Felix I.

Am 5. Januar 269 wurde der Römer Felix als Amtsnachfolger des zehn Tage vorher verstorbenen Dionysius zum Papst gewählt.

Politisch sah es so aus: Claudius Gothicus war zu Beginn des Pontifikats des Felix als Kaiser militärisch erfolgreich, in seinem Verhältnis zum Christentum wohl zumindest nicht ganz fürchterlich, aber die frühesten Berichte über ihn sind unzuverlässig, da idealisierend. Er starb bereits im Sommer 270, und auf die sehr kurze und heftig umstrittene Regierung des Quintillus folgte im selben Jahr Kaiser Aurelian, der den Kult des Sol Invictus („Unbesiegte Sonne“) förderte, nicht nur aus religionspolitischem Kalkül, sondern aus ehrlichem Glauben. Christen ließ er unterdrücken, und zumindest die Hinrichtung der Heiligen Columba fällt in seine Regierungszeit. Er wurde 275 ermordet, möglicherweise weil sein Vorgehen gegen Korruption nicht allen passte. Außerdem gab es in diesen Jahren noch mehrere Gegenkaiser.

In dieser Zeit gab Papst Felix dem Brauch, an Märtyrergräbern die Messe zu feiern, offizielle Billigung. Der Brauch, Heiligenreliquien in Altären zu bergen, hat hier seinen Ursprung. Auch bestätigte er die Zweinaturenlehre, die wenige Jahrzehnte später von Athanasius von Alexandrien vollständig ausgearbeitet werden sollte. Zudem setzte er sich für verfolgte Christen ein. Felix I. starb nach fast fünfjährigem Pontifikat am 30. Dezember 274.

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Christiana von Lucca

Geboren wurde sie um 1237 in Santa Croce sull’Arno in der Toskana. Sie diente als Kind ihren Eltern als Viehhirtin, später einem Bürger in Lucca als Magd. Sie war von bemerkenswerter Frömmigkeit und quittierte obszöne Sprache in einer Weise, die ihre Umwelt zu anständiger Ausdrucksweise erzog: ein unanständiges Wort, und Oringa – so ihr Taufname – erbrach sich heftig.

Als Teenager entzog sie sich einer Zwangsheirat durch Flucht nach Lucca, angeblich indem sie trockenen Fußes einen Fluss überschritt. Sie wollte nur Christus als Bräutigam. Ausgerechnet in einem Pilgerhospiz erfuhr sie eine heftige Versuchung ihrer Reinheit, der sie durch die Hilfe zweier Engel widerstand. (Ob es sich dabei um einen tatsächlichen Angriff durch einen Mann mit mangelnder Selbstkontrolle oder um schwüles Kopfkino des jungen Mädchens handelte, geht aus den Acta Santorum nicht hervor – nur daß sie sich auf nichts Unreines, ob Realität oder Phantasie, einließ.) In Lucca trat sie in Dienst bei einem frommen Mann. Als Lohn verlangte sie nur wenig simples Essen und einen einfachen Umhang. Sie fastete viel; ihr Dienstherr musste sie zuweilen geradezu zum Essen nötigen und hatte dabei mäßigen Erfolg.

Der Heiligen wird ein erstaundliches Händchen mit Tieren nachgesagt: von ihr gehütete Rinder waren außergewöhnlich sanft; ein Hase verlor vor ihr alle Scheu. Sie war sehr hübsch und intelligent, zugleich aber äußerst bescheiden und hatte eine freundliche, fromme und gutherzige Art zu sprechen. Armen gegenüber war sie stets großzügig und verschenkte das bißchen, was sie besaß, mit vollen Händen. Obwohl sie als junge Frau weder lesen noch schreiben konnte, diskutierte sie mit gebildeten Männern in einer Weise, die sie beliebt und bewundert machte; die Männer fühlten sich durch Oringas Erklärungen zu biblischen Texten bereichert.

Auf einer Pilgerreise hatte sie Visionen vom Erzengel Michael, der sie ermutigte, nach Rom zu gehen. Dort lernte sie den Minoriten Frater Rinaldus kennen, der ihre außerordentliche Klugheit und Frömmigkeit erkannte und eine freundliche Witwe namens Margarita bat, sie in ihre Familie aufzunehmen. Sie wurde nun von allen Christiana genannt und behielt diesen Namen.

Margarita und Christiana pilgerten nach Assisi, um das Grab des Heiligen Franziskus zu besuchen. Wieder hatte Christina prächtige Visionen, aufgrund derer sie 1286 in ihrer Heimatstadt das Augustinerinnen-Kloster Santa Maria Novella errichtete (wohl durch Spenden, die sie selbst sammelte) und dem Orden beitrat.

Keine der Ordensschwestern in Santa Maria Novella konnte lesen. Auf wunderbare Weise brachte die Gottesmutter der Christiana in einer Nacht das Lesen bei (und selbst wenn es nicht ganz so schnell ging wie die Legende behauptet: mit über 46 Jahren mal eben Lesen lernen ist wunderbar genug). Nun war Christiana imstande, allen Schwestern dies Wissen weiterzugeben. Auf gleiche Weise lerne Christiana Notenlesen und Singen, und zwar so ausgezeichnet, daß sie nicht nur den Ordensschwestern, sondern auch Männern Gesangsunterricht erteilte.

Ihr wurden bereits zu Lebzeiten zahlreiche Wunder zugeschrieben. Sie hatte viele Visionen, die von einer starken Liebe zum Herrn sprechen. Etwa 70jährig wurde sie gelähmt und verbrachte die folgenden drei Jahre im Bett. 1310 starb sie, dem Vernehmen nach mit einem strahlenden Lächeln.

Quelle: Acta Sanctorum

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Heiligster Name Jesu

So heißt das Fest, das die katholische Kirche heute begeht. Zur Geschichte des Festes – mit knapp fünfhundert Jahren aus kirchlicher Sicht noch recht jung – gibt Wikipedia Auskunft.

Es war im antiken Israel üblich, Kindern „sprechende“ Namen zu geben, die gewissermaßen Lebensprogramm sein sollten. Jeschua (latinisiert Jesus) heißt „Gott rettet“. Jesus, der Gott ist, rettet – darin sind Christen sich einig. Warum aber heißt Er nicht Immanuel, „Gott ist mit uns“? Jesaja kündet doch:

Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.

Jes. 7,14

Matthäus bestätigt das und ändert den Text des Propheten ein wenig: Jesaja sagt „die Jungfrau … wird ihm den Namen Immanuel geben“; bei Matthäus heißt es „sie werden Ihm den Namen Immanuel geben“; er kündigt also an, daß man diesen Jesus als den verheißenen Immanuel erkennen wird.

Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; Ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn Er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Siehe: Die Jungfrau wird empfangen / und einen Sohn gebären / und sie werden Ihm den Namen Immanuel geben, / das heißt übersetzt: Gott mit uns. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab Ihm den Namen Jesus.

Mt. 1,21-25

Joseph handelt bei der Namensgebung nicht eigenmächtig; Maria wurde ja schon vorher von einem Engel besucht, der ihr diese Namensgebung befahl.

Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben.

Lk. 1,26-31

Das Matthäusevangelium schließt mit den Worten des Auferstandenen:

Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu Meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was Ich euch geboten habe. Und siehe, Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Mt. 28,18-20

Der Mann, der „Gott rettet“ heißt und diesen Namen vollständig erfüllt, erklärt und bestätigt am Ende: Er ist für immer der „Gott ist mit uns“, der Immanuel. Er ist der, der den „Gottseibeiuns“ vollständig besiegt und vernichtet. Jesus ist Gott.

Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.

Apg. 4,12
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„Herr, lehre uns beten!“

Lukas 11,1 sagt es recht knapp:

Und es geschah: Jesus betete einmal an einem Ort; als Er das Gebet beendet hatte, sagte einer Seiner Jünger zu Ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat!

Ich habe für dieses Jahr hier einen Bibelvers gezogen, der mich durch das Jahr (oder wenigstens eine Weile) begleiten soll. Was mir beschert wurde, war die Einleitung zum Vaterunser und einer kurzen Katechese Jesu.

Den Ruf zu Gebet habe ich längst bekommen. Aber das heißt nicht, daß ich jetzt beten kann und gut. Die Jünger waren ja auch längst gewohnt zu beten, waren vermutlich alle mit einer lebendigen Gebetspraxis aufgewachsen (auch wenn wir nicht wissen, wie weit diese Praxis bei ihnen mit fest verankertem Glauben zu tun hatte und wie weit sie eben einfach befolgt wurde – das mag bei jedem der Zwölf ganz verschieden ausgesehen haben). Ich weiß, daß meine Gebetspraxis sich im Laufe der Jahre geändert hat, daß es von äußeren und inneren Umständen abhängt, ob ich konzentriert oder fahrig bete, ob ich Gebet aufsage oder verinnerliche, ob ich mir mehr oder weniger Zeit nehme. Damit bin ich wohl kaum ein Sonderfall!

Jesus war nie abgelenkt und nie in Eile. Die Jünger sahen, mit welcher Innigkeit, mit welcher Präsenz Er zum Vater betete, und das wollten sie auch können. Und Er sagte nicht „Ihr müsst euch in eine bestimmte Position bringen, auf eine bestimmte Art atmen, euch auf besondere Weise konzentrieren“ – sondern Er lehrte sie das Vaterunser: ein kurzes einleitendes Bekenntnis zum Vater im Himmel, der Wunsch, daß Gott (und keine anderen Götter) als der Heilige anerkannt werde, daß alles so geschehe, wie Er es will, daß wir das Lebensnotwendige bekommen, Vergebung erlangen und selbst vergeben, keine schädlichen Gedanken hegen und frei werden vom Bösen. Sehr kurz und völlig ausreichend.

Bibliotheken wurden über dies kurze Gebet vollgeschrieben. Dagegen ist nichts zu sagen, allerdings ist Jesu folgende Katechese nicht eine Auslegung der einzelnen Sätze, sondern ein Appell, beim Beten zu vertrauen. Wie sehr ich diesen Appell nötig habe, wurde mir vor einigen Monaten klar, als ich betete: „Herr, wenn Du kannst, befrei uns von Corona.“ Unmittelbar darauf wurde mit klar, was ich da gesagt hatte, und ich stellte mir vor, wie der Herr amüsiert und gedehnt wiederholte: „Wenn Ich kann, Tochter?“ Ich hätte beinahe laut losgelacht über mich selbst (mit Rücksicht auf andere Beter ließ ich es bleiben).

Ich bin bezüglich Gebet ein Lehrling. Wenn man etwas lernt, ist das Wichtigste Fleiß und Interesse; nicht einmal Gott kann jemanden beten lehren, der das nicht lernen will. (Allerdings kann Er unvermutet einen Anstoß dazu geben, es nun wirklich lernen zu wollen – aber man bleibt in seiner Entscheidung immer frei.) Gott hört und sieht als liebevoller und geduldiger Lehrmeister nicht nur das innige, konzentrierte, von Vertrauen und Liebe durchdrungene Gebet, sondern auch das fahrig heruntergehaspelte. Er schenkt Geduld und Vertrauen. Er hört jeden Beter.

Für dies Jahr nehme ich mir vor, das Gebet immer weiter zu lernen und zu vertiefen. Auf meinen Lehrmeister kann ich mich verlassen und will das Meine dazu tun, so gut ich kann. Vielleicht ist es ja auch für den ein oder anderen Leser den Versuch wert, einen Bibelvers zu ziehen – oder sich von „meinem“ Vers ansprechen zu lassen.

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Zum Neujahr 2022

Gott, mit Deinem Schutz und Segen
Will ich mutig gehn ins Neue,
Altes gern ad acta legen.

Gib mir, daß ich Dir zur Ehre
Mich vor Lästigem nicht scheue,
Gegen Mühsal mich nicht wehre!

Lehr uns lieben, schenk uns Frieden!
Wo wir Böses tun, gib Reue,
Lass kein neues Unheil schmieden!

Gib uns Brot, daß wir es teilen,
Wein, der unser Herz erfreue,
Gib, daß alle Wunden heilen.

@ Claudia Sperlich
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Silvester 2021

Auf das vergangne Jahr blick ich mit Dank und Trauer,
Erleichterung und Schwermut, auch mit Zorn,
Blick zweifelnd dann und hoffnungsvoll nach vorn
Und bitte: Gib der Seuche keine Dauer!

Kaum einer blieb dies Jahr ganz ungeschorn.
Die Stimmung sank. Der Umgang wurde rauher,
Und mancher Irrtum steht wie eine Mauer.
Viel Leben und viel Freude ging verlorn.

Viel Helfer gab es und viel neues Wissen.
Auch Schönes, Gutes, Frohes hat's gegeben,
Und, Dank sei Gott, all meine Freunde leben!

Um so ein Jahr hat niemand sich gerissen,
Und doch war es ein Jahr aus Gottes Händen,
Begann in Ihm und darf in Ihm nun enden.

© Claudia Sperlich
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Diskussionsmethoden in der Krise

Es ist fast unmöglich geworden, sachlich zu diskutieren. Dabei muss das Thema nicht einmal die allgegenwärtige Corona sein; Klimawandel, Naturschutz, Religion, Medizin, Gesundheit, Kindererziehung, Geschichte und Politik eignen sich auch sehr zu in erbitterten Streit ausartende Debatten, und selbst bei Themen wie Kochen oder Second-Hand-Gruppen habe ich schon unfreundliche Grundsatzdiskussionen erlebt. Statt nun die Regeln der fairen Diskussion zu lernen, werden die Diskussionen immer genervter und aggressiver. Nachfrage regelt das Angebot, und so gebe ich hier eine Handreichung für die schnelle und effektive Vergrämung von Diskussionspartnern.

Whataboutism tötet eine Diskussion schnell. Ein Gesprächspartner sagt: „Jetzt haben wir in zwei Jahren Corona schon über 5 Millionen Tote.“ Ein anderer: „Und noch viel mehr Menschen werden abgetrieben!“ Ein Dritter: „Darum geht es doch gar nicht!“ Der zweite: „Du bist ja total herzlos!“ Und schon hat man die Diskussion um Schutzmaßnahmen in der Pandemie getötet zugunsten einer Diskussion um Abtreibung, und jeder, der jetzt gerade lieber über Corona reden wollte, gilt als Befürworter von Abtreibungen. Nebenbei entsteht eine giftige Debatte, ob Lebensschützer sich eigentlich um geborene Kinder kümmern. (Ja, tun sie, aber das gehört jetzt gerade wirklich nicht hierher.) Whataboutism funktioniert am besten, wenn man auf ein etwa gleich wichtiges Thema ablenkt. „Die Milch ist auch teurer geworden“ ist als Nebenthema ungeeignet, wenn es um Millionen Tote geht. Nazizeit-Vergleiche eignen sich bedingt, Hexenverbrennungen sind ein probates Ablenkungsthema, andere historische Vergleiche (die Kosten der Pyramiden im Vergleich mit dem damaligen Bruttosozialprodukt, Schlacht von Issos, Dreißigjähriger Krieg) eher nicht. Immer hingegen gehen

ad-hominem-Argumente. So nennt man die Erwachsenen-Version von „Und außerdem bist du doof“. Hier sind Ausbildung und sozialer Status des Kontrahenten eine ergiebige Quelle. Der andere ist entweder ein halbgebildeter Tölpel oder ein Schnösel der Oberschicht, gern auch einer, der ja nur halbverstandene Sachen nachplappert. Gelegentlich spielen ad-hominem-Argumente ins Rassistische (sollte der Kontrahent dunkelhäutig sein oder seine Wurzeln auf einem anderen Kontinent haben, am besten beides, mache man daraus den Vorwurf der Ahnungslosigkeit). Auch Religion läßt sich dazu benutzen. Oder Religionslosigkeit, sofern man selbst religiös gebunden ist. Hat der Gegner irgendeine körperliche, seelische, gesundheitliche oder biographische Besonderheit, kann man sagen „Von dem Fettklops / dem Autisten / dem Ex-Knacki lass ich mir keine Vorschriften machen“. Dann artet die Diskussion entweder in Mobbing aus oder entwickelt sich zu einer engagierten Debatte über den Umgang mit straffälligen, übergewichtigen Autisten. Mit Segelohren. Sofern man keine Makel am Gegner findet, ist

Pathologisierung eine bewährte Methode, den Gegner mundtot zu machen. Der andere ist entweder schlicht „irre“, ein „Idiot“, „narzisstisch“, oder er ist von neurotischen Ängsten getrieben. Dann hat man selber – man ist ja geistig gesund – gute Karten. Man hat dem anderen gegenüber immer Recht, einfach weil er gestört ist und man selbst nicht. Die Unterstellung von Angst ist dabei besonders häufig, weil die scheinbar besorgte Frage „Wovor hast du Angst?“ nicht unhöflich wirkt. Ich habe darauf mal wahrheitsgemäß geantwortet: „Vor großen Hunden, betrunkenen Männern und Post vom Finanzamt.“ Das irritierte die Fragestellerin, denn nichts davon hatte mit der Diskussion zu tun. Selbst wenn ich vor einem zur Diskussion gestellten Punkt Angst hätte, würde mich das nicht diskussionsunwürdig machen. Dennoch wird Angst als ein schlimmer Makel gesehen, den der Gegner unbedingt hat, sonst wäre er ja der gleichen Meinung wie man selbst.

Exkurs: 
Mir wurde schon mehrfach Angst unterstellt, weil ich mich impfen lasse, während die Gesprächspartner völlig angstfrei zu sein glauben und zugleich von Weltverschwörung und schweren bis tödlichen Impfschäden en masse ausgehen. Tatsächlich habe ich Angst, daß noch erheblich mehr Menschen als gut 5 Millionen an Covid19 sterben und noch weit mehr dauerhafte Schäden davontragen werden, und daß sich unter diesen auch solche  Menschen befinden werden, die ich lieb habe. Deshalb bin ich für das Impfen und nehme eventuelle Nebenwirkungen in Kauf, weil ich abwäge. 
Zum Vergleich: Da ich Epileptiker bin, nehme ich täglich ein Medikament, das Anfälle unterdrückt. Auch da wäge ich ab. Entweder ich schlucke das Zeug und bleibe mit hoher Wahrscheinlichkeit (und solange ich nicht unausgeschlafen bin) anfallfrei, strapaziere aber meine Leber. Oder ich schlucke das Zeug nicht, schone die Leber, kippe in kürzer werdenden Abständen um und liege dann bewußtlos und zuckend am Boden. 
Tatsächlich ist meine Angst vor Grand-Mal-Anfällen, die ohne Medikament mit Sicherheit kommen (ich hab's ausprobiert!) erheblich größer als meine Angst vor einem Leberschaden, der vielleicht irgendwann schlimm wird. Und meine Angst, isoliert und röchelnd auf der Intensivstation zu liegen und dabei auch andere zu gefährden, beherrscht keineswegs mein Denken, ist aber größer als meine Angst vor Impfschäden. Ein paar Gespräche mit Ärzten, Schwestern und Genesenen sowie gründliche, über das Anekdotische hinausgehende Information genügen mir zum Abwägen. 

Starke Diskussionspartner können über den Versuch der Kränkung hinwegsehen. In diesem Fall sollte man wieder auf die Sachebene gehen, dabei aber

ein Dilemma einseitig betrachten. Daß die grundlegende Freiheit, medizinische Versorgung im Bedarfsfall zu erhalten, während einer Pandemie mit Bewegungsfreiheit, freier Religionsausübung, Freiheit des kulturellen Lebens und anderen wichtigen, aber nicht überlebenswichtigen Freiheiten konkurriert, sollte man ignorieren. Daraus, daß es die medizinische Versorgung während einer Pandemie noch einigermaßen gibt, weil die anderen nur eingeschränkt möglich sind, weil man dem Virus durch bestimmte Einschränkungen die Verbreitung erschwert, mache man, daß es weder medizinische Versorgung noch Bewegungsfreiheit überhaupt noch gibt. Und das Virus wahrscheinlich auch nicht. Sollte der Gegner behaupten, freie Bewegung sei durchaus möglich, nur eben mit Einschränkungen, erwidere man, am besten mit klagend erhobener Stimme: „Ja wo ist denn die freie Bewegung?“ und verspotte jeden, der darauf eine positive Antwort gibt. In diesem Zusammenhang kann man die

falsche Expertise trefflich nutzen. Man kennt jemanden – besser noch: ist jemand -, der einen eindrucksvollen Titel vorweisen kann und viel Erfahrung auf seinem Gebiet hat, gern ein Arzt oder Forscher. Daß das Fachgebiet nichts mit Virologie zu tun hat oder die letzte Publikation vor über zehn Jahren herauskam und in der Fachwelt nicht besonders angesehen ist, wird dabei entweder verschwiegen oder erklärt mit dem System, das den Betreffenden nicht anerkennt. Hier kann man einflechten, daß auch Semmelweis (oder ein anderer zu Recht Berühmter vergangener Zeiten) von seinen Kollegen nicht anerkannt wurde.

Der Einzelfall ist ein Joker, praktisch überall einsetzbar und von allen Seiten. Wenn jemand mit einem der über 4500 Patienten, die derzeit in Deutschland mit Covid19 auf einer Intensivstation liegen, befreundet oder verwandt ist und dies sagt, so ist das ein bedauerlicher Einzelfall. Ist jemand befreundet oder verwandt mit einem der sehr wenigen Menschen, die durch eine Herzmuskelentzündung nach der Impfung verstarben, ist das auch ein bedauerlicher Einzelfall. Einzelfall ist das kämpferische Wort für „das hätte nicht sein sollen und tut mir irgendwie leid, bedeutet für das Große Ganze aber nichts“. Es ist dabei unwichtig, ob es aus medizinischer Sicht als Einzelfall gilt oder als Normalfall oder als irgendetwas dazwischen. In anderem Zusammenhang kann der Einzelfall mit sarkastisch gedehnter Stimme andeuten, daß man selbst von einer Vielzahl an Fällen ausgeht. Sollte der Gegner auf Unschärfen hinweisen, bietet sich die Antwort:

„Informier dich mal!“ Auch das ist ein Joker, und ebenso wie der Ausdruck „Einzelfall“ ist diese Aufforderung manchmal sogar sinnvoll, wenn in einer Diskussion leicht in öffentlichen Nachschlagewerken auffindbare Angaben ignoriert oder in Frage gestellt werden. Allerdings ist der Satz ohne jede Angabe einer möglichen Quelle wirklich unschlagbar; im Subtext heißt er so viel wie „Eigentlich bist du dumm“. Sollte der Kontrahent daraufhin um eine Informationsquelle bitten, schweige man. Es ist nicht opportun, dem Unwissenden auf die Sprünge zu helfen, denn dann könnte er einem ebenbürtig werden.

Anekdotische Evidenz ist der dritte Joker im Spiel. „Mein Cousin kennt jemanden, der an der Impfung gestorben ist“ wird gekontert mit „Aber mein Arbeitgeber kennt jemanden, der an Covid19 gestorben ist“. So kann sich die Diskussion stundenlang im Kreise drehen. Daran ändert nichts, daß es sehr wenig (aber über Null) Impfschäden und sehr viele schwere Erkrankungen und Todesfälle durch Covid19 gibt – seriöse Statistiken haben hier nichts zu suchen. Der Impfbefürworter kann vielleicht auf die provokante Frage „Wie viele Covid19-Kranke kennst du denn persönlich?“ wahrheitsgemäß antworten „Sechs, der jüngste war bei der Infektion 18 und nicht vorerkrankt“. Nun ist aber der Impfbefürworter oft im unfairen Vorteil, außer der anekdotischen Evidenz auch seriöse Statistiken zu kennen. Dann kann man entweder zurück auf Einzelfall oder die Aussage bzw. die zusätzlich herangezogene Statistik anzweifeln. Unter Impfgegnern bestätige man einander die anekdotischen Evidenzen, die sich dann – obwohl Randphänomene – echogleich verstärken zum bedrohlichen Donnerhall. Will ein furchtloser Gegner diesem Getöse entgegentreten, ist die letzte Stufe der Diskussion die

Untersagung von Kritik. Diese Stufe sollte vorsichtig verwendet werden und erst nach Ausreizung aller anderen Mittel. Bei Überdosierung wirkt diese Methode kindisch; in sparsamer Anwendung kann man sich durch Untersagung von Kritik den Nimbus des Wissenden verleihen.

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Gefangener in zwei Diktaturen

Vor 133 Jahren wurde Josef Beran in Pilsen geboren. 1911 wurde er in Rom zum Priester geweiht und wirkte dann in Prag erst als Kaplan, dann als Dozent der Religionspädagogik, später der Pastoraltheologie. Er kümmerte sich um die Verbreitung der päpstlichen Enzyklika Mit brennender Sorge. 1939 wurde er Professor, im gleichen Jahr bekam er den päpstlichen Ehrentitel Monsignore. 1942 wurde er nach dem Attentat auf Heydrich in Geiselhaft genommen (im Rahmen einer unsäglich scheußlichen Vergeltungsaktion). Er kam ins Gefängnis, dann nach Theresienstadt und dann nach Dachau. 1943 überlebte er eine Typhusepidemie daselbst nur knapp. Der deutsche Pallotinerpater Richard Henkes, mit dem Beran sich dort angefreundet hatte, starb bei der Pflege Typhuskranker.

1945, nach der Befreiung, kehrte er sofort nach Prag zurück, wo er im Folgejahr zum Erzbischof ernannt wurde. Als 1948 die Kommunisten die Macht übernahmen, wehrte er sich gegen die Verquickung von Kirche und Staat auf Kosten der reinen Lehre. 1949-1951 war er unter Hausarrest und wurde dann nacheinander an verschiedene ihm selbst unbekannte Orte gebracht, blieb auch dort immer unter Arrest und durfte keine Zeitungen lesen. 1963 wurde er befreit, aber mit Berufsverbot belegt. Erst 1965 gelang es, ihn durch kirchliche Verhandlungen freizubekommen, er musste aber die Tschechoslowakei verlassen. In Rom wirkte er am letzten Abschnitt des Zweiten Vatikanischen Konzils mit, kurz nachdem er die Kardinalswürde erhalten hatte. Er setzte sich dort für religiöse Freiheit ein sowie für die Rehabilitation von Jan Hus.

Josef Beran starb 81jährig, Minuten ehe Papst Paul VI an sein Krankenbett kam. Sein letzter Wille, in Prag bestattet zu werden, konnte damals nicht erfüllt werden, weil die tschechische Regierung sich sperrte. Stattdessen wurde er in St Peter begraben, wo sonst nur Päpste liegen. Erst 2018 wurde der Leichnam in seine Heimat überführt.

Josef Beran hatte sich seit seiner Freundschaft mit P. Henkes immer für die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen eingesetzt. Er tat das auch als Erzbischof. Das auf dem Gemälde so schön festgehaltene Lächeln kann man auch auf Photos sehen, es ist keine fromme Zutat. Der Seligsprechungsprozess läuft seit 1998 – auf Diözesanebene ist er abgeschlossen.

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Die Sache mit dem Kindermord von Bethlehem

Historiker nehmen an, daß es ihn gar nicht gab, den von Herodes veranlassten Kindermord. Allerdings sind ihre Argumente äußerst dürftig. Das den meisten Historikern wichtigste Argument ist immer wieder: Es steht ja nur in der Bibel! – und damit sei es keineswegs ein historisches Zeugnis, weil die Evangelien ja nicht als Geschichtsbücher konzipiert seien. Das ist als Argument dürftig. Denn die Evangelien sind zwar keine Geschichtsbücher, aber in der Geschichte und aus ihr entstanden. Es sind keine Märchen (kategorisch nicht, sie haben als Genre nicht einmal Ähnlichkeit mit Märchen). „Nur Matthäus 2,16″ als Argument gegen die Historizität des Kindermordes ist kaum sinnvoller als „nur Manuskripte des 9. bis 13. Jhs.“, wenn es um einen Großteil der Werke Platons geht (ich stelle nicht in Abrede, daß es den Philosophen Platon gegeben hat, obwohl ich anhand der Quellenlage behaupten könnte, er sei eine gut tradierte Erfindung des 9. Jhs. n.Chr.).

Historiker sind sich einig darüber, daß Herodes ein höchst unangenehmer Zeitgenosse war, der öfter mal Menschen umbringen ließ. Aber, sagen sie, für den Kindermord hätte er ja keine amtliche Befugnis gehabt! – Ach Kinners. Wieviel amtliche Befugnis hatte er zur Verstoßung seiner Frau Doris (denn „einfach so“ durfte ein Mann, zumal ein König, auch damals nicht seine Frau verstoßen), zur Hinrichtung seiner zweiten Frau Mariamne? Auch im Römischen Reich war „brauch ich nicht mehr“ kein ausreichender Grund. Seine dritte Frau, ebenfalls Mariamne geheißen, verstieß er wegen der politischen Tätigkeit ihrer Brüder. Insgesamt war er mit zehn Frauen verheiratet, mit einigen gleichzeitig. Das war zwar legitim, aber zu seiner Zeit schon etwas bizarr und lässt nicht auf besondere Bindungsfähigkeit schließen. Rebellen ließ er ohne Gerichtsverfahren hinrichten und überlebte das problemlos. Seinen Halbbruder Antipatros denunzierte er und ließ ihn hinrichten (nun gut, hier hatte er die ausdrückliche Billigung des Kaisers). Religiös hätte er eigentlich nichts zu sagen gehabt, setzte aber Hohepriester nach Gutdünken ein und ab. „Es war nicht alles schlecht“ mag man auch über seine Herrschaft sagen – er war ein großer Bauherr und erneuerte und verschönerte den Tempel, er senkte nach einer Mißernte die Steuern. Kurz, er tat auch Dinge, die ihn im Volk beliebt machen konnten. Der Tempel war sozusagen seine Autobahn. Insgesamt lässt sich sagen: Herodes schaffte fast alle beiseite, die ihm nicht passten, und schleimte sich beim Volk ein, so gut er konnte; er handelte willkürlich und opportunistisch. Er war durch und durch ein Machtmensch und zwar von Zweifeln, aber nicht von Skrupeln geplagt. Im Alter wurde er zunehmend grausam und vermutlich geistesgestört – ein gefährlicher Irrer auf dem Thron. Auch wenn man legendäre Übertreibungen abzieht, war er, was der Kölner „ene fiese Möpp“ nennt.

Und weil der Kindermord „nur“ bei Matthäus erwähnt ist, soll er nicht stattgefunden haben. Weil ja bis heute alle Greuel so überaus wohl dokumentiert sind, was? Wissen wir denn in unserer digitalisierten Zeit ganz genau über sämtliche Schandtaten irrer Despoten geringerer Größenordnung irgendwo auf der Welt Bescheid? Ich glaube kaum. Angenommen, in und um Bethlehem wären damals zwischen dreißig und fünfzig Kinder auf Befehl eines Regionalfürsten ermordet worden – wäre es völlig ausgeschlossen, daß die Geschichtsschreibung (und selbst Josephus) das gerade nicht mitbekam? Vielleicht wurde auf einer römischen Party mit wohligem Entsetzen erzählt, dieser verrückte Tetrarch habe in einem Kaff in Judäa kleine Kinder ermorden lassen, und dies wurde beantwortet mit „Ach gehn Sie! Das sind doch Schauermärchen!“

Und ein weiteres, etwas stärkeres Argument vieler Historiker lautet: „Aber die Volkszählung gab es nicht, denn sie ist nicht verbürgt! Es gibt verbürgte Volkszählungen der Spätantike, aber nicht diese!“ Klar: Wenn es diese Volkszählung nicht gab, mussten Maria und Joseph nicht nach Bethlehem reisen, und damit entfällt die Sache mit dem Kindermord – oder?

Selbst wenn Jesus ganz ohne beschwerliche Reise daheim im etwa 150 km von Bethlehem entfernten Nazareth geboren wurde, sagt das nichts gegen die Möglichkeit eines Kindermordes; dann wäre nur Bethlehem eine Zutat, um das Geschehen zur Prophezeiung passend zu machen. Ich gehe allerdings davon aus, daß sowohl Volkszählung als auch Stall von Bethelehem Tatsachen sind. Die Zählung war nur keine von den sehr großen und wichtigen, war schon damals schlecht dokumentiert, und wie die meisten Dokumente der Antike gingen auch diese verloren – außer Matthäus. Da ist wieder die Annahme: Wenn es nur in der Bibel steht und nirgendwo anders, muss es falsch sein. Und das ist wissenschaftlich unredlich.

Ich gedenke heute der ermordeten Kinder von Bethlehem. Und der unzähligen Kinder, die vor oder nach der Geburt beseitigt wurden und werden, weil sie „im Weg“ waren aus tatsächlichen oder eingebildeten Gründen. (Natürlich ist ein Kind immer „im Weg“, ein Erwachsener auch. Ich habe aber kaum etwas lieber „im Weg“ als mein Patenkind und sein Brüderchen, oder welches Kind auch immer gerade im Weg steht, liegt oder krabbelt.)

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Johanneswein

Zu den fröhlichen Bräuchen der katholischen Kirche gehört, zu St Johannes – das ist heute! – Wein zu segnen und auch zu trinken. (Ich spreche nicht vom Messwein.) Der Johanneswein wird vor oder nach der Messe gesegnet und nach der Messe getrunken.

Die Ordensschwestern hatten in der Kapelle des St Gertrauden-Krankenhauses alles vorbereitet, coronagerecht und zugleich feierlich. Alle, die Wein möchten, kommen nach dem Segensgebet über sechs Weinflaschen (eine offen, fünf geschlossen – das meiste bleibt zumindest vorerst im Hause) in den Eingangsbereich der Kapelle. Das ist mit ausreichendem Abstand möglich. Der Priester ist nun auch der Ober und schenkt Wein in winzige Gläschen, es ist ja früh, und nicht nur ich zeige noch eine besonders kleine Menge an. Als alle ihr Gläschen in der Hand halten, spricht er den sakralen Trinkspruch: „Nun trinkt die Liebe des heiligen Johannes!“

Es ist ein guter trockener Rotwein, ich habe „nor einen wänzigen Schlock“, bin aber danach vorsichtig genug, beim Bäcker zu frühstücken, ehe ich aufs Fahrrad steige. Jedenfalls bin ich fröhlich auf eine besondere Art.

Die Legende sagt, Johannes habe vergifteten Wein trinken oder einer heidnischen Gottheit opfern sollen. Er entschied sich für den Wein, bekreuzigte den Becher und trank ohne Schaden. Daran erinnert dieser Brauch. Der Johanneswein soll auch vor Krankheit und Vergiftung bewahren (nicht das Falscheste in dieser Zeit). Aber ob die Legende einen wahren Kern hat oder nicht, ist mir eigentlich gleichgültig. Ich trinke den Johanneswein, denke an Gottes überreiche Liebe und an den besonders geliebten Jünger, den Philosophen unter den Evangelisten.

Fischer und Philosoph, da zweifeln manche. Aber warum soll ein Fischer, der auf dem Markt seine Ware verkauft und auch mit gebildeten Kunden plaudert, nicht eine Begeisterung für Philosophie entwickeln? Alphabetisiert waren die jüdischen Männer fast alle, und die frommen waren aus der Synagoge mit den biblischen Texten vertraut. Daß Gott durch Sein Wort die Welt erschaffen hat, war ihm klar. Daß Jesus, das Wort selbst, in Kana Sein erstes Wunder vollbracht hatte, wußte Johannes. Der jüdische Segensspruch vor dem Weingenuss war ihm geläufig: Gesegnet seist Du, Gott, unser Gott, König des Universums, Schöpfer der Frucht des Weinstocks.

Wir wissen, daß Johannes ebenso wie sein Bruder Jakobus mit Temperamentsausbrüchen zu kämpfen hatte – „Donnersöhne“ nannte der Herr die beiden. Zugleich war er der mit der eleganten Sprache. Zwei Gründe, warum er mir besonders nahe steht!

Fischer, Temperamentsbolzen, Philosoph, treuer Jünger, der unterm Kreuz den Auftrag annahm, für die Allerseligste zu sorgen – das ist Johannes, und ihm durften wir heute mit Freude und Liebe zutrinken.

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