Vorab: Schönreden kann und will ich die Coronakrise nicht. Die Beschränkungen sind im besten Fall nervig, im schlimmsten (für selbständige Bühnenkünstler und Musiker, für die Inhaber kleiner Geschäfte) existenzbedrohend. Die Not in Krankenhäusern und Pflegeheimen ist groß, Obdachlose und Flüchtlinge leiden weit mehr als ohnehin schon und sind in größter Gefahr. In ärmeren Ländern ist die Situation unbeschreiblich schlimm. Und auch hierzulande ist das langsame Ersticken an einer doppelseitigen Lungenentzündung in der Einsamkeit einer Isolierstation nicht eben, was man unter einem schönen Tod versteht. Covid19 in stärkster Ausprägung ist grauenhaft – und es kann aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz jeden treffen. Dennoch behalte ich meinen Optimismus – was sollte ich ohne ihn?
Der Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, macht auf mich zumindest in seiner derzeitigen Eigenschaft als Krisenmanager einen erzvernünftigen Eindruck. (Ich bitte, diese Worte zu beachten angesichts meiner Einstellung zur SPD.)
Lockerungen in der nahen Zukunft verspricht er nicht, aber spätestens am 1. Mai wird beratschlagt, ob und wie Lockerungen jetzt überhaupt schon möglich sind. Er hofft, sowohl das Demonstrationsrecht als auch die Feier von Gottesdiensten wieder zulassen zu können – allerdings mit Auflagen (vermutlich Beschränkungen der Teilnehmerzahl). Das wäre schön – aber nur dann, wenn es aus medizinischer Sicht keine großen Bedenken gibt.
Natürlich heißt „Es wird beratschlagt“ auch: Es könnte herauskommen, daß Ausgangssperren verlängert oder sogar verschärft werden – wenn berechtigte Sorge besteht, daß die Pandemie anders nicht eingedämmt werden kann. Ich hoffe einfach das Beste. Was anderes bleibt mir gerade auch nicht übrig.
Ich habe in letzter Zeit oft, sehr oft gelesen, daß die Religionsfreiheit beschnitten wird, daß die Demokratie zerstört wird. Zunächst einmal wird nicht die Religions-, sondern die Versammlungsfreiheit beschnitten (der Besuch eines Bordells ist ebenso verboten wie das Partymachen; es trifft also keinesfalls explizit religiöse Gemeinschaften). Sodann geschieht das nicht willkürlich, sondern auf der Grundlage des Bundesseuchengesetzes. Und schließlich kann man im Moment nicht auf der Grundlage von Erfahrungen und gesicherten Erkenntnissen handeln, weil es weder das eine noch das andere bezüglich Covid19 in großer Zahl gibt. Die Erfahrungen und Erkenntnisse, die man tatsächlich hat, stellen sich für mich als immerhin alphabetisierten medizinischen Laien so dar: Es ist ansteckend, es ist gefährlich, und wenn wir die Alten und die Schwachen nicht sozialdarwinisieren wollen und zudem in Kauf nehmen, daß ein paar nicht Alte und nicht Schwache auch hopps gehen, nachdem sie das Virus kräftig verbreitet haben, dann müssen wir andere Beschränkungen unserer köstlich freien Welt eben hinnehmen. (Wer das nicht versteht, wie z.B. die Berliner Mutter, die ihrer Tochter zum 16. Geburtstag einen Privatraum anmietet, damit sie mit über dreißig Freunden feiern kann, die Tochter selbst und ihre Freunde, oder wie die 51 Münchener Studenten, die unbedingt eine Grillparty veranstalten mussten, wird für dies Maß an gefährlicher Dämlichkeit zu Recht bestraft und kann froh sein, wenn durch ihn niemand zu Tode kommt.)
Wie gehe ich selbst mit der Krise um?
Zunächst einmal lasse ich den Kopf nicht hängen, oder nur kurz (wenn ich wieder mal die abgrundtiefe Geistestrübheit mancher Zeitgenossen wahrnehme, die Verschwörungstheorien verbreiten und auf ihr Recht pochen, alles um sich her zu infizieren). Und dann versuche ich, das Beste aus der Situation zu machen.
In meiner vierzehntägigen freiwilligen häuslichen Quarantäne habe ich einiges gelernt über Bedürfnisse und Notwendigkeiten, über Gebet und Durchhaltevermögen – und über die mir selbst verwunderliche Fähigkeit zur Freude. Warum soll ich das gelernte nicht weiter anwenden, wenn die Zeiten wieder leichter werden?
Ich brauche nicht mehr als einmal in der Woche einzukaufen. (Klar, das ist für Familien ohne Auto keine Option. Aber jeder kann prüfen, wie oft er tatsächlich einkaufen muss.) Es ist nicht schlimm, wenn es an einem Festtag nicht genau das Essen gibt, das ich mir eigentlich vorgenommen habe. Man kann mit weit weniger auskommen als man ahnt, ohne Not zu leiden. Deshalb will ich auch in Zukunft, auch nach Corona, nicht mehr als einmal in der Woche einkaufen. Ich will meine Zeit besser nutzen.
Ein mit einiger Disziplin durch Gebet strukturierter Tag verläuft besser als ein anderer – viel besser, froher und produktiver. Das ist keine neue Erkenntnis, auch für mich nicht, aber wie viel Gebet in einen Arbeitstag passt, war mir nicht ganz klar. Auch nicht, wie viel Freude aus einem so angefüllten Tag wächst.
Zu meiner Freude ist es in Berlin weiterhin möglich, zu beichten und die Eucharistie zu empfangen – etwas schwieriger als sonst, aber möglich!
Sehr dankbar bin ich, daß ich als Lektorin sonntags die Messe mitfeiern darf. (In Berlin sind derzeit bis zu zehn Personen bei einer nichtöffentlichen Messe gestattet.)
Eine gebrechliche alte Dame, die ohne Hilfe die Kirchenstufen nicht nehmen kann, freut sich, daß ich ihr diese Hilfe dreimal in der Woche anbiete. Ich freue mich, daß ich meine eigene Anbetungszeit mit einer hilfreichen Aktion verbinden kann. Und ich habe in ihr eine liebe Freundin gefunden, zu der ich allerdings keinen meterweiten Abstand halten kann, wenn ich sie am Arm nehme. Das heißt: Ich muss abwägen. Hier ist direkter Kontakt nötig, damit die Dame nicht wochen- und monatelang nur bei sich in der Wohnung bleibt. Ich desinfiziere mir hinterher die Hände. Und ich nehme eine gewisse, nicht sehr hohe Gefahr in Kauf.
Abwägen ist das Gebot der Stunde. Ist diese oder jene Tätigkeit, die in Coronazeiten eine höhere Gefahr birgt, wirklich wert, getan zu werden? Wahrscheinlich wird jeder auf verschiedene Ergebnisse kommen. Aber mit einiger Vernunft wird auch jeder einsehen, daß unter „das Risiko wert“ eine Party eher nicht fällt, eine Hilfeleistung aber schon. Wenn jeder sich umhört, wer in der Nachbarschaft Hilfe braucht, weil er in Quarantäne oder gebrechlich oder behindert, krank oder mit einer Familie und Home Office ausgelastet ist, wäre schon viel getan, auch gegen eventuelle Langeweile und das Gefühl der Nutzlosigkeit.
Als Putzfrau auf dem Friedhof bin ich wohl systemrelevant. Wer will schon während einer Seuche auf Friedhöfe verzichten? Und die dazugehörigen Gebäude müssen ja gerade jetzt besonders sorgfältig geputzt werden. Als Autorin arbeite ich ohnehin im Wesentlichen am heimischen Schreibtisch. Wie weit Corona das Kaufverhalten meiner Leser beeinflusst, werde ich erleben.
TrueConf ist ein kostenloses Werkzeug, um sich mehreren Menschen sicht- und hörbar mitzuteilen, zu plaudern, zu diskutieren, Hausaufgaben zu machen, gemeinsam zu beten oder was auch immer. Ich überlege, meine Vorträge vorerst auf diesem Weg anzubieten. Eine Diskussionsrunde ist danach auch möglich.
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