Die Sache mit dem Kindermord von Bethlehem

Historiker nehmen an, daß es ihn gar nicht gab, den von Herodes veranlassten Kindermord. Allerdings sind ihre Argumente äußerst dürftig. Das den meisten Historikern wichtigste Argument ist immer wieder: Es steht ja nur in der Bibel! – und damit sei es keineswegs ein historisches Zeugnis, weil die Evangelien ja nicht als Geschichtsbücher konzipiert seien. Das ist als Argument dürftig. Denn die Evangelien sind zwar keine Geschichtsbücher, aber in der Geschichte und aus ihr entstanden. Es sind keine Märchen (kategorisch nicht, sie haben als Genre nicht einmal Ähnlichkeit mit Märchen). „Nur Matthäus 2,16″ als Argument gegen die Historizität des Kindermordes ist kaum sinnvoller als „nur Manuskripte des 9. bis 13. Jhs.“, wenn es um einen Großteil der Werke Platons geht (ich stelle nicht in Abrede, daß es den Philosophen Platon gegeben hat, obwohl ich anhand der Quellenlage behaupten könnte, er sei eine gut tradierte Erfindung des 9. Jhs. n.Chr.).

Historiker sind sich einig darüber, daß Herodes ein höchst unangenehmer Zeitgenosse war, der öfter mal Menschen umbringen ließ. Aber, sagen sie, für den Kindermord hätte er ja keine amtliche Befugnis gehabt! – Ach Kinners. Wieviel amtliche Befugnis hatte er zur Verstoßung seiner Frau Doris (denn „einfach so“ durfte ein Mann, zumal ein König, auch damals nicht seine Frau verstoßen), zur Hinrichtung seiner zweiten Frau Mariamne? Auch im Römischen Reich war „brauch ich nicht mehr“ kein ausreichender Grund. Seine dritte Frau, ebenfalls Mariamne geheißen, verstieß er wegen der politischen Tätigkeit ihrer Brüder. Insgesamt war er mit zehn Frauen verheiratet, mit einigen gleichzeitig. Das war zwar legitim, aber zu seiner Zeit schon etwas bizarr und lässt nicht auf besondere Bindungsfähigkeit schließen. Rebellen ließ er ohne Gerichtsverfahren hinrichten und überlebte das problemlos. Seinen Halbbruder Antipatros denunzierte er und ließ ihn hinrichten (nun gut, hier hatte er die ausdrückliche Billigung des Kaisers). Religiös hätte er eigentlich nichts zu sagen gehabt, setzte aber Hohepriester nach Gutdünken ein und ab. „Es war nicht alles schlecht“ mag man auch über seine Herrschaft sagen – er war ein großer Bauherr und erneuerte und verschönerte den Tempel, er senkte nach einer Mißernte die Steuern. Kurz, er tat auch Dinge, die ihn im Volk beliebt machen konnten. Der Tempel war sozusagen seine Autobahn. Insgesamt lässt sich sagen: Herodes schaffte fast alle beiseite, die ihm nicht passten, und schleimte sich beim Volk ein, so gut er konnte; er handelte willkürlich und opportunistisch. Er war durch und durch ein Machtmensch und zwar von Zweifeln, aber nicht von Skrupeln geplagt. Im Alter wurde er zunehmend grausam und vermutlich geistesgestört – ein gefährlicher Irrer auf dem Thron. Auch wenn man legendäre Übertreibungen abzieht, war er, was der Kölner „ene fiese Möpp“ nennt.

Und weil der Kindermord „nur“ bei Matthäus erwähnt ist, soll er nicht stattgefunden haben. Weil ja bis heute alle Greuel so überaus wohl dokumentiert sind, was? Wissen wir denn in unserer digitalisierten Zeit ganz genau über sämtliche Schandtaten irrer Despoten geringerer Größenordnung irgendwo auf der Welt Bescheid? Ich glaube kaum. Angenommen, in und um Bethlehem wären damals zwischen dreißig und fünfzig Kinder auf Befehl eines Regionalfürsten ermordet worden – wäre es völlig ausgeschlossen, daß die Geschichtsschreibung (und selbst Josephus) das gerade nicht mitbekam? Vielleicht wurde auf einer römischen Party mit wohligem Entsetzen erzählt, dieser verrückte Tetrarch habe in einem Kaff in Judäa kleine Kinder ermorden lassen, und dies wurde beantwortet mit „Ach gehn Sie! Das sind doch Schauermärchen!“

Und ein weiteres, etwas stärkeres Argument vieler Historiker lautet: „Aber die Volkszählung gab es nicht, denn sie ist nicht verbürgt! Es gibt verbürgte Volkszählungen der Spätantike, aber nicht diese!“ Klar: Wenn es diese Volkszählung nicht gab, mussten Maria und Joseph nicht nach Bethlehem reisen, und damit entfällt die Sache mit dem Kindermord – oder?

Selbst wenn Jesus ganz ohne beschwerliche Reise daheim im etwa 150 km von Bethlehem entfernten Nazareth geboren wurde, sagt das nichts gegen die Möglichkeit eines Kindermordes; dann wäre nur Bethlehem eine Zutat, um das Geschehen zur Prophezeiung passend zu machen. Ich gehe allerdings davon aus, daß sowohl Volkszählung als auch Stall von Bethelehem Tatsachen sind. Die Zählung war nur keine von den sehr großen und wichtigen, war schon damals schlecht dokumentiert, und wie die meisten Dokumente der Antike gingen auch diese verloren – außer Matthäus. Da ist wieder die Annahme: Wenn es nur in der Bibel steht und nirgendwo anders, muss es falsch sein. Und das ist wissenschaftlich unredlich.

Ich gedenke heute der ermordeten Kinder von Bethlehem. Und der unzähligen Kinder, die vor oder nach der Geburt beseitigt wurden und werden, weil sie „im Weg“ waren aus tatsächlichen oder eingebildeten Gründen. (Natürlich ist ein Kind immer „im Weg“, ein Erwachsener auch. Ich habe aber kaum etwas lieber „im Weg“ als mein Patenkind und sein Brüderchen, oder welches Kind auch immer gerade im Weg steht, liegt oder krabbelt.)

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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