Ist Macht etwas Schlechtes?

Zum gefühlt hundertsten Mal kursiert auf Facebook ein Zitat von Charlie Chaplin:

Macht brauchst du nur, wenn du etwas Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe, um es zu erledigen.

Widerspruch wird in den Kommentaren unter Berufung auf die Bergpredigt nicht geduldet.

Es klingt ja auch zu schön. Und Chaplin, dieser sympathische, witzige Mensch, der so viele Menschen fröhlich gemacht hat mit seinen Filmen, deren Komik nie boshaft ist, in denen stets das Gute siegt – dem darf man doch nicht widersprechen! Ich tu es doch.

Im Amtsgericht Berlin-Charlottenburg, einem Bau des 19. Jhs., wird man von einer auffälligen Deckenmalerei empfangen: Rechts und links über dem Eintretenden sind zwei von floralem Stuck umgebene Ovale mit goldener Schrift. MACHT steht in einem, RECHT im anderen. Das hat mich früher ziemlich aufgeregt. Aber die beiden gehören zusammen! Macht ohne Recht ist tyrannisch, Recht ohne Macht ist konsequenzenlos.

Macht ist zunächst ein wertfreier Begriff. Ich übe Macht aus, wenn ich z.B. jemanden festhalte. Kürzlich geschah das, weil der Jemand versuchte, meine Tasche zu stibitzen. Natürlich hätte ich das auch in Liebe geschehen lassen können…? Nein! Ich kann nicht aus Liebe ein Unrecht geschehen lassen (das u.a. dazu geführt hätte, daß jemand anders als ich meine Papiere samt Ausweis und meine Schlüssel hätte und damit vermutlich etwas Böses angestellt hätte, also nicht nur mir, sondern auch sich selbst geschadet hätte). Ich übe auch Macht aus, wenn ich ein Kleinkind durch Festhalten daran hindere, auf die Straße zu rennen oder eine Glasscherbe aufzuheben. Und ich fände es äußerst lieblos, beides zu erlauben mit der Bemerkung „Durch Schaden wird man klug“.

Gott ist die Liebe, ist der Inbegriff des Guten, Wahren und Schönen: Er ist Liebe und hat sich aus Liebe selbst machtlos gemacht am Kreuz, hat sich allen Menschen zuliebe denen ausgeliefert, die ihre Macht mißbrauchten. Das scheint das Zitat von Chaplin zu bestätigen. Aber wenn Gott nicht auch allmächtig wäre, wäre das das Ende gewesen. Dann wäre Gott tatsächlich tot. Dann hätte es keine Auferstehung gegeben und keine Himmelfahrt, und wir hätten weder Gericht noch Gnade zu erwarten. Dann wären die Evangelien die Geschichte eines jungen Mannes, der Gutes tat und dafür umgebracht wurde – und weiter nichts. Ohne Macht kein Himmel – und keine Aussicht auf ewiges Leben in Liebe.

Im weltlichen Sinn: Stellen wir uns vor, weder Polizei noch Justiz hätten Macht. Stellen wir uns weiter vor, jemand überfiele eine Bank und nähme Geiseln. An welcher Stelle wäre es liebevoll gegenüber Bankangestellten, Geiseln und Angehörigen derselben, wenn keine Macht gegen den Geiselnehmer aufgewendet würde?

Mal abgesehen davon, würde Liebe sich auch ohne Wissen, Mut und Fertigkeit unzulässig selbst beschränken. Chaplin konnte so viele Menschen froh machen, weil er erstens Menschen liebte und zweitens sein Fach gelernt hatte und dafür ausgerüstet war. Ein Polizist kann im günstigen Fall eine Geiselnahme beenden, weil er das gelernt hat und dafür ausgerüstet ist. Oder (im Fall mit der Tasche) auf sehr ruhige und professionelle Weise Klarheit schaffen und Gewalt, die über „Festhalten am Handgelenk“ hinausgeht, verhindern. Und da sind wir schon wieder bei Macht.

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Missbrauch eines Altars

Kürzlich schrieb ich über ein ökumenisches Gottesdienst-Event in der St. Canisius-Kirche in Berlin anlässlich des CSD. Ich wurde um genauere Begründung meines Missfallens gebeten.

Vor dem Altar lag eine Regenbogenfahne, eine weitere hing über dem Ambo. Um Missverständnisse auszuschließen: es handelte sich um die sechsfarbige Fahne, die seit langem als Symbol der LGTB-Bewegung etabliert ist – nicht um den siebenfarbigen Regenbogen, der Zeichen des Bundes mit Gott ist. Der in Gen. 9,13-17 genannte Bundesschluss ist ein souveräner Akt Gottes, nicht des Menschen:

Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen Mir und der Erde. Balle Ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke Ich des Bundes, der besteht zwischen Mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch verdirbt. Steht der Bogen in den Wolken, so werde Ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde. Und Gott sprach zu Noach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den Ich zwischen Mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde aufgerichtet habe.

Zugleich bestätigt der Schöpfergott damit Sein Werk. In Gen. 1,26-28 heißt es ja:

Dann sprach Gott: Lasst Uns Menschen machen als unser Bild, Uns ähnlich! Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen. Gott erschuf den Menschen als Sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf Er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!

Der zweite Schöpfungsbericht (Gen. 2,18-23) führt es genauer aus:

Dann sprach Gott, der HERR: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist. Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen ebenbürtig war, fand er nicht. Da ließ Gott, der HERR, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der HERR, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie genannt werden; denn vom Mann ist sie genommen.¹

1. Im Hebräischen ein Wortspiel: ish – Mann, isha – Frau.

Was die Heilige Schrift hier in großen Bildern sagt, gilt! Männlich und weiblich schuf Gott den Menschen; die Geschlechter ergänzen einander, und ohne den Beistand der Frau findet sich der Mann in der Welt nicht zurecht, auch wenn er alles erkennen und benennen kann. Mann und Frau sind von einer Art und ergänzen einander.

Die Sintflutgeschichte endet versöhnlich – Gott legt Seinen Kriegsbogen in die Wolken und widmet ihn um zum verbindlichen Zeichen Seiner Treue und Fürsorge. Zugleich ist der Mensch aufgerufen, Gottes Bund zu beachten. Daß Sexualität zwischen Mann und Frau stattfindet und mit Fruchtbarkeit zu tun hat, wird in diesen alten Texten ohne weitere Erläuterung als gottgegeben erklärt. Spätere biblische Texte bis zu Paulus betonen mit Schärfe, daß homosexuelle Akte (und nicht bloße homosexuelle Veranlagung, die nicht thematisiert wird) in sich schlecht sind.

Aber Gott liebt doch alle Menschen! – Ja, aber Er liebt nicht alle Handlungen. Wir sind frei, zu entscheiden, was wir tun. Der Katechismus der Katholischen Kirche (2357-2359) ist deutlich genug zu dem Thema.

Der Ambo ist der Ort, von dem aus das Wort Gottes verkündet und ausgelegt wird. Es ist widersinnig, ihn mit einem LGTB-Symbol zu schmücken.

Der Altar, der Opfer- und Mahltisch, wo die Eucharstische Wandlung von Brot und Wein zu Fleisch und Blut des Herrn geschieht, ist Zeichen für Jesus Christus, für das fleischgewordene Wort Gottes, für Gott. Ob man einen Altar und seinen Schmuck schön findet oder nicht, ist zwar auch Geschmackssache. (So mag ich keine rosa Anthurien, andere finden rosa Anthurien wunderschön, und wenn der Blumenschmuck rosa Anthurien enthält, kann ich sagen: Nicht mein Fall, aber sie sind zu Gottes Ehre da hingestellt.) Aber ein Symbol der LGTBetc.-Bewegung stellt in sich einen Widerspruch zu Gottes Wort dar. Als Altarschmuck ist es ein überdeutliches Zeichen des Ungehorsams. Die Aussage ist: „Wir behaupten, Gott zu lieben, und was Er zum Thema Sexualität sagt, ist uns egal. Wir glauben, daß die Kirche der richtige Ort für Gottesdienste ist, und ignorieren geflissentlich die Sexuallehre der Kirche.“

Ich möchte trotz aller Enttäuschung über P. Jan Korditschke SJ, der diesen sonderbaren Gottesdienst und Altarschmuck zuließ und guthieß, kein pauschales Genörgel über die Societas Jesu veranstalten. Stattdessen lasse ich abschließend einen anderen Jesuiten unserer Zeit zu Wort kommen.

P. Gianfranco Matarazzo SJ schreibt in seinem Essay About Chastity zwar über das mönchische Keuschheitsgelübde. Aber Christen sind ja ausnahmslos zu einem keuschen Leben gerufen, in dem Sexualität so heilig ist, daß sie nur im Schutz einer christlichen Ehe stattfindet. Ich zitiere einige Absätze in meiner Übersetzung:

Authentische Keuschheit ist kein Alibi, um gegenüber Frauen einen Argwohn oder – noch schlimmer – eine unreife Herablassung zu hegen. Stattdessen ist der Ordensmann berufen zu zeigen, daß er die freie Wahl der Weise bejaht, in der er seine Sexualität äußert, eine Weise, die dem Beispiel Jesu folgt und die Beziehungskräfte des Ordensmannes – besonders wenn er Priester ist – im apostolischen Dialog öffnet. Der Jesuit ist gerufen, Person zu werden, authentische Person, immer freier für und wie Christus, für Sein Reich und für andere.

Und es kann auch geschehen, daß die Liebe zu Christus, die einen Ordensmann zur Keuschheit motiviert, anderen Menschen die Sehnsucht nach Reinheit vermittelt.

Keuschheit kann nur von jenen geliebt und gelebt werden, die einen Sinn für Gott und für Sein Handelns in uns und durch uns haben. Diesen Sinn für Gott zu haben bedeutet einen Sinn für das Mysterium Christi zu haben und vor allem all das in unserem Verstand, unserem Willen unseren Gewohnheiten zu reinigen, was mit Jesu Leben und Lehre nicht übereinstimmt.

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Hörnchen als Diva

Dies ist ein besonders hübsches Exemplar, zierlich und mit seidigem Fell. Es wirkt, als ob es das recht gut weiß: Zeigt sich, putzt sich, posiert und verschwindet.

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In memoriam Père Jacques Hamel

Vor fünf Jahren wurde der französische Priester Jacques Hamel von zwei Islamisten ermordet, während er die Messe zelebrierte. Er betete bis zum letzten Atemzug.

Père Jacques Hamel wurde 1930 geboren und empfing die Priesterweihe 1958. Er war als gütiger und humorvoller Mann bekannt, der sich für den Frieden zwischen den Religionen einsetzte. Er arbeitete weit über sein 75. Lebensjahr hinaus.

Jacques Hamel starb als Märtyrer. Das Seligsprechungsverfahren wurde drei Monate später eingeleitet und wird hoffentlich bald abgeschlossen.

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Kirchliche Bejublung eines Superspreader-Events

Gestern zogen durch Berlin zwischen 65.000 und 70.000 Menschen dicht an dicht vor die Siegessäule. Veranstalter und Polizei mussten immer wieder auf die Maskenpflicht und das Abstandhalten aufmerksam machen. Photos der Kundgebung zeigen eine abstandslose Menschenmenge, keineswegs alle mit Maske.

Diese Aktion sollte dazu dienen, daß in Deutschland die unglaubliche Knechtung Homosexueller, die bislang immer noch nicht mehr als Bürgermeister von Berlin (2001-2014) oder hochrangiges Mitglied der AfD (derzeit zum zweiten Mal Spitzenkandidatin) werden konnten. Außerdem sollen endlich die Kirchen anerkennen, daß Schwule und Lesben Kinder kriegen und Papst werden können müssen, am besten beides gleichzeitig. Und natürlich ist es ganz schlimm, wenn nicht jeder einzelne Mensch aus vollem Herzen gleichgeschlechtlichen Sex beklatscht.

Nun könnte mir diese Veranstaltung von Herzen egal sein, hätten wir da nicht einerseits eine Pandemie, was solche Massenaufläufe zu gänzlich unsolidarischen Taten, ja zur Bedrohung macht, und wäre sie nicht andererseits in einem ökumenischen Gottesdienst in einer katholischen Kirche ausdrücklich gefeiert worden.

Seit Jahrzehnten feiert die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) am Christopher-Street-Day einen besonderen Gottesdienst. Das ist ihr gutes Recht, man kann das blöd finden, aber sie dürfen. Heuer fand dieser zum ersten Mal in einer katholischen Kirche statt. Und das ist nicht ihr gutes Recht. In den Räumen einer Organisation etwas abfeiern, was genau diese Organisation ihren Statuten nach völlig falsch findet, ist unabhängig von der Natur der Sache unlogisch. Anlässlich des CSD kann man in einer katholischen Kirche natürlich einen Sühnegottesdienst feiern mit Allgemeinem Gebet um Bekehrung der Teilnehmer am CSD – nicht aber, wie aus Photos ersichtlich, mit Regenbogenfahne vor dem Altar und am Ambo. Ein Priester, der so etwas zulässt, entfernt sich von der Kirche, gleich wie groß seine Verdienste um Mission und Bildung sonst sein mögen.

Mich schmerzt das nicht nur, weil es wieder ein Keil in der Kirche ist. Ich habe große Sympathie für die Gesellschaft Jesu und befürchte, daß derartige Aktionen den Jesuiten in schlimmerer Weise schaden als der Gesamtkirche. Zu meinem Trost lese ich „About Chastity“, einen fünfseitigen Text des derzeitigen Pater Provinzial Gianfranco Matarazzo SJ der euro-mediterranen Ordensprovinz. Hier der Link.

Ja, doch, die Jesuiten sind katholisch. Für alle, die es nicht mehr im Vollsinn sind – gleich ob Jesuiten oder keine – bitte ich um ihre Fürsprache die Heiligen St. Ignatius von Loyola, Robert Bellarmin, Petrus Canisius, Paul Miki, sowie Friedrich von Spee (vom Erzbistum Köln als heiligmäßig anerkannt).

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Darf man Bösen Böses wünschen?

Für Christen ist die Antwort klar: Nein, darf man nicht. Nicht einmal dann, wenn man von der Bosheit direkt betroffen ist. „Bittet für die, die euch beleidigen; tut wohl denen, die euch übelwollen.“ Nicht nur Christen werden mir grundsätzlich zustimmen, daß Rache zerstörerisch ist und angerichtetes Unglück davon nicht behoben wird.

Aber jetzt herrscht gerade in Teilen Deutschlands große Not. Das ist der Augenblick, wo gute Regeln sich bewähren müssen. In der Tat bewähren sich gerade so Regeln wie Menschen – Nachbarn helfen einander, ohne zu fragen, wie speziell dieser Nachbar so ist. Verwüstete Orte werden aufgeräumt, und dabei ist dem Vernehmen nach keine Rede davon, ob man diese Leute in dieser Straße eigentlich mag. Da wird nicht gesagt „Aber vor dem Haus des Nachbarn XY mach ich nichts, den mag ich nicht“ – da wird geholfen und gerettet und geräumt und geputzt ohne Ansehen der Person. So soll es sein, und so ist es nach Katastrophen oft (man erinnere sich an die Hochwasser in Europa 2002 und an das Elbhochwasser 2006).

Leider gibt es auch die anderen, nicht hilfreichen Zeitgenossen nach jeder Katastrophe: Gaffer, Plünderer und Unruhestifter. Menschen, die im Internet und vor Ort Schreckensmeldungen verbreiten, manche offensichtlich mit dem Ziel, Menschen aus ihren Häusern zu scheuchen und dann in Ruhe zu plündern. Ich hoffe sehr, daß diese Menschen sich vor Gericht verantworten müssen, und auch, daß sie spätestens dann ihr Gewissen benutzen.

Im Internet lese ich unter Meldungen über solche Zeitgenossen zahlreiche Kommentare, die ausdrücklich gewalttätige Selbstjustiz herbeiwünschen. „An den Staudamm anketten“ und „Handgranate auf ihn werfen“ gehören zu den empfohlenen Maßnahmen, widerspruchslos und mit Beifallsbekundungen.

Die Menschen in den Katastrophengebieten, die Opfer solcher Gestalten werden oder auch nur von ihnen entnervt sind, schreiben solche Kommentare nicht. Sie haben keine Zeit und teilweise auch keinen Strom. Sie schippen gerade Dreck weg, versuchen, ihre Heimat wieder bewohnbar zu machen, schauen, wo sie Wäsche waschen und essen können, oder schlafen völlig erschöpft ein. Vielleicht trauern sie auch um einen Toten. Die Rachekommentare kommen von Menschen, die vielleicht wie ich mit dem Gefühl der Hilflosigkeit im Trockenen vor dem Computer sitzen und helfen würden, wenn sie es könnten (aber nicht hinfahren können, arbeiten müssen, körperlich nicht geeignet sind, kein Geld übrig haben usw.). Ich glaube, die meisten Rachekommentare kommen tatsächlich nicht von Menschen, die allen Ernstes einen Mitmenschen ermorden wollten. Aber der Gedanke „Tut wohl denen, die euch übel wollen“ ist so unfassbar, so exotisch, lächerlich für viele, daß er nicht einmal erwogen wird.

Niemand kann sich freisprechen von unguten Gedanken gegenüber unguten Nächsten. Aber man muss nicht einmal Christ sein, um einzusehen, daß man mit solchen Gedanken der eigenen Seele schadet und Unfrieden verbreitet. Menschen, die die Einsatzkräfte behindern, andere Menschen in Angst und Schrecken versetzen und plündern, gehören vors Gericht, und ich bin nicht für übergroße Milde. Aber Gewaltexzesse und Selbstjustiz machen alles nur schlimmer – auch dann, wenn sie nur auf facebook herbeigewünscht werden.

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Jesus ja, Religion nein?

Man hört es ja oft genug: der Glaube an Jesus Christus komme nicht nur ohne Religion aus, er sei ohne Religion besser, authentischer, wahrer. Gern wird man dann auch darüber belehrt, daß es viele Religionen gibt (was man niemals geahnt hätte) und daß sie alle falsch sind, während das Christentum wahr ist und daher keine Religion sein kann. – Ach?

Religio, von religo, anbinden, bedeutet „gewissenhafte Sorgfalt“. Ohne eine Bindung, die den Menschen an Gott festmacht, kann es gar keinen Glauben geben. Ohne Sorgfalt schläft der Glaube ein (wie jede andere Beziehung auch). Festgelegte Gebete, wie das Vaterunser oder die Formel „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ als verbindendes Element von Menschen, die einen Glauben teilen, sind bereits religiös.

Jesus war Seiner Menschennatur nach Jude, Seine Mutter und Sein Pflegevater folgten der jüdischen Religion. Er wuchs auf, eingebunden in die Religion, Seinen Eltern gehorsam, und nahm an religiösen Vollzügen gern teil. Seine Eltern gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem (Lk. 2,41); Er erlebte also Pilgern, Pascha feiern und das Gebet im Tempel als familiäre Tradition. Als Zwölfjähriger war Er tagelang auf eigene Faust im Tempel, „saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die Ihn hörten, waren erstaunt über Sein Verständnis und über Seine Antworten.“ (Lk. 2,46f.) Er bestand also Seine Bar Mitzwa vorzeitig und mit Bravour.

Jesu Cousin Johannes vollzog einen reinigenden Ritus zur Umkehr an vielen seiner Zuhörer. Die Taufe des Johannes war ein religiöser Akt, vergleichbar mit anderen Reinigungs- und Bußriten, auch wenn er in dieser Form wohl neu war. (Ob irgendein Ritus religiös ist oder nicht, hängt nicht von seinem Alter ab.) Jesus ließ sich taufen. Joh. 4,1-2 berichtet, daß auch im Kreis um Jesus getauft wurde, vermutlich zumindest mit Seinem Einverständnis, eher noch auf Seinen Befehl: „Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes – allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger.“ Der Auferstandene befahl den Jüngern Mission und Taufe (Mt. 28,18-20). Daher ist die Taufe bis heute ein religiöser Vollzug, übrigens ein anderer als die Taufe des Johannes, sie ist der Initiationsritus des Christentums und bedeutet, daß der Täufling, der „alte Mensch“, mit Jesus stirbt und frei von Sünde aus dem Taufwasser „aufersteht“. Die Beichte, das Sakrament der Sündenvergebung, ist eine Art Tauferneuerung; die Taufe selbst ist und bleibt einmalig. (Nicht sakramentale Formen der Beichte sind der evangelischen Kirche bekannt.) Zu Beginn der Entscheidung zum Christentum steht also ein Ritus der Aufnahme bzw. der Wiederversöhnung. Auch Menschen, die behaupten, ihr Christentum sei nicht religiös, sondern eine enge Beziehung zu Jesus (was in Wahrheit gar kein Unterschied zu sein hat), legen Wert auf die Taufe.

„So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge.“ (Lk. 4,16) Jesus hatte die Gewohnheit, am Sabbatgottesdienst teilzunehmen. Und offenbar fiel es zunächst gar nicht auf, daß Er den Lektorendienst übernahm – das spricht dafür, daß Er das nicht zum ersten Mal tat. (Im Judentum kann diesen Dienst prinzipiell jeder religionsmündige Mann übernehmen, der über die nötigen Kenntnisse verfügt.) Es war den Betern in der Synagoge von Nazaret offenbar bekannt, daß Jesus als Vorleser der Thora geeignet war. (Dagegen spricht nicht, daß man an diesem Tag mit Seiner Interpretation des Textes sehr unzufrieden war.)

„Tag für Tag war ich bei euch im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet.“ (Mk. 14,49) Das sagt Jesus bei Seiner Festnahme. Fünf Tage lang, von Seinem triumphalen Einzug bis zum Morgen vor Seiner Festnahme, hatte Er vor aller Augen im Tempel gelehrt (und natürlich war der in der Woche vor Pessach gesteckt voll). Jesus pflegte nicht nur im Geheimen, nicht nur im Kreis Seiner Jünger, sondern ganz öffentlich die Religion. Tatsächlich hatte Er gleich nach Seiner Ankunft in Jerusalem einen Eklat ausgelöst, indem Er die Händler aus dem Tempel vertrieb (Mt. 21,12-13; Mk. 11,15-17; Lk. 19,45-47; Joh. 2,13-16). Das zentrale Heiligtum war Ihm wichtig genug, Sein Leben dafür zu riskieren.

Petrus erkennt und bekennt Jesus als den Messias – und schon hat er das höchste Amt inne: „Da sagte Er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr Mich? Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern Mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde Ich Meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Mt. 16,15-19) Jesus verkündet hier etwas, das erst nach Seiner Auferstehung durch die Ausgießung des Heiligen Geistes stattfinden wird. Petrus muss überwältigt gewesen sein von dieser ihm noch unverständlichen Aufgabe!

Der Auferstandene fragt Petrus dreimal, ob er Ihn liebt (Joh. 21,15-17). Ihm dreimal, mit zunehmender Betroffenheit über diese Frage, zu versichern: Ja, ich liebe Dich – das ist die Buße für die dreimalige Verleugnung des Herrn. Und dieser Jünger hört nun ebenfalls dreimal den unmissverständlichen Befehl, der Christengemeinde als Hirt vorzustehen. Der Auferstandene befiehlt eine klare kirchliche Struktur – befiehlt sie dem, von dem Er sehr genau weiß, daß der ohne klare Ansage sein Leben nicht gut ordnen kann. Der impulsive, im Zorn auch mal gewalttätige, kurz darauf vor Menschenfurcht vergehende Jünger weiß sehr genau, wie nötig ihm Gottes Beistand ist, und er liebt Jesus über alles – das genügt dem Herrn als Qualifikation für das höchste Amt der Kirche. Der Auferstandene bestätigt, was Er Petrus in Cäsarea Philippi aufgetragen hat, und präzisiert die Aufgabe: Schlüsselgewalt über die Kirche bedeutet liebende Fürsorge. Zugleich aber bedeutet es, daß die Kirche eine Struktur hat und braucht, weil ein verbindlicher, bleibender Glaube eben nicht ohne Religion bestehen kann.

Wer sagt „Jesus ja, Religion nein“, der sagt zugleich, wohl ohne es zu begreifen: „Daß Jesus ein frommer und religiöser Mensch war, blende ich jetzt mal aus, das hat Er wohl nicht so gemeint.“ Ich gehe davon aus, daß Jesus alles „so gemeint“ hat, all Sein Leben, Handeln und Sprechen. Die Worte an Petrus über Kirche und Schlüsselübergabe sind Sprechakt und Befehl. Ob es uns passt oder nicht: Jesus Christus ist Gründer der Kirche und will, daß wir religiöse Menschen sind.

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Strohmannargument? Scheindebatte? Nein.

Man hört mitunter, es wolle doch gar niemand ernsthaft den § 218 StGB streichen. Das seien doch alles bloß Scheindebatten der Lebensschützer.

Nun ja. Im Grundsatzprogramm der Grünen heißt es unter Punkt 199 (Hervorhebung von mir):

„Das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das eigene Leben muss für alle Menschen, insbesondere auch Frauen, Mädchen, trans*, inter* und nichtbinäre Menschen mit und ohne Behinderung, uneingeschränkt gelten. Dieses Recht zu realisieren ist Teil einer guten öffentlichen Gesundheitsversorgung. Zu ihr zählen auch selbstbestimmte Schwangerschaftsabbrüche, die nichts im Strafgesetz­buch verloren haben und deren Kosten grundsätzlich übernommen werden müssen. …“

Quelle: Homepage der Grünen, Grundsatzprogramm

Die Linke schreibt in ihrem Grundsatzprogramm unter der Überschrift „Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit“ als letzten Satz des Kapitels (Hervorhebung von mir):

„Wir setzen uns für ein selbstbestimmtes solidarisches Leben und für die Streichung des Schwangerschaftsabbruches als Straftatbestand (§ 218) aus dem Strafgesetzbuch ein.“

Quelle: Die Linke, Parteiprogramm

Ich möchte auf die entsprechenden Seiten nicht verlinken; wer mag, kann sie selbst aufrufen.

Mit anderen Worten: Grüne und Linke wollen ganz ausdrücklich den § 218 streichen.

Die Diskussionen in den sozialen Medien sind oft schrill. Der ausdrückliche Wunsch nach Streichung des § 218 wird oft geäußert, und oft ohne jede Ahnung, was die Folgen davon wären – nämlich u.a. die Freigabe zum vorgeburtlichen Abschuss jedes Menschen bis zum Einsetzen der Wehen. Sicher, das wird nicht die Regel werden! Aber die grundsätzliche Möglichkeit wäre mit der Aufhebung des Abtreibungsverbots gegeben. Was nicht verboten ist, ist erlaubt.

Frauen, die nach der Legalisierung der Abtreibung schwanger werden und in irgendwelchen Schwierigkeiten sind, werden sich noch häufiger als jetzt die Frage gefallen lassen müssen „Warum treibst du nicht ab?“ Mütter von Behinderten, alleinerziehende Mütter, Mütter mit ernsten Problemen finanzieller oder gesundheitlicher Art werden noch öfter als jetzt als Kommentar zu ihrem Kind hören müssen: „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“

Man kann Schwangere unterstützen und ermutigen – oder dazu überreden, ihre Kinder zu töten. Man kann Kinder, die von irgendwelchen Einschränkungen betroffen sind, unterstützen und ermutigen – oder vorgeburtlich beseitigen. Man kann unverantwortliche Männer zur Verantwortung ziehen – oder unbehelligt davonkommen lassen. Ich bin in jedem Fall für die erste Möglichkeit.

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„Sie wären doch eine hervorragende Priesterin!“

Im Ernst: das sagte mir heute eine Frau. Sie sagte auch, warum sie nicht in die Kirche (genau: in die gleiche Gemeinde wie ich) geht (wegen Corona, und dann wegen der Mißbräuche) und daß der Vatikan zu viel Macht hat.

Nicht mitbekommen hat sie:

  1. meinen schon öfter, auch in unserer Gemeinde, gehaltenen Vortrag „Warum gibt es keine katholischen Priesterinnen?“, aus dem deutlich genug hervorgeht, daß ich auch keine will. Hören kann man ihn seit Jahren hier auf der Mediathek von Radio Horeb.
  2. die Aufarbeitung der Mißbräuche und die seit Jahren bestehende Anlaufstelle in unserer Gemeinde.
  3. die Tatsache, daß die Coronaregeln gelockert wurden und zugleich weiterhin ein gutes Schutzkonzept in unserer Gemeinde existiert.
  4. die Tatsache, daß die große Macht des Vatikan seit einigen Jahrhunderten Geschichte ist.

Ja, das war ihr alles unbekannt. (Punkt 1 bis 3 sicher, da von mir angesprochen und von ihr dahingehend beantwortet, daß sie noch nie davon gehört oder gelesen hat; Punkt 4 hab ich nicht weiter thematisiert.)

Liebe Christen, wenn Ihr nicht mehr in die Kirche geht, lasst es bleiben. Aber erfindet keine Gründe. Es ist einfach nicht wahr, daß Ihr wegen Corona, Skandalen, Macht des Vatikan oder was auch immer nicht kommt. Ihr hab ganz einfach keinen Bock. Seid ehrlich und sagt das.

Sollte ich jemals per Akklamation zur Priesterin gekürt werden, werde ich höflich ablehnen und zur Begründung den Vortrag halten, den Ihr Nicht-Kirchgänger seit Jahren ignoriert.

Meine Fresse… Ja, heute bin ich knurrig. Nun danket alle Gott, daß ich keine Priesterin bin.

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Vortrag: Behinderte im Mittelalter

Mein neuester Vortrag auf Radio Horeb ist zwar schon ein paar Tage her, aber es gibt ja den Podcast. Hier kann man mich hören.

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