Zwei Wochen als Eremitin

Nun liegt sie hinter mir, die freiwillige häusliche Quarantäne von vierzehn Tagen. Begonnen hatte es mit einem heftigen Husten – in normalen Zeiten nichts, was mich von der Arbeit abhielte. Ob das nun eine hundsgemeine Erkältung war oder ein milder Verlauf von Corona, werde ich vermutlich nie wissen.

Die Quarantäne war für mich nicht besonders ärgerlich – tatsächlich war sie das kaum. Eine Weile war es mir schrecklich peinlich, „wegen Husten“ krankgeschrieben zu sein, aber nachdem meine Chefin und mehrere Ärzte mir bestätigt hatten, daß ich das ganz richtig gemacht hatte, gab der innere Preuße dann auch Ruhe.

Ich sah, daß ich im Großen und Ganzen genug im Hause hatte, um vierzehn Tage auszuhalten – daß aber ein bißchen mehr Gemüse gut wäre. Freunde meldeten sich ganz von allein, als ich mit größtmöglicher Ruhe über meinen vernünftigen und doch mir selbst zweifelhaften Entschluss zur Quarantäne berichtete. Ein Nachbar druckte einen Zettel für den Stummen Portier aus – denn ich konnte ja nun zwei Wochen lang nicht die Treppen putzen. Ein anderer Nachbar sah das, rief an, erkundigte sich freundlichst und bot Hilfe an. Ich fühlte mich vom ersten Moment an umgeben von einem menschlichen Sicherheitsnetz. Da ich von so vielen Seiten Hilfsangebote bekam, musste auch nicht ein Freund alles tun, sondern ich verteilte die Anliegen, die ich im Laufe der Zeit doch hatte, auf verschiedene Freunde und Nachbarn.

Auch als ich ziemlich sicher war, ganz einfach eine Erkältung durchgestanden zu haben, blieb ich bei der festen Quarantäne-Regel: Kein noch so kurzer Kontakt! Denn vollkommen sicher konnte ich nicht sein – und wollte niemanden infizieren. Also: Helfer klingelt unten, ich stelle Müll vor die Tür und lege daneben, was sonst noch wegzubringen ist, mache die Tür wieder zu, Helfer kommt an die Wohnung, legt die Einkäufe davor, man spricht durch die verschlossene Tür. Das geht – und es geht besonders gut, wenn man den Humor behält.

Zweimal bat ich um Einkäufe, einmal darum, einen Brief zur Post zu bringen. Der Biomüll musste auch geleert werden. Zu Beginn der zweiten Woche gaben die Batterien des Heizungsthermostats den Geist auf, und ich hatte keinen Ersatz. Ein Anruf beim Nachbarn löste das Problem in Minutenschnelle. (Für die Zukunft: Man sollte Batterien im Haus haben.)

Um die Zeit ohne Koller durchzustehen, machte ich mir vom zweiten Tag an einen genauen Stundenplan. Ich nahm mir vor, diese Zeit des „Hausarrests“ so gut wie möglich zu verbringen, sie zugleich als „verschärfte Fastenzeit“ zu verstehen – und als eine Art Urlaub. Denn natürlich gingen nun meine angesparten Überstunden drauf. Ich hatte einen Klosterurlaub im Sommer geplant – der fiel nun aus, stattdessen war die Quarantäne ein „Eremitenurlaub“ im Frühling.

Höchstwahrscheinlich wird mehr als einer meiner Leser irgendwann in eine ähnliche Situation kommen – da mag dieser Plan (oder ein ähnlicher) hilfreich sein. Für mich war er es in hohem Maße. Das Stundengebet und der Rosenkranz waren in dieser Zeit besonders wichtig – und ich empfand das als beständigen Segen.

7.15 Uhr (spätestens) aufstehen.
Wichtig: auch wenn es kein anderer Mensch sieht – Bett machen, waschen, anziehen – nicht etwa den Tag lang im Pyjama herumsumpfen. Man soll sich das wert sein.
Laudes
8.00 Uhr Messe auf EWTN (Sonntags: 11.00 Messe im Livestream der Heilig-Kreuz-Kirche in Wilmersdorf)
Frühstück
10.00 Uhr Terz und Rosenkranz
12.00 Uhr Angelus und Sext
Mittagessen
15.00 Uhr Non
17.00 Uhr Vesper
18.00 Uhr Abendbrot
20.30 Uhr Rosenkranz und Komplet

Bei diesem vom Gebet geprägten Tageslauf schaffte ich eine Menge zu schreiben und einiges zu lesen. Allerdings waren auch Tage dabei, die ich zwischen den Gebetszeiten verfaulenzte; am Ende der ersten Woche hatte ich einen arg schlecht gelaunten Tag. Diese Mißstimmung legte sich aber schon am nächsten Tag, nicht zuletzt, weil ich erstens gebetet und zweitens mit einer Freundin telephoniert hatte.

Ich konnte in diesen Tagen auch einer Freundin in einer behördlichen Angelegenheit helfen – über Telephon und Messenger ist ja vieles sehr leicht zu vermitteln. Mir selbst bedeutete es eine Menge, in dieser reduzierten Lebenszeit auch anderen nützlich sein zu können. Eigenen wichtigen bürokratischen Krempel erledigte ich dann auch mal… das fällt mir allerdings auch in der Quarantäne schwer.

Die Gebetszeiten hielt ich ein, nur der abendliche Rosenkranz wurde ein paarmal auf ein oder zwei Gesätze verkürzt wegen Müdigkeit. (Wovon ich an einigen Tagen urplötzlich so müde war, weiß ich auch nicht – harte Arbeit war es jedenfalls nicht!)
Auch habe ich mir schon seit längerer Zeit angewöhnt, zur vollen Stunde ein Ave Maria zu beten. Nun war das wirklich zu fast jeder vollen Stunde meines Wachseins möglich.

Das Rosenkranzgebet war mir in dieser Zeit auch wichtig als ein Ersatz für die Anbetung (eucharistisch oder vorm Tabernakel), zu der ich mich in meinem Gelübde verpflichtet habe. Im Rosenkranz betrachten wir Jesus mit Marias Augen, und das scheint mir ein sinnvoller Ersatz für die auf andere Weise betrachtende Anbetung des Allerheiligsten. Allerdings möchte ich nun, wo ich wieder in der Kirche anbeten darf, dennoch nicht auf den Rosenkranz verzichten – man kann ja das eine tun und das andere nicht lassen.

Es ist Fastenzeit. Die habe ich auch in der Quarantäne eingehalten und bin sehr froh darüber. Es gab keinen Grund, nicht zu fasten.

Die zweite Quarantänewoche war schon etwas mühsam; ich sehnte mich zunehmend nach Bewegung an der Luft, nach dem Anblick guter Freunde oder überhaupt anderer Menschen – und ganz besonders nach Eucharistie und Anbetung. Unser Pfarrer schrieb mir, er habe mich für den Palmsonntag als Lektorin eingeplant – das war ein großer Lichtblick. Mit meinem Beichtvater verabredete ich einen Termin gleich am ersten Tag meiner neuen (relativen) Freiheit, an dem ich auch die Kommnion empfangen sollte. Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt dermaßen jubelnd auf Beichte und Kommunion gefreut habe!

Tobias Klein erwähnte auf seinem Blog eine Initiative von Rod Dreher:

Okay, ich wollte noch etwas zum #BenOp-Rosenkranz sagen. Das ist eine Initiative, die bereits im Oktober 2017 entstanden ist, und zwar daraus, dass Rod Dreher eine Kontaktliste mit den E-Mail-Adressen einiger Mitstreiter bzw. Gleich- und Ähnlichgesinnter in Sachen Benedikt-Option erstellte; hauptsächlich handelte es sich dabei um Personen, die er auf seinen Reisen nach Europa kennengelernt hatte. Ursprünglich waren (neben mir als einzigem Deutschen) hauptsächlich Franzosen und Italiener in dieser Gruppe vertreten, später kamen einige Tschechen, Slowaken und Ungarn dazu. Aus der naheliegenden Frage „So, und was machen wir jetzt mit dieser Adressenliste?“ resultierte recht bald die Idee, Gebetsanliegen auszutauschen und einmal wöchentlich „gemeinsam“(d.h. ungefähr gleichzeitig, innerhalb eines verabredeten Zeitfensters) den Rosenkranz zu beten.

Ich schließe mich diesem gemeinsamen Rosenkranzgebet gerne an. Im Grunde ändert das nicht viel für mich, denn ich bete ja allabendlich den Rosenkranz. Aber dies vereint mit anderen in anderen Weltgegenden zu tun, finde ich schön, und es hilft mir auch an Tagen, an denen ich versucht bin, das Gebet etwas abzukürzen. Ob ich noch tiefer in diese Betergruppe einsteige, wird sich zeigen.

Ich habe mir bereits einen Gebetsplan zurechtgelegt für die Zeit, wenn ich wieder wie gewohnt arbeite – beginnend nächste Woche. Zugleich ist es auch ein Stundenplan, nach dem ich mein Leben klarer organisiere und weniger Zeit vertue.

Heute darf ich endlich wieder ins Freie! Ich darf wieder raus, in die Kirche, darf beichten, die Eucharistie empfangen und anbeten, darf radfahren, darf einkaufen. Alles gar nicht mehr normal.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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