Gestern abend musste ich einen Notruf tätigen. Ich war auf dem Heimweg und bemerkte an einer Straßenecke einen jungen Mann, der in einer offensichtlichen psychischen und körperlichen Notlage war – möglicherweise durch Drogen, vielleicht aber auch durch ein neurologisches Leiden. Ich erspare mir hier eine Beschreibung, es war ziemlich gruselig. Ich sprach ihn an, ob er Hilfe brauche, was er verneinte. Ich blieb dennoch eine Weile neben ihm stehen und beschloss dann, auf jeden Fall Hilfe zu rufen, da er seine Bedürfnisse eindeutig nicht mehr klar einschätzen konnte. Ich konnte verhindern, dass er barfuß in Glasscherben trat.
Die Bandansage der Feuerwehr informierte mich, dass gerade ein Großeinsatz im Gange war und man bitte nur brennende Gebäude und Personen in akuten Notfällen melden solle. Dann wurde das Gespräch angenommen, ich sagte so genau wie möglich, was los war und wo, wurde gebeten, vor Ort zu bleiben und auf meine Eigensicherung zu achten. Es dauerte etwa eine Viertelstunde, bis die Feuerwehr ankam. (Mir kam es erheblich länger vor, aber ein Blick auf die Uhr stellte es klar.)
Unmittelbar neben diesem Geschehen war eine Kneipe, vor der vier Männer mittleren Alters an einem Tisch saßen, tranken und die Szene betrachteten. Keiner von ihnen tat irgendetwas Sinnvolles, Hilfreiches. Keiner hatte einen Notruf getätigt. Während ich wartete, kam ein weiterer Mann aus der Kneipe, der versuchte, mir vom weiteren Warten abzuraten, und ausdrücklich einen Notruf für überflüssig hielt. Ich fragte ihn, ob er es vorziehe, morgen eine Leiche vor seinem Laden zu finden. Immerhin verneinte er das, aber nicht aus Einsicht.
Als die Feuerwehrleute den jungen Mann in den Wagen verfrachteten, sehr sachlich und kompetent, schlugen die herumsitzenden Männer ein Hohngelächter an. Eine Passantin, die mich kurz vorher gefragt hatte, ob schon Hilfe unterwegs sei, brüllte die vier an, sie sollten sich schämen (was sie natürlich nicht taten). Sie war wirklich ziemlich außer sich, was ich verstehen konnte.
Ich hoffe und bete, dass dem jungen Mann wirklich geholfen werden kann. Auch, dass die vier Saufkumpane irgendwann noch Empathie lernen. Das eine können Ärzte und Therapeuten mit Gottes Hilfe vielleicht schaffen. Das andere ist nur durch ein Wunder Gottes möglich. Da kann kein anderer helfen.
War der Mann selber Schuld an seiner Lage? Wahrscheinlich. Vielleicht auch nicht. Aber wenn – was ändert das an der Menschenpflicht, zu helfen? Wenn man nur noch denen hülfe, die unverschuldet in Not geraten sind, hätten die Krankenhäuser viel weniger und die Bestatter viel mehr zu tun. Und wenn man sich dann auch noch als medizinischer Laie anmaßt, zu beurteilen, ob diese Lage selbstverschuldet ist oder nicht, verdient man keinen Respekt mehr.
Es sind nicht die Vollkommenen, sondern die Unvollkommenen, welche der Liebe bedürfen. Wurde einem eine Wunde zugefügt, sei es durch die eigene oder durch fremde Hand, dann sollte die Liebe herannahen und ihm Heilung schenken – aus welchem Grunde sonst existierte die Liebe?
Oscar Wilde



