Aber dann gibt es wieder Engelmacherinnen!

Das Argument scheint so plausibel. Ich habe es auch lange Zeit geglaubt. Wenn es keine Möglichkeit der legalen oder (wie in Deutschland) zwar illegalen, aber in der Regel straffreien Abtreibung gibt, dann wird es im Hinterzimmer gemacht, heimlich und unter hohem Risiko für die Frauen.

Das Argument ist aus mehreren Gründen unsinnig.

1. Die Tötung eines Menschen zulassen, weil sie sonst für die Auftraggeber mit höherem Risiko behaftet wäre, ist erkennbar schlecht. Das Alter des zu Tötenden spielt dabei keine Rolle. Die meisten Menschen werden einsehen, daß es ungut ist, den Mord an der schrulligen und unbequemen alten Tante zu legalisieren mit der Begründung, Killer seien so unsicher, und es könnte sich zudem auch nicht jeder einen Killer leisten und müsse es am Ende selber machen. Ist das potentielle Opfer ein Mensch vor der Geburt, wird das weniger leicht verstanden. Ein prinzipieller Unterschied besteht aber nicht.

2. Der Aufwand, Kinder am Leben zu erhalten und ihren Müttern und Vätern nach Kräften zu helfen, mag größer sein als der Aufwand der Abtreibung. Aber abgesehen davon, daß es unanständig ist, einen Menschen auf die durch ihn entstehenden Kosten zu reduzieren, haben Abtreibungen in der Regel einen negativen Einfluß auf die betroffenen Mütter (und auch auf die Väter) sowie auf die durchführenden Ärzte. Niemand steckt ohne weiteres weg, ein Menschenleben vernichtet zu haben. Zwar glaube ich, die meisten Abtreibungsärzte sind ehrlich überzeugt, den Frauen zu helfen, und viele Frauen glauben wirklich, die Abtreibung ihres Kindes sei eine gute Entscheidung. Dazu müssen sie aber vor sich selbst so tun, als hätten sie nicht einen unschuldigen Menschen beseitigt. Man nennt das Selbstbetrug; die Folgen davon sind verheerend.
Realismus kann schmerzhaft sein, Selbstbetrug ist zerstörerisch.

3. Menschen, die nach einem abgetriebenen Geschwisterkind geboren werden, werden sich irgendwann fragen: „Wieso lebe ich, und wieso lebt mein älteres Geschwisterkind nicht?“ Sie werden sich zumindest zeitweise selbst antworten: „Ich bin nur ein Ersatz.“ Dies Gefühl, so unberechtigt es ist, kann sehr hartnäckig und sehr quälend sein, auch wenn man von seinem abgetriebenen Geschwisterkind erst im Erwachsenenalter erfährt. Es kann Depressionen erzeugen oder fördern.

4. Gerne wird so getan, als gebe es überhaupt keine Möglichkeit außer „Abtreiben, so oder so“. Das ist erkennbar Unfug. Die Alternative zur Abtreibung heißt Austragen. Das ist zweifellos beschwerlich, aber es ist die einzige Alternative zur Tötung eines Unschuldigen. Es gibt Möglichkeiten, das Kind dann in Pflege zu geben oder zur Adoption freizugeben; es gibt Wege, Hilfe zu bekommen, wenn man das Kind behalten möchte und sich doch überfordert sieht. Verbesserungswürdig sind die bestehenden Möglichkeiten sicher; es gilt hier, reichlich bürokratische Hürden abzubauen und auch von staatlicher Seite eine kinderfreundliche Atmosphäre zu schaffen. Auch ist es notwendig, sich auf die gar nicht staatliche Pflicht zur Nächstenliebe zu besinnen und Müttern und Kindern in Not zu helfen, so gut es geht – aber auch, sich helfen zu lassen. Zahlreiche Lebensschutzorganisationen bieten praktische Hilfe. Kinderausstattungen werden oft sehr günstig oder auch kostenlos angeboten. Mehrmals habe ich erlebt, daß durch einen Aufruf in einer Facebook-Gruppe innerhalb weniger Stunden alles beisammen war, was Mutter und Kind in den ersten Wochen brauchen.
Die Möglichkeit, das Kind nicht zu töten, besteht immer.

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Am kommenden Samstag, dem 22. September 2018, ab 13.00 Uhr, findet der Marsch für das Leben in Berlin statt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Aber dann gibt es wieder Engelmacherinnen!

  1. akinom schreibt:

    „Ich bin ein Bärliner. Und du?“ So wirbt „Klein-Gustav“ von 1000plus für den Verdopplungsfond Berlin 2018 der „Stiftung ja zum Leben“, bei dem jede Spende bis zum 31. Oktober automatisch durch einen Kreis von Unterstützern verdoppelt wird. „Gustav“ wirbt für ein 1000plus-Beratungszentrum in Berlin und zitiert die „Berliner Zeitung“: „In Berlin haben schwangere Frauen im vergangenen Jahr täglich im Schnitt 25 Babys abtreiben lassen. Gemessen an den Geburten gab es in der Hauptstadt bundesweit die meisten Schwangerschaftsabbrüche, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Insgesamt ließen Frauen in Berlin 9289 Schwangerschaften vorzeitig abtreiben. Auf 1000 Geburten kamen 232 Abtreibungen. Deutschlandweit lag der Schnitt bei 132 Abtreibungen je 1000 Geburten.“… Das lässt erschauern. Dabei denkt niemand mehr an die vielen Ungeborenen, die durch die „Pille danach“ ums Leben kommen….

    • akinom schreibt:

      Eine Frage, die ich mir noch nie gestellt habe: Gibt es wohl Mütter, die bedauern, nicht abgetrieben zu haben? Darf eine solche Frage überhaupt gestellt werden? Ist sie political correct?
      Ich wünsche mir eine Gruppe von Frauen nicht nur beim „Marsch für das Leben“, die sich mit ihren Kindern (und Partnern) plakativ dazu bekennen, sich aller Bedrängnis zum Trotz für die Geburt entschieden zu haben. Was sind das doch für Heldenmütter!

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