Wenn Wissenschaftlern nicht geglaubt wird

Ignaz Semmelweis erkannte, daß das so oft für Mutter und Kind tödliche Kindbettfieber seine Ursache in der mangelnden Hygiene damaliger Krankenhäuser hatte. Er wurde von seinen Kollegen für geisteskrank erklärt und beseitigt (ja, genau so kann man es sagen).

Schores Alexandrowitsch Medwedew war Biochemiker und Historiker. Zornig über ein pseudowissenschaftliches Großexperiment der Sowjetunion, das zu Getreidemangel und Hunger führte, veröffentlichte er 1969 in den USA das Buch „The Rise and Fall of T. D. Lysenko, worauf er seine hohe Position als Leiter eines Labors verlor. 1973 wurde er aus der Sowjetunion ausgebürgert und lebte bis zu seinem Lebensende in London. Er fand durch eigene Recherche heraus, daß es 1957 nahe Kyschtym eine nukleare Katastrophe gegeben haben musste, und veröffentlichte 1976 einen Bericht im New Scientist und 1979 in seinem Buch „Nuclear Disaster in the Urals“. Man hielt ihn nicht für glaubwürdig – es war zu unangenehm, die großen Gefahren der Kernkraft so überdeutlich zu sehen. Erst viel später stellten auch andere Wissenschaftler fest, daß Schores‘ Angaben in Einzelheiten stimmten. In der Sowjetunion wurde der Kyschtym-Unfall mit allen Folgen erst 1989 offziell anerkannt.

Und heute? Es ist nicht nur Biologen längst allgemein bekannt, wie die Entwicklung von Befruchtung bis zum adulten Lebewesen vor sich geht und daß jedes Lebewesen mit der Befruchtung sämtliche Anlagen seiner selbst in sich trägt und entwickelt. Bei Pflanzen und Tieren bezweifelt das auch niemand. Nur bei Menschen wird standhaft behauptet, daß der ungeborene Mensch erst dann ein Mensch ist, wenn er in das Leben der Mutter passt. (Ganz zu schweigen davon daß es dabei sehr oft viel eher um die Bequemlichkeit des Vaters geht.)

Wenn ein Biologe oder ein Mediziner erklärt, daß Leben mit der Befruchtung anfängt, wird ihm auch noch niemand ernstlich widersprechen, vor allem wenn er das am Beispiel von Blumen und Bienen (oder so) verdeutlicht. Er kann vom Pflanzen- zum Tierreich kommen, und bis zum Gorilla wird man ihm glauben! Aber wenn er dann sagt: „Beim Menschen – biologisch betrachtet ein höheres Tier, nah am Gorilla – ist das genau so: das Leben mit allen Anlagen beginnt mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle“ – dann wird er wütenden Protest ernten. Die Mehrzahl seiner Hörer wird behaupten, daß er bestenfalls irrt, schlimmstenfalls ein Frauenfeind ist (was auch immer das mit der Erläuterung biologischer Tatsachen zu tun haben mag).

Mit anderen Worten: Es hat durchaus Geschichte, daß die säkulare Welt sich Augen und Ohren zuhält, wenn Wissenschaftler etwas beweisen. Gut und lebensfreundlich wird es davon nicht. Die Beispiele zeigen, daß das Lebensrecht selbst mißachtet wird, wo lebensrelevante wissenschaftliche Erkenntnisse politischen oder gesellschaftlichen Interessen (oder, wie im Fall Semmelweis, einfach der Eitelkeit der Kollegen) zum Opfer fallen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Wenn Wissenschaftlern nicht geglaubt wird

  1. Hans-Jürgen Caspar schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,

    erschütternd und traurig, was man Professor Semmelweis antat, und wie er ums Leben kam!

    Danke, dass Sie auch Lyssenko erwähnen, dessen Ideologie man seinerzeit meinen Mitschülern und mir vergeblich einzutrichtern versuchte.

    Sehr viel später dachte ich oft an Prof. Sacharow, der sich in seinem Land für die Achtung der Menschenrechte und für Frieden durch Abrüstung einsetzte und dafür von den Machthabern in die Verbannung geschickt wurde.

    Herzliche Grüße
    Hans-Jürgen Caspar

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  2. Wolfram schreibt:

    Nun ja. Wissenschaft vs. Dogma, das ist eine sehr alte Geschichte. Aber in dieser Frage bin ich ganz mit Ihnen einig.

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