Christiana von Lucca

Geboren wurde sie um 1237 in Santa Croce sull’Arno in der Toskana. Sie diente als Kind ihren Eltern als Viehhirtin, später einem Bürger in Lucca als Magd. Sie war von bemerkenswerter Frömmigkeit und quittierte obszöne Sprache in einer Weise, die ihre Umwelt zu anständiger Ausdrucksweise erzog: ein unanständiges Wort, und Oringa – so ihr Taufname – erbrach sich heftig.

Als Teenager entzog sie sich einer Zwangsheirat durch Flucht nach Lucca, angeblich indem sie trockenen Fußes einen Fluss überschritt. Sie wollte nur Christus als Bräutigam. Ausgerechnet in einem Pilgerhospiz erfuhr sie eine heftige Versuchung ihrer Reinheit, der sie durch die Hilfe zweier Engel widerstand. (Ob es sich dabei um einen tatsächlichen Angriff durch einen Mann mit mangelnder Selbstkontrolle oder um schwüles Kopfkino des jungen Mädchens handelte, geht aus den Acta Santorum nicht hervor – nur daß sie sich auf nichts Unreines, ob Realität oder Phantasie, einließ.) In Lucca trat sie in Dienst bei einem frommen Mann. Als Lohn verlangte sie nur wenig simples Essen und einen einfachen Umhang. Sie fastete viel; ihr Dienstherr musste sie zuweilen geradezu zum Essen nötigen und hatte dabei mäßigen Erfolg.

Der Heiligen wird ein erstaundliches Händchen mit Tieren nachgesagt: von ihr gehütete Rinder waren außergewöhnlich sanft; ein Hase verlor vor ihr alle Scheu. Sie war sehr hübsch und intelligent, zugleich aber äußerst bescheiden und hatte eine freundliche, fromme und gutherzige Art zu sprechen. Armen gegenüber war sie stets großzügig und verschenkte das bißchen, was sie besaß, mit vollen Händen. Obwohl sie als junge Frau weder lesen noch schreiben konnte, diskutierte sie mit gebildeten Männern in einer Weise, die sie beliebt und bewundert machte; die Männer fühlten sich durch Oringas Erklärungen zu biblischen Texten bereichert.

Auf einer Pilgerreise hatte sie Visionen vom Erzengel Michael, der sie ermutigte, nach Rom zu gehen. Dort lernte sie den Minoriten Frater Rinaldus kennen, der ihre außerordentliche Klugheit und Frömmigkeit erkannte und eine freundliche Witwe namens Margarita bat, sie in ihre Familie aufzunehmen. Sie wurde nun von allen Christiana genannt und behielt diesen Namen.

Margarita und Christiana pilgerten nach Assisi, um das Grab des Heiligen Franziskus zu besuchen. Wieder hatte Christina prächtige Visionen, aufgrund derer sie 1286 in ihrer Heimatstadt das Augustinerinnen-Kloster Santa Maria Novella errichtete (wohl durch Spenden, die sie selbst sammelte) und dem Orden beitrat.

Keine der Ordensschwestern in Santa Maria Novella konnte lesen. Auf wunderbare Weise brachte die Gottesmutter der Christiana in einer Nacht das Lesen bei (und selbst wenn es nicht ganz so schnell ging wie die Legende behauptet: mit über 46 Jahren mal eben Lesen lernen ist wunderbar genug). Nun war Christiana imstande, allen Schwestern dies Wissen weiterzugeben. Auf gleiche Weise lerne Christiana Notenlesen und Singen, und zwar so ausgezeichnet, daß sie nicht nur den Ordensschwestern, sondern auch Männern Gesangsunterricht erteilte.

Ihr wurden bereits zu Lebzeiten zahlreiche Wunder zugeschrieben. Sie hatte viele Visionen, die von einer starken Liebe zum Herrn sprechen. Etwa 70jährig wurde sie gelähmt und verbrachte die folgenden drei Jahre im Bett. 1310 starb sie, dem Vernehmen nach mit einem strahlenden Lächeln.

Quelle: Acta Sanctorum

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Antworten zu Christiana von Lucca

  1. Hans-Jürgen Caspar schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,

    vielen Dank für Ihren Bericht über die in mehrfacher Hinsicht außergewöhnliche Heilige.

    Im Ökumenischen Heiligenlexikon steht über sie und ihren Aufenthalt im Kloster unter anderem:
    „Als die Nonnen eines Tages bis zum späten Abend mit der Vorbereitung eines Kirchenfestes beschäftigt waren und die Nacht anzubrechen drohte, blieb auf ihren Befehl die Sonne stehen.“

    Herzliche Grüße
    Hans-Jürgen Caspar

    https://www.heiligenlexikon.de//BiographienC/Christiana_Oringa.html

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