Was am Katholizismus so klasse ist: Die Pracht!

Teuer, protzig, prunksüchtig, man hätte das Geld den Armen geben können – so lautet immer wieder die Kritik an prunkvollen Kirchengebäuden, prächtiger Ausstattung, priesterlichen Gewändern. Eher selten wird die auch nicht ganz billige Orgel kritisiert – auf Musik mag man dann ja doch nicht verzichten. Daß allerdings der Organist, der dies wundervolle Instrument bedient, das als Beruf macht und dafür wie andere Werktätige auch Geld bekommt, macht sich schon nicht mehr jeder klar. Wieviele außerkirchliche Arbeitsstellen für Organisten gibt es eigentlich? Mir fällt die Philharmonie ein und sonst nichts. Der Organist ist schon mal einer, der im Regelfall Geld von der Kirche bekommt (auch wenn ich finde, er sollte mehr davon bekommen).

Die ganze Pracht, der ganze Prunk der Kirche hat Menschen in Brot und Lohn gebracht. Man nennt solche Leute Architekten, Holzschnitzer, Bildhauer, Maler, Stuckateure, Schneider, Paramentensticker, Vergolder und so weiter. Wenn man also unbedingt will, daß diese Leute arm sind und bleiben, muss man einfach die kirchliche Pracht verbieten. Dann hätte die Kirche Geld, um es diesen Armen zu geben. Aber – es ihnen für gern vollbrachte Arbeit geben, ist doch besser, oder? Und keine Angst: für die Armen hat die Kirche immer noch was übrig und gibt ihnen. Ja, sie könnte das teilweise besser organisieren und teilweise auch weniger organisieren und spontaner sein, alles lässt sich verbessern. Aber: sie gibt, viel und gerne.

Die Pracht der Kirche ist zunächst – wie das Salböl in Mt. 26,6-7 – für Gott. Ihm, dem Dreieinen Gott, gebührt alle Pracht und Ehre, und Künstler haben sie Ihm in den letzten zweitausend Jahren gerne auf ihre Weise gegeben. Dann aber ist diese Pracht auch ein menschliches Urbedürfnis. Kinder haben dafür ein Gespür, wenn sie sich als Feen und Könige verkleiden und phantastische Schätze ersinnen. Aber auch die meisten Erwachsenen, die Barockschlösser und eben auch Kirchen als Touristen aufsuchen, kommen wegen der Schönheit, der Pracht – und nicht so sehr wegen des Glaubens. (Manch einer bleibt wegen des Glaubens; es gibt Bekehrungserlebnisse in Kirchen. Das nur nebenbei.)

Menschen, die wenig Sinn für Kunst und Schönheit haben, entwickeln gerade in Kirchen zuweilen ein ganz frisches ästhetisches Gespür. Menschen, die in kargen Wohnungen mit schäbigen Möbeln leben, dürfen sich an der kirchlichen Pracht sattsehen – und das ist nicht weniger wichtig, als sich hinterher an kirchlichen Kaffeetafeln und in kirchlichen Suppenküchen sattzuessen. Eine Messe spricht alle Sinne an, sie duftet und klingt, die Bilder und Ornamente erzählen von Gott und den Heiligen. In der Osternacht wird im Exsultet allein die Osterkerze mit ihrem Licht, ihrer Schönheit, ihrem Duft viele Strophen lang besungen. Die Priestergewänder lassen den dienenden Menschen, der sie trägt, förmlich verschwinden unter ihrer ausgefeilten Pracht; genau das ist übrigens ihr Sinn: Es geht nicht um den Priester als mehr oder minder guten Menschen, dem ich mehr oder minder Sympathie entgegenbringe, sondern um den Herrn, den er repräsentiert.

Sicher, es gibt höchst überladene Kirchen, in denen der Prunk den Beter förmlich erschlägt. Es gibt schlichte Kirchen, in denen die schöne Architektur und besondere Fenster, die Lichtführung und einzelne Bilder und Skulpturen mich besonders berühren. Und es gibt Kirchen, die ich stilistisch furchtbar finde, unter ihnen wiederum teils überladene, teils karge. Ob nämlich eine Kirche ein gelungenes Gesamtkunstwerk ist oder nicht, liegt an vielen verschiedenen Dingen: dem Können der Künstler, der Harmonie verschiedener Kunstwerke, und nicht zuletzt am Geschmack dessen, der sie betrachtet. Aber hiervon abgesehen, ist sowohl die Kirche als auch der in ihr gefeierte Gottesdienst ein spirituelles Gesamtwerk: stein- und goldgewordene Gebete, brokatene Preisungen, Bitte und Dank der Gemeinde.

Die katholische Kirche hat in allen bildenden Künsten, in der Musik und Dichtung eine überbordende Phantasie ganz in den Dienst Gottes gestellt, und das macht eben auch Menschen Freude. Stellen wir uns vor, die großen Kirchen würden verkauft, um das Geld den Armen zu spenden. Dann hätten einige Arme kurze Zeit Geld, und kein Armer dürfte sich je wieder an der Pracht dieser Kirchen erfreuen – denn die wären dann Privatbesitz und kosteten Eintritt, wenn man sie überhaupt noch betreten dürfte.

Ein Hoch auf Pracht, Protz und Prunk der Kirchen – sie kommen allen zugute!

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Was am Katholizismus so klasse ist: Die Pracht!

  1. akinom schreibt:

    Ich erinnere mich, dass an dem Marmorboden einer Kapelle im Haus eines Säkularinstituts Kritik geübt wurde. Dem Kritiker wurde geantwortet: „Und wie sieht ihr Badezimmer aus?“

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich habe schon oft gehört: „Wenn ich so viel Geld hätte, würde ich…“ – und nur sehr, sehr selten folgte dann eine Tat, die sich mit der Einrichtung einer Suppenküche oder der Gründung eines Krankenhauses messen kann. Eher halt mit privater Prachtentfaltung, aber in der Regel auch wieder nicht mit der in Kirchen vorherrschenden künstlerischen Qualität.

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