Novene in Sicht!

Die Initiative Neuer Anfang – ins Leben gerufen vom Arbeitskreis Christliche Anthropologie – ruft hier zu einer Novene auf.

Die Initiative bezeichnet sich als „klar. katholisch. unterwegs“ – und zeigt ein lebendiges, lebensfrohes Menschenbild in Lehramtstreue und Liebe zur Kirche. Hier steht Gottes Wort im Zentrum (statt dem für den Synodalen Irrweg typischen kleinkarierten Bestehen auf Gendersternchen und den synodalen Diskussionen, ob man überhaupt Priester braucht und wann es bittschön Priesterinnen gibt). Und in gut katholischer Art ruft die Initiative Neuer Anfang zu einer Novene auf, die vom 28. Januar bis zum 5. Februar dauern wird – also bis zu Abschlußtag der dritten Synodalversammlung. (Natürlich kann man diese wie jede Novene auch zu anderen Zeiten beten. Aber ein solcher gleichzeitiger Gebetssturm gilt als besonders segensreich.)

Die Initiative Neuer Anfang ist dabei keine „Gegenbewegung“ zu irgendwelchen synodalen oder anderen Bewegungen. Sie ist eine Bewegung für geistliche Erneuerung, für immer neue Umkehr, für Reformen, für Abkehr von modernen Ideologien und Irrtümern, für Lehramtstreue. Die Novene steht unter dem Motto „Neun Tage beten für die Erneuerung der Kirche„. Menschenfischer sein, sich mutig zu Gott bekennen, Evangelisation betreiben, das gehört zu Selbstverständnis der Initiative, und das scheint in den meditativen Texten der Novene durch.

Die Novene werde ich mitbeten. Gut möglich, daß ich mich auch in weiterer Hinsicht an diesem Neuen Anfang beteiligen werde.

Veröffentlicht unter KATHOLONIEN | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Miriam Moißl, das hörende Herz und ein neuer Youtube-Kanal

Das katholische Blog „Das hörende Herz“ fristet völlig zu Unrecht ein Nischendasein. Artikel über alles, was katholisch ist, über einfaches Leben, Selbermachen, Nähen, Kochen, Literatur – alles in klarer Sprache, originell und persönlich geschrieben – und kaum einer guckt? Da entgeht Euch was, kann ich sagen!

Zumal dies Blog jetzt nicht nur in einem frischen Design daherkommt, übersichtlicher gestaltet bei gleich gehaltvollen Postings, sondern auch noch ein Youtube-Kanal gleichen Namens dazukommt.

Hier geht es zum Intro, und hier zu dem sehr hörenswerten Beitrag „5 Gründe, warum ich (immer noch) katholisch bin“ – klar und ruhig legt Miriam dar, warum das richtig ist.

Ungefähr alle zwei Wochen – zuweilen auch öfter – wird es einen neuen Videobeitrag geben. Ich freue mich sehr darauf und rate dringend zum Abonnement.

Am Ende des zweiten Videos macht Miriam auf die in Kürze geplante Novene der Initiative Neuer Anfang aufmerksam. Auch ich sage hier noch einmal: Bitte mitbeten – auch wer vielleicht nur ein oder zwei Tage dabei sein kann!

Veröffentlicht unter KATHOLONIEN, LITERATUR, WELTLICHES | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Wie Gott will!

Die Katharinenschwestern, der älteste bis heute bestehende nicht kontemplative Frauenorden, feiern heute ihre Gründerin, liebevoll „Mutter Regina“ genannt.

Regina Protmann wurde 1552 in Braunsberg (heute Braniewo) im Fürstbistum Ermland (heute Woiwodschaft Ermland-Masuren) in einem reichen Patrizierhaus geboren. Ihre Familie war katholisch, sehr fromm und gebildet. In der von Religionskämpfen und Epidemien geschüttelten Zeit verlief ihr Leben zunächst recht normal für ein Kind „besserer Leute“: Regina war hübsch und modebewußt, als Teenager eine geltungssüchtige Partygängerin und dennoch auch eine innige Beterin, der die nicht nur konfessionelle Zerrissenheit ihrer Heimat keineswegs gleichgültig war.

Noch immer jugendlich, änderten sich ihre Träume. Sie nahm soziale Not wahr, vermied Feste und Großsprecherei, wollte ganz Jesus gehören. Mit zwei Freundinnen zog die 19jährige erst zu einer alten Witwe, um dort eine Art geistlicher Gemeinschaft zu bilden. Die Atmosphäre behagte ihnen aber nicht, und die jungen Frauen zogen weiter in ein baufälliges Häuschen, auf das Regina einen Erbanspruch hatte. Die drei wollten keine materielle Unterstützung; sie lebten sehr kärglich von Handarbeiten.

Die Gesellschaft sah das nicht vor. Eine junge Frau von Stand hatte entweder zu heiraten oder in ein Kloster zu gehen – aber als Wohngemeinschaft einfach so eine geistliche Gemeinschaft zu bilden, das war nicht statthaft. Regina und ihre Freundinnen gelobten Armut, Keuschheit und Gehorsam wie in einem Kloster, aber – in Frauenklöstern unerhört – sie waren nicht klausuriert, sondern verließen ihr Haus, um Kranken und Notleidenden beizustehen. Messe, Anbetung und Gebet waren ihnen ebenso wichtig und prägten ihren Tag. „Wie Gott will!“ war Reginas Motto.

Regina verfasste, etwas über 30jährig, eine Ordensregel und wählte die Heilige Katharina von Alexandrien zur Patronin. Bischof Martin Kromer, der Reginas kleine Kommunität wohlwollend sah, bestätigte die Regel, erlaubte die Öffnung des Noviziates und ernannte Regina zur Oberin. Der Orden bischöflichen Rechts wuchs schnell; 1602 bekam er die päpstliche Anerkennung. Regina wurde immer wieder als Superiorin gewählt und stand dem Orden vierzig Jahre lang vor als liebevolle und tüchtige Mutter ihrer Schwestern.

Arme, Geisteskranke und Epileptiker wurden nicht in Krankenhäuser aufgenommen. Auch waren Krankenhäuser (nicht anders als heute) ständig überlastet. Die Katharinenschwestern pflegten zunächst jene, die nicht ins Krankenhaus durften, und halfen dann auch in Krankenhäusern aus. Für Regina bedeutete diese Hilfe nicht nur kompetente Versorgung von Wunden und Krankheiten und liebevolle Zuneigung, sondern auch stärkende Suppen und finanzielle Hilfe. Die Schwestern verzichteten lieber selbst als daß sie einen armen Kranken verzichten sahen.

Mutter Regina starb am 18. Januar 1613. Die Gemeinschaft bestand aus 35 Schwestern in vier Konventen. 1999 wurde Regina Protmann seliggesprochen. Heute gibt es Katharinenschestern in Deutschland, Italien, Togo, Kamerun, Philippinen, Haiti, Brasilien, Russland, Weißrussland und Litauen.

Drei Schwestern leben heute im Konvent auf dem Klinikgelände des St-Gertrauden-Krankenhauses in Berlin, das 1930 von den Katharinenschwestern errichtet wurde. Die Krankenhauskapelle ist auch in Coronazeiten öffentlich zugänglich. Messen werden dort täglich gefeiert; Eucharistische Anbetung ist zweimal im Monat.

Selige Regina Protmann
Melodie: All Morgen ist ganz frisch und neu

Regina hört den Ruf des Herrn
Sie folgt ihm furchtlos, folgt ihm gern,
Verlässt das schöne Elternhaus,
Schlägt freudig ihren Reichtum aus.

Ihr Erbteil ist so arm und klein!
Zwei andre ziehen mit ihr ein.
Sie helfen fröhlich, beten still
Ertragen alles, wie Gott will. 

Sie pflegen Kranke, lindern Not,
Sie sparen an sich selbst das Brot.
Ein neuer Orden wird gesät
Mit Nächstenliebe und Gebet.

„Ein guter Vorsatz jeden Tag
Den Herzensfrieden wahren mag,
Und wenn uns Kreuz und Not umgibt,
Erkennen wir, daß Gott uns liebt.”

© Claudia Sperlich



Veröffentlicht unter KATHOLONIEN, LITERATUR | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Dämonen, Löwen, Wölfe und Schweine

Mit all diesen bekam Antonius der Große zu tun, der Heilige, dessen die Kirche heute gedenkt.

Als radikaler Eremit erlebte er dämonische Versuchungen. Zuerst versuchte der Teufel es – und ihn – mit dem wohlfeilsten aller Mittel, mit Sex. Aber die Vorspiegelung von appetitlichen Frauen hatte keine Wirkung außer zeitweiliger Genervtheit auf den Asketen. Nun probierte der Teufel es mit der Angst und piesackte Antonius seelisch und körperlich mit erschreckenden Dämonen. Auch das war für Antonius sicher äußerst unangenehm, brachte ihn aber nur zu noch mehr Gebet. Der Feind musste aufgeben.

In seiner Einsiedelei empfing Antonius Ratsuchende, und seine direkte, auch schroffe, immer wahrhaftige Art wirkte anziehender als ihm lieb war. Aber obwohl er oft viel lieber über Gottes Wort meditiert als sich mit irrenden Menschen auseinandergesetzt hätte, wies er niemanden ab. Viele junge Männer wollten sich ihm anschließen, und so wurde er schließlich – wohl zunächst wider Willen – zum Begründer des christlichen Mönchtums.

Ein Wolf führte ihn zu einem anderen Einsiedler, Paulus von Theben. Als der starb, halfen Löwen Antonius, ihn zu begraben. Ob das wörtlich so stimmt, bezweifle ich zwar. Aber ich kann mir gut vorstellen, daß dieser fromme Asket, der so heftigen Versuchungen widerstanden hatte, keine Angst hatte – auch nicht vor gefährlichen Tieren.

Antonius lebte etwa von 250 bis 356 (das Eremiten- und Asketenleben scheint nicht ganz ungesund zu sein). 1095 wurde der Antoniter-Orden gegründet, der sich der Krankenpflege widmete (insbesondere an Mutterkornvergiftung oder „Antoniusfeuer“ Erkrankte, bei denen man wegen ihrer beängstigenden Halluzinationen den dämonengeplagten Heiligen als Schutzpatron anrief). Im 18. Jh. wurde der Orden den Maltesern inkorporiert. Im Mittelalter hielten die Antoniter Schweine, die frei liefen und durch ein umgehängtes Glöckchen kenntlich gemacht wurden. Die Schweine wurden von der Allgemeinheit bis zur Schlachtreife gefüttert; das Fleisch wurde an die Armen verteilt. (Die Redensart „Frech wie ein Antoniusschwein“ ist, heißt es, in Österreich noch heute bekannt.) Die Darstellung des Heiligen mit einem Schwein an seiner Seite bezieht sich auf diesen Brauch, wird aber auch mit den ihm so lästigen Dämonen in Verbindung gebracht (wohl durch die gedankliche Verbindung zu Schweinen und Dämonen in Mk. 5,11-13).

Veröffentlicht unter HIMMLISCHES, KATHOLONIEN | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert für Dämonen, Löwen, Wölfe und Schweine

Sternsinger-Abschied

Heute, am Sonntag nach Epiphanias, verabschiedeten sich die Sternsinger – das heißt natürlich, sie tun ihr gutes Werk weiter, sind aber vorerst nicht so sichtbar wie in den letzten Wochen.

Ich finde es immer wieder so reizend wie beeindruckend, wenn die Kinder mit so großer Freude und so tüchtigem Einsatz ihr gar nicht so unbedeutendes Hilfswerk vorstellen, tun und dann für diesmal fröhlich zum Abschied grüßen. Sie bestimmen selbst, wo sie Kindern aus welcher Not helfen wollen, informieren sich – und kein Cent geht an irgendeine Regierung oder regierungsnahe Organisation, organisatorische Arbeiten sind ehrenamtlich – jeder Cent kommt da an, wo er gebraucht wird.

Gottes Segen diesen Kindern und allen, denen sie helfen!

Veröffentlicht unter KATHOLONIEN | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für Sternsinger-Abschied

Seid heilig!

„Fang selber an“, wird mancher Leser denken, und ich kann darauf nur verlegen sagen: Ich versuchs ja, aber besonders gut bin ich nicht im Heilig-Sein. Nur aufgeben mag ich nicht.

Nun stammt der Aufruf aber nicht von mir, sondern von Gott. „Erweist euch als heilig und seid heilig, weil ich heilig bin“ heißt es in Levitikus 11,44 – da ist allerdings die Rede von Speisevorschriften. Petrus aber zitiert diesen Satz in seinem Brief an die Heidenchristen in der Diaspora – und daß die den differenzierten Speisevorschriften der Juden nicht folgen müssen, haben die Apostel längst entschieden. Auch die Vision des Petrus kann als Befreiung von Speisevorschriften gedeutet werden, obwohl Petrus selbst sie zunächst metaphorisch deutet – die eine Deutung schließt die andere nicht aus, gerade weil ausdrücklich gesagt wird, daß er hungrig war und Essen machte, als diese Vision ihn überkam. (Das in Lev. 11,23 genannte Verbot, Fledermäuse zu essen, ist allerdings auch heute für alle sinnvoll.)

Über Heilige, was sie verbindet und was nicht, habe ich hier schon mal geschrieben. Das Wichtigste ist, Gott zu lieben. Ihn so lieben, daß man Ihm einfach nur gehorchen will, ist eine Gabe, die man erbeten kann. Der Empfang der Sakramente ist ein Ausdruck dieser Liebe.

Man wird kein Heiliger in vier Tagen.“ (Philipp Neri) Man wird auf dem Weg nicht besser als andere – aber besser als man vorher war.

Veröffentlicht unter HIMMLISCHES, KATHOLONIEN | Verschlagwortet mit , , | 3 Kommentare

Vor 111 Jahren veröffentlicht

… und zwar in der Berliner Zeitschrift „Der Demokrat“:

Jakob van Hoddis
Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Keine Sorge, ich will das Weltende (das sicher irgendwann kommt, vielleicht heute und vielleicht sehr viel später) weder datieren noch analysieren oder gar interpretieren. Alle Interpretationen des berühmten Gedichtes sind irrsinnig komisch, obwohl sie es nicht sein wollen.

Aber ich widme dies Blogpost all den spitz-, rund-, platt- und quadratköpfigen Bürgern, die mir in letzter Zeit so schrecklich auf die Nerven fallen. Alle anderen dürfen sich natürlich auch darüber freuen, ärgern, empören oder amüsieren, ganz nach Belieben.

Veröffentlicht unter LITERATUR, WELTLICHES | Verschlagwortet mit , , | 5 Kommentare

Man trägt wieder grün.

Die weihnachtliche Festzeit ist vorbei (auch im alten Ritus, obwohl oft behauptet wird, da sei es ganz anders). Die weißen Gewänder hängen im Schrank der Sakristei (oder sind in der Reinigung). Die liturigsche Farbe Grün herrscht vor: Farbe der Hoffnung und des Lebens. Die ersten Krokusblätter spitzen aus der Erde.

Die Kirche bekennt Farbe. Farbsymbolik hat mit Eigenschaften, Gefühlen und Erfahrungen zu tun. Die Bedeutung von Farben ist dabei kontext- und kulturabhängig; Grün dürfte allerdings in allen Kulturen eine überwiegend positiv konnotierte Farbe sein. Chlorophyll mögen schließlich alle. In der weltumspannenden Kirche ist die Farbsymbolik jedoch festgelegt. Wie genau, steht hier.

Der Wechsel der liturgischen Farben ist nicht nur ein ästhetisches Vergnügen. Er ist ein Hinweis, was jetzt „dran“ ist. Daß Gott als Mensch unter Menschen gelebt hat, Licht in der Finsternis, haben wir uns wieder einmal eindringlich klar gemacht. Jetzt heißt es, dies Bewußtsein zu bewahren und wachsen zu lassen. Hildegard von Bingen hat den Begriff Viriditas geprägt, meist wird das mit Grünkraft übersetzt. Sie meint damit eine positive Energie, die allem Sein innewohnt. Auch dieser Gedanke passt zu Hoffnung und neuem Wachstum.

Wir haben Jesu Christi Kommen in die Welt in aller Ausschweifigkeit gefeiert; ich bin am Ende immer recht froh, daß die „Normalzeit“ wieder einkehrt. Zugleich ist Christentum natürlich alles andere als „normal“: Wir leben auf Christus hin, in der Hoffnung, aus dem Glauben und liebevoll – zumindest idealiter, ich weiß ganz gut, daß realiter da noch einiges fehlt. Diese Haltung möchte ich im gemeinen Alltag mit Papierkram, Unordnung und einem Haufen Problemen bewahren, so gut ich kann.

Jesus vergleicht sich und uns mit einer grünen Pflanze: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh. 15,5) Ihm grün sein über die Festzeiten hinaus, Ihn lieben sein an ganz normalen und grauen Tagen (Grau ist keine liturgische Farbe!), das ist christliche Alltagsaufgabe.

Veröffentlicht unter KATHOLONIEN | Verschlagwortet mit , , , , | 9 Kommentare

Frederick Fleet – der Mann, der den Eisberg sah

Zunächst hatten er und seine Kollegen mehrmals um Ferngläser gebeten. Nur leider waren die irgendwie verkramt, sie bekamen sie nie. Als er den Eisberg sah, dreimal die Notglocke läutete und schrie „Eisberg direkt voraus!“ – da war es schon zu spät. Die Titanic kollidierte Sekunden später mit dem Eisberg.

Frederick Fleets Mutter – der Vater war unbekannt – hatte ihr Baby in Liverpool ausgesetzt und war nach Amerika gegangen. Frederick landete in einem für damalige Verhältnisse durchaus guten Findelhaus, in dem die Kinder sorgfältig registriert wurden, nach anglikanischem Ritus getauft und in den ersten fünf Jahren zu Pfegefamilien protestantischen Glaubens kamen. Dabei wurde darauf geachtet, daß Mädchen nicht an unverheiratete Männer vermittelt wurden. Danach wurden sie in dem Findelhaus erzogen. Mädchen und Jungen waren dabei getrennt. Beide Geschlechter lernten Lesen und Schreiben sowie Religion; die Mädchen lernten haushälterische Arbeiten, die Jungen lernten Nähen (sie fertigten auch ihre eigene Kleidung an). Ein sorgfältiger Stundenplan sah Ausbildung, Spiel und Erholung vor. Der Speiseplan war eintönig und für unsere Begriffe fehlten Obst und Gemüse, aber niemand musste hungern. Man kümmerte sich auch darum, daß die Jugendlichen, die das Heim verließen, eine ordentliche Arbeit bekamen. (Auch hier wurde besonders darauf geachtet, daß die Mädchen nicht in der Prostitution landeten.) Wie allerdings die Stimmung in dieser Einrichtung war, ob die Kinder auch mal geherzt wurden, ob sie zu Weihnachten hübsches Spielzeug bekamen – das konnte ich nicht herausfinden.

Nun, zumindest hatte Frederick eine Grundausbildung, als er mit zwölf Jahren die Ausbildung auf einem Schulschiff begann. 1903, sechzehnjährig, ging er als Schiffsjunge zur See. Er verdiente sein Geld als Ausguckjunge, später auch als Vollmatrose, auf verschiedenen Dampfern. Im April 1912 heuerte er auf einem hochmodernen Luxusdampfer an. Er und die anderen Ausguckjungen baten wiederholt, aber vergeblich, um Ferngläser. Am 14. April um 22.00 Uhr begann er gemeinsam mit Reginald Lee die Nachtwache im Krähennest. Die Nacht war windstill und mondlos. Um 23.40 hörte man sein „Eisberg direkt voraus!“ Zweieinhalb Stunden später war die Titanic verschwunden.

Vielleicht hätte bei der schlechten Sicht (weil es keine Wellen gab, wurde der Eisberg auch kaum reflektiert) nicht einmal ein Fernglas genützt – das wird man nun nie genau wissen. Fleet selbst war überzeugt, mit einem Fernglas hätte das Schlimmste verhindert werden können, wie er in mehreren Verhören sagte; er meinte auch, gerade in der mondlosen Nacht seien blaue Eisberge wie dieser eigentlich gut erkennbar.

Überlebende der Titanic – auch Frederick Fleet – wurden von anderen Schiffen unfreundlich aufgenommen, wohl aus einer Art Aberglauben. Dennoch arbeitete er noch bis 1936 auf See, dann als Schiffbauer und noch später als Bootsmann an Land.

Fleet diente in beiden Weltkriegen. Später heiratete er und zog mit seiner Frau in ein Haus, das seinem Schwager gehörte. Mit ihm gab es kein harmonisches Verhältnis. Fleet hielt sich mit schlecht bezahlten Arbeiten über Wasser. Kurz nach Weihnachten 1964 starb seine Frau, und der Schwager warf Fleet sofort hinaus. Am 9.1.1965 fand man den 77jährigen Frederick Fleet auf dem Grundstück des Schwagers erhängt auf. Er bekam ein Armengrab auf dem Hollybrook Cemetery.

1993 errichtete die American Titanic Historical Society ihm ein würdiges Grabmal.

Vielleicht hätte ein Fernglas die Titanic und über 1500 Menschen retten können. Vielleicht hätte es genügt, nur einmal auf einen jungen Mann zu hören, der nicht viel Glück im Leben gehabt hatte. Vielleicht wäre sein späteres Leben besser verlaufen.

Veröffentlicht unter WELTLICHES | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Frederick Fleet – der Mann, der den Eisberg sah

Corona und Klima – ein Buch über den Umgang mit Krisenzeiten

Zwei große Krisen haben uns im Griff, ein „katastrophisches Paar“, wie Josef Bordat es nennt – wobei die Klimakrise derzeit von Corona überschattet ist, aber aller Voraussicht nach sehr viel länger dauern wird. Beide Krisen sind global und betreffen nicht nur einzelne Biographien, sondern alle sozialen Gefüge der Menschheit. Es geht in dem Buch um Bewältigungsstrategien und Deutungsmuster; in der Einführung werden die damit zusammenhängenden Grundprobleme kurz vorgestellt.

Gott, Technik und Mensch stehen jeder für sich auf dem Prüfstand; Josef Bordat geht es darum, sie zusammenzudenken und so die Krisen unserer Zeit zu bewältigen. Hierzu stellt er historische Deutungsmuster vor. Er beginnt mit der von Leibniz ausgearbeiteten Theodizeefrage (der Frage nach der Rechtfertigung Gottes), die er in gewohnter Gründlichkeit erklärt. Das Erdbeben von Lissabon ließ die Theodizeefrage neu stellen. Immanuel Kant setzte sich als erster nicht in moraltheologischer, sondern in naturwissenschaftlicher Weise damit auseinander und versuchte, die geologischen Ursachen für Beben zu erklären – obwohl seine Erklärungen fehlerhaft waren, begründete er die Erdbebenforschung. Dabei sieht er die Beobachtung natürlicher Zusammenhänge auch als Preisung Gottes an und ruft auf, angesichts unvermeidbarer Übel wenigstens die vermeidbaren zu verringern.

Einen neuen Begriff bildete der 1937 geborene Philosoph Hans Poser: Die Technodizee, die Rechtfertigung der Technik, beschäftigt sich mit Nutzen und Schaden durch technische Errungenschaften, bringt Wissenschaft, Technik und Moral zusammen. Zunächst außermoralische Probleme wie die Notwendigkeit der Energieversorgung haben moralisch relevante Folgen, da sie einen Eingriff in die Natur darstellen und immer in irgendeiner Hinsicht auch zerstörerisch wirken. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels muss Technik gerechtfertigt sein. Der Mensch muss sich vor dem Menschen für die Technik verantworten – und zwar nicht nur ein Mensch, sondern Erfinder, Bauherr, Geldgeber und Verbraucher gleichermaßen, und keiner davon hat allumfassendes Wissen.

Kurz geht Bordat auf zwei moralische Probleme im Zusammenhang mit Corona und Klimawandel ein. Zunächst die Impfung, die er mit Poser als „Ermöglichungsgrund einer besseren Welt“ sieht (was man ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches mit vorsichtigem Optimismus bestätigen kann). Auf das Problem möglicher Nebenwirkungen geht er ebenso ein wie auf das moralisch brisante Problem der Verwendung embryonaler Zellinien, das er mit den Argumenten löst, denen auch die Kirche folgt: Abtreibungen wurden niemals mit dem Zweck der Herstellung von Impfstoffen vorgenommen. Wenn aber etwas in sich Böses eine unbeabsichtigte gute Folge hat, darf man diese unter Umständen nutzen.

Beim Problem des anthropogenen Klimawandels sieht er mit Sorge eine Renaissance der „klimafreundlichen“ Atomkraft und zählt in unsentimentalster wissenschaftlicher Trockenheit ihre Nachteile auf. Es sind deren übergenug. Bordat zitiert Robert Spaemann, der darlegt, daß auch ein geringes Risiko, das Leben folgender Generationen auszulöschen, nicht gerechtfertigt werden kann.

Bordat sieht eine Gesamtberohung durch Natur-Übel und Technik-Übel, die sich nicht mehr trennen lassen. Die Verantwortung des Menschen für Umweltfragen wurde auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 festgehalten. Damit wurde zugleich die „Anthropodizee“, die Rechtfertigung des Menschen, eingeläutet. Leid aufgrund menschlichen Fehlverhaltens und Leid aufgrund von Naturkatastrophen betreffen gleichermaßen unser moralisches Handeln, unsere Verantwortung. Die allerdings ist abhängig von der Freiheit.

Willensfreiheit besteht auf jeden Fall, auch wenn neurologische Experimente scheinbar dagegen sprechen – und auch, wenn wir auf vielfältige Weise vorgeprägt sind. Damit besteht auch immer Verantwortung. Die trägt jeder einzelne und die Gemeinschaft aller, die tragen Individuen und Institutionen auf je eigene, nicht leicht zu bestimmende Art. Individuelle Entscheidungen haben unter Umständen weitreichende Konsequenzen, auch wenn die von dem Individuum noch gar nicht gesehen werden können. In diesem Zusammenhang erläutert Bordat Hans Jonas‘ Verantwortungsethik.

Im vierten Teil geht es um die Bewältigung der Krise durch Glauben und Wissen gemeinsam. Hier räumt der Autor (nicht zum ersten Mal, aber es ist ja immer wieder nötig) mit dem Vorurteil auf, das Christentum sei wissenschaftsfeindlich.

Anhand von Kants kritischer Leibniz-Rezeption und dem Gottesbegriff bei Hans Jonas stellt der Autor nochmals mehrere grundsätzliche Deutungsmuster einander gegenüber. Wie nicht anders zu erwaten, geht Bordat am Ende auf den Kreuzestod Jesu ein. Dabei erklärt er den Ausruf Jesu „Warum hast Du mich verlassen?“ philologisch richtig, indem er lemah mit „wozu, wofür“ überträgt. Ein Ziel annehmen im Leid – das kann mit Blick auf Jesus gelingen.

Gegen den Vorwurf, Bestrebungen zum Klimaschutz seien samt und sonders quasi-religiös (und also für Christen nicht ernstzunehmen) wendet Bordat sich in scholastischer Weise: Er nimmt ihn zunächst ernst und zeigt, wo Bestrebungen zum Klimaschutz tatsächlich religiös anmuten. Dann erklärt er, warum das Schlagwort „Klimareligion“ dennoch absurd ist – erklärt es mit einem Exkurs über die Klimaforschung, die im frühen 19. Jh. begann und ständig genauer wird.

Das Buch schließt mit einem Appell, Glauben und Wissen zu vereinen und so die Krise (und Krisen überhaupt) zu bewältigen.

Das Buch erschien im Sommer letzten Jahres; die Opferzahlen durch Corona sind daher überholt. Bordat macht aber genaue Angaben, welche Statistik zu welchem Datum aktuell war. Die grundsätzliche Aktualität des Buches bleibt unberührt. Etwas geschmälert wird meine Lesefreude durch die konsequente Schreibweise „Teodizee“ und „Teologe“ im ersten Kapitel (edit: offenbar nur im e-book; die Paperback-Ausgabe hat diesen Fehler nicht). Ab dem zweiten Kapitel wird aber kein h mehr unterschlagen.

Ein nachdenkliches, zum Nachdenken anregendes Buch, auf erholsame Weise ruhig und sachlich (nur an einer Stelle ist Bordat wirklich grantig, da geht es um Querdenker – und er hat auch da meine Sympathie). Wer sich ein Buch wünscht, nach dessen Lektüre er weiß, wie man Pandemien und Klimawandel besiegt, sollte ein anderes kaufen. Wer aber kluge, auf Philosophie, Religion und Wissenschaft gleichermaßen fußende Bewältigungsstrategien sucht, für den ist dies das Richtige.

Josef Bordat: Corona und Klima. Zur Deutung des Wandels, tredition 2021, 131 S.

Veröffentlicht unter KATHOLONIEN, LITERATUR, WELTLICHES | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare