Jesus ja, Religion nein?

Man hört es ja oft genug: der Glaube an Jesus Christus komme nicht nur ohne Religion aus, er sei ohne Religion besser, authentischer, wahrer. Gern wird man dann auch darüber belehrt, daß es viele Religionen gibt (was man niemals geahnt hätte) und daß sie alle falsch sind, während das Christentum wahr ist und daher keine Religion sein kann. – Ach?

Religio, von religo, anbinden, bedeutet „gewissenhafte Sorgfalt“. Ohne eine Bindung, die den Menschen an Gott festmacht, kann es gar keinen Glauben geben. Ohne Sorgfalt schläft der Glaube ein (wie jede andere Beziehung auch). Festgelegte Gebete, wie das Vaterunser oder die Formel „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ als verbindendes Element von Menschen, die einen Glauben teilen, sind bereits religiös.

Jesus war Seiner Menschennatur nach Jude, Seine Mutter und Sein Pflegevater folgten der jüdischen Religion. Er wuchs auf, eingebunden in die Religion, Seinen Eltern gehorsam, und nahm an religiösen Vollzügen gern teil. Seine Eltern gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem (Lk. 2,41); Er erlebte also Pilgern, Pascha feiern und das Gebet im Tempel als familiäre Tradition. Als Zwölfjähriger war Er tagelang auf eigene Faust im Tempel, „saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die Ihn hörten, waren erstaunt über Sein Verständnis und über Seine Antworten.“ (Lk. 2,46f.) Er bestand also Seine Bar Mitzwa vorzeitig und mit Bravour.

Jesu Cousin Johannes vollzog einen reinigenden Ritus zur Umkehr an vielen seiner Zuhörer. Die Taufe des Johannes war ein religiöser Akt, vergleichbar mit anderen Reinigungs- und Bußriten, auch wenn er in dieser Form wohl neu war. (Ob irgendein Ritus religiös ist oder nicht, hängt nicht von seinem Alter ab.) Jesus ließ sich taufen. Joh. 4,1-2 berichtet, daß auch im Kreis um Jesus getauft wurde, vermutlich zumindest mit Seinem Einverständnis, eher noch auf Seinen Befehl: „Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes – allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger.“ Der Auferstandene befahl den Jüngern Mission und Taufe (Mt. 28,18-20). Daher ist die Taufe bis heute ein religiöser Vollzug, übrigens ein anderer als die Taufe des Johannes, sie ist der Initiationsritus des Christentums und bedeutet, daß der Täufling, der „alte Mensch“, mit Jesus stirbt und frei von Sünde aus dem Taufwasser „aufersteht“. Die Beichte, das Sakrament der Sündenvergebung, ist eine Art Tauferneuerung; die Taufe selbst ist und bleibt einmalig. (Nicht sakramentale Formen der Beichte sind der evangelischen Kirche bekannt.) Zu Beginn der Entscheidung zum Christentum steht also ein Ritus der Aufnahme bzw. der Wiederversöhnung. Auch Menschen, die behaupten, ihr Christentum sei nicht religiös, sondern eine enge Beziehung zu Jesus (was in Wahrheit gar kein Unterschied zu sein hat), legen Wert auf die Taufe.

„So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge.“ (Lk. 4,16) Jesus hatte die Gewohnheit, am Sabbatgottesdienst teilzunehmen. Und offenbar fiel es zunächst gar nicht auf, daß Er den Lektorendienst übernahm – das spricht dafür, daß Er das nicht zum ersten Mal tat. (Im Judentum kann diesen Dienst prinzipiell jeder religionsmündige Mann übernehmen, der über die nötigen Kenntnisse verfügt.) Es war den Betern in der Synagoge von Nazaret offenbar bekannt, daß Jesus als Vorleser der Thora geeignet war. (Dagegen spricht nicht, daß man an diesem Tag mit Seiner Interpretation des Textes sehr unzufrieden war.)

„Tag für Tag war ich bei euch im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet.“ (Mk. 14,49) Das sagt Jesus bei Seiner Festnahme. Fünf Tage lang, von Seinem triumphalen Einzug bis zum Morgen vor Seiner Festnahme, hatte Er vor aller Augen im Tempel gelehrt (und natürlich war der in der Woche vor Pessach gesteckt voll). Jesus pflegte nicht nur im Geheimen, nicht nur im Kreis Seiner Jünger, sondern ganz öffentlich die Religion. Tatsächlich hatte Er gleich nach Seiner Ankunft in Jerusalem einen Eklat ausgelöst, indem Er die Händler aus dem Tempel vertrieb (Mt. 21,12-13; Mk. 11,15-17; Lk. 19,45-47; Joh. 2,13-16). Das zentrale Heiligtum war Ihm wichtig genug, Sein Leben dafür zu riskieren.

Petrus erkennt und bekennt Jesus als den Messias – und schon hat er das höchste Amt inne: „Da sagte Er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr Mich? Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern Mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde Ich Meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Mt. 16,15-19) Jesus verkündet hier etwas, das erst nach Seiner Auferstehung durch die Ausgießung des Heiligen Geistes stattfinden wird. Petrus muss überwältigt gewesen sein von dieser ihm noch unverständlichen Aufgabe!

Der Auferstandene fragt Petrus dreimal, ob er Ihn liebt (Joh. 21,15-17). Ihm dreimal, mit zunehmender Betroffenheit über diese Frage, zu versichern: Ja, ich liebe Dich – das ist die Buße für die dreimalige Verleugnung des Herrn. Und dieser Jünger hört nun ebenfalls dreimal den unmissverständlichen Befehl, der Christengemeinde als Hirt vorzustehen. Der Auferstandene befiehlt eine klare kirchliche Struktur – befiehlt sie dem, von dem Er sehr genau weiß, daß der ohne klare Ansage sein Leben nicht gut ordnen kann. Der impulsive, im Zorn auch mal gewalttätige, kurz darauf vor Menschenfurcht vergehende Jünger weiß sehr genau, wie nötig ihm Gottes Beistand ist, und er liebt Jesus über alles – das genügt dem Herrn als Qualifikation für das höchste Amt der Kirche. Der Auferstandene bestätigt, was Er Petrus in Cäsarea Philippi aufgetragen hat, und präzisiert die Aufgabe: Schlüsselgewalt über die Kirche bedeutet liebende Fürsorge. Zugleich aber bedeutet es, daß die Kirche eine Struktur hat und braucht, weil ein verbindlicher, bleibender Glaube eben nicht ohne Religion bestehen kann.

Wer sagt „Jesus ja, Religion nein“, der sagt zugleich, wohl ohne es zu begreifen: „Daß Jesus ein frommer und religiöser Mensch war, blende ich jetzt mal aus, das hat Er wohl nicht so gemeint.“ Ich gehe davon aus, daß Jesus alles „so gemeint“ hat, all Sein Leben, Handeln und Sprechen. Die Worte an Petrus über Kirche und Schlüsselübergabe sind Sprechakt und Befehl. Ob es uns passt oder nicht: Jesus Christus ist Gründer der Kirche und will, daß wir religiöse Menschen sind.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter KATHOLONIEN abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Jesus ja, Religion nein?

  1. Herr S. schreibt:

    Zu der sehr eindringlich geschilderten Berufung Petri zur Leitung der Kirche folgende Gedanken:

    Christusliebe ist das alles entscheidende Kriterium zur Leitung Seiner Kirche.     

    Die alles und einzig entscheidende Voraussetzung zur Leitung SEINER Kirche legt der auferstandene Herr selbst dem dem Petrus in Seiner dreimalig eindringlich gestellten Frage vor: „Liebst du mich?“

    Petrus bejaht ebenso eindringlich und erhält feierlich dreimalig bekräftigt das Hirtenamt verliehen.

    Darauf also kommt es letztendlich entscheidend beim Petrus Nachfolger an: Auf die Christusliebe!

    Was damit konkret gemeint ist, sagt Christus in Seiner Abschiedsrede im Abendmahlssaal vor Seiner Passion [Johannesevangelium Kap. 14 und 15 – insbesondere in  Joh 14, 23): Festhalten an Seinem – Gottes – Wort!

    Wer das tut und befolgt, dem wird vom Herrn der Besuch von Gottvater und von Gottsohn im Herzen verheißen – und damit nämlich der Hl. Geist – die Liebe zwischen Gottvater und Gottsohn in Person!

    Der Hl. Geist führt immer tiefer in die Lehre und Geheimnisse Gottes ein und in das rechte Bibelverständnis.

    Gefällt 1 Person

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ja natürlich! Diese Liebe scheint ja schon auf in dem Messiasbekenntnis des Petrus (und, wenn auch schiefgewickelt, als er den armen Malchus angreift, um seinen Herrn zu verteidigen).
      Dennoch bin ich sicher, daß für das Leben der Kirche zur Liebe auch Struktur und Organisation gehört (die allerdings nur zu etwas Gutem führen, wenn sie in der Liebe begründet sind).

      Gefällt mir

  2. gerd schreibt:

    Off Topic:
    An einem Kohlenfeuer verleugnete Petrus den Herrn und an einem Kohlenfeuer fragte der Herr nach der Liebe des Petrus. Interessante Parallele wie ich finde. Das erste Feuer war das Feuer der Hölle und das zweite das Feuer der Reinigung. Wie seht ihr das?

    Gefällt 1 Person

  3. Über diese merkwürdige Denkfigur (das Christentum sei keine Religion) habe ich mich auch lange gewundert. M.E. steckt dahinter meist ein schlecht bzw. unverstandener Karl Barth, der Religion als „Versuch des Menschen, zu Gott zu kommen“ definiert, im Unterschied dazu das Christentum als „Versuch Gottes, zum Menschen zu kommen“. Mit dieser (eigenwilligen) Religionsdefinition ergibt „Jesus ja, Religion nein“ ein wenig Sinn. Wenn man nur die Aussage aufschnappt, aber nicht die dahinterstehende Religionsdefinition, wird daraus sowas wie „Jesus ja, Kirche nein“. Alles weitere ist dann: ex falso quodlibet.

    Gefällt 1 Person

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich habe von Karl Barth keine Ahnung. Aber diesen Satz kenne ich. Und ich verstehe ihn so: Religionen sind Ausdruck des natürlichen menschlichen Strebens nach Gott. Das Christentum ist die von dem wahren Gott geschenkte Religion.

      Gefällt mir

  4. Hans-Jürgen Caspar schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,

    vielen Dank für Ihren Artikel mit interessanten und bewegenden Details!

    Mit herzlichem Gruß
    Hans-Jürgen Caspar

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.