Johanneswein

Zu den fröhlichen Bräuchen der katholischen Kirche gehört, zu St Johannes – das ist heute! – Wein zu segnen und auch zu trinken. (Ich spreche nicht vom Messwein.) Der Johanneswein wird vor oder nach der Messe gesegnet und nach der Messe getrunken.

Die Ordensschwestern hatten in der Kapelle des St Gertrauden-Krankenhauses alles vorbereitet, coronagerecht und zugleich feierlich. Alle, die Wein möchten, kommen nach dem Segensgebet über sechs Weinflaschen (eine offen, fünf geschlossen – das meiste bleibt zumindest vorerst im Hause) in den Eingangsbereich der Kapelle. Das ist mit ausreichendem Abstand möglich. Der Priester ist nun auch der Ober und schenkt Wein in winzige Gläschen, es ist ja früh, und nicht nur ich zeige noch eine besonders kleine Menge an. Als alle ihr Gläschen in der Hand halten, spricht er den sakralen Trinkspruch: „Nun trinkt die Liebe des heiligen Johannes!“

Es ist ein guter trockener Rotwein, ich habe „nor einen wänzigen Schlock“, bin aber danach vorsichtig genug, beim Bäcker zu frühstücken, ehe ich aufs Fahrrad steige. Jedenfalls bin ich fröhlich auf eine besondere Art.

Die Legende sagt, Johannes habe vergifteten Wein trinken oder einer heidnischen Gottheit opfern sollen. Er entschied sich für den Wein, bekreuzigte den Becher und trank ohne Schaden. Daran erinnert dieser Brauch. Der Johanneswein soll auch vor Krankheit und Vergiftung bewahren (nicht das Falscheste in dieser Zeit). Aber ob die Legende einen wahren Kern hat oder nicht, ist mir eigentlich gleichgültig. Ich trinke den Johanneswein, denke an Gottes überreiche Liebe und an den besonders geliebten Jünger, den Philosophen unter den Evangelisten.

Fischer und Philosoph, da zweifeln manche. Aber warum soll ein Fischer, der auf dem Markt seine Ware verkauft und auch mit gebildeten Kunden plaudert, nicht eine Begeisterung für Philosophie entwickeln? Alphabetisiert waren die jüdischen Männer fast alle, und die frommen waren aus der Synagoge mit den biblischen Texten vertraut. Daß Gott durch Sein Wort die Welt erschaffen hat, war ihm klar. Daß Jesus, das Wort selbst, in Kana Sein erstes Wunder vollbracht hatte, wußte Johannes. Der jüdische Segensspruch vor dem Weingenuss war ihm geläufig: Gesegnet seist Du, Gott, unser Gott, König des Universums, Schöpfer der Frucht des Weinstocks.

Wir wissen, daß Johannes ebenso wie sein Bruder Jakobus mit Temperamentsausbrüchen zu kämpfen hatte – „Donnersöhne“ nannte der Herr die beiden. Zugleich war er der mit der eleganten Sprache. Zwei Gründe, warum er mir besonders nahe steht!

Fischer, Temperamentsbolzen, Philosoph, treuer Jünger, der unterm Kreuz den Auftrag annahm, für die Allerseligste zu sorgen – das ist Johannes, und ihm durften wir heute mit Freude und Liebe zutrinken.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
Dieser Beitrag wurde unter KATHOLONIEN abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.