Dunkelgoldene Messe

Der Augustinerchorherr Alipius Müller ist schon seit einigen Jahren einem kleinen Kreis auch als Komponist von Independent Rock bekannt und hat mit der Playlist Zwischen dir und dem Schlaf schon eine Reihe anspruchsvoller Stücke vorgelegt.

Alipius Müllers wachsende Playlist aureo atro (etwa: „aus schwarzem Gold“ oder „dunkelgolden“) gehört ins gleiche Genre, ist aber noch tiefgründiger. Sein neuestes Werk ist ein Kyrie – der Beginn der Missa pro cunctabundis, also der Messe für die Zauderer.

Es fängt mit einer Folge von drei tiefen Gong- oder Hammerschlägen (oder Herzschlägen?) an, die als erstes Thema im Hintergrund bleiben. Darüber erklingt etwas wie eine vielstimmige wirre Klage, dann wird über dieser ganz leise das gregorianisch wirkende Thema des Kyrie angedeutet, so als wäre einem der vielen Unglücklichen die heilsame Idee gekommen, sich an Gott zu wenden. Das Kyrie erklingt einstimmig in ruhigen Melodiebögen (hier nur instrumental) über dem klagenden Chaos und den Gongschlägen und übertönt diese. Dabei verändert sich die Klagemelodie, wird „zuversichtlicher“. Die Gongschläge werden heller. Das Stück endet mit einem optimistischen, anschwellenden Akkord, etwa wie ein vielstimmiges, freudig erstauntes „Aaah“: Der Ruf zu Gott wird erhört. Auch wenn es erst einmal Zauderer sind, die Ihn anrufen: Der Ruf geht nicht ins Leere!

Ich hoffe sehr, diese Messe wird weiter geschrieben. Die einstweilen nur instrumentale Singstimme ist alles andere als trivial und doch gut singbar, auch für einen Laienchor. Anspruchsvolle und zugleich von einem durchschnittlichen Laienchor zu bewältigende moderne Kirchenmusik ist nicht eben häufig – umso mehr Grund, auf diesen Augustinerchorherrn aufmerksam zu werden. Ohne Zaudern!

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Wochenkommentar zu Spätabtreibung und Werbeverbot

Hier der Podcast zu meinem Wochenkommentar auf Radio Horeb zu einem hanebüchenen Gesetz in New York und einem ebensolchen Gesetzesentwurf in Deutschland.

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X451 – die Februarnummer ist da!

X451, die zweimonatlich erscheinende Fanzine des katholischen Glaubens, ist wieder da. Die Februarnummer ist von der kommenden Fastenzeit geprägt – und wer die christliche Fastenzeit für eine Zeit des Griesgrams und der Selbstquälerei hält, wird hier eines fröhlichen Besseren belehrt.

Inhalt

Josef Bordat: Umkehr und Buße
Claudia Sperlich: Ist Fasten gesund? Mir doch egal!
Sebastian Berndt: Hätte aber die Liebe nicht…
Silvia Berndt: Hören und nicht Verstehen, Sehen und nicht Einsehen
Aus einer Fastenpredigt des heiligen Papstes Leo I.
Seliger Alois Andritzki

Der Neuevangelisierungsverein X451 e.V. ist endlich ins Vereinsregister eingetragen; man kann ihm spenden oder als Fördermitglied beitreten (ein Formular liegt der Ausgabe bei). Der Herausgeber Sebastian Berndt weist aber ausdrücklich darauf hin, daß niemand spenden oder beitreten soll, der das nicht von Herzen will – X451 ist kostenlos, wird kostenlos bleiben, und der Bezug stellt keine moralische Verpflichtung dar.

Bestellbar (auch in größerer Stückzahl, z.B. zum Auslegen) ist X451 bei

Sebastian Berndt
Emilienstraße 1
D-99817 Eisenach
fanzine@X451.de

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Ritterlichkeit

Ein Wort, daß ich von frommen katholischen Männern, besonders den eher traditionellen, öfter höre.

Ich will jetzt nicht darüber debattieren, inwieweit das Wort „Ritterlichkeit“ als Chiffre für Edelmut, Großherzigkeit, Anstand, Hilfsbereitschaft gegenüber den Schwächeren usw. mit dem tatsächlichen Leben eines mittelalterlichen Ritters zu tun hat (da gab es ja auch eine große Spannbreite vom schöngeistigen Jerusalemfahrer bis zum ungebildeten Raubritter). Nehmen wir das Wort also in seiner jetzigen Bedeutung.

Ritterlich wollen sie also sein und propagieren die Tugend der Ritterlichkeit. Nun ist mir (und meinem Beichtvater) natürlich bekannt, wie leicht man hinter seinen eigenen hehren Ansprüchen zurückbleibt. Aber immer wieder der Welt in den Ohren liegen, sie sei das krasse Gegenteil von „ritterlich“ und müsse das ändern, und zugleich über ein junges Mädchen schlimmer herziehen, als eine Horde Marktweiber es könnte, ist noch eine andere Nummer als nur „immer mal wieder im Kampf mit dem Versucher unterliegen“.

Ich rede von Greta Thunberg, der jungen Klimaaktivistin und Schuleschwänzerin. Ich rede nicht davon, ob sie Recht hat oder nicht (auch wenn ich ihr in mancher Hinsicht nur Recht geben kann), und ob ihre Mittel sinnvoll sind oder nicht – ich rede von dem abartig boshaften Gezänk, das ich gerade aus der Feder frommer Glaubensbrüder lese.

Greta Thunberg hat ganz zweifellos Mut. Es gehört Mut dazu, sich als Teenager vor fremde Erwachsene hinzustellen und ihnen zu sagen, warum man ihr Verhalten falsch findet. Es gehört Mut dazu, nicht nur sein Leiden an den „großen“ Mitmenschen, sondern auch an einer psychischen Besonderheit öffentlich zu machen. Ich halte es nicht für klug, daß sie letzteres getan hat – vielmehr für sehr unvorsichtig, und ich hätte ihr gewünscht, daß Erwachsene sie daran gehindert hätten. Denn ich weiß, daß die Welt gemein ist zu psychisch Leidenden, und ich bezweifle, daß sich das vor der Wiederkunft des Messias bessern wird. Ich weiß auch, was alle Welt wissen könnte, wenn sie nur wollte – daß die Diagnose „Asperger“ nicht das Mindeste über die Intelligenz eines Menschen sagt und nur wenig über seine sozialen Kompetenzen. Und ich weiß, daß die meisten Menschen dies eben nicht wissen wollen.

Nun wird in den „sozialen“ Medien auf eine abscheulich unsoziale Weise über Greta Thunberg hergezogen, und es geht dabei gar nicht mehr um ihr Anliegen, sondern nur noch darum, daß sie nicht gefällt. Und wenn man dabei sachlich bliebe! Wenn man sagte: Aus dem und dem Grund finde ich es nicht zielführend, wie diese Klimaaktivistin arbeitet! Aber nein: Als erstes wird über ihre Jugend und ihr Asperger hergezogen, dann über ihre Zöpfe, ihr kindliches Gesicht, ihren Reiseproviant. Und all dies geschieht in meinem Umfeld auch durch gar nicht wenige gebildete katholische Männer, die schon mal „Ritterlichkeit“ öffentlich gut fanden. Das schmerzt mich besonders.

Zur Ritterlichkeit gehört, den Feind (und ja, Greta ist ein Feindbild für jene, die über sie herziehen – sonst zögen sie ja nicht über sie her) zu achten, ihn zu schonen, wo möglich, und sonst mit gerechten Mitteln gegen ihn zu kämpfen. Spott über eine Krankheit sowie ein Kampfmittel, das ich mangels passenderer traditioneller Ausdrücke nur als „Weibergezänk“ bezeichnen kann, gehört nicht zur Ritterlichkeit.

Auch wenn ich Greta Thunbergs Mittel nicht sinnvoll finde, auch wenn ich glaube, daß sie instrumentalisiert wird, bewundere ich ihren Mut und halte ihren Vorwurf für absolut berechtigt, daß systemische Fehler im Umgang mit der Umwelt um des Geldes willen ignoriert werden.

Seid bitte ritterlich. Wenn das nicht geht, seid wenigstens katholisch. Da gibts schon Schnittmengen.

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Hörtip: Wochenkommentar

Auf Radio Horeb bin ich am Samstag, 9. Februar 2019 zu hören. Um 12.15 Uhr beginnt das Wochenmagazin, darin spreche ich den Wochenkommentar. Danach wird es meinen Beitrag auch als Podcast geben.

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Sie pries Gott und sprach über das Kind

Heute feiert die Kirche Darstellung des Herrn.

Mit welchen Worten die greise Hanna Gott gepriesen und über das Kind gesprochen hat, als sie den kleinen Jesus sah, ist nicht überliefert. Aber ich kann mir vorstellen, daß es etwa so gewesen ist:

Hannas Lied
Melodie: Den Herren will ich loben (GL 395)

Der Ewge sei gepriesen,
Der Israel erhält!
Den die Propheten wiesen,
Als Kind kam Er zur Welt!
Er wird den Feind bezwingen,
Er baut den Tempel neu,
Er wird uns Frieden bringen,
Und Heiden werden treu.

Er wird wie David walten
Als einzig guter Hirt,
Das Land auf ewig halten,
Uns nähren wie ein Wirt.
Und ewig wird bestehen
Des Herren Heiligtum!
Die Völker werden sehen:
Dies Land ist Gottes Ruhm.

Er wird die Welt bekehren,
Damit sie Gott erkennt,
Er wird die Liebe lehren,
Die Gott den Vater nennt,
Wird alle Schulden zahlen
Und heilen, was versehrt.
Dann wird die Welt erstrahlen,
Dann wird der Herr verehrt.

© Claudia Sperlich

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Ein Sonett für katholisch.de und ZdK

Motto:
Katholisch-dé und ZettDeKa:
Mir spinnefeind, einander nah!
Die einen überbieten gern die andern
Darin, den Glauben flott zu unterwandern;
Dazu wird eins vom andern unterboten,
Den letzten Tunnel gründlich auszuloten.

*

Vertreten wollt Ihr mich und meinen Glauben?
Behauptet gar, Ihr sprecht in meinem Namen?
Ich hab Euch nicht bestellt, Ihr Herrn und Damen,
Und lass von Euch mir nicht die Sprache rauben.

Ich will nicht Euer weichgespültes Amen,
Das sucht die Weisheit auswärts abzustauben.
Ihr Füchse stehlt dem Gottesvolk die Trauben
Und streut im Weinberg aus den bösen Samen!

Katholisch-dé und ZdK erfrechen
Sich viel, doch ich kann selber für mich sprechen
Und lasse mich vom Komitee in Rom vertreten.

Für jene Ketzertempel kann ich beten,
Doch werde ich nicht meinen Herrn verraten.
Gebt Ruh, Ihr beiden – oder lasst Euch braten.

© Claudia Sperlich

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Unsere moderne Stadtteilbibliothek

Schön ist sie, die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek in Berlin-Steglitz! Kein Zweifel. Ich bin in der Regel sehr gern dort.

Man kann dort auch Ausdrucke machen. Also ging ich mit meinem Stick, darauf mehrere wichtige Dokumente, die teils abzuschicken, teils vorzuweisen sind, in die Bibliothek und dachte, es wäre alles wie immer. Das heißt: Stick einstecken, Dokument aufrufen, Druck befehlen, und dann springt der Drucker an dort, wo die Angestellten auch Ausweise verlängern, Mahngebühren entgegennehmen und Fragen beantworten, und dort werden die Ausdrucke auch bezahlt.

Ungewohnt war diesmal, daß ich eine Codenummer für meine Dokumente eingeben sollte, die ich selber zu erdenken hatte. Ich tat es und ging an den Schalter – und erfuhr dort, der Drucker stehe bei den Computern. Tatsächlich, da steht er, kopieren kann er auch. Man muss ihn mit Geld füttern, dann – ja, dann… also dann muss man erst einmal sehr lange überlegen, was er nun eigentlich noch will. Siehe da, wenn man den richtigen Knopf findet, zeigt er eine Liste mit allen derzeit laufenden Druckaufträgen, wobei jeder die Nummer eines Computers trägt. Also geschwind nachgucken: Welche Nummer hatte denn der Computer, an dem ich eben war? K1. Also aktiviere ich das Kästchen K1. Geschwind werden fast alle Seiten meines Auftrags gedruckt, ich überprüfe genau: fast alle, ein wichtiger Brief fehlt. Ich werfe Geld nach, und es passiert nichts. Ich versuche, das Kästchen K1 nochmals zu aktivieren, da verschwindet es. Vom Computer K2 (K2, so heißt auch einer der aus bergsteigerischer Sicht schwierigsten Berge, ein Filmtitel ist es auch) versuche ich noch einmal den Ausdruck dieses Briefes, aber der Drucker weigert sich, K2 anzuerkennen. Nun versucht eine andere Frau gemeinsam mit einem hilfreichen Mann, deren Druckauftrag zu aktivieren. Sie hat keine Codenummer eingegeben (irgendwie geht es also auch ohne), aber nun besteht der Drucker auf der Codenummer, die es nicht gibt. Zusammen haben wir ein halbes Theologie- und ein abgeschlossenes Kunststudium, aber das genügt nicht, ich frage noch mal eine Mitarbeiterin. Die kommt auch, und irgendwie gelingt der Frau mit dem Kunststudium ihr Ausdruck, aber keiner kann erklären, warum. Mein Druckauftrag K1 ist nun wieder da, aber als ich es aktivieren will, erscheint eine Schrift des Inhalts, daß es diesen Druckauftrag nicht gibt. Zugleich erscheint aber auch Kästchen K2, und damit gelingt der Ausdruck nun wirklich.

Ich habe für etwa zwanzig Kopien über eine halbe Stunde gebraucht. „Kennen Sie noch diese Vervielfältiger aus der Schule, mit ’ner Kurbel, und die letzten Kopien waren immer ganz blass?“ Der alte Mann nickt. „Die will ich wieder“, sage ich. Er glaubt mir nicht recht. Aber in diesem Moment will ich wieder das billige gelbliche Papier, schwarzblau und undeutlich bedruckt, aber man schaffte die Abzüge für die ganze Klasse in zehn Minuten.

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Ehrenamt und Ehrung der Ehrenamtlichen – Gloria in terrenis laico?

Heute fand in unserer Gemeinde der Neujahrsempfang für die Ehrenamtlichen statt. Der Pfarrer hielt eine kurze, erfrischende Rede, es gab Wein, Wasser und Brezeln, und der Pfarrsaal war voll – eine gute Voraussetzung für ein nettes Beisammensein. Es gab, wie üblich, für jeden Ehrenamtlichen ein Geschenk: Ein Lichtbogen-Feuerzeug, das ohne offene Flamme funktioniert und über USB-Kabel aufgeladen werden kann – das ganze mit Logo und Schriftzug der Gemeinde. (Es ist wirklich praktisch, ich habe es zu Hause gleich ausprobiert.)

feueranzünder

Das ist alles sehr schön. Daß ich große Menschenmengen nicht gut ertrage und mich nach einer knappen Stunde davonmachte, ist ja niemandes Schuld.

Aber was ist eigentlich ein „Ehrenamt“?

Wir hörten in der Messe heute eine sehr passende zweite Lesung. Paulus schreibt in 1 Kor. 12,12-31a:

Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn?
Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach.
Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre, und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.
So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die andern als Propheten, die Dritten als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Wunder zu tun, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede. Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Wunder zu tun? Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen? Reden alle in Zungen? Können alle solches Reden auslegen?
Strebt aber nach den höheren Gnadengaben!

Auch damals in Korinth scheint es eitle Zwistigkeiten gegeben zu haben in der Art „Mein Ehrenamt ist besser als deines“. Das war damals so falsch wie heute, und ich stelle mir vor, Paulus hat genervt überlegt, wie er es diesem Kirchenvölkchen wirklich ganz, ganz klar machen kann.

Das Wort „Ehrenamt“ bedeutet, daß es dem Ausübenden zur Ehre gereicht. Das ist aus christlicher Sicht nicht völlig falsch. Die Leute in der Suppenküche geben den Hungrigen Essen, und da wir angehalten sind, Jesus im leidenden Nächsten zu sehen, geben sie Ihm zu essen. Die Lektoren verkünden das Wort Gottes, sie leihen also Ihm ihre Stimme. Wer die Kirche putzt und mit Blumen schmückt, putzt und schmückt gewissermaßen das Wohnzimmer Jesu. Das alles kann man als hohe Ehre verstehen für den, der es tut. Aber mir gefällt der Gedanke viel besser, daß ich eine Aufgabe habe, um zu ehren – um Gott zu ehren, nicht um selbst geehrt zu werden. Zu leicht verstehen wir sonst den Begriff als „Ehre dem Kirchenvolk auf Erden“.

Mehr noch stört mich am Begriff „Ehrenamt“, daß dadurch bestimmte Aufgaben herausgehoben und institutionalisiert werden. Menschen mit anderen, nicht weniger wichtigen Aufgaben und Charismen – vorzugsweise solchen, die sich der Institutionalisierung entziehen und zugleich lebenswichtig für die Kirche sind – haben keine Ehrenämter, werden nicht eingeladen und gefeiert und bekommen kein Geschenk. Als ich ging, traf ich vor der Tür, am Schaukasten der Kirche, eine alte Frau, die gar kein Ehrenamt hat. Sie kommt zu fast jeder Messe in St. Marien, und fast immer zum gemeinsamen Rosenkranz am Samstagabend. Als Vorbeterin des Rosenkranzes weiß ich, wie wichtig das ist, gerade weil so wenige kommen. Die Frau ist einfach da, sie macht mit, sie hat nichts als sich selbst und ihren Glauben, aber den bringt sie mit großer Regelmäßigkeit ein. Sie betet. Wie viele Leute in unserer Großgemeinde regelmäßig da sind und beten, sonst aber kein Amt haben, weiß ich nicht – es muss aber eine ganze Menge sein. Sicher ist, daß die Gemeinde ohne diese fleißigen Beter nicht bestünde.

Jeder sollte einfach für die Kirche tun, was er kann – dann wäre Ehrenamt nicht so etwas Besonderes. Mein Traum von Kirche beinhaltet, daß alle irgendwie beitragen, jeder mit seinen Gaben, daß dies gemeinsame Tun nicht Ehrenamt heißt, sondern einfach getan wird, und daß die ganze Gemeinde sich einmal im Jahr trifft, um Gott und einander zu danken und zu feiern – im Prinzip so, wie jetzt, nur eben ohne diesen Nimbus des Ehrenamtlichen. Wenn jeder – vom stillen regelmäßigen Beter bis hinab zum Diplomtheologen – das Seine gibt, kann die christliche Gemeinde bestehen. Sonst droht sie zum Verein zu werden, in dem neben allen möglichen Aktivitäten eben auch mal gebetet wird.

Angenommen, es hieße an einem Sonntag im Januar: Nach der Messe laden wir zu einem Empfang ein, um für die Charismen der Gemeinde zu danken und einander zu begegnen. Alle Gemeindemitglieder sind herzlich eingeladen!

Vielleicht würde der Pfarrsaal dann sehr voll. Vielleicht müssten wir mit einer geringeren Pro-Kopf-Menge Wein und Brezeln auskommen. Vielleicht würde die Gemeindekasse als Geschenk für jeden nur ein Blümchen hergeben. Wäre das schlimm? Ich meine nicht!

Aber bestimmt müsste man noch oft erklären, daß wirklich alle eingeladen sind, und daß die Treue zur Kirche, die Freude an Andachten, Rosenkranzgebet und so weiter eben auch ein Charisma ist, nicht weniger als Kuchen backen oder Lieder dichten.

Christus ist Licht für alle, nicht Spotlight für die Umtriebigen. Alle Christen sind aufgefordert, selbst Licht zu sein und Licht weiterzutragen. Uns anerkannten und gefeierten „Ehrenamtlichen“ täte es gut, unsere Arbeit als Normalfall anzusehen – jeder macht halt Licht, so gut er kann. Und sollte jemand glauben, die Frau, die durch nichts anderes auffällt als dadurch, daß sie seit einem halben Jahrhundert regelmäßig den Rosenkranz betet, sei im paulinischen Bild höchstens ein kleiner Finger, so möge er bedenken: Ein gebrochener kleiner Finger tut dem ganzen Menschen sehr weh. Ein amputierter kleiner Finger fehlt dem ganzen Menschen. Und vielleicht ist die Alte ja auch kein Kleinfinger, sondern eine Herzklappe, zuständig dafür, daß die ganze Gemeinde mit solider Frömmigkeit grundversorgt bleibt. Hätte sie nicht auch eine Brezel und ein Glas Wein verdient?

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New York und die Kinder

Gov. Andrew Cuomo hat in New York einen Gesetzesentwurf beschlossen, nach dem Abtreibung bis zur 24. Woche ohne Weiteres möglich ist und danach bis zum Geburtstermin in Fällen, in denen das Kind als nicht lebensfähig erachtet wird oder das Leben der Mutter durch die Schwangerschaft in Gefahr ist. Er hofft, daß schon im nächsten Jahr darüber abgestimmt wird. Auch will er, daß Abtreibung künftig nicht mehr Sache des Strafgesetzes ist, sondern der Gesundheitsfürsorge.

Ein in der 24. Woche geborenes Kind hat eine Überlebenschance. Das bedeutet: Wenn ein Fortbestehen der Schwangerschaft für die Mutter nach ärztlicher Maßgabe eine eindeutige Lebensgefahr darstellt, könnte man das Kind holen und wenigstens versuchen, es im Brutkasten aufzupäppeln. Man würde natürlich zuerst alles tun, das Kind so lange wie möglich im Mutterleib zu lassen und der Mutter alle erdenkliche medizinische und seelische Hilfe zu geben.

Wenn das Kind nach ärztlichem Ermessen nicht lebensfähig ist, darf man es dennoch nicht töten. Menschen töten, weil sie eh bald sterben werden, ist erkennbar falsch. Abgesehen davon hat es schon mehr als einen Fall gegeben, in dem ein nach ärztlicher Maßgabe nicht lebensfähiges Kind sehr wohl überlebte. Es ist aber auch bei eindeutigen Diagnosen (wie Mikrozephalie) ein schweres Unrecht, Menschen zu töten. Warum soll man einem Kind, von dem sicher ist, daß es kurz nach der Geburt sterben wird, nicht die volle Zeit im Mutterleib gönnen?

Ja, aber die Mutter! Die arme Frau, die ihr Kind austrägt, nur um es dann zu verlieren! Es sei doch grausam, das von ihr zu verlangen!

Nein, ist es nicht. Grausam, unmenschlich, wirklich frauenfeindlich ist es, daß Frauen, die ein krankes oder behindertes, vielleicht gar nicht lebensfähiges Kind austragen, sich Sätze anhören müssen wie „Sowas muss doch heutzutage nicht sein“. Daß Frauen, die mit einem Schwerbehinderten (oder gar mit Todgeweihten) schwanger sind, mehr Ratschläge für die Abtreibung als Hilfsangebote für die Zeit nach der Geburt bekommen, das ist böse. Und so ist es, obwohl es für viele Schwerbehinderte, auch wenn sie voraussichtlich nur ein kurzes Leben haben werden, sehr gute Hilfsmittel gibt, und obwohl der Blick auf Schwerbehinderte heute sehr viel freundlicher und gelassener ist als noch in meiner Kindheit. (Daß es hier immer noch sehr viel Gemeinheit gibt, weiß ich auch. Aber die Wahrnehmung Behinderter, wenn sie denn erst einmal geboren sind, hat sich seit den 60er Jahren eindeutig verbessert.)

Es ist schrecklich, ein Kind zu verlieren. Aber dies Schrecknis wird nicht gelindert, wenn man das Kind stückweise aus dem Uterus zerren lässt.

Cuomos gräßliche Idee ist bislang nicht mehr als ein Gesetzesentwurf. Aber auch nicht weniger. Beten wir, daß sie abgeschmettert wird.

Ich finde übrigens die Abtreibung eines Menschen in der 24. Schwangerschaftswoche oder später nicht schlimmer als in der ersten Woche. Sondern ich finde beides genau gleich schlimm. In beiden Fällen wird einem unschuldigen Menschen das Leben genommen. Das ist gräßlich. Die Begleitumstände mögen bei einer Spätabtreibung noch besonder scheußlich sein; das Kind ist schmerzempfindlich, und für die Mutter ist es etwa so beschwerlich wie eine normale Geburt. Aber die Tatsache „Mensch wird von anderem Menschen getötet, weil er nicht in das Leben eines dritten Menschen passt“ ist in jedem Falle gleich.

Dennoch zeigt dieser Gesetzesentwurf eine besonders krasse Lebensfeindlichkeit. Denn bei einer Spätabtreibung kann man sich auf keine Weise mehr vormachen, dies sei ja „noch kein richtiger Mensch“. Es ist sichtbar ein Kind – in der 24. Woche bereits mit allen Merkmalen, die so herzbewegend an unseren Schutzinstinkt appellieren. Einen denkenden Menschen, der Frühabtreibungen unter Umständen als notwendiges Übel sieht, kann man noch vom Gegenteil überzeugen (bei mir ist das jedenfalls vor vielen Jahren gelungen). Bei einem Menschen, der bereits niedlich aussehende Kinder zum Abschuss freigibt, wenn sie nicht in die Norm passen, habe ich wenig Hoffnung, daß er noch etwas Gutes lernt. Denn der hat seine gesündesten Instinkte schon kaputtgewirtschaftet.

EDIT: KNA sagt, das Gesetz sei bereits verabschiedet. Ob der Artikel, auf den ich mich beziehe, fehlerhaft ist oder ich ihn falsch verstanden habe oder ob KNA irrt, bringe ich jetzt nicht heraus, dazu ist meine Zeit zu knapp und mein Englisch zu schlecht. Die moralische Einschätzung des Gesetzes, ob es noch Entwurf ist oder schon verabschiedet, bleibt gleich – nämlich sehr, sehr schlecht.

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