Man kann über die Maßnahmenkataloge zur Corona-Krise streiten, man muss es sogar, um in demokratischer Weise auszutarieren, wie der Weg gehen soll. Aber es ist nicht zielführend, sich vor Beginn der Diskussion in Aluminiumfolie zu wickeln und „Sie wollen die Weltherrschaft!“ zu rufen.
Ich dachte bis vor kurzem, ein Mensch, der Theologie studiert und eine brillante kirchliche Karriere hinter sich gebracht hat, weiß das. Ich glaube immer noch, daß es in der Regel tatsächlich so ist. Aber es gibt prominente Ausnahmen.
Veritas liberabit vos! Die Wahrheit wird euch befreien! – das ist der Titel eines Aufrufs, den unter anderen die Kardinäle Sarah, Müller, Zen, Erzbischof Viganò (dem Vernehmen nach der Impulsgeber zu diesem Aufruf), Bischof Strickland sowie katholische Anwälte, Ärzte usw. unterschrieben. Einzig Kardinal Sarah hat seine Unterschrift widerrufen mit dem Argument, als Kardinal solle er sich in politische Dinge nicht einmischen. (Ich möchte den Aufruf hier nicht verlinken; er lässt sich leicht ergoogeln.)
Der Aufruf spricht von „Alarmismus“. Im zweiten Absatz heißt es:
Wir haben Grund zu der Annahme – und das auf Grundlage offizieller Daten der Epidemie in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle – dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen. Auf diese Weise wollen sie dauerhaft Formen inakzeptabler Freiheitsbegrenzung und der damit verbundenen Kontrolle über Personen und der Verfolgung all ihrer Bewegungen durchsetzen. Diese illiberalen Steuerungsversuche sind der beunruhigender Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht.
Weltregierung, ich bitte Euch. Eine Mehrheit von Staaten, üblicherweise einander spinnefeind, findet sich in Ein- und Niedertracht zusammen, um die Welt zu knechten? Bitte, Leute.
Weiter ist von „Kriminalisierung persönlicher und sozialer Beziehungen“ die Rede. Das ist Unfug. Persönliche und soziale Beziehungen sind nicht kriminalisiert, sondern ihre Ausdrucksformen sind eingeschränkt. Wir haben gerade mit einer Pandemie zu tun, die Fallzahlen steigen immer noch; es ist nicht ratsam, sich von seinen möglicherweise symptomlos infizierten Enkelchen umarmen zu lassen. Mit wem ich befreundet bin, mir schreibe, telephoniere etc. ist immer noch meine Angelegenheit und nicht im mindesten „kriminalisiert“.
Ich habe keine Lust, jeden einzelnen Punkt des Aufrufs öffentlich zu widerlegen (schon gar nicht jene Punkte, in denen die Eminenzen und Exzellenzen das esoterische Gedankengut von Impfgegnern teilen). Ich sehe nur mit Entsetzen, daß hier eine Spaltung im Gang ist, und zwar durch hochrangige katholische Geistliche angekurbelt. Auch wenn es nur wenige sind und ein eventueller Riss nach ihrem Weggang schnell wieder geflickt sein wird, ist das ein Schaden für die Kirche. Was da zu tun ist, habe ich kürzlich erläutert.
Ach ja: die Kirche und der böse, böse Staat, der die Sakramente verbietet!
Die Klügeren des Staates und die Weiseren der Kirche haben sich darüber verständigt, mit welchen Kompromissen Christen vorläufig leben müssen. Diese Verständigung hätte sicher besser sein können (sagt eine, die daran ebenso wenig beteiligt war wie die Autoren jenes Aufrufs und daher leicht reden hat). Aber sie fand dennoch statt und führte dazu, daß wieder öffentliche Messen gefeiert werden. Mit hohen Auflagen, um einen galoppierenden Fortgang der Pandemie nach Möglichkeit zu vermeiden. Wie hohe Auflagen notwendig sind, wie geringe Auflagen noch ausreichen – das muss austariert werden, und dabei ist wünschenswert, daß es nicht zu einer Häufung von Infektionen kommt. Aus dem Bemühen um das Lebenlassen der Gläubigen eine Verschwörungstheorie zu stricken, ist unwürdig und (sofern der Stricker ein gebildeter Mensch ist) boshaft.
An alle, die den Eucharistischen Herrn für ein Zaubermittel gegen Infektionen halten: Dem widerspricht Thomas von Aquin. Und wenn ich zwischen der Ansicht eines Viganò und der des Aquinaten zu wählen habe, halte ich mich an den Bewährten.
Si vero venenum ibi adesse deprehenderit immissum, nullo modo debet sumere nec alii dare ne calix vitae vertatur in mortem.
Wird erkannt, [dem konsekrierten Wein] sei Gift hineingemischt worden, so darf der Priester das ja nicht nehmen und keinem anderen geben, damit der Kelch des Lebens nicht zum Anlasse des Todes werde.
Summa Theologica III,83,6
Zu meinem Dienst in und an der Kirche wird demnächst auch gehören, Gottesdienstbesucher zu zählen, ihre Namen aufzuschreiben und darauf zu achten, daß sie Abstand halten. Zwei andere Möglichkeiten gäbe es: entweder die Kirchen geschlossen zu lassen oder seelenruhig zuzusehen, wie dicht an dicht sitzende und singende Gläubige ein potentiell tödliches Virus in die Reihen der Hochrisikopatienten pusten. Bei uns hat die Kirche sich in Absprache mit dem Staat für die Methode „kontrollierter Zugang“ entschieden. Ich kann daran nichts Verwerfliches finden.
Mir ist klar, daß ich durch meinen Ordnerdienst bei einigen Menschen sehr unbeliebt werde. Das tut mir leid, aber nicht so sehr, daß ich diesen wichtigen Dienst nun aufgebe. Daß allerdings zu jenen mir bald feindlich Gesonnenen auch Hirten meiner Kirche gehören, ist schmerzlich. Ich möchte von den Hirten durch Gebet und solide Katechese unterstützt, nicht aber durch Verschwörungsgeschwurbel entnervt und diffamiert werden.
Ein letzter Hinweis an die betreffenden Hirten. Bei Gamarelli, dem berühmten Geschäft für klerikale Kleidung, gibt es zahlreiche wundervolle Materialien: Seide, Leinen, Baumwolle, Samt, Spitze, Stickereien, Leder, ja selbst Metallwaren wie Gewandschließen und Bischofsringe – aber Aluminiumhüte, -pileoli oder -mitren führt das Haus Gamarelli nicht.
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