Treppen putzen und meditieren

Seit kurzem habe ich einen Minijob. Denn der professionelle Reinigungsdienst, der einmal wöchentlich für die Sauberkeit der Treppenhäuser zuständig war, ist erheblich teurer geworden, und da hat die Hausverwaltung nicht mitgemacht.

Ich habe mich spontan angeboten und habe gestern zum dritten Mal drei Treppenhäuser auf vier Stockwerken geputzt. Hof fegen gehört auch dazu. Ideal an dem Job ist einiges schon auf den ersten Blick:

– Ich wohne hier und habe keinen Weg zur Arbeit.
– Die Nachbarn freuen sich, daß ich das mache.
– Ich kann meine Zeit einteilen; sollte ich mal zwei oder drei Tage brauchen, ist das auch nicht schlimm. (Gestern hatte ich vormittags anderes zu tun, fing erst um Mittag an und fegte deshalb den Hof erst heute morgen.)
– Ich habe ein Interesse daran, diese Arbeit gut zu machen – ich wohne hier!

Jede Treppe wird erst gefegt, dann gewischt. Im Vorderhaus, Erdgeschoss, kommt ein breiter Flur dazu. Die Treppengeländer werden reihum geputzt, mehr als eines schaffe ich nicht – jetzt sind sie alle ansehnlich; die Profis hatten sie total verstauben lassen. Nächste Woche nehme ich mir als Extra die Marmorstufen zum Hochparterre im Vorderhaus vor.

Gemerkt habe ich beim ersten Mal, daß die Profis nie die Wandwangen geputzt haben (sondern immer nur das Putzwasser dagegengeschoben). Beim Entfernen eines Flecks auf dem Steinfußboden unten habe ich festgestellt, daß die Steinplatten eigentlich nicht rotbraun, sondern rot sind – auch das werde ich nach und nach wieder sichtbar machen.

Das abgenutzte Linoleum auf den Treppen und die Risse in der alten Farbe (gibt es eigentlich ein Extraabteil im Fegefeuer für den Menschen, der Ochsenblutrot für eine Modefarbe auf Berliner Dielenböden und Treppen gemacht hat?) kann ich nicht ändern. Aber der über Jahrzehnte eingetretene Schmutz ist mit Geduld, Bürste und Muskelkraft sicher zu mindern. Ich habe den Ehrgeiz, daß in einem halben Jahr die drei Treppen in Vorderhaus und Seitenflügeln so wirken, als sei da schon immer eine sorgfältige Putzfrau am Werk gewesen.

Die Arbeit hat einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil für eine dicke Stubenhockerin. Andere Leute zahlen Geld an Sportstudios, ich putze einfach die Treppen und bekomme Geld dafür! Drei Treppen, vier Stockwerke, erst mit dem Besen, dann mit dem Wischer, und dabei jeden Absatz noch einmal, weil ich den Putzeimer erst ganz nach oben und dann absatzweise nach unten trage. Macht insgesamt: Vier Stockwerke dreimal rauf und runter, davon zweimal mit einem schweren Eimer. Gutes Konditionstraining! Bei meinem nächsten Termin beim Hausarzt, wenn er wieder fragt, ob ich jetzt Sport mache, kann ich ihm sagen: Ich mache jeden Montag fünf Stunden Ausdauertraining.

Aber nicht nur für Geld und Gesundheit ist das Treppenputzen gut. Ich bin in dieser Zeit unabgelenkt von allem anderen. Ich höre zu den vollen Stunden die Kirchenglocke – und sonst nicht viel. Das bedeutet: Ich kann meine Gewohnheit beibehalten, zur vollen Stunde ein Gebet zu sprechen, zu Mittag den Angelus zu beten. Und Saubermachen hat insgesamt etwas durchaus Meditatives.

Wenn dann alles schön ist, ich selbst frisch geduscht und sauber angezogen (man ahnt nicht, wie viel Dreck auf einem Menschen kleben kann nach so einer Arbeit!), mache eine Pause – und dann mache ich noch einen Weg, nämlich zur Krankenhauskapelle, die bis spätabends offen ist. Dort kann ich noch eine halbe Stunde anbeten, ganz allein. Das ist die Krönung des Tages.

Zwar möchte ich diese Arbeit wirklich nicht mehr als einmal wöchentlich tun – denn ich bin ja, so ganz nebenbei, Dichterin und möchte das auch bleiben. Aber abgesehen davon, daß ich alt bin und das Geld brauche, ist dieser Job auf ganzer Linie ein Gewinn, ein Gegengewicht zu meiner Schreibtischarbeit und sogar in geistlicher Hinsicht von Vorteil. Ich gehe soweit, zu raten: In Zeiten geistlicher Dürre putze man einfach eine Treppe, oder zwei, oder drei.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Treppen putzen und meditieren

  1. akinom schreibt:

    „Beten und arbeiten.“ Diese (nicht nur) mönchische Verhaltensregel leben Sie auf vorbildliche Weise, Frau Sperlich! Ich staune, wie Sie in der Österlichen Bußzeit herausgefunden haben, was Ihnen mit dieser schweren körperlichen Dienstleistung als „Magd des Herrn“ alles gut tut! Offenbar leben Sie „ewiges Gebet“. Mögen Sie auch mit staunender Anerkennung vieler Nachbarn belohnt werden!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Die Nachbarn sind einfach rührend. Mahnen mich, ja nicht zu übertreiben, bitten vielmals um Entschuldigung, weil sie die Fußmatte nicht reingeholt haben. Und finden es völlig in Ordnung, wenn ich andeute, daß die Putzerei zuweilen auch über mehrere Tage verteilt werden kann.

  2. brettenbacher schreibt:

    „Wandwangen“- was für ein schönes Wort ! Läßt sich eine Dichterin natürlich nicht entgehen.

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