wenn sie erklären könne, warum Gott die Überschwemmung des Ahrtals zugelassen habe. Und also müssen wir das erklären. Meine Antwort, die Theodizeefrage sei eben nicht lösbar, wurde zu meinem Erstaunen mit „Doch!“ quittiert. Die vorgeschlagene Lösung war, Gott sei eben nicht allmächtig.

Ich geriet ein wenig außer Fassung, weil mich im Rahmen eines Treffens theologisch interessierter Menschen diese Bemerkung schockierte. (Bei einem Esoterikertreffen hätte ich diese Bemerkung erwartet, aber ich geh nicht zu Esoterikertreffen.) Hier nun meine Antwort nach wiedergewonnener Fassung – im Bewußtsein, daß ich nicht die erste bin, die sich mit der Theodizeefrage auseinandersetzt, und meine Antwort nichts revolutionär Neues ist.

Zunächst fällt auf, daß die Theodizeefrage nach dem jüngsten Unglück in der Nähe gestellt wird. Ich wurde nicht gefragt, warum Gott den Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 zugelassen hat oder den Dreißigjährigen Krieg oder den Terrorakt vom 11. September 2001, auch nicht den letzten Überfall der Taliban auf Afghanistan, sondern die Überschwemmung des Ahrtals. Ich habe den Verdacht, Grund hierfür ist, daß das nahe Unglück uns eben wichtiger ist als das zeitlich und räumlich ferne. Aber besonders logisch ist das nicht.

Keine Lösung des Problems, aber Teil einer Antwort sind übrigens Worte und Taten zweier Ahrtaler: Der Baggerführer Helmut Schille, der sich vor seinem höchst gefährlichen Einsatz bekreuzigte und sich so in Gottes Hand gab, und ein Mann, der beim Aufräumen im Schlamm vor seinem Haus seinen Ehering wiederfand und dies zum Anlass nahm, vor laufender Kamera Gott zu danken für seine wunderbare Frau und hinzuzufügen: „Wir werden nicht im Schlamm bleiben.“ Zwei fromme Menschen, deren Antwort auf die Theodizeefrage vermutlich wäre: „Weiß nicht. Gott vertrauen, anpacken, saubermachen.“

Gott gibt uns Freiheit. Das bedeutet, wir können nicht nur tun, was Er will, sondern auch, was wir wollen. Kommt es uns in den Sinn, am Fuß eines aktiven Vulkans zu siedeln, weil die Gegend so fruchtbar ist, oder unter dem Vorwand der Religion einen Krieg zu führen, zum Massenmörder werden oder ein Land zu besetzen, oder sämtliche Ufergebiete zu asphaltieren und auf das verbleibende Feuchtgebiet nach Trockenlegung ein Einkaufzentrum zu setzen, so können wir das tun. Da Er uns auch Verstand gegeben hat, könnten wir einsehen, daß all dies zu nichts Gutem führt. Aber oft sind Stolz und Habsucht uns wichtiger sind als vernünftige Überlegung. Blöd, daß die Folgen unvernünftiger Aktionen, denen keine ehrlichen Bitten um Gottes Führung vorausgegangen sind, auch von Menschen getragen werden, die gar nichts dafür können. Freiheit ist eine wunderbare, aber auch eine gefährliche Sache; wo Freiheit mißbraucht wird, führt sie notwendig zur Not Unbeteiligter. Und doch will Gott unsere Freiheit so sehr, daß Er auch dann nicht eingreift.

Vor vielem Schrecklichen stehe ich fassungslos und finde nicht die mindeste Erklärung, auch nicht mit Blick auf die Freiheit. Eine Frau mit zwei schwerbehinderten Kindern, deren geliebter Mann plötzlich und ohne Eigen- oder Fremdverschulden stirbt – da kann ich nichts erklären, nur weinen und beten. Und Gott anklagen, Ihn fragen, warum das denn nun sein musste, ob Er diese Frau und ihre Kinder nicht einfach mal schonen konnte… und ertragen, daß ich keine Antwort bekomme. Denn „Er ist entweder allmächtig oder gütig, aber nicht beides“ ist mir zu dumm.

Ein allmächtiger, aber böser Gott ist nicht vorstellbar, weil es dann nichts Gutes gäbe. Warum sollte uns ein böser Gott die Fähigkeit zum Guten, zur Freude, zur Liebe geben – und vor allem, wie wollte er das tun? Er müsste ja wissen, daß es Liebe gibt oder geben kann, um sie uns zu ermöglichen. Aber wenn er doch böse wäre? Ferner, wenn er allmächtig und böse wäre, müsste er das Konzept Liebe selbst erdacht haben, aber schlecht finden – müsste also gegen sich selbst sein. Dann könnte er wiederum nicht ewig sein, aber Allmacht ohne Ewigkeit, eine vergängliche Allmacht, ist absurd.

Und gütig, aber nicht allmächtig? Das wäre so eine Art Schutzgeist – zwar vielleicht ungeschaffen (obwohl mir das nicht plausibel erscheint), aber aus obengenanntem Grund auch nicht ewig. Vielleicht gäbe es ihn schon längst nicht mehr, vielleicht morgen nicht mehr. Das wäre ein „Gott“, über den man bestenfalls sagen könnte „Naja, besser als gar keiner – vielleicht“.

Und gar kein Gott? Da bliebe die Frage nach dem Woher allen Seins. In einem milliardenjährigen Regelmaß umeinander tanzende Klumpen aus Materie in allen Aggregatzuständen und auf einem der winzigsten Klümpchen die Entwicklung hochkomplexer Lebensformen, von denen eine schöpferisch tätig ist – alles vernunftlos von selbst entstanden? So weit reicht mein Glaube nicht.

Sogar ohne Liebe sollte man einsehen, daß das logischste Konzept von allen ein konkurrenztloser, allmächtiger und gütiger, ewiger Gott ist.

Während ich das schreibe, höre ich fröhlichen Lärm aus dem nahen Kindergarten. In solchen Augenblicken fällt es mir leicht zu sagen: „Was immer Schreckliches geschieht, dies geschieht auch, und ich will mir nicht anmaßen zu sagen, daß irgendetwas oder irgendjemand in diesem Leben unrettbar verloren oder völlig außerhalb von Gottes Machtbereich ist.“ Die Theodizeefrage löse ich damit nicht. Aber ich danke Gott, dem Ewigen, Allmächtigen, Liebenden, Fürsorgenden, einfach so, weil Dank mir angebracht scheint.

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Gottesliebe

GL 325 (Bleibe bei uns / Abide with me)

Ich lieb Dich, Herr! Mach meine Liebe groß,
Weil Du die Liebe bist und selbst Dich gibst.
Du bist das Weltenlicht, des Lebens Schoß,
Erlöst und lehrst mich, nur weil Du mich liebst.

Nichts treibt Dich an, Du selbst willst Antrieb sein.
Wir lassen oft uns treiben von dem Feind.
Worte und Werke werden klar und rein
Nur wo das Herz sich ganz mit Dir vereint.

Glaube und Hoffnung tragen uns zu Dir,
Doch nur die Liebe schließt die Tür uns auf.
Was meinem Herzen fehlt, ergänze mir,
Du Ziel und Ruhe nach des Lebens Lauf.

© Claudia Sperlich
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Wenn Wissenschaftlern nicht geglaubt wird

Ignaz Semmelweis erkannte, daß das so oft für Mutter und Kind tödliche Kindbettfieber seine Ursache in der mangelnden Hygiene damaliger Krankenhäuser hatte. Er wurde von seinen Kollegen für geisteskrank erklärt und beseitigt (ja, genau so kann man es sagen).

Schores Alexandrowitsch Medwedew war Biochemiker und Historiker. Zornig über ein pseudowissenschaftliches Großexperiment der Sowjetunion, das zu Getreidemangel und Hunger führte, veröffentlichte er 1969 in den USA das Buch „The Rise and Fall of T. D. Lysenko, worauf er seine hohe Position als Leiter eines Labors verlor. 1973 wurde er aus der Sowjetunion ausgebürgert und lebte bis zu seinem Lebensende in London. Er fand durch eigene Recherche heraus, daß es 1957 nahe Kyschtym eine nukleare Katastrophe gegeben haben musste, und veröffentlichte 1976 einen Bericht im New Scientist und 1979 in seinem Buch „Nuclear Disaster in the Urals“. Man hielt ihn nicht für glaubwürdig – es war zu unangenehm, die großen Gefahren der Kernkraft so überdeutlich zu sehen. Erst viel später stellten auch andere Wissenschaftler fest, daß Schores‘ Angaben in Einzelheiten stimmten. In der Sowjetunion wurde der Kyschtym-Unfall mit allen Folgen erst 1989 offziell anerkannt.

Und heute? Es ist nicht nur Biologen längst allgemein bekannt, wie die Entwicklung von Befruchtung bis zum adulten Lebewesen vor sich geht und daß jedes Lebewesen mit der Befruchtung sämtliche Anlagen seiner selbst in sich trägt und entwickelt. Bei Pflanzen und Tieren bezweifelt das auch niemand. Nur bei Menschen wird standhaft behauptet, daß der ungeborene Mensch erst dann ein Mensch ist, wenn er in das Leben der Mutter passt. (Ganz zu schweigen davon daß es dabei sehr oft viel eher um die Bequemlichkeit des Vaters geht.)

Wenn ein Biologe oder ein Mediziner erklärt, daß Leben mit der Befruchtung anfängt, wird ihm auch noch niemand ernstlich widersprechen, vor allem wenn er das am Beispiel von Blumen und Bienen (oder so) verdeutlicht. Er kann vom Pflanzen- zum Tierreich kommen, und bis zum Gorilla wird man ihm glauben! Aber wenn er dann sagt: „Beim Menschen – biologisch betrachtet ein höheres Tier, nah am Gorilla – ist das genau so: das Leben mit allen Anlagen beginnt mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle“ – dann wird er wütenden Protest ernten. Die Mehrzahl seiner Hörer wird behaupten, daß er bestenfalls irrt, schlimmstenfalls ein Frauenfeind ist (was auch immer das mit der Erläuterung biologischer Tatsachen zu tun haben mag).

Mit anderen Worten: Es hat durchaus Geschichte, daß die säkulare Welt sich Augen und Ohren zuhält, wenn Wissenschaftler etwas beweisen. Gut und lebensfreundlich wird es davon nicht. Die Beispiele zeigen, daß das Lebensrecht selbst mißachtet wird, wo lebensrelevante wissenschaftliche Erkenntnisse politischen oder gesellschaftlichen Interessen (oder, wie im Fall Semmelweis, einfach der Eitelkeit der Kollegen) zum Opfer fallen.

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Warum ich ganz sicher nicht die AfD wähle

Zunächst hier einige Zitate von AfD-Politikern. Es lassen sich leicht noch weitere, noch üblere Zitate finden – alle verifiziert.

Die AfD schafft es spielend, selbst in einem Thema, in dem ich vergleichbare Ansichten habe (Gender und übergriffige Sexualkunde an Schulen) sich so hanebüchen zu benehmen, daß mir die Annahme, es handle sich bei Beatrix von Storch um eine gebildete Frau, doppelt schwer fällt (gebildet? Frau?). „Den großen Knüppel rausholen“ fände Frau von Storch gut. (Nein, das ist keine sexuelle Anspielung – oder?) „Diese Leute dürfen nicht überleben“ ist ein Zwischenruf; der Rufer wurde seinerseits nicht zur Ordnung gerufen.

Menschen entsorgen / erschießen / verbrennen, KZs bauen, SA neu gründen. Das sind alles öffentlich geäußerte Wünsche von AfD-Politikern. Überraschend ehrlich ist da der Rechtsanwalt und AfDler Dubravko Mandic, der auf facebook 2016 kundtat: „Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützer-Umfeld, nicht so sehr durch Inhalte.“

Besonders widerlich ist ein als „Witz“ deklarierter Tweet des AfDlers Johannes Biesel, der später hierüber empörte Bürger als „Gutmenschen“ titulierte: „Das Problem an #Fasching, ist dass du nicht sagen kannst, ob sie 14 oder 18 ist. Wenn du dann Pech hast, kommste an die 18jährige. #Karneval“ Biesels Parteigenossen gröhlten mit.

Eine Clique von ausländerfeindlichen, frauenverachtenden Pöbeln, in deren Kreisen die jetzige Bundeskanzlerin auch schon mal als „Merkelnutte“ tituliert wurde, johlt Beifall, wenn Flüchtlingsheime in Brand gesetzt werden, und schreit nach Lynchmord, wenn jemand, der nicht zu ihren Leuten gehört, Kindern zu nahe kommt. Und diese Partei behauptet, für Lebensschutz einzutreten!

Ich bin Christin (daher auch für die Anerkennung jedes Menschen in jedem Alter als Gottes Kind), und ich bin Epileptikerin. Aus beiden Gründen fürchte ich eine Partei, in deren aktivem Vokabular der „gesunde Volkskörper“ vorkommt. Und ja, auch deren Mitglieder sehe ich als Gottes Kinder. In meinen besten Momenten bete ich für ihre Bekehrung. Das ist die einzige Art „Stimme“, die die AfD von mir bekommt.

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