Kirche im Klimawandel – aus der Sicht eines Philosophen

Ein starkes Buch verdankt seine Entstehung den Kritikastern, die den Autor beschimpften, weil er bemerkte, daß es den messbaren Klimawandel gibt und daß er teilweise durch menschliches Handeln verursacht wird. Bereits im Vorwort klingt an, daß wir in einer dünnhäutigen und wissenschaftsfeindlichen Zeit leben. Josef Bordat: „Ich will versuchen, aus der christlichen Anthropologie eine Ethik des Klimawandels zu entwickeln, mit der eine Moral Einzug halten kann, die beidem wehrt: Übertreibung und Gleichgültigkeit.“

Im ersten Teil, „Wissen“, erläutert Bordat die Tatsachen sich ändernder klimatischer Bedingungen und ihre Folgen. Er beginnt mit akribischer Klärung der relevanten Begriffe (z.B. Klima, Wetter, Statistik) und skizziert die teils eingetroffenen, teils zu erwartenden Folgen des Klimawandels. Verschiedene mögliche Faktoren für den Klimawandel werden dargelegt. Einige sind kaum messbar. Anders die Treibhausgase: Hier schlüsselt er genau auf, welcher Anstieg wovon welchen Effekt hat. Hier hat leider ein anschauliches Beispiel für große Wirkung durch kleine Mengen einen Fehler – die letale Dosis Zyankali ist nicht „0,00286 kg pro 1 kg Körpergewicht“, sondern bereits 0,00000286 kg. Umso eindrucksvoller! Der Sinn bleibt davon unberührt. Die übrigen und für das Buch relevanteren Zahlengaben sind, soweit ich es prüfen konnte, richtig.

„Allein zwischen 1970 und 2004 stiegen die Emissionen von Treibhausgasen insgesamt um 70 Prozent, die von CO₂ um 80 Prozent. Dazu stiegen die Temperaturen.“ Der Mensch ist ein maßgeblicher Faktor. Klimawandel überhaupt findet auch ohne menschliches Zutun statt; Klimawandel in dieser Größenordnung nicht. In der wissenschaftlichen Welt herrscht Konsens über diese Theorie. Eindrücklich zeigt Bordat, daß die Theorie des menschengemachten Klimawandels sinnvoll ist, aber wegen der Natur der Sache nicht beweisbar. Plausibilität genügt hier. An diese Überlegungen schließt sich ein wissenschaftstheoretischer Exkurs an.

Im zweiten Kapitel, „Moral“, geht es um die vorhandenen Formen von Moral und die Verantwortung im Zusammenhang mit dem Klimaproblem. Bordat geht vom christlichen Menschenbild aus, ohne andere Sichtweisen zu vernachlässigen. Aus christlicher Sicht ist menschliche Verantwortung immer begrenzt, da eine „Totalverantwortung für „die Erde“ … die ideale Gott-Mensch-Beziehung missachten und den Menschen selbst an die Stelle Gottes setzen“ würde. Die Selbstbestimmung im Menschenbild eines atheistischen Humanismus ist theoretisch unbeschränkt. In jedem Fall muss der Mensch sich irgendwie zur Natur positionieren. Die Entwicklung des humanistischen Anthropozentrismus wird gründlich dargelegt. Seine jüngste Frucht ist die Idee des Geo- bzw. Climate Engeneering, der gewollten Beeinflussung des Klimas, mit „Möglichkeiten … irgendwo zwischen realen Chancen für die Menschheit und dystopischem Größenwahn“. Solchen Modellen gegenüber steht einerseits die Einebnung der Hierarchie zwischen Mensch und Natur („Mitwelt“), andererseits die „Neuverortung des Menschen innerhalb einer hierarchisch geordneten Beziehung zu der ihn umgebenden Natur, die dabei stets seine Umwelt bleibt“. Der Pathozentrismus will die Natur schützen, weil und insoweit sie leiden kann – bis hin zum Präferenzutilitarismus, für den die (noch) nicht entwickelte Fähigkeit zu Leiden und Wünschen die Aberkennung des Lebensrechtes bedeutet. Noch radikaler ist der Biozentrismus, bei dem der Unterschied zwischen Menschen und anderen Lebewesen nivelliert wird und die Vorrangstellung des Menschen als Speziezismus gebrandmarkt wird. Ein solches Weltbild läuft der Würde des Menschen zuwider. (Hier hätte ich mir in der Argumentation einen weiteren Punkt gewünscht: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich um den Erhalt anderer Arten als der eigenen aktiv kümmert. Ein Krokodil würde ein Gnu auch dann fressen, wenn damit die Ausrottung der Art Gnu besiegelt wäre.)

„Anthropozentrismus mit Augenmaß“ – also eine „Mensch-Natur-Beziehung als Herrschaftsverhältnis in Verantwortung“ – stellt Bordat als eine gerade vom Christentum gepflegte Sichtweise vor. Die von Gott aufgetragene „Dienstbarmachung der Erde“, das Verständnis des Menschen als „Krone“ der Schöpfung war nie eine Anleitung, die von Gott geschenkte Schöpfung zu missbrauchen und zu vernichten, vielmehr immer verbunden mit Verantwortung. Die Klimaethik geht über Natur- und Tierschutz hinaus, umfasst das ganze Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt. Es geht dabei um Verantwortung für die Folgen des Handelns und Unterlassens, nicht um absolut gesetzte Gebote. Allerdings gibt es ein Spannungsfeld von Gesinnung und Verantwortung, in dem das Handeln aus Prinzip und das Handeln mit Rücksicht auf die Folgen im Widerstreit liegen können. Verantwortung für diese und für kommende Generationen tragen alle gemeinsam (notwendig mit Hilfe von Institutionen) und trägt jeder einzelne. Bordat erläutert den Verantwortungsbegriff sehr genau an verschiedenen philosophischen Modellen und immer mit dem Blick auf den Klimaschutz, auf die Ermöglichung künftigen Menschenlebens. Auch die mögliche Überforderung durch konsequenzialistisches Denken berücksichtigt er und zeigt, welche Denkmodelle die Verantwortungsbereitschaft fördern oder hemmen.

„Kirche“ zeigt die Position der Kirche mit Bezug auf Bibel, Schriften der Päpste Franziskus, Benedikt XVI. und Johannes Paul II. sowie auf Dokumente von ZdK und DBK. Bordat erbringt durch zahlreiche Zitate den Nachweis, daß die Kirche sich des Problems „anthropogener Klimawandel“ seit drei Pontifikaten angenommen hat.

Daß der Klimaschutz im Einzelfall „quasi-religiös überhöht wird“, sollte nicht „die vernünftige Absicht diskreditieren“. Nach katholischer Lehre hat der Mensch als Ebenbild Gottes eine Verantwortung für die Schöpfung. Das hat biblische Gründe, allen voran die Schöpfungsgeschichte, die so oft als Aufruf zur Ausbeutung falsch verstanden wird, in der aber das Herrschen über die Natur auch als Hüten gedeutet werden muss. Tatsächlich wird erst durch die Missachtung des biblischen Auftrags zur Hege und dadurch, daß der Mensch sich an Gottes Stelle setzt, die Ausbeutung der Natur vorangetrieben.

Papst Paul VI erwähnte die Umweltzerstörung bereits 1971 und 1976 als soziales Problem. Johannes Paul II und Benedikt XVI sahen den Klimawandel als moralisches Thema und hatten Teil an der Entwicklung einer Klimaethik. Papst Franziskus nimmt besonders in der Enzyklka „Laudato si'“ (auf die Bordat besonders gründlich eingeht) diesen Gedanken auf und ergänzt ihn mit Bezug auf den Sonnengesang seines Namenspatrons. Bischöfe aller Länder mahnen seit den 70er Jahren pfleglichen Umgang mit der Erde und in unsere Jahrtausend besonders den Klimaschutz an, ebenso katholische Verbände und Universitäten, Ordensleute und Laien. Das von Johannes Paul II und Benedikt XVI geforderte Menschenrecht auf intakte Umwelt wird auf globaler Ebene bis heute nicht anerkannt. Bordats Fazit aus allen Schriften und Bemühungen kirchlicherseits zum Thema „Anthropogener Klimawandel“: „Die auf der Schöpfungstheologie und der Lehre Jesu basierende christliche Lebensschutzethik umfasst auch die nicht-humane Umwelt, ohne dabei die nicht bloß graduellen, sondern prinzipiellen Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu verwischen.“

Der vierte Teil, „Schutz“, zeigt bestehende und mögliche Klimaschutzmaßnahmen in Gesellschaft und Kirche, im Großen wie im Kleinen, und auch um Irrwege des Klimaschutzes. Die vier wichtigen Bereiche des Klimaschutzes sind Energie, Gebäude, Verkehr, Ernährung. Bordat erklärt, welche Maßnahmen (vor allem in Eigeninitiative, aber auch durch staatliche Planung) wieviel CO₂, andere Emissionen und Geld sparen. Hierbei vermeidet Bordat jeden moralinsauren Predigtmodus, gibt stattdessen Ideen zum pfleglichen Umgang mit der Umwelt. Vom Konsumverzicht kommt er auf die Fasten-Tradition der Kirche und dann auf „Klimaschutzmaßnahmen im Alltag der Pfarreien“ und schließlich auf fiskalpolitische Maßnahmen.

Auch Irrwege zeigt er auf. Unter anderem erklärt er, warum Atomkraftwerke keine Lösung sein können, auch wenn sie seit einiger Zeit sehr beworben werden als Lösung der Klimakrise.

Daß Klimaschutz nicht nur Geld einspart, sondern zunächst viel Geld kostet, verschweigt Bordat nicht, legt aber dar, daß die Maßnahmen keinesfalls geeignet sind, uns in Armut zu stürzen.

Das Buch schließt mit einem optimistischen Aufruf, den Klimaschutz anzugehen und sich dabei auf die Verantwortung vor der Schöpfung zu besinnen. Ich empfehle das Buch allen, die nach Handlungsoptionen im Kleinen wie im Großen zugunsten der Klimaentwicklung suchen, und noch mehr empfehle ich es jenen, die das immer noch nicht tun. Übrigens muss man nicht notwendig katholisch sein, um das Buch mit Gewinn zu lesen.

Josef Bordat: Kirche im Klimawandel. Eine Handreichung für Katholiken, tredition 2020

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Donnerstag, 3. Adventswoche

Jesaja 54,1-10

Volk Gottes – wie eine einsame Frau,
traurig, arm und verlassen – 
blick auf, denn Er ruft dich! Schmück prächtig dein Haus!
Er hat mit dir Erbarmen.
Volk Gottes, dich liebt der Herr aller Welt,
Schöpfer ist Er und Erlöser.
In Ihm bist du reich und schöner denn je.
Nie wird Sein Friedensbund wanken. 

@ Claudia Sperlich
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Mittwoch, 3. Adventswoche

Jesaja 45,6-25

Gott ist Herr! Die Welt mit Licht und Dunkel,
Heil und Unheil ist in Seiner Hand,
ist Sein Werk, in Ihm liegt alles Werden.
Wie ein Regen kommt Gerechtigkeit,
und das Heil blüht auf wie Baum und Blume,
doch der Herr allein hat es bewirkt.

@ Claudia Sperlich
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Das zweite Jahr von „für immer“

Über fünf Jahre lebe ich nun nach den Grundsätzen, die ich in einem privaten Gelübde erst zeitlich und dann ewig besiegelt habe: Armut, Keuschheit, Gehorsam, tägliche Feier der Messe, tägliche Anbetung und mindestens monatliche Beichte. Vor zwei Jahren war mir klar, daß ich so wirklich für immer leben will. Das Versprechen, das ich damals feierlich nach einer Messfeier gab, ist bindend, und ich habe es keinen Augenblick bereut.

Daß ich mit meinem ewigen Gelübde in so seltsame Zeiten komme, konnte ich im Dezember 2019 nicht ahnen. Aber nun sind die Zeiten, wie sie sind – und ich fühle mich wunderbar getragen.

Ich hab mich meinem Herrn und Gott verpflichtet
Auf Seinen Ruf, und Er hat mich beschenkt.
Er, der mich lockt und meine Schritte lenkt,
Hat mich in schweren Tagen aufgerichtet.

Er ist in mich und ich in Ihn versenkt.
Mich nährt der Herr, der Not und Tod vernichtet.
Ich schau auf Ihn, der einst die Schleier lichtet.
Von Seiner Liebe ist mein Herz durchtränkt.

Mein Leid und meine Sünden darf ich klagen
Ihm, der mich immer neu von Schuld befreit,
Der mir vergibt, mich stärkt, heilt alten Gram.

Er ist mein König und mein Bräutigam!
Zu neuem ewgen Leben nach der Zeit
Wird Er mich über Himmels Schwelle tragen.

© Claudia Sperlich

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Dienstag, 3. Adventswoche

1. Korinther 2,1-10

Ich will nichts wissen außer meinem Herrn,
dem, der gekreuzigt ist und auferstanden.
Ich will nichts künden außer Seiner Liebe,
der Weisheit Gottes, Seiner Herrlichkeit – 
und damit weiß und künde ich viel mehr,
als alle Macht der Welt uns lehrt und kündet.
Nur Gottes Geist gibt mir die Kraft dazu.
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Montag, 3. Adventswoche

2. Korinther 10,17-11,2

Ich habe nichts zu meinem Ruhm zu sagen.
Nur daß mich Gott in Seiner Welt lässt leben,
Und daß Er mir die Sprache hat gegeben.
Und Mut, um diese Gabe auch zu wagen.

Mein ganzes Denken, Wollen und Bestreben
Kann Er allein zu guten Zielen tragen.
Ich weihe Ihm mein Jubeln und mein Klagen.
Am Weinstock bin ich Rebe unter Reben.

Die Mühe muss ich mir zwar selber geben
Und hab den Beistand manchmal nicht gespürt.
Doch von Ihm kommt – Er ist – das Heil und Leben.

Mein tiefstes Sehnen kann alleine stillen,
Der mich so kraftvoll in der Liebe führt,
Damit ich handeln kann nach Seinem Willen.

@ Claudia Sperlich

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Sonntag, 3. Adventswoche

Zefanja 3,14–17

Der Herr ist dein König,
Er hat dich begnadigt,
die Feinde verjagt.

Und hörst du Ihn nicht
an düsteren Tagen,
so schweigt Er in Liebe!

Doch festlicher Jubel
erfüllt Seinen Himmel.
Freu du dich in Gott!

@ Claudia Sperlich
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Samstag, 2. Adventswoche

Jesus Sirach 48,1-11

Elija! 
Feuer und Flamme des Herrn!
Wie Sturm und Feuer war dein Wort,
in Sturm und Feuer wurdest du erhoben.
Du weist auf den, der vor dir war,
der nach dir kam, der kommen wird – 
wer Ihn bekennt, wird leben.

@ Claudia Sperlich
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Freitag, 2. Adventswoche

Jesaja 48,17-19

Ich zeige dir den Weg. Ich lehre dich das Leben.
Ich will mit Glück und Heil dich überfluten.
Nur geh den Weg und höre, was Ich lehre!
Um deiner selbst und deiner Kinder willen,
um deines Nächsten willen folge Mir.

© Claudia Sperlich
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Würde Freiheit Selbstbestimmung – ein Buch zum Lebensrecht

Der Philosoph, Blogger und Buchautor Josef Bordat ist bekannt für seine klare Position zum Schutz des menschlichen Lebens. Sein Buch „Würde Freiheit Selbstbestimmung. Konzepte der Lebensrechtsdebatte auf dem Prüfstand” behandelt das Thema in Form eines Essays, d.h. ohne wissenschaftlichen Apparat – das macht es leicht lesbar und schmal, ohne der Qualität Abbruch zu tun. Man kann Namen und Zitate leicht ergoogeln.

Würde, Freiheit, Selbstbestimmung sind für Organisationen der Sterbehilfe und in der Abtreibungsdebatte werbende Schlagwörter. Bordat beleuchtet die drei Wörter aus christlicher und philosophischer Sicht und zeigt, daß Sterbehelfer und Abtreibungskliniken sich mit fremden Federn schmücken, wenn sie diese Begriffe nutzen.

Zunächst legt er einen grundlegenden Denkfehler der Befürworter der Sterbehilfe dar: Würde wird dem Menschen nicht verliehen, er kann sie nicht gewinnen oder verlieren, sie ist ihm eigen – von Anfang bis Ende, Zeugung bis Tod. Definitionen, die die Würde von Umständen oder Fähigkeiten abhängig machen, sind nicht haltbar, weil Würde damit zu einer beliebigen Eigenschaft wird, die nicht mehr vom Gesetz geschützt werden kann.

Im Gegensatz dazu steht die Auffassung von Befürwortern der Sterbehilfe: Was Würde ist, bestimmt jeder für sich. Der Schutz der Würde jedes Menschen wird dadurch allerdings dem Gesetzgeber unmöglich gemacht – wie soll man etwas schützen, worunter jeder etwas anderes versteht? Das Bundesverfassungsgericht hat mit dem Erlauben der Sterbehilfe 2020 die Möglichkeit des gesetzlichen Schutzes der Würde nicht vermehrt, sondern verringert.

Der Autor geht in Exkursen auf Dilemma-Situationen ein, auf die immer wieder diskutierte Option der „Rettungsfolter“, auf die Todesstrafe und auf den Präferenzutilitarismus (all dies lehnt er ab als der Würde zuwiderlaufend). Was eine Würde hat, hat keinen Preis – das wird anschaulich erläutert durch die notwendigen Grenzen dieses Satzes: Lebensversicherungen müssen im Todesfall zahlen, um den Hinterbliebenen gerecht zu werden. Trotzdem kann es keine gerechte Bewertung eines Menschen in Geld geben.

Freiheit steht mit der Würde in einem Spannungsverhältnis, ergibt sich aus ihr und wird durch sie begrenzt. Bordat erläutert die Geschichte des Freiheitsbegriffs in kirchlicher Auffassung und erklärt, daß und warum die Freiheitsrechte in der christlich geprägten Welt besondere Bedeutung haben, „während in Fernost und in der vom Islam geprägten Hemisphäre zum Teil drastische Unfreiheit herrscht“. Besonders wichtig ist dem Philosophen Bordat die Bedingtheit der Freiheit durch Vernunft und Wissen (eine freie Entscheidung ist nicht möglich, wenn man über den Gegenstand der Entscheidung nicht gut informiert ist). Er erläutert, warum die neurowissenschaftliche Ablehnung der Willensfreiheit problematisch bis irrelevant ist. Jedoch ist Freiheit immer bedingt – notwendigerweise, weil eine absolute Freiheit uns überfordern würde. Schließlich legt er die christliche Freiheit dar als „bewußte Bindung des Menschen an Gott“ und Befreiung aus der Sklaverei der Sünde. Im folgenden Exkurs über Aufklärung, Sklaverei und Rassismus wird dargelegt, daß namhafte Philosophen der Aufklärung Rassisten waren und dadurch der Sklaverei Vorschub leisteten. Erst das evangelikale Christentum der USA wandte sich gegen die Sklaverei (die Päpste folgten mit großer Verspätung). Bindung an und Liebe zu Gott führt nicht nur in die eigene innere Freiheit, sie lassen auch die innere und äußere Freiheit des anderen erkämpfen und unterstützen.

Zur Gewissensfreiheit erläutert Bordat, was ein vernünftig gebildetes Gewissen ist und warum es wichtig ist, ein solches zu haben: „Das Gewissen ist die höchste Instanz der Entscheidung, aber es kann irren.“ Das wird besonders deutlich in der Debatte um Abtreibung. Gewissensbildung, nicht Strafandrohung, ist notwendig, um das Unrecht der Abtreibung als solches erkennbar zu machen. Wo dies aber nicht gelingt, wo eine Frau sich trotz Darlegung der Tatsachen und sinnvollen Hilfsangeboten zur Tötung ihres ungeborenen Kindes entscheidet, muss man auch diese Entscheidung „Nicht gutheißen, befördern, zur Norm selbst erheben, aber doch – tolerieren“ und der Frau weiterhin Liebe anbieten, denn „die wird sie brauchen, die Frau. Und auch der Vater des Kindes“. Auch das irrende Gewissen wird hier geachtet – bei aller Trauer um die Folgen seines Irrtums. Weiter geht es um den Gewissenskonflikt des Arztes, der eine Abtreibung aus Gewissensgründen verweigert und damit vielen bestenfalls als Sonderling gilt. Wo Überlegungen laut werden, die Arbeitsstelle an die Bereitschaft zum Abtreiben zu knüpfen, wird mit der Gewissensfreiheit die ganze freiheitliche Gesellschaft bedroht.

Im Fall der Suizidalität schließt Bordat die Möglichkeit einer freien Entscheidung aus. Ein Mensch, der seinem Leben ein Ende setzen will, ist eben nicht frei, sondern befindet sich in einer durchaus unfreien Extremsituation. Hier von einer souveränen Entscheidung zu sprechen, ist zynisch. Ich kann dem Autor hier von ganzem Herzen zustimmen, da ich sowohl erhebliche und langwierige Schmerzen als auch Depressionen aus eigener (glücklicherweise längst vergangener) Erfahrung kenne. Selbstmordgedanken haben mit Freiheit soviel zu tun wie ein Hamsterrad.

Der letzte, kurze Teil über die Selbstbestimmung orientiert sich stark an Immanuel Kant, der „dem Menschen die Fähigkeit zur Selbstgesetzgebung zugestanden und diese auch normativ eingefordert“ hat. Kant traut dem Menschen eine moralische Selbstprüfung zu und fordert sie auch. Dennoch kann sich das vom Bundesverfassungsgericht postulierte „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ nicht auf Kant berufen, der in der Selbsttötung eine Verletzung der moralischen Pflicht sah und von einer „Lebenspflicht“ sprach. In der Selbsttötung bringt der Mensch sich um seine Würde, die doch unverfügbar ist. Und auch die Würde dessen, der dabei assistiert, wird verletzt. Evangelische und katholische Kirche sind sich einig: Der Selbstmörder muss in seiner Person samt irrendem Gewissen respektiert werden, der Selbstmord darf nicht gebilligt werden.

Die möglichen und tatsächlichen Folgen eines Rechts auf Selbsttötung schildert Bordat ohne jedes Pathos eindrücklich. Dabei geht er nicht nur auf die unmittelbaren Folgen ein z.B. für Ärzte, die einer Selbsttötung nicht assistieren wollen, sondern zeigt auch in einem Exkurs, wie eng vernetzt alle Menschen sind – unser Handeln betrifft immer auch Dritte, die wir nicht kennen. Auch eine Rechtfertigungspflicht für Schwerkranke und Pflegende bahnt sich dadurch an, wenn sie ganz unverständlicherweise weiterleben und lebenlassen wollen. „Selbstbestimmung ist verkappte Fremdbestimmung“, wie Eberhard Schockenhoff sagt und Josef Bordat beweist.

Das Buch ist keine ganz leichte Lektüre, aber in klarer und schöner Sprache geschrieben, ohne überflüssigen Fachjargon und zum Mitdenken anregend. Bordat erklärt und analysiert genau und verflacht nichts. Er bezieht sich auf Philosophen von der Antike bis zur Gegenwart – teils zustimmend, teils ablehnend. Er stellt verschiedene Denkweisen sachlich vor und stellt ihnen die am Christentum (besonders dem katholischer Prägung) orientierten Denkweisen gegenüber. Das ist sachlich und unaufgeregt und doch zielbewußt – er lässt den Leser verstehen, warum die katholische Position zum Lebensrecht sinnvoll ist.

Auch ich möchte so selbstbestimmt wie möglich sterben. Das heißt, ich möchte nicht von einer zunehmend herzlosen und paternalistischen Gesellschaft zum Selbstmord gedrängt werden, wenn es unbequem und teuer wird, mich am Leben zu halten. Ich empfehle dringend die Lektüre dieses Buches.

Josef Bordat: Würde Freiheit Selbstbestimmung. Konzepte der Lebensrechtsdebatte auf dem Prüfstand, tredition 2020

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