Kürzlich hörte ich die Bemerkung, die Kirche sei nur dann glaubwürdig, wenn sie erklären könne, warum Gott die Überschwemmung des Ahrtals zugelassen habe. Und also müssen wir das erklären. Meine Antwort, die Theodizeefrage sei eben nicht lösbar, wurde zu meinem Erstaunen mit „Doch!“ quittiert. Die vorgeschlagene Lösung war, Gott sei eben nicht allmächtig.
Ich geriet ein wenig außer Fassung, weil mich im Rahmen eines Treffens theologisch interessierter Menschen diese Bemerkung schockierte. (Bei einem Esoterikertreffen hätte ich diese Bemerkung erwartet, aber ich geh nicht zu Esoterikertreffen.) Hier nun meine Antwort nach wiedergewonnener Fassung – im Bewußtsein, daß ich nicht die erste bin, die sich mit der Theodizeefrage auseinandersetzt, und meine Antwort nichts revolutionär Neues ist.
Zunächst fällt auf, daß die Theodizeefrage nach dem jüngsten Unglück in der Nähe gestellt wird. Ich wurde nicht gefragt, warum Gott den Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 zugelassen hat oder den Dreißigjährigen Krieg oder den Terrorakt vom 11. September 2001, auch nicht den letzten Überfall der Taliban auf Afghanistan, sondern die Überschwemmung des Ahrtals. Ich habe den Verdacht, Grund hierfür ist, daß das nahe Unglück uns eben wichtiger ist als das zeitlich und räumlich ferne. Aber besonders logisch ist das nicht.
Keine Lösung des Problems, aber Teil einer Antwort sind übrigens Worte und Taten zweier Ahrtaler: Der Baggerführer Helmut Schille, der sich vor seinem höchst gefährlichen Einsatz bekreuzigte und sich so in Gottes Hand gab, und ein Mann, der beim Aufräumen im Schlamm vor seinem Haus seinen Ehering wiederfand und dies zum Anlass nahm, vor laufender Kamera Gott zu danken für seine wunderbare Frau und hinzuzufügen: „Wir werden nicht im Schlamm bleiben.“ Zwei fromme Menschen, deren Antwort auf die Theodizeefrage vermutlich wäre: „Weiß nicht. Gott vertrauen, anpacken, saubermachen.“
Gott gibt uns Freiheit. Das bedeutet, wir können nicht nur tun, was Er will, sondern auch, was wir wollen. Kommt es uns in den Sinn, am Fuß eines aktiven Vulkans zu siedeln, weil die Gegend so fruchtbar ist, oder unter dem Vorwand der Religion einen Krieg zu führen, zum Massenmörder werden oder ein Land zu besetzen, oder sämtliche Ufergebiete zu asphaltieren und auf das verbleibende Feuchtgebiet nach Trockenlegung ein Einkaufzentrum zu setzen, so können wir das tun. Da Er uns auch Verstand gegeben hat, könnten wir einsehen, daß all dies zu nichts Gutem führt. Aber oft sind Stolz und Habsucht uns wichtiger sind als vernünftige Überlegung. Blöd, daß die Folgen unvernünftiger Aktionen, denen keine ehrlichen Bitten um Gottes Führung vorausgegangen sind, auch von Menschen getragen werden, die gar nichts dafür können. Freiheit ist eine wunderbare, aber auch eine gefährliche Sache; wo Freiheit mißbraucht wird, führt sie notwendig zur Not Unbeteiligter. Und doch will Gott unsere Freiheit so sehr, daß Er auch dann nicht eingreift.
Vor vielem Schrecklichen stehe ich fassungslos und finde nicht die mindeste Erklärung, auch nicht mit Blick auf die Freiheit. Eine Frau mit zwei schwerbehinderten Kindern, deren geliebter Mann plötzlich und ohne Eigen- oder Fremdverschulden stirbt – da kann ich nichts erklären, nur weinen und beten. Und Gott anklagen, Ihn fragen, warum das denn nun sein musste, ob Er diese Frau und ihre Kinder nicht einfach mal schonen konnte… und ertragen, daß ich keine Antwort bekomme. Denn „Er ist entweder allmächtig oder gütig, aber nicht beides“ ist mir zu dumm.
Ein allmächtiger, aber böser Gott ist nicht vorstellbar, weil es dann nichts Gutes gäbe. Warum sollte uns ein böser Gott die Fähigkeit zum Guten, zur Freude, zur Liebe geben – und vor allem, wie wollte er das tun? Er müsste ja wissen, daß es Liebe gibt oder geben kann, um sie uns zu ermöglichen. Aber wenn er doch böse wäre? Ferner, wenn er allmächtig und böse wäre, müsste er das Konzept Liebe selbst erdacht haben, aber schlecht finden – müsste also gegen sich selbst sein. Dann könnte er wiederum nicht ewig sein, aber Allmacht ohne Ewigkeit, eine vergängliche Allmacht, ist absurd.
Und gütig, aber nicht allmächtig? Das wäre so eine Art Schutzgeist – zwar vielleicht ungeschaffen (obwohl mir das nicht plausibel erscheint), aber aus obengenanntem Grund auch nicht ewig. Vielleicht gäbe es ihn schon längst nicht mehr, vielleicht morgen nicht mehr. Das wäre ein „Gott“, über den man bestenfalls sagen könnte „Naja, besser als gar keiner – vielleicht“.
Und gar kein Gott? Da bliebe die Frage nach dem Woher allen Seins. In einem milliardenjährigen Regelmaß umeinander tanzende Klumpen aus Materie in allen Aggregatzuständen und auf einem der winzigsten Klümpchen die Entwicklung hochkomplexer Lebensformen, von denen eine schöpferisch tätig ist – alles vernunftlos von selbst entstanden? So weit reicht mein Glaube nicht.
Sogar ohne Liebe sollte man einsehen, daß das logischste Konzept von allen ein konkurrenztloser, allmächtiger und gütiger, ewiger Gott ist.
Während ich das schreibe, höre ich fröhlichen Lärm aus dem nahen Kindergarten. In solchen Augenblicken fällt es mir leicht zu sagen: „Was immer Schreckliches geschieht, dies geschieht auch, und ich will mir nicht anmaßen zu sagen, daß irgendetwas oder irgendjemand in diesem Leben unrettbar verloren oder völlig außerhalb von Gottes Machtbereich ist.“ Die Theodizeefrage löse ich damit nicht. Aber ich danke Gott, dem Ewigen, Allmächtigen, Liebenden, Fürsorgenden, einfach so, weil Dank mir angebracht scheint.
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