Was in manchen Gemeinden so läuft

Ich hab von einem Zirkel heut gehört,
der sich am Anblick eines Kreuzes stört;
es ist den Leuten wider die Natur.
So hängten sie stattdessen eine Uhr!
Statt auf das Kreuz, das unsern Heiland trägt,
schaun sie nun auf die Stunde, die bald schlägt,
und statt verheißner froher Ewigkeit
beglotzen sie nur allzuknappe Zeit.
Auch sagt man mir, daß diese selten Tollen
in ihrer Nähe keine Bücher wollen.
Nun könnt man sagen: Ist ja freie Wahl!
Doch treffen sie sich im Gemeindesaal
und glauben, Vater Kolping nachzueifern,
wenn Kreuz und Buch und Bildung sie begeifern
und auf die Zeit, die stets vergeht, nur bauen.
Ach Herr, lass diese auch Dein Heil einst schauen!

© Claudia Sperlich

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Was am Katholizismus so klasse ist: Die Pracht!

Teuer, protzig, prunksüchtig, man hätte das Geld den Armen geben können – so lautet immer wieder die Kritik an prunkvollen Kirchengebäuden, prächtiger Ausstattung, priesterlichen Gewändern. Eher selten wird die auch nicht ganz billige Orgel kritisiert – auf Musik mag man dann ja doch nicht verzichten. Daß allerdings der Organist, der dies wundervolle Instrument bedient, das als Beruf macht und dafür wie andere Werktätige auch Geld bekommt, macht sich schon nicht mehr jeder klar. Wieviele außerkirchliche Arbeitsstellen für Organisten gibt es eigentlich? Mir fällt die Philharmonie ein und sonst nichts. Der Organist ist schon mal einer, der im Regelfall Geld von der Kirche bekommt (auch wenn ich finde, er sollte mehr davon bekommen).

Die ganze Pracht, der ganze Prunk der Kirche hat Menschen in Brot und Lohn gebracht. Man nennt solche Leute Architekten, Holzschnitzer, Bildhauer, Maler, Stuckateure, Schneider, Paramentensticker, Vergolder und so weiter. Wenn man also unbedingt will, daß diese Leute arm sind und bleiben, muss man einfach die kirchliche Pracht verbieten. Dann hätte die Kirche Geld, um es diesen Armen zu geben. Aber – es ihnen für gern vollbrachte Arbeit geben, ist doch besser, oder? Und keine Angst: für die Armen hat die Kirche immer noch was übrig und gibt ihnen. Ja, sie könnte das teilweise besser organisieren und teilweise auch weniger organisieren und spontaner sein, alles lässt sich verbessern. Aber: sie gibt, viel und gerne.

Die Pracht der Kirche ist zunächst – wie das Salböl in Mt. 26,6-7 – für Gott. Ihm, dem Dreieinen Gott, gebührt alle Pracht und Ehre, und Künstler haben sie Ihm in den letzten zweitausend Jahren gerne auf ihre Weise gegeben. Dann aber ist diese Pracht auch ein menschliches Urbedürfnis. Kinder haben dafür ein Gespür, wenn sie sich als Feen und Könige verkleiden und phantastische Schätze ersinnen. Aber auch die meisten Erwachsenen, die Barockschlösser und eben auch Kirchen als Touristen aufsuchen, kommen wegen der Schönheit, der Pracht – und nicht so sehr wegen des Glaubens. (Manch einer bleibt wegen des Glaubens; es gibt Bekehrungserlebnisse in Kirchen. Das nur nebenbei.)

Menschen, die wenig Sinn für Kunst und Schönheit haben, entwickeln gerade in Kirchen zuweilen ein ganz frisches ästhetisches Gespür. Menschen, die in kargen Wohnungen mit schäbigen Möbeln leben, dürfen sich an der kirchlichen Pracht sattsehen – und das ist nicht weniger wichtig, als sich hinterher an kirchlichen Kaffeetafeln und in kirchlichen Suppenküchen sattzuessen. Eine Messe spricht alle Sinne an, sie duftet und klingt, die Bilder und Ornamente erzählen von Gott und den Heiligen. In der Osternacht wird im Exsultet allein die Osterkerze mit ihrem Licht, ihrer Schönheit, ihrem Duft viele Strophen lang besungen. Die Priestergewänder lassen den dienenden Menschen, der sie trägt, förmlich verschwinden unter ihrer ausgefeilten Pracht; genau das ist übrigens ihr Sinn: Es geht nicht um den Priester als mehr oder minder guten Menschen, dem ich mehr oder minder Sympathie entgegenbringe, sondern um den Herrn, den er repräsentiert.

Sicher, es gibt höchst überladene Kirchen, in denen der Prunk den Beter förmlich erschlägt. Es gibt schlichte Kirchen, in denen die schöne Architektur und besondere Fenster, die Lichtführung und einzelne Bilder und Skulpturen mich besonders berühren. Und es gibt Kirchen, die ich stilistisch furchtbar finde, unter ihnen wiederum teils überladene, teils karge. Ob nämlich eine Kirche ein gelungenes Gesamtkunstwerk ist oder nicht, liegt an vielen verschiedenen Dingen: dem Können der Künstler, der Harmonie verschiedener Kunstwerke, und nicht zuletzt am Geschmack dessen, der sie betrachtet. Aber hiervon abgesehen, ist sowohl die Kirche als auch der in ihr gefeierte Gottesdienst ein spirituelles Gesamtwerk: stein- und goldgewordene Gebete, brokatene Preisungen, Bitte und Dank der Gemeinde.

Die katholische Kirche hat in allen bildenden Künsten, in der Musik und Dichtung eine überbordende Phantasie ganz in den Dienst Gottes gestellt, und das macht eben auch Menschen Freude. Stellen wir uns vor, die großen Kirchen würden verkauft, um das Geld den Armen zu spenden. Dann hätten einige Arme kurze Zeit Geld, und kein Armer dürfte sich je wieder an der Pracht dieser Kirchen erfreuen – denn die wären dann Privatbesitz und kosteten Eintritt, wenn man sie überhaupt noch betreten dürfte.

Ein Hoch auf Pracht, Protz und Prunk der Kirchen – sie kommen allen zugute!

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Wenn ich an Kaffee denke

Gestern stellte ich meine Übersetzung des Chorals „O store Gud“ vor – O großer Gott vor. Heute, eingedenk eines weiteren, dort nicht bedachten Teils der Schöpfung, folgt meine Parodie. (Wenn ich meine Übersetzung des Werkes eines anderen Dichters parodiere, wen parodiere ich dann eigentlich? Mich oder ihn? Beide?)

O großer Gott, wenn ich an Kaffee denke,
Den Du geschaffen hast durch Allmachtswort,
Auf daß er morgens unsre Hirne tränke,
Uns helfe auf zu gutem Werk und Wort,
Dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

Er kam aus Morgenlandes bunten Weiten,
Und wird in neuen Welten angebaut,
Und die ihn kundig rösten und bereiten,
Hab stets voll Dankbarkeit ich angeschaut.
Dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

Du gibst uns Menschen Kaffee zum Erwachen,
Du gibst uns Kaffee zur Geselligkeit.
Du gibst Talent und Fleiß zum Kaffeemachen.
Dir sei ein kaffeevolles Lob bereit!
Dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

© Claudia Sperlich

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Die Komplettsäkularisierung

Der Kleinstaat Pavoralia hat am vergangenen Sonntag die durchgehende Säkularisierung des Landes beschlossen. Schon längst sind Schulen und Universitäten durchgehend staatliche Einrichtungen; zwar gibt es je eine evangelische und eine katholische Privatschule sowie eine katholische Universität, diese haben jedoch einen zunehmend schweren Stand, da die staatlich vorgeschriebenen Lehrpläne von den christlichen Schulen nicht voll übernommen werden und die Dekanin der Universität sich weigert, Gender Studies als Fakultät aufzunehmen. Die genannten Einrichtungen erhalten keine öffentlichen Gelder, wollen aber weiterhin auch für Mittellose offen bleiben und finanzieren sich zum großen Teil aus Spenden.

Der Beschluss zur vollständigen Säkularisierung des Landes wird sich vermutlich auch auf die genannten Bildungseinrichtungen auswirken; ob der Besuch einer christlichen Privatschule noch legal, der Abschluss eines Studiums an der Pavoralianischen Universität St. Thomas (PUST) noch innerhalb der Landesgrenzen anerkannt sein wird, ist derzeit in der Schwebe. Die Kanzlerin der PUST, Frau Prudentia Kallid, befürchtet eine Abwanderung junger Wissenschaftler und Lehrer.

Unmittelbarer werden die Beschlüsse zu Arbeitszeiten, Kalenderreform und Feiertagen sein. Nach langen Debatten behielt man den Gregorianischen Kalender aus praktischen Gründen und Gewohnheit bei; das wesentliche Argument dafür kam vom Minister für Kulturelle Angelegenheiten, Herrn Plumbëus: „Der Gregorianische Kalender wurde nur deshalb von einem Papst geschaffen, weil vernünftigeren Menschen keine Gelegenheit dazu geboten wurde; wäre die Religion schon damals überwunden gewesen, hätte ein Forscher genau diesen Kalender entworfen.“

Religiöse Feiertage wurden jedoch gestrichen. Ob der Frauentag hierzu gehört oder nicht, ist einstweilen noch strittig; es sieht aber aus, als werde er beibehalten aus Gründen der Tradition. Ebenfalls beibehalten wird der Tag der Staatsgründung; dieser liegt zwar, wie Historiker einmütig bekunden, im Dunkeln, wird aber traditionell am 1.1. begangen.
Die Einteilung in Wochentage soll völlig wegfallen, um sich keiner abrahamitischen Religion anzupassen. „Die Datumsangabe ist auch ohne Wochentag ganz genau“, argumentiert Plumbëus, „und wann jemand seinen freien Tag nimmt, bleibt ihm selbst überlassen.“ Jeder Bürger hat zusätzlich zu seiner tariflichen Urlaubszeit ein Kontingent von siebzig freien Tagen, die er – ggf. nach Absprache mit dem Arbeitgeber – über das Jahr verteilen kann, wie er möchte. Wenn er an einem dieser Tage in einer Anstellung arbeitet, so steht ihm eine übertarifliche Vergütung zu.

Umfragen haben ergeben, daß zahlreiche Bürger gerne bereit wären, siebzig Tage am Stück (plus ihre tarifliche Urlaubszeit) Urlaub zu machen und den Rest des Jahres durchzuarbeiten. Ärzte warnen jedoch vor Burnout bei über zweihundert Tagen Arbeit ohne freien Tag. Kleine Betriebe mit weniger als fünf Angestellten wären durch ein mindestens siebzigtägiges Fernbleiben hochqualifizierter Angestellter existenziell bedroht. Von kirchlicher Seite war nur der Bischof von Pavoralia, Beat Agnellus, zu einem Kommentar bereit: „Wer glaubt, wird weiter im Siebentagesrhythmus leben – wer nicht, fällt auf die Schnauze. Wir heben ihn dann aber gern wieder auf.“

Die Sozialistische Internationale Partei Pavoralia (SIPP) begrüßt die Reform als „Sieg über die Religionen“, besteht aber auf Beibehaltung des arbeitsfreien 25.12. Damit dürfte es keine Schwierigkeiten geben; Umfragen haben ergeben, daß an diesem Tag alle Pavoralianer feiern wollen – mit geschmücktem Baum und Geschenken. „Das ist doch normal“, bekannte auch Minister Plumbëus.

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Zeit, für die Schöpfung zu danken!

So ein schöner Frühlingstag geht zu Ende! Zum Dank für diese schöne Zeit mache ich eine Übersetzung öffentlich.
Carl Boberg (1859-1940) war ein schwedischer Dichter, dessen berühmtestes Werk, „O store Gud“ (O großer Gott) zu seinen Lebzeiten mehrmals ins Deutsche, dann ins Russische und ins Englische übertragen wurde. Die deutschen Übertragungen sind allerdings mangelhaft; die eine hat vier, die andere fünf Strophen – das Original hat neun. Die englische Übersetzung „How great Thou art“ ist bis heute sehr bekannt. Hier eine Interpretation von Alan Jackson:

Und hier nun meine sehr texttreue Übersetzung des Originals. Merke: Ich kann kein Schwedisch. Aber die Sprache ist erstaunlich nah am Deutschen. Mit einem Wörterbuch geht es; es ist nicht das erste Mal, daß ich aus dem Schwedischen übertrage.

1. O großer Gott, wenn ich die Welt betrachte,
die Du geschaffen hast durch Allmachtswort,
da Lebens Fäden webt die Weisheit sachte
und jedes Wesen nährt an seinem Ort,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

2. Schau ich nach oben in die Himmelsweiten,
das goldne Weltschiff pflügt das blaue All,
und Mond und Sonne messen unsre Zeiten
und wechseln ab zu ihrer Glocken Schall,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

3. Hör ich den Sturm mit Donnerstimme hallen,
wenn Blitzes Klinge aus der Wolke schnellt,
wenn Tropfen quellen, frische Schauer fallen,
des Bundes Bogen meinen Blick erhellt,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

4. Wenn Sommerwinde über Felder schwingen,
wenn Blumen duften an der Quelle Strand,
wenn in dem grünen Zelt die Drosseln singen
an Kiefernwaldes stillem dunklem Rand,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

5. Wenn mich die Bibel lässt die Wunder schauen,
die unser Herr gewirkt seit Adams Zeit,
und wie ich auf die Gnade kann vertrauen,
und wie Er hilft aus Lebens Sünd‘ und Streit,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

6. Hör ich in ihrer Torheit Nebel Toren
verleugnen Gott und höhnen, was Er spricht,
und sehe doch, Er gibt sie nicht verloren,
und Seine Macht und Gnade lässt sie nicht,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

7. Und seh ich Gottes Sohn auf Erden leben
und Gutes tun und helfen allen gern,
und seh den Satan flieh’n, den Tod erbeben
vor dem gekreuzigten, verklärten Herrn,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

8. Fall ich, bedrückt von Schuld und Sünde, nieder
vor Ihm und bitte, dass Er mich befreit,
führt Er auf guten Weg die Seele wieder
erlöst mich ganz von Sünde und von Streit,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Wie groß bist Du, wie groß bist Du!

9. Wenn einst die Hüllen aller Zeiten fallen
und ich darf schauen, was ich glaube nun,
wenn meinem Geist wird hell die Glocke schallen,
wenn er erlöst in Ewigkeit darf ruhn,
dann jubelt Dir, mein Gott, die Seele zu:
Dank sei Dir, Herr! Wie groß bist Du!

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

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Heiligkeit in Potsdam!

Nein, der Papst kommt nicht nach Potsdam, soweit ich informiert bin.
Aber ich. Und mit mir ein Vortrag:

Dienstag, 26. März 2019
19.30-20.30 Uhr
Was ist Heiligkeit?
Arche Potsdam
Am Bassin 2
14467 Potsdam (schräg gegenüber von St. Peter und Paul)

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Eliten bilden, Kultur prägen, Werte bestimmen

Am 6. Februar 2019 erschien in der Tagespost ein Verriss von Rod Drehers Benedikt-Option, die ich bereits im Mai vergangenen Jahres hier rezensiert hatte.

Martin und Gudrun Kugler werfen Dreher vor, den vollständigen Rückzug der Christen aus Politik und Gesellschaft zu fordern, ein Einigeln im christlichen Dorf. Tatsächlich will Dreher nichts weniger als das – die Umsetzung seiner Ideen kann man als christliche Graswurzel-Revolution bezeichnen. Er will den Rückzug aus den Teilen der Gesellschaft, die mit dem Christentum nicht vereinbar sind – und er sieht sehr deutlich, daß das ziemlich viele sind. Die von ihm vorgeschlagenen christlichen Dörfer sind aber Keimzellen, nicht Endstationen. Zudem sieht er die überragende Wichtigkeit von Gebet, Anbetung und Eucharistie. Auf diesen ist eine erhaltenswerte Kultur erbaut, nicht umgekehrt, und allein die Rückbesinnung darauf kann das, was von ihr übrig ist, retten und heilen, aufbauen und wachsen lassen.

Rod Dreher will auch nicht, wie Kuglers ihm vorwerfen, „Geheimuniversitäten gründen und dort die christliche Lehre im Verborgenen weitergeben“, sondern er will, daß Christen christliche Schulen und Universitäten gründen, aber keinesfalls „geheim“, sondern öffentlich, doch ohne dem Zeitgeist Konzessionen zu machen. Das ist ein großartiges missionarisches Vorhaben. Überhaupt liest sich die Benedikt-Option wie ein Aufruf zur Mission im Großen wie im Kleinen, auch wenn Dreher die Mission gar nicht besonders herausstellt. Aber wo die Benedikt-Option gelebt wird, wird sie über kurz oder lang auch gesehen, und wo sie gesehen wird, wird sie auch mancher Hinsicht neugierig machen. Die Benedikt-Option ist kein endgültiger Rückzug aus der bösen Welt. Sie ist eine kluge Strategie, dem Christentum wieder Raum zu verschaffen, indem man das eigene Leben und das der Familie in allen Aspekten mit benediktinischer Frömmigkeit und Glaubensfreude tränkt – und durch benediktinische Gastfreundschaft andere mit dieser Lebensart ansteckt.

Ich stolperte erst jetzt über diesen Artikel im Zusammenhang mit einem Folgeartikel der Kuglers, der wiederum eine Erwiderung auf die irritierte Antwort des Rod-Dreher-Übersetzers Tobias Klein ist.

In der Tagespost rufen Martin und Gudrun Kugler zur Elitenbildung auf mit dem Ziel, eine christlichere und damit menschenfreundlichere Gesellschaft zu schaffen. Meine auf facebook gestellte Frage, was Elite (dieser schwammige Begriff) denn eigentlich sei, wurde beantwortet: „Alle, die Kultur prägen und Werte bestimmen, vom Lehrer bis zur Journalistin.“ Ich versuchte daraufhin, mir eine Kultur vorzustellen, die nur von Intellektuellen bestimmt wird und in der Handwerker, Künstler, Landwirte und Bauarbeiter nicht vorkommen. Ich vermute, eine solche Kultur würde sehr schnell im Wortsinn verfallen. Hungernde Lehrer und Journalisten in zerbröckelnden Häusern werden ihre Arbeit nicht mehr tun können.

Vielleicht war es ja auch anders gemeint, nämlich – es solle selbstverständlich die niederen Chargen weiterhin geben, aber falls die überhaupt so etwas wie Kultur und Werte haben, gilt es die weitgehend zu ignorieren. Das wäre allerdings ein wirklich böser Gedanke; ich hoffe, die Kuglers haben das nicht gemeint. Denn selbstverständlich haben und tradieren alle oder doch die meisten Menschen „Werte“, und selbstverständlich sind die Arbeiten der Handwerker und Künstler, Landwirte und Bauarbeiter nicht nette Gimmicks, sondern prägende Teile der Kultur.

Zudem sind „Kultur“ und „Werte“ auch solche Kulturen und solche Werte, mit denen die Kuglers nicht glücklich wären (und ich auch nicht). Es mag ein beschissen schlechter Wert sein, die Ermordung Andersgläubiger oder Behinderter zu empfehlen, aber die eine oder andere Kultur ist davon geprägt. Wenn man die Wörter „Kultur“ und „Werte“ benutzt, muss man sich darüber im Klaren sein, daß es kranke Kulturen und Werte des Bösen gibt.

So weit meine Gedanken zu Herrn Kuglers Erläuterung des Wortes „Elite“. Der Artikel, der so darauf drängt, in nur als intellektuell gedachten „Eliten“ als Christ politischen Einfluss zu nehmen, sieht keine Eliten irgendwelcher Art außerhalb politisch einflussreicher Kreise. Das ist falsch. Selbstverständlich ist es elitär, christliche Dörfer zu bilden, christliche Schulen und Universitäten zu gründen. Selbstverständlich kann man in Handwerk und Kunst von Eliten sprechen, ohne daß diese besonders „intellektuell“ sein müssen. (Thomas Chippendale war ja auch einfach Tischler.) Ferner sind die Autoren der Ansicht, Dreher wolle sämtlicher politischer Einflussnahme absagen. Das ist doppelt falsch. Einerseits ist das Gründen christlicher Dörfer, Schulen und Universitäten höchst politisch, sobald eine relevante Menge merkt, daß man dort einfach besser lebt, lernt und arbeitet als anderswo. Andererseits schließt Dreher politische Arbeit nicht aus, wenn (und genau so lange) sie mit dem Christentum ohne Verbiegung vereinbar ist. Das ist nur leider recht selten der Fall. Nicht Drehers Schuld.

Als Titelbild haben die Autoren eine Hammelherde gewählt; darunter steht „Keine Lust auf Politik?“ Es geht Dreher nicht um Lust oder Unlust, es geht um Möglichkeit und Unmöglichkeit. Christen, die sich um nichts in der Welt von der Welt verbiegen lassen wollen, sind nicht Mitglieder einer dusseligen Hammelherde, sondern Nachfolger des Lammes.

Hof Iben Kapelle09.JPG
Von Chris06Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

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Joseph

Er wurde nie von seinem Herrn gefragt,
ob er den sonderbaren Ziehsohn wollte.
Er lernte träumend, wie er handeln sollte –
und blieb bei ihr und hat sich nicht beklagt.

Schon möglich, daß er trauerte und schmollte,
vielleicht von Zorn und Zweifel angenagt.
Doch hat das Ungewohnte er gewagt,
als das verheißne Wort ihn überrollte.

Er richtete, so gut es ging, die Hütte
und legte seinen Mantel auf die Schütte,
damit Maria weich lag und der Knabe.

Er brachte beide durch als Gastarbeiter.
Die Träume blieben seine Wegbereiter.
Vielleicht sah er den Sohn als Gottesgabe.

aus: Lass mich bekennen Deine Mandelblüte, tredition 2015

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Abends in der Kapelle

Die nahe Krankenhauskapelle bietet mir die Möglichkeit zur stillen Anbetung auch abends, wenn die anderen Kirchen der näheren Umgebung geschlossen sind. Vorhin war ich dort. Sie war dunkel bis auf das Ewiglicht und eine schwache Notbeleuchtung, aber sie war nicht leer – der Organist probte. Denn morgen ist St. Joseph.

Ein längeres Stück fand ich besonders schön – ich habe aber keine Ahnung, von wem es ist. Es klingt, als ob es in einem dichten sommerlichen Laubwald weiße Glockenblumenblüten regnet.

So vorm Tabernakel, im Gespräch mit Jesus, und dazu schöne Musik wie Blumen: Besser kann ein Tag nicht ausklingen.

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Treppen putzen und meditieren

Seit kurzem habe ich einen Minijob. Denn der professionelle Reinigungsdienst, der einmal wöchentlich für die Sauberkeit der Treppenhäuser zuständig war, ist erheblich teurer geworden, und da hat die Hausverwaltung nicht mitgemacht.

Ich habe mich spontan angeboten und habe gestern zum dritten Mal drei Treppenhäuser auf vier Stockwerken geputzt. Hof fegen gehört auch dazu. Ideal an dem Job ist einiges schon auf den ersten Blick:

– Ich wohne hier und habe keinen Weg zur Arbeit.
– Die Nachbarn freuen sich, daß ich das mache.
– Ich kann meine Zeit einteilen; sollte ich mal zwei oder drei Tage brauchen, ist das auch nicht schlimm. (Gestern hatte ich vormittags anderes zu tun, fing erst um Mittag an und fegte deshalb den Hof erst heute morgen.)
– Ich habe ein Interesse daran, diese Arbeit gut zu machen – ich wohne hier!

Jede Treppe wird erst gefegt, dann gewischt. Im Vorderhaus, Erdgeschoss, kommt ein breiter Flur dazu. Die Treppengeländer werden reihum geputzt, mehr als eines schaffe ich nicht – jetzt sind sie alle ansehnlich; die Profis hatten sie total verstauben lassen. Nächste Woche nehme ich mir als Extra die Marmorstufen zum Hochparterre im Vorderhaus vor.

Gemerkt habe ich beim ersten Mal, daß die Profis nie die Wandwangen geputzt haben (sondern immer nur das Putzwasser dagegengeschoben). Beim Entfernen eines Flecks auf dem Steinfußboden unten habe ich festgestellt, daß die Steinplatten eigentlich nicht rotbraun, sondern rot sind – auch das werde ich nach und nach wieder sichtbar machen.

Das abgenutzte Linoleum auf den Treppen und die Risse in der alten Farbe (gibt es eigentlich ein Extraabteil im Fegefeuer für den Menschen, der Ochsenblutrot für eine Modefarbe auf Berliner Dielenböden und Treppen gemacht hat?) kann ich nicht ändern. Aber der über Jahrzehnte eingetretene Schmutz ist mit Geduld, Bürste und Muskelkraft sicher zu mindern. Ich habe den Ehrgeiz, daß in einem halben Jahr die drei Treppen in Vorderhaus und Seitenflügeln so wirken, als sei da schon immer eine sorgfältige Putzfrau am Werk gewesen.

Die Arbeit hat einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil für eine dicke Stubenhockerin. Andere Leute zahlen Geld an Sportstudios, ich putze einfach die Treppen und bekomme Geld dafür! Drei Treppen, vier Stockwerke, erst mit dem Besen, dann mit dem Wischer, und dabei jeden Absatz noch einmal, weil ich den Putzeimer erst ganz nach oben und dann absatzweise nach unten trage. Macht insgesamt: Vier Stockwerke dreimal rauf und runter, davon zweimal mit einem schweren Eimer. Gutes Konditionstraining! Bei meinem nächsten Termin beim Hausarzt, wenn er wieder fragt, ob ich jetzt Sport mache, kann ich ihm sagen: Ich mache jeden Montag fünf Stunden Ausdauertraining.

Aber nicht nur für Geld und Gesundheit ist das Treppenputzen gut. Ich bin in dieser Zeit unabgelenkt von allem anderen. Ich höre zu den vollen Stunden die Kirchenglocke – und sonst nicht viel. Das bedeutet: Ich kann meine Gewohnheit beibehalten, zur vollen Stunde ein Gebet zu sprechen, zu Mittag den Angelus zu beten. Und Saubermachen hat insgesamt etwas durchaus Meditatives.

Wenn dann alles schön ist, ich selbst frisch geduscht und sauber angezogen (man ahnt nicht, wie viel Dreck auf einem Menschen kleben kann nach so einer Arbeit!), mache eine Pause – und dann mache ich noch einen Weg, nämlich zur Krankenhauskapelle, die bis spätabends offen ist. Dort kann ich noch eine halbe Stunde anbeten, ganz allein. Das ist die Krönung des Tages.

Zwar möchte ich diese Arbeit wirklich nicht mehr als einmal wöchentlich tun – denn ich bin ja, so ganz nebenbei, Dichterin und möchte das auch bleiben. Aber abgesehen davon, daß ich alt bin und das Geld brauche, ist dieser Job auf ganzer Linie ein Gewinn, ein Gegengewicht zu meiner Schreibtischarbeit und sogar in geistlicher Hinsicht von Vorteil. Ich gehe soweit, zu raten: In Zeiten geistlicher Dürre putze man einfach eine Treppe, oder zwei, oder drei.

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