Freiheit, und zwar meine?

Gestern gab es zahlreiche Demonstrationen. Bei keiner wurden bestehende Regeln eingehalten. Es ging den Demonstranten um Freiheit, sagten sie, und sie sprachen sich gegen die Corona-Verordnungen aus.

Absolute Freiheit wäre nicht einmal einem Menschen möglich, der allein auf einer paradiesischen Insel lebt. Im Bemühen, sich selbst zu versorgen und zu schützen, würde er sehr schnell merken, wie bedingt die Freiheit kreatürlichen Lebens ist. (Wer je in der Freiheit einer lauschigen Sommerresidenz das Schlafzimmer mit einer Stubenfliege geteilt hat, weiß bereits, wie unfrei man sein kann.)

Sobald nun mehr als ein Mensch ein überschaubares Gebiet bewohnt, gibt es Konflikte, weil jeder die Freiheit des anderen in irgendeiner Weise beschneidet – meist nicht einmal absichtlich. So kann es bereits in einem sehr harmonischen Zusammenleben ein lästiger Einschnitt in die Freiheit sein, das Badezimmer mit jemandem zu teilen (vor allem, wenn die Blase drückt). Das wird aber kein vernünftiger Mensch als einen Aufruf zum Singledasein verstehen. Freiheit ist bedingt durch den anderen, erhält ihren Wert überhaupt erst durch diese Bedingtheit. Sonst wäre sie respektloser Egoismus.

Gesellschaft ist konfliktträchtig – je größer und vielfältiger, desto mehr. Ein ganzes Land mit Millionen von Menschen zu teilen ist zuweilen schwieriger, als ein Badezimmer mit einem Menschen zu teilen. Jedenfalls braucht es dazu mehr Regeln. In Demokratien ist das Versammlungsrecht ein Mittel, Konflikte auf friedliche Weise anzusprechen und an ihrer Überwindung zu arbeiten – sei es durch den Hinweis auf Mißstände, die Forderung nach Behebung derselben oder die Debatte über Möglichkeiten zur Behebung. Dabei darf auch benannt werden, was ein Teil der Gesellschaft als Mißstand empfindet, ein anderer (und möglicherweise größerer) aber nicht – die Grenzen sind sehr weit gesteckt. Verboten ist im Versammlungsrecht ziemlich wenig – u.a. die Vernichtung anderer Menschen zu fordern oder zu betreiben, und da ist der Gesetzgeber sehr streng: Verleumdung, bloße Androhung oder Verherrlichung von Gewalt, Verunglimpfung (auch von Toten) und vergleichbare Taten sind tabu.

In Konkurrenz mit dem Versammlungsrecht kann außerdem das Infektionsschutzgesetz stehen (und manche andere Verordnungen und Gesetze; so darf man nicht innerhalb einer Bannmeile demonstrieren). Das Infektionsschutzgesetz hat den Sinn, so viele Menschen wie irgend möglich vor der Infektion mit einem gefährlichen Krankheitskeim zu schützen – auch, aber nicht nur, eventuelle Demonstranten. Und damit wären wir wieder beim Versammlungsrecht. Körperverletzung ist verboten, und die mutwillige Verbreitung einer schweren Krankheit darf man als Körperverletzung in vielen Fällen ansehen.

Bis hierher habe ich die Nerven behalten und ruhig und sachlich erklärt, warum das Versammlungsrecht derzeit eingeschränkt ist. Ab hier ist es genug mit höflicher Sachlichkeit. Jetzt wende ich mich direkt an die gemeingefährlichen Wahnsinnigen, die unter dem Vorwand ihrer eigenen Freiheit dichtgedrängt auf dem Alexanderplatz und an anderen Orten demonstriert haben, und zwar nicht nur friedlich:

Ihr seid direkt, ohne irgendwelche Ausrede, an den leider wieder steigenden Fallzahlen von Covid19 mitschuldig. Ihr seid, Gott Lob und Dank, zu wenige und zu dumm, um die Alleinschuld an der Pandemie zu tragen – und was die Mitschuld angeht, sind viele von euch vermutlich aufgrund ihres defizitären Hirns vermindert schuldfähig. Aber ihr gehört eingesperrt. Alle. Und es ist mir gleich, ob ihr in der Klapsmühle oder im Knast landet, wenn man nur die Teile der Gesellschaft, die gerne ohne Corona leben wollen, vor euch schützt. Leid täten mir dabei die Gefängniswärter und Krankenpfleger.

So, das war meine Wahrnehmung der äußersten Grenzen der Meinungsfreiheit. Fühlt euch meinethalben beleidigt; wir können das, wenn nötig, vor Gericht klären. Jetzt wieder höflich und sachlich.

Die Freiheit, die von diesen Menschen beansprucht wird, ist ihre eigene Freiheit, zu tun, was sie wollen. Das ist ein pubertärer Freiheitsbegriff, der die Freiheit des anderen mißachtet und die eigene absolut setzt. Es ist als gesellschaftliches Phänomen der rücksichtslose Freiheitsbegriff einer Bisonherde, die plattrampelt, was ihr im Weg steht. Individuell ist es der Trotz eines Kindes, das auf seinem Recht besteht, zu wenig anzuziehen oder zu viel zu essen, und die Folgen (Erkältung und Bauchweh) nicht ohne Mamas guten Tee und Zuspruch erträgt. Nur daß es hier nicht um Erkältung und Bauchweh geht, sondern um ein potentiell tödliches Virus, das auch den Nachbarn killen kann, und um medizinisches Fachpersonal, das durch solche Menschen über die Grenzen des Erträglichen strapaziert wird.

Werdet erwachsen. Bleibt zu Hause.

Und noch ein Wort an die Justiz: Ich fordere nur ganz selten hartes Durchgreifen. Sehr oft finde ich dich zu streng, zu hart, finde, du könntest ruhig mal ein Auge zudrücken. In diesem Fall aber wäre ich sehr dafür, zumindest die hauptsächlichen Anführer dieser Rotten einzusperren. Unsere Gesetze geben es her! Wenn ein Koch dabei ist, umso besser, vielleicht hat das einen guten Einfluss auf die Versorgung im Knast.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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12 Antworten zu Freiheit, und zwar meine?

  1. Xeniana schreibt:

    Finde diese Demonstrationen auch befremdlich und hoffe nicht, dass sie reiner Vorwand sind für den von einigen so ersehnten Tag X. Der Riss der Verschwörungstheorien geht jetzt auch mitten durch Freundschaften. Geschlossene Weltbilder, da kommt nicht gegen an, deshalb diskutiere ich nicht. Aber ich frage mich schon, wie lange eine Freundschaft so ein krudes Weltbild aushält.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Die Fragen stelle ich mir auch. Um einige Freundschaften, die mir viel bedeuten, fürchte ich. Einen „Tag X“ – brutal und sinnlos – halte ich für gut möglich; allerdings glaube ich, die meisten europäischen Länder sind stabil genug, ihn als Demokratien zu überstehen. Vielleicht aber mit großen Verlusten.

  2. gerd schreibt:

    „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will.“

    Da kommt der Herr Rousseau der Sache ziemlich nahe.
    Im übrigen liegt die Beweislast ob jemand etwas verursacht hat oder nicht, beim Ankläger. Es dürfte ziemlich schwierig sein, einen gesunden Menschen, der nachweislich keinen Virus in sich trägt, so wie ich, für steigende Fallzahlen bei Cofid Infektionen verantwortlich zu machen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Sofern Du nicht täglich getestet wirst oder seit dem letzten Test alleine zu Haus geblieben ist, weißt Du nicht, ob Du das Virus in Dir trägst.
      Tatsache ist, daß Gedränge in dieser Zeit gefährlich ist – auch für jene, die den Dränglern später zu nahe kommen, auch wenn das unabsichtlich geschieht. Tatsache ist, daß wir es mit einer Krankheit zu tun haben, die durch Tröpfchen- und Schmierinfektion verbreitet wird. Das kann man wissen.

      • gerd schreibt:

        Ich bin Risikopatient und gehe regelmäßig jedes Quartal zur Untersuchung mit Blutabnahme ect. Ich werde nicht täglich getestet, das würde in der Gesamtheit der Bevölkerung unser Gesundheitssystem gänzlich zum Erliegen bringen und somit wäre das eine utopische Vision über den Sinn von Tests, denn nach dem Test ist vor dem Test. Es ist durchaus möglich, dass ich negativ getestet werde und mich unmittelbar nach Verlassen der Praxis mit Cofid anstecken könnte.
        Ich habe keine Symptome einer Virus-Infektion, weder Husten, noch Fieber, noch Halsschmerzen, keine Atemnot oder ähnliches. Alles das, bis auf die Atemnot, durfte ich im vergangenen Dezember auskosten. Ich vermute mal, dass eine gewisse Immunität bei mir wirksam ist. Trotzdem halte ich den Sicherheitsabstand ein, trage beim Betreten von Einkaufsläden oder anderen Geschäften eine Schutzmaske, die ich allerdings nach dem Verlassen derselben ablege, was ja erlaubt ist. Ich bin halt ein folgsamer Staatsbürger. Wenn man das aber, als gesunder Mensch über Wochen macht, wächst, zumindest bei mir, der Unmut über mein beklopptes aufgezwungenes Verhalten, welches ich nicht mehr machen will. Ich will es einfach nicht mehr. Echt, es reicht! Ich habe keinen Mini-Job mehr, der Betrieb wo ich gearbeitet habe rauscht in den Konkurs. Meine Frau arbeitet in einer Werkstatt für Behinderte und muss ihren gesunden Menschenverstand morgens vor der Arbeit zu Hause lassen, um den ganzen Wahnsinn noch einigermaßen zu ertragen. Aber auch ihre Geduld hat Grenzen. Hört endlich auf damit, bevor auf den Strassen Blut fliesst.

        • Claudia Sperlich schreibt:

          Was viel eher fließen wird, ist Lungensekret. Und ja, ich rechne mit einem baldigen kompletten Lockdown – wegen solcher Leute wie dieser Demonstranten. Wegen der Uneinsichtigen.
          Natürlich habe ich Glück – der Minijob, den ich habe, war noch nie in meiner Lebenszeit so systemrelevant wie heute. Ich arbeite auf einem Friedhof.
          Ich trage übrigens auch nicht gerne Maske. Ich habe auch von vielem die Schnauze voll. Und ich halte mich gerade deshalb an die Regeln. Weil ich will, daß wir Corona endlich hinter uns bringen! Durch die Regelverstöße steigen die Infektionszahlen wieder. Wir werden den Leichtsinn einiger Leute alle teuer bezahlen.

  3. Elisabeth schreibt:

    Exzellent geschrieben und sehr gut auf den Punkt gebracht, mehr muss man dazu nicht sagen.
    Ich habe mich von vielen Freunden, Weltrettern und frommen Ultrachristen getrennt, weil ich des Diskutierens leid bin. Wer die Vernunft konsequent ausblendet und nur eigene Freiheit einfordert, ist postpubertärer Egoist.
    Und vermutlich bin ich in meinem Zimmer freier als jene, die glauben, alles haben zu müssen.

  4. Ein sehr schöner Text!
    Das es sich bei der von den Demonstrierenden eingeforderten Freiheit vor allem um Egoismus handelt, ist – so finde ich – eine ganz zentrale Erkenntnis.

  5. Reiner Pracht schreibt:

    Vorweg: Ich bin schon lange aus der Kirche ausgetreten. Daher bin ich der Meinung das der Glaube an Christus nichts mit der katholischen Kirche zu tun hat.Daher kann ich solche Hassausbrüche einordnen aber nicht gutheißen. Jesus hat Liebe gepredigt! Frau Sperlich – denken Sie mal darüber nach!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Also Sie sind aus der Kirche ausgetreten und haben DAHER (wegen ihres Austritts) die Meinung, Glaube und katholische Kirche haben nichts miteinander zu tun.
      Ferner unterstellen Sie einen Hassausbruch.
      Und schließlich rufen Sie mich zum Nachdenken auf in einer Formulierung, die nahelegt, daß Sie mir das generell nicht zutrauen.

      Bester, das ist absurd.
      Und nein, das ist kein Hasskommentar, sondern eine nüchterne Analyse. Dennoch werde ich weitere Kommentare von Ihnen nicht freischalten. Ich habe auch nur ein einziges Nervenkostüm.

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