Ist Macht etwas Schlechtes?

Zum gefühlt hundertsten Mal kursiert auf Facebook ein Zitat von Charlie Chaplin:

Macht brauchst du nur, wenn du etwas Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe, um es zu erledigen.

Widerspruch wird in den Kommentaren unter Berufung auf die Bergpredigt nicht geduldet.

Es klingt ja auch zu schön. Und Chaplin, dieser sympathische, witzige Mensch, der so viele Menschen fröhlich gemacht hat mit seinen Filmen, deren Komik nie boshaft ist, in denen stets das Gute siegt – dem darf man doch nicht widersprechen! Ich tu es doch.

Im Amtsgericht Berlin-Charlottenburg, einem Bau des 19. Jhs., wird man von einer auffälligen Deckenmalerei empfangen: Rechts und links über dem Eintretenden sind zwei von floralem Stuck umgebene Ovale mit goldener Schrift. MACHT steht in einem, RECHT im anderen. Das hat mich früher ziemlich aufgeregt. Aber die beiden gehören zusammen! Macht ohne Recht ist tyrannisch, Recht ohne Macht ist konsequenzenlos.

Macht ist zunächst ein wertfreier Begriff. Ich übe Macht aus, wenn ich z.B. jemanden festhalte. Kürzlich geschah das, weil der Jemand versuchte, meine Tasche zu stibitzen. Natürlich hätte ich das auch in Liebe geschehen lassen können…? Nein! Ich kann nicht aus Liebe ein Unrecht geschehen lassen (das u.a. dazu geführt hätte, daß jemand anders als ich meine Papiere samt Ausweis und meine Schlüssel hätte und damit vermutlich etwas Böses angestellt hätte, also nicht nur mir, sondern auch sich selbst geschadet hätte). Ich übe auch Macht aus, wenn ich ein Kleinkind durch Festhalten daran hindere, auf die Straße zu rennen oder eine Glasscherbe aufzuheben. Und ich fände es äußerst lieblos, beides zu erlauben mit der Bemerkung „Durch Schaden wird man klug“.

Gott ist die Liebe, ist der Inbegriff des Guten, Wahren und Schönen: Er ist Liebe und hat sich aus Liebe selbst machtlos gemacht am Kreuz, hat sich allen Menschen zuliebe denen ausgeliefert, die ihre Macht mißbrauchten. Das scheint das Zitat von Chaplin zu bestätigen. Aber wenn Gott nicht auch allmächtig wäre, wäre das das Ende gewesen. Dann wäre Gott tatsächlich tot. Dann hätte es keine Auferstehung gegeben und keine Himmelfahrt, und wir hätten weder Gericht noch Gnade zu erwarten. Dann wären die Evangelien die Geschichte eines jungen Mannes, der Gutes tat und dafür umgebracht wurde – und weiter nichts. Ohne Macht kein Himmel – und keine Aussicht auf ewiges Leben in Liebe.

Im weltlichen Sinn: Stellen wir uns vor, weder Polizei noch Justiz hätten Macht. Stellen wir uns weiter vor, jemand überfiele eine Bank und nähme Geiseln. An welcher Stelle wäre es liebevoll gegenüber Bankangestellten, Geiseln und Angehörigen derselben, wenn keine Macht gegen den Geiselnehmer aufgewendet würde?

Mal abgesehen davon, würde Liebe sich auch ohne Wissen, Mut und Fertigkeit unzulässig selbst beschränken. Chaplin konnte so viele Menschen froh machen, weil er erstens Menschen liebte und zweitens sein Fach gelernt hatte und dafür ausgerüstet war. Ein Polizist kann im günstigen Fall eine Geiselnahme beenden, weil er das gelernt hat und dafür ausgerüstet ist. Oder (im Fall mit der Tasche) auf sehr ruhige und professionelle Weise Klarheit schaffen und Gewalt, die über „Festhalten am Handgelenk“ hinausgeht, verhindern. Und da sind wir schon wieder bei Macht.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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