Zum Erzengelfest

Erzengel
Melodie: Wohl denen, die da wandeln (GL 543)

Ihr seid der Liebe Künder,
Ihr seid aus Gottes Licht.
Ihr sprecht als Seine Münder,
Ihr sagt uns: Fürchtet nicht.
Ihr seid von Gott zu uns gesandt,
Um auf Ihn hinzuweisen,
Ihr gebt Sein Wort bekannt.

An unsrer Seite streitet
Der Engel Michael.
Wo Böses sich verbreitet,
Da ficht er stark und schnell.
Wenn uns die Niedertracht bedroht,
Hilft er uns, Mut zu zeigen,
Und fragt: Wer ist wie Gott?

Auf Wegen uns geleitet
Der Engel Raphael,
Daß unser Fuß nicht gleitet,
Daß unser Blick wird hell.
In Krankheit und in Seelennot
Heißt er uns, Gott zu ehren,
Spricht: Euer Heil ist Gott.

Von Gottes Liebe kündet
Der Engel Gabriel.
Das All hat sie begründet,
Und alles macht sie hell.
Sie gibt der dürren Wurzel Saft,
Läßt Israel ergrünen,
Sie blüht durch Gottes Kraft.

aus: Lass mich bekennen Deine Mandelblüte, tredition 2015

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„Eure Kinder…“

Leser (oder Leserin?) Bobi hat im Kommentarbereich zu meinem letzten Posting die Slogans der Lebensschutzgegner und Abtreibung-für-Menschenrecht-Halter fein zerpflückt. Vielen Dank!

Bobi zitierte dabei einen Slogan, den ich nicht gehört hatte und besonders gruselig finde: „Eure Kinder werden kontrolliert!“ Heute fiel mir schlagartig ein, welches Mißverständnis dem zugrunde liegt. Den Original-Slogan habe ich sehr wohl gehört, und oft:

Eure Kinder werden so wie wir!

Zum einen möchte ich da immer gerne einen Gegenchor anstimmen:

Eure Kinder werden so wie wir,
so mit Rosenkranz und Skapulier!

Zum andern finde ich Bobis „Verhörer“ nicht nur lustig, sondern auf eine schlimme Weise wahr. Die Leute, die sich dem Marsch für das Leben grölend, lärmend, blockierend und gewaltbereit entgegenstellen, dulden keine Meinung als die ihre. Und ja: Sie kontrollieren gern. Nicht so sehr sich selbst, aber die Gesinnung anderer. Es ist die gleiche Meute, die schon mal Lokalverbote ausspricht, wenn jemand vor der Mahlzeit still betet, die den zivilen Ungehorsam eines Apothekers, der keine „Pille danach“ verkauft, mit Fassadenbeschmieren und Einwerfen des Schaufensters quittiert, die Menschen den Zutritt zu als öffentlich angepriesenen Podiumsdiskussionen verbieten, weil diese Menschen eben auch mal positiv über Lebensschutz bloggen, die Kirchen beschmiert und auch schon mal in die Räume einer Lebensschutzorganisation einbricht und die Kleiderkammer für Babys und Schwangere verwüstet.

Von diesen Leuten, diesen Gesinnungsschnüfflern mit ihren Blockwart- und SA-Methoden, werden Lebensschützer als „Nazis“ beschimpft. Aber nicht die Lebensschützer propagieren das Ermorden kranker, behinderter oder auch nur irgendwie „unpassender“ Kinder sowie Gewalt gegen Andersdenkende – sondern gerade diese Pöbler tun es.

Der Verhörer „Eure Kinder werden kontrolliert“ hat durchaus einen Wahrheitsgehalt. Diese Leute möchten gerne kontrollieren. Wer von ihrer Norm abweicht, wird auch schon mal existenziell bedroht.

Zuletzt aber will ich noch etwas Positives schreiben. Zu den vielen, vielen Dingen, von denen die Pöbler gegen den Marsch für das Leben keine Ahnung haben, gehören ihre Menge und Wirkmächtigkeit. Sie waren heuer zwei- bis dreihundert. Diese Menge reicht aus, um einen älteren Herrn zu Boden zu bringen. Das ist schlimm genug, und ich hoffe, die Schuldigen werden sich dafür vor Gericht verantworten müssen. Aber selbst wenn das nicht geschieht, bleiben diese Krakeeler doch eine Gurkentruppe.

Liebe Krakeeler, geht zu Frau Kahane und heult Euch an ihrer Brust aus. (Dieser Artikel verdankt seine Entstehung ihr und anderen Politikern, die in den letzten Tagen Sympathie für die Störer einer genehmigten Versammlung unter freiem Himmel öffentlich geäußert haben.) Ihr habt keine Chance gegen die Wahrheit. Ihr hättet noch nicht mal dann eine Chance, wenn Ihr endlich mal eine ordentliche Stimmbildung machen würdet und man Eure Slogans von vorvorgestern wenigstens akustisch verstehen könnte. Ihr könnt uns nerven, zu Boden schmeißen, verleumden und vielleicht in irgendeiner demokratielosen Zukunft sogar in den Knast bringen, weil wir nicht Eurer Meinung sind. Aber eine prinzipiell chancenlose dumme Bande bleibt Ihr dennoch. Deshalb gibt es auch extra für Euch einen neuen tag: Babykiller fallen mir auf die Nerven.

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Ein friedlicher Marsch mit unfriedlicher Begleitung

Ich hatte heuer wieder Ordnerdienst beim Marsch für das Leben. Vorher war ich bei einem Engelamt in St. Marien Behnitz, wo wir für die getöteten Kinder beteten und auch für alle, die abgetrieben haben oder Abtreibungen unterstützen.

St Marien Behnitz

Es war eine schöne, feierliche Messe – wobei in die Kirche durchaus noch mehr Menschen gepasst hätten. Gesungen wurde unter anderem mein im vergangenen Jahr genau hierfür geschriebener

Choral für die Ungeborenen
Melodie: Aus tiefer Not

Die Kinder, die vom Mutterschoß
Aus dieser Welt genommen,
Betrogen um ihr Menschenlos –
Herr, lass sie zu Dir kommen!
Neig ihnen zu Dein Angesicht,
Lass leben sie in Deinem Licht,
Gib ihren Seelen Frieden.

Die Menschenknospen, wehrlos klein,
Zerrissen, ungeboren,
Sie lebten durch Dein Wort allein –
Herr, gib sie nicht verloren!
Wo Menschenschuld den Tod gebracht,
Erweise Deine Lebensmacht,
Führ sie zur ewgen Freude.

Führ auch an Deiner Vaterhand
Auf Deine guten Wege,
Die diesen Kleinen aberkannt
Die Liebe und die Pflege.
Geh nicht an ihrer Not vorbei,
Lass sie bekennen und verzeih,
Gib ihren Seelen Frieden.

© Claudia Sperlich

Wie immer war der Marsch gesäumt von grölenden Gegnern, und wie immer brüllten sie Parolen, die ich schon doof fand, als ich dreizehn Jahre alt war und glaubte, die Möglichkeit der Abtreibung müsse es halt geben. Daß man mit dreizehn bis siebzehn Jahren erheblich gescheiter sein kann als ich damals und die Gegendemonstranten jetzt, bewiesen die vielen jugendlichen Teilnehmer des Marsches.

Am Hauptbahnhof (wo es diesmal losging) standen schon einige Gegendemonstranten. Eines der Transparente trug die Aufschrift „Der Kampf geht weiter – RAF Berlin“. Keiner der Gegendemonstranten fühlte sich dadurch gestört.

Es wurden wie in jedem Jahr bewegende Zeugnisse abgelegt, auch von einem Mann, dessen Jugendfreundin abgetrieben hatte, ohne ihm etwas zu sagen – und der um das Kind trauerte.

Marsch für das Leben 2018

Entgegen meiner pessimistischen Schätzung waren 5000, nach anderen Angaben 7000 Menschen für das Leben auf der Straße – und auf der Gegenseite ein paar hundert. Vom Marsch für das Leben ging wie immer keine Gewalt aus; bei dem Versuch, die Route zu blockieren, schubsten Gegendemonstranten einen älteren Mann zu Boden. (Übrigens ließ die einzige Sitzblockade die Bürgersteige auf beiden Seiten brav frei. Ich bemerkte sie überhaupt erst rückblickend.)

Eine besonders schöne Reaktion auf die Gegendemonstranten sah ich bei einer alten Frau. Sie hatte einen Rosenkranz in der Hand und zeichnete vor einer ganzen Reihe Krakeeler beständig das Kreuz in die Luft, küsste dann jedesmal das Kruzifix, dies alles in einer fast sachlich wirkenden Art, ohne irgendwie frömmlerisch zu wirken. Sie segnete die, die ihr fluchten – ganz wörtlich, ganz unbeirrt von allem Geschrei.

Ein Gegendemonstrant schwang eine Rede, von der ich nur einige Sätze mitbekam. Er war gegen Unterdrückung von Frauen, gegen Krieg und gegen Ungerechtigkeit. Also eigentlich vernünftig genug, um auf unserer Seite mitzugehen – sollte man meinen. Wenn er nicht leider auch dafür wäre, eine ganze Menge Frauen in einem frühen Entwicklungsstadium zum Abschuß freizugeben.

Was die in der Gegendemonstration immer auftauchende Obszönität mit dem Recht auf irgendwas zu tun hat, weiß ich nicht. Diesmal: Zwei Frauen (ich bin ziemlich sicher, daß es Frauen waren) in Clownskostümen, mit vorgeschnallten Gummipenissen, so tuend, als befriedigten sie sich selbst. Was will man uns damit sagen? „Wichsende Clowns fordern ein Recht auf Abtreibung“? Da ist was dran, irgendwie. Liebe Abtreibungsbefürworter, ich werde Euch künftig (um ein böses Wort nicht auszusprechen) kurz als WC bezeichnen.

Marsch für das Leben 2018

Wie immer gab es einen ökumenischen Abschlussgottesdienst – dem ich leider kaum folgen konnte, ich war schlichtweg zu ausgelaugt. Aber einige mehr oder minder weitgereiste Freunde (Tegel, Düsseldorf und andere Orte) überzeugten mich, danach noch in einen Biergarten zu gehen. Das war ein schöner Ausklang eines für mich teilweise ziemlich anstrengenden, aber wichtigen Tages.

Und was bringt das Ganze jetzt? Wird nicht weiter abgetrieben, egal was wir tun?

In dem ein oder anderen Menschen (mir, zum Beispiel) gibt es durchaus eine Besinnung und Wandlung. Aber auch wenn immer weiter getötet wird, selbst wenn sich herausstellen sollte, daß der Marsch für das Leben gar nichts „nützt“, werde ich weiter auf die Straße gehen, um zu sagen: Ich will nicht, daß ein Unrecht als Recht deklariert wird.

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Marsch für das Leben: eine kleine Änderung

Natürlich findet morgen der Marsch für das Leben in Berlin statt.
Die Uhrzeit stimmt auch noch: Um 13.00 Uhr geht es los.

Ort der Anfangskundgebung ist nicht vor dem Reichstag, sondern auf dem Washingtonplatz direkt vor dem Berliner Hauptbahnhof!

Am Reichstag werden Helfer zugegen sein, um die, die das nicht wissen, zum Washingtonplatz zu lotsen. Aber es wäre schon fein, wenn die Helfer damit nicht zu viel zu tun haben.

Also bis morgen, auf dem Washingtonplatz!

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Aber dann gibt es wieder Engelmacherinnen!

Das Argument scheint so plausibel. Ich habe es auch lange Zeit geglaubt. Wenn es keine Möglichkeit der legalen oder (wie in Deutschland) zwar illegalen, aber in der Regel straffreien Abtreibung gibt, dann wird es im Hinterzimmer gemacht, heimlich und unter hohem Risiko für die Frauen.

Das Argument ist aus mehreren Gründen unsinnig.

1. Die Tötung eines Menschen zulassen, weil sie sonst für die Auftraggeber mit höherem Risiko behaftet wäre, ist erkennbar schlecht. Das Alter des zu Tötenden spielt dabei keine Rolle. Die meisten Menschen werden einsehen, daß es ungut ist, den Mord an der schrulligen und unbequemen alten Tante zu legalisieren mit der Begründung, Killer seien so unsicher, und es könnte sich zudem auch nicht jeder einen Killer leisten und müsse es am Ende selber machen. Ist das potentielle Opfer ein Mensch vor der Geburt, wird das weniger leicht verstanden. Ein prinzipieller Unterschied besteht aber nicht.

2. Der Aufwand, Kinder am Leben zu erhalten und ihren Müttern und Vätern nach Kräften zu helfen, mag größer sein als der Aufwand der Abtreibung. Aber abgesehen davon, daß es unanständig ist, einen Menschen auf die durch ihn entstehenden Kosten zu reduzieren, haben Abtreibungen in der Regel einen negativen Einfluß auf die betroffenen Mütter (und auch auf die Väter) sowie auf die durchführenden Ärzte. Niemand steckt ohne weiteres weg, ein Menschenleben vernichtet zu haben. Zwar glaube ich, die meisten Abtreibungsärzte sind ehrlich überzeugt, den Frauen zu helfen, und viele Frauen glauben wirklich, die Abtreibung ihres Kindes sei eine gute Entscheidung. Dazu müssen sie aber vor sich selbst so tun, als hätten sie nicht einen unschuldigen Menschen beseitigt. Man nennt das Selbstbetrug; die Folgen davon sind verheerend.
Realismus kann schmerzhaft sein, Selbstbetrug ist zerstörerisch.

3. Menschen, die nach einem abgetriebenen Geschwisterkind geboren werden, werden sich irgendwann fragen: „Wieso lebe ich, und wieso lebt mein älteres Geschwisterkind nicht?“ Sie werden sich zumindest zeitweise selbst antworten: „Ich bin nur ein Ersatz.“ Dies Gefühl, so unberechtigt es ist, kann sehr hartnäckig und sehr quälend sein, auch wenn man von seinem abgetriebenen Geschwisterkind erst im Erwachsenenalter erfährt. Es kann Depressionen erzeugen oder fördern.

4. Gerne wird so getan, als gebe es überhaupt keine Möglichkeit außer „Abtreiben, so oder so“. Das ist erkennbar Unfug. Die Alternative zur Abtreibung heißt Austragen. Das ist zweifellos beschwerlich, aber es ist die einzige Alternative zur Tötung eines Unschuldigen. Es gibt Möglichkeiten, das Kind dann in Pflege zu geben oder zur Adoption freizugeben; es gibt Wege, Hilfe zu bekommen, wenn man das Kind behalten möchte und sich doch überfordert sieht. Verbesserungswürdig sind die bestehenden Möglichkeiten sicher; es gilt hier, reichlich bürokratische Hürden abzubauen und auch von staatlicher Seite eine kinderfreundliche Atmosphäre zu schaffen. Auch ist es notwendig, sich auf die gar nicht staatliche Pflicht zur Nächstenliebe zu besinnen und Müttern und Kindern in Not zu helfen, so gut es geht – aber auch, sich helfen zu lassen. Zahlreiche Lebensschutzorganisationen bieten praktische Hilfe. Kinderausstattungen werden oft sehr günstig oder auch kostenlos angeboten. Mehrmals habe ich erlebt, daß durch einen Aufruf in einer Facebook-Gruppe innerhalb weniger Stunden alles beisammen war, was Mutter und Kind in den ersten Wochen brauchen.
Die Möglichkeit, das Kind nicht zu töten, besteht immer.

***

Am kommenden Samstag, dem 22. September 2018, ab 13.00 Uhr, findet der Marsch für das Leben in Berlin statt.

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Wochenkommentar vor dem Marsch für das Leben

Auf Radio Horeb ist mein Wochenkommentar zu hören – wie immer auch als Podcast.
Es geht um Abtreibung, Selektion, Euthanasie und ähnlich scheußlichen Umgang mit Menschen.

Wer mag, ist vorher herzlich eingeladen, an einem Seelenamt für die Ungeborenen teilzunehmen: 22. September, 10.00 Uhr in St. Marien am Behnitz, Berlin-Spandau, Behnitz / Ecke Am Juliusturm. Von dort brauchen Sie mit den Öffentlichen eine Dreiviertelstunde zum Reichstag, haben also bequem Zeit.

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An meinen Cappuccino

O milchgeschäumtes Herz im Kaffeehafen!
O schwärzlichbrauner Wachtrunk meiner Seele!
Du gibst, daß ich den Schreibtisch nicht verfehle,
Du lässt mich schreiben und nicht etwa schlafen!

Du rinnst so sanft durch die geschundne Kehle,
Du milderst harter Arbeit lange Strafen,
Und wo dich eines Kekses Krümel trafen,
Wächst mir ein Jubel, den ich nicht verhehle.

Den Cappuccino achtet nicht gering,
Er kann im Frieden Schwarz und Weiß vermählen
Will vom Geschmack der Liebe uns erzählen.

Zwar ist auch er vergänglichs Menschending,
Und einst vergehen selbst die Kaffeebohnen,
Doch in der Zeit soll ihn mein Lied belohnen!

© Claudia Sperlich

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Heilige Hildegard

Melodie: Mein schönste Zier und Kleinod (GL 361)

Ein grüner Zweig an Gottes Baum,
die Augen voll von Himmelstraum,
war Hildegard von Bingen,
von Gott gestellt in diese Welt,
zu lehren und zu singen.

Sie war nicht scheu vorm Kaiserhaus
und sprach die Wahrheit frei heraus:
Gott sollst du nie verschmähen!
Du Fürst und Knecht, gib Gott das Recht!
Auf Ihn nur sollst du sehen.

O Kraft der Weisheit, die die Welt
umschließt, behütet und erhält
mit ihren goldnen Schwingen,
so Erdenlast wie Himmelsrast
wird durch sie wohl gelingen.

Ein helles Licht voll Heiterkeit
wird strahlen in der Ewigkeit
von Gott für all die Seinen.
Die Seele hat in Gottes Stadt
ein Haus von Edelsteinen.

Von ungemessner Tiefe an
bis über aller Sterne Bahn
gehn Liebe und Erbarmen.
Die Liebe hält die ganze Welt
in ihren schönen Armen.

aus: Lass mich bekennen Deine Mandelblüte. Gedichte, tredition 2015

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Gebet

Mein Gott, bitte hilf uns.

Deine Kirche zerfällt. Deine Kinder werden heimatlos. Streit überschwemmt alle Gespräche.
Schuld sind abgrundböse Menschen, die Deine Diener sein sollen und stattdessen dem Satan dienen. Hirten, die ihnen anvertraute Schafe schlachten und fressen.
Jesus Christus, Deine Braut ist ein Flittchen geworden, das sich fremden Göttern an den Hals wirft, und dies ist die Konsequenz.

Mein Gott, alle Gläubigen leiden. Gespräche werden zu Zank, Zweifel zu Zorn, Freunde verstehen einander nicht mehr, Trauer und Angst überschatten alles. Christi Stellvertreter redet, wo er schweigen sollte, und schweigt, wo er reden sollte, und Deine Kinder zerstreiten sich über ihn. Die einen nehmen seine Fehler und Schuld zum Anlaß, ihn vollends abzulehnen und sein Amt mit ihm; die anderen wollen alles entschuldigen und übertünchen. Wer versucht, maßvoll zu bleiben, und vielleicht gar zugibt, nicht alles beurteilen zu können, wird von beiden Seiten niedergemacht.

Du hast versprochen: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.
Und ich denke: Wie hältst Du es aus in dieser Kirche, Deiner Braut? Ekelst Du Dich nicht, wenn Du im Tabernakel ausharren musst?

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Autogenes Training im Wettkampfmodus – Josef Bordats Satiren

Fleißige Leser von Josef Bordats Blog werden viele der Satiren wiedererkennen. Aber zum einen schadet es nichts, wirklich gute Satiren mehrmals zu lesen, zum anderen gibt es ja auch immer noch Menschen, die keine Blogs lesen, und schließlich ist es äußerst cool, ein Buch mit dem Konterfei eines Philosophen in der Hand zu halten und beim Lesen still zu lächeln und manchmal zurückhaltend aufzulachen. Glauben Sie mir: In den Öffentlichen zieht man damit die Blicke auf sich, auch wenn man sonst optisch nicht viel hermacht. Ich weiß es.

Autogenes Training im Wettkampfmodus. Satiren heißt ein hochkomisches Buch mit ernstem Unterton des katholischen Philosophen und Bloggers Josef Bordat, erschienen im schweizerischen Alverna-Verlag. Wegen des titelgebenden Textes empfehle ich Therapeuten, dies Buch nur zu kaufen, wenn sie wirklich Humor haben, also auch dann, wenn es um sie selbst geht.

In vierzehn Kapiteln über Wissenschaft, Terror, Fußball, Religion, das Finanzamt und andere belachens- und beweinenswerte Dinge schreibt Josef Bordat in prosaischer, dramatischer und zuweilen lyrischer Form, manchmal auch in aphoristischer Kürze und immer mit Geist und Witz. Das Fußball-Kapitel werden Fußballfans vermutlich mit mehr Sachverstand lesen als ich, aber zwei Abschnitte daraus sind auch Menschen wie mir (Wissensstand: Es geht darum, einen Ball in ein Tor zu bringen, und zwar ohne die Hände zu benutzen) völlig zugänglich, nämlich des Autoren verzweifelter Versuch, seiner Frau zu erklären, wie beim Europapokal die Tore berechnet werden und warum („Europapokalarithmetik“), und welche Mittel notwendig sind, um an ein seltenes Sammelbild für den kleinen Verwandten zu kommen („Träsch, Christian“).

Die innig geliebte Nichte auf der anderen Seite der Erde kann nicht einsehen, daß da, wo ihr Onkel ist, gerade Nacht ist, daß das ziemlich weit weg ist und daß es nicht zu ändern ist. Wie der Onkel vollkommen scheitert, ihr dies auf pädagogisch wertvolle Art beizubringen und möglichst bald schlafen zu gehen, liest sich hochkomisch – und zugleich nicht ohne Tiefe. Ein kleines Kind im Gespräch mit einem Philosophen: Man ahnt, das ist ein großes Thema.

Ein harter Kontrast zu diesem freundlichen Einstieg in das Kapitel „Blut und Bande. Über familiäre Angelegenheiten“ folgt unmittelbar mit zwei Abschnitten über Leihmutterschaft und in-vitro-Fertilisation – dem Monolog eines Leihmuttervermittlers und der Rezension zweier fiktiver Kinderbücher (oder sagen wir mal, ich hoffe irgendwie immer noch, daß sie fiktiv sind). Diese beiden Texte sind die härtesten im ganzen Buch – die Normalisierung der Menschenmacherei ist ganz und gar nicht komisch, aber, wie Bordat beweist, dennoch satirefähig.

Und was für ein Computerspiel schenkt der Philosoph seinem Neffen zu Weihnachten? Ganz ehrlich – so gut wie das, was Bordat da erdacht hat, sind Computerspiele eigentlich meistens nicht. „Da musst Du gucken, dass Du bei einer Gemeinschaftsarbeit als Autor genannt wirst. Je mehr Kollegen Du erschießt, desto weiter rückst Du nach oben!“ Ich würde es mir sofort kaufen.

Soziologensprech, Spammails und Neohumanismus bekommen gleichermaßen ihr Fett weg, und das mit Recht und Witz. Die niederrheinische Heimat des Autors (Hömma, wie is dat mit der niederrheinischen Heimat des Autors?) wird in einer absurden Sprachminiatur dargestellt. Die denglische Sprachverhunzung wird knapp und komisch auf die Schippe genommen: „So war ich im Facility Management als Junior Assistant tätig, also, ich hab dem Hausmeister sein Bier gebracht…“

Sehr lustig ist auch „Geheimnisvolles Peru“, wo es um eine Exegese der Sprache geht: „„Ahora“ … heißt eigentlich „jetzt“, „gleich“, „umgehend“, meint aber: „In drei Stunden“. Wenn bis dahin nichts dazwischen kommt. In der Regel kommt etwas dazwischen. Im interpretierten Wörterbuch findet sich hier ein Querverweis auf „planificar“ (eigentlich „planen“, wirklich: „sich nachträglich eine Begründung ausdenken, warum man spontan etwas völlig anderes macht als vorgesehen“).“

Mein Favorit unter Bordats Satiren findet sich im Kapitel „Bildungsmisere. Über lebenslanges Lernen. Und wie man trotzdem zum Arbeiten kommt“, ist viereinhalb Seiten lang und heißt „Wie man Bildungsdefizite ausgleicht“. Hier geht es gleich um mehrere Dinge, die ich mit dem Autor teile: die Überzeugung, von den meisten Leuten für weit gebildeter gehalten zu werden, als ich tatsächlich bin (ich bin es ja kaum), die Peinlichkeit, die es verursacht, arrivierten Altphilologen gegenüberzusitzen, und der stille Triumph, wenn nicht mal diese meinen (oder halt Bordats) Namen richtig aussprechen können. Wie man hier Bildung von der gleichen Art wie die des Gegenübers vortäuschen kann, beschreibt Josef Bordat (ich schreibe seinen Namen richtig!) anschaulich, ich verrate es aber nicht, Sie sollen das Buch ja kaufen. Nur so viel: Der Trick ist ebenso einfach wie genial.

Josef Bordat: Autogenes Training im Wettkampfmodus. Satiren. Alverna Verlag 2018, 252 S.

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