Darf man Bösen Böses wünschen?

Für Christen ist die Antwort klar: Nein, darf man nicht. Nicht einmal dann, wenn man von der Bosheit direkt betroffen ist. „Bittet für die, die euch beleidigen; tut wohl denen, die euch übelwollen.“ Nicht nur Christen werden mir grundsätzlich zustimmen, daß Rache zerstörerisch ist und angerichtetes Unglück davon nicht behoben wird.

Aber jetzt herrscht gerade in Teilen Deutschlands große Not. Das ist der Augenblick, wo gute Regeln sich bewähren müssen. In der Tat bewähren sich gerade so Regeln wie Menschen – Nachbarn helfen einander, ohne zu fragen, wie speziell dieser Nachbar so ist. Verwüstete Orte werden aufgeräumt, und dabei ist dem Vernehmen nach keine Rede davon, ob man diese Leute in dieser Straße eigentlich mag. Da wird nicht gesagt „Aber vor dem Haus des Nachbarn XY mach ich nichts, den mag ich nicht“ – da wird geholfen und gerettet und geräumt und geputzt ohne Ansehen der Person. So soll es sein, und so ist es nach Katastrophen oft (man erinnere sich an die Hochwasser in Europa 2002 und an das Elbhochwasser 2006).

Leider gibt es auch die anderen, nicht hilfreichen Zeitgenossen nach jeder Katastrophe: Gaffer, Plünderer und Unruhestifter. Menschen, die im Internet und vor Ort Schreckensmeldungen verbreiten, manche offensichtlich mit dem Ziel, Menschen aus ihren Häusern zu scheuchen und dann in Ruhe zu plündern. Ich hoffe sehr, daß diese Menschen sich vor Gericht verantworten müssen, und auch, daß sie spätestens dann ihr Gewissen benutzen.

Im Internet lese ich unter Meldungen über solche Zeitgenossen zahlreiche Kommentare, die ausdrücklich gewalttätige Selbstjustiz herbeiwünschen. „An den Staudamm anketten“ und „Handgranate auf ihn werfen“ gehören zu den empfohlenen Maßnahmen, widerspruchslos und mit Beifallsbekundungen.

Die Menschen in den Katastrophengebieten, die Opfer solcher Gestalten werden oder auch nur von ihnen entnervt sind, schreiben solche Kommentare nicht. Sie haben keine Zeit und teilweise auch keinen Strom. Sie schippen gerade Dreck weg, versuchen, ihre Heimat wieder bewohnbar zu machen, schauen, wo sie Wäsche waschen und essen können, oder schlafen völlig erschöpft ein. Vielleicht trauern sie auch um einen Toten. Die Rachekommentare kommen von Menschen, die vielleicht wie ich mit dem Gefühl der Hilflosigkeit im Trockenen vor dem Computer sitzen und helfen würden, wenn sie es könnten (aber nicht hinfahren können, arbeiten müssen, körperlich nicht geeignet sind, kein Geld übrig haben usw.). Ich glaube, die meisten Rachekommentare kommen tatsächlich nicht von Menschen, die allen Ernstes einen Mitmenschen ermorden wollten. Aber der Gedanke „Tut wohl denen, die euch übel wollen“ ist so unfassbar, so exotisch, lächerlich für viele, daß er nicht einmal erwogen wird.

Niemand kann sich freisprechen von unguten Gedanken gegenüber unguten Nächsten. Aber man muss nicht einmal Christ sein, um einzusehen, daß man mit solchen Gedanken der eigenen Seele schadet und Unfrieden verbreitet. Menschen, die die Einsatzkräfte behindern, andere Menschen in Angst und Schrecken versetzen und plündern, gehören vors Gericht, und ich bin nicht für übergroße Milde. Aber Gewaltexzesse und Selbstjustiz machen alles nur schlimmer – auch dann, wenn sie nur auf facebook herbeigewünscht werden.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Darf man Bösen Böses wünschen?

  1. Hans-Jürgen Caspar schreibt:

    Sehr treffend. Danke!

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  2. Herr S. schreibt:

    Ich habe nach einer betriebsinternen Umorganisation ca. 11 Jahre lang unter einer mir übel wollenden Vorgesetzten arbeiten müssen, die mir zusammen mit ihrer damaligen Stellvertreterin auf verschiedenste Arten das Leben schwer und sauer machte.

    Am liebsten wären sie mich durch Entlassung losgeworden, aber im ÖD geht das nicht, zumal ich schon davor unkündbar war.

    Wie damit umgehen – gerade auch als Christ?

    U. a. half mir mal ein Beichtgespräch, in welchem der betr. sehr lebens- und glaubenserfahrene Benediktinerpater mir antrug, meine berufliche Situation auch als eine Art Prüfung und gar (seelisches) Martyrium zu betrachten und bewusst zu machen. Das tat ich ab da, und das half mir ab da durchaus sehr.

    Ich habe diese Jahre mit viel eiserner Disziplin durchgestanden, und auch, wo es möglich und nötig war, mich auf legale Art meiner Haut gewehrt.

    Meine Frau schlug auch vor, u. a. auch den Rosenkranz für diese geradezu unmögliche Frau und ihre ebenfalls missgünstige Stellvertreterin zu beten.

    Ich selbst konnte das zwar meist nicht sondern nur in wenigen Ausnahmefällen, aber meine Frau machte das regelmäßig, und nach einiger Zeit hatte das einen ersten Erfolg, indem die Stellvertreterin der Vorgesetzten sich erfolgreich um eine Stelle in der Fachbehörde bewarb, dort angenommen wurde und einige Zeit später von da aus gar in ein anderes Bundesland wechselte.

    Ohne dieses bisherige Pendant war die Vorgesetzte weniger stark, blieb zwar mies, machte aber auch gelegentliche Fehler, wodurch sie auch etwas geschwächt wurde in ihrer Position.

    Ich erarbeitete mir wiederum zäh und äußerlich wenig beeindruckt im Laufe der Jahre Vertrauen bei höheren Chargen und konnte so allmählich meine Position festigen und auf Grund messbarer Erfolge allmählich sogar ausbauen, bis ich eines Tages sogar in Folge einer erneuten Umorganisation mit meinem Fachgebiet und Mitarbeitern zu einem guten neuen Vorgesetzten wechseln konnte.

    Das Ganze hat trotzdem bei mir tiefe Spuren hinterlassen, und ich kann bis heute diesen beiden Frauen manches, was mir von ihnen widerfuhr, nicht ehrlichen Herzens verzeihen.

    Die „Pest oder ähnlich Böses“ wünsche ich ihnen zwar NICHT an den Hals, aber ich möchte in diesem Leben nichts mehr mit ihnen zu tun haben.

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