Die Komplettsäkularisierung

Der Kleinstaat Pavoralia hat am vergangenen Sonntag die durchgehende Säkularisierung des Landes beschlossen. Schon längst sind Schulen und Universitäten durchgehend staatliche Einrichtungen; zwar gibt es je eine evangelische und eine katholische Privatschule sowie eine katholische Universität, diese haben jedoch einen zunehmend schweren Stand, da die staatlich vorgeschriebenen Lehrpläne von den christlichen Schulen nicht voll übernommen werden und die Dekanin der Universität sich weigert, Gender Studies als Fakultät aufzunehmen. Die genannten Einrichtungen erhalten keine öffentlichen Gelder, wollen aber weiterhin auch für Mittellose offen bleiben und finanzieren sich zum großen Teil aus Spenden.

Der Beschluss zur vollständigen Säkularisierung des Landes wird sich vermutlich auch auf die genannten Bildungseinrichtungen auswirken; ob der Besuch einer christlichen Privatschule noch legal, der Abschluss eines Studiums an der Pavoralianischen Universität St. Thomas (PUST) noch innerhalb der Landesgrenzen anerkannt sein wird, ist derzeit in der Schwebe. Die Kanzlerin der PUST, Frau Prudentia Kallid, befürchtet eine Abwanderung junger Wissenschaftler und Lehrer.

Unmittelbarer werden die Beschlüsse zu Arbeitszeiten, Kalenderreform und Feiertagen sein. Nach langen Debatten behielt man den Gregorianischen Kalender aus praktischen Gründen und Gewohnheit bei; das wesentliche Argument dafür kam vom Minister für Kulturelle Angelegenheiten, Herrn Plumbëus: „Der Gregorianische Kalender wurde nur deshalb von einem Papst geschaffen, weil vernünftigeren Menschen keine Gelegenheit dazu geboten wurde; wäre die Religion schon damals überwunden gewesen, hätte ein Forscher genau diesen Kalender entworfen.“

Religiöse Feiertage wurden jedoch gestrichen. Ob der Frauentag hierzu gehört oder nicht, ist einstweilen noch strittig; es sieht aber aus, als werde er beibehalten aus Gründen der Tradition. Ebenfalls beibehalten wird der Tag der Staatsgründung; dieser liegt zwar, wie Historiker einmütig bekunden, im Dunkeln, wird aber traditionell am 1.1. begangen.
Die Einteilung in Wochentage soll völlig wegfallen, um sich keiner abrahamitischen Religion anzupassen. „Die Datumsangabe ist auch ohne Wochentag ganz genau“, argumentiert Plumbëus, „und wann jemand seinen freien Tag nimmt, bleibt ihm selbst überlassen.“ Jeder Bürger hat zusätzlich zu seiner tariflichen Urlaubszeit ein Kontingent von siebzig freien Tagen, die er – ggf. nach Absprache mit dem Arbeitgeber – über das Jahr verteilen kann, wie er möchte. Wenn er an einem dieser Tage in einer Anstellung arbeitet, so steht ihm eine übertarifliche Vergütung zu.

Umfragen haben ergeben, daß zahlreiche Bürger gerne bereit wären, siebzig Tage am Stück (plus ihre tarifliche Urlaubszeit) Urlaub zu machen und den Rest des Jahres durchzuarbeiten. Ärzte warnen jedoch vor Burnout bei über zweihundert Tagen Arbeit ohne freien Tag. Kleine Betriebe mit weniger als fünf Angestellten wären durch ein mindestens siebzigtägiges Fernbleiben hochqualifizierter Angestellter existenziell bedroht. Von kirchlicher Seite war nur der Bischof von Pavoralia, Beat Agnellus, zu einem Kommentar bereit: „Wer glaubt, wird weiter im Siebentagesrhythmus leben – wer nicht, fällt auf die Schnauze. Wir heben ihn dann aber gern wieder auf.“

Die Sozialistische Internationale Partei Pavoralia (SIPP) begrüßt die Reform als „Sieg über die Religionen“, besteht aber auf Beibehaltung des arbeitsfreien 25.12. Damit dürfte es keine Schwierigkeiten geben; Umfragen haben ergeben, daß an diesem Tag alle Pavoralianer feiern wollen – mit geschmücktem Baum und Geschenken. „Das ist doch normal“, bekannte auch Minister Plumbëus.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Die Komplettsäkularisierung

  1. akinom schreibt:

    Dieser konsequenten Umsetzung des Zeitgeistes hinken wir nicht weit hinterher. Doch bleibt wahr: Die Kirche ist auf den Felsen Petri gebaut und wird dauern bis zu SEINER Wiederkunft, auch wenn sie im Verborgenen überlebt! Ich hatte mal unseren Hausbesitzer gefragt: „Gibt es eigentlich noch echte duftende Veilchen? Wo blühen sie? Ich habe seit meiner Kindheit keine mehr gesehen.“ Die Antwort lautete: „Im Verborgenen!“

  2. nolitetimereweb schreibt:

    Das wurde vor knapp 230 Jahren ja schon einmal versucht. Sogar mit neuer Zeitrechnung und 10-Tage-Wochen. Hat nicht allzu lange gehalten. 😀 https://de.wikipedia.org/wiki/Franz%C3%B6sischer_Revolutionskalender

    – Crescentia.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ist mir klar – und ich wünsche wirklich jedem, der sich so fleißig für Säkularisierung einsetzt, zwei Jahre lang Zehntagewochen. Jeder zehnte Tag ist frei. Meinethalben auch jeder neunte und zehnte.

  3. Thomas schreibt:

    Nur mal so für Spaß:

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Interessant, diese Feierei von Blümchen und Bäumen (und dem Huhn). Religionslosigkeit landet halt immer am Ende bei irgendeiner selbstgestrickten Naturreligion.

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