Geschmack ist nicht Glaube

Kürzlich gab es eine kleinere Schlacht in diesem Internet, in der es darum ging, ob der Mariendom von Neviges eine Kirche sei.

Wäre es darum gegangen, ob er eine schöne Kirche sei, hätte ich gesagt „Über Geschmack kann man nicht streiten“, und hätte mich zurückgezogen. Es ging aber darum, daß er überhaupt keine Kirche, vielmehr eine Gotteslästerung sei, daß man ihn abreißen solle und daß der Architekt Gottfried Böhm, der ihn und zahlreiche weitere Kirchen erbaute, der Bischof, der ihn weihte und jeder, der gerne dort bete und sich im Schutz dieses gebirgig anmutenden Bauwerks geborgen und andächtig fühle, in Wahrheit ein widerchristliches Monster sei. (Ich übertreibe nicht!)

Es ging also darum, ob der Geschmack eines Gläubigen das gleiche sei wie der rechte Glaube der katholischen Kirche. Derartige Diskussionen gibt es öfter mal.

Daß Gottfried Böhms Stil nicht allen gefällt, ist normal. Die Behauptung, seine Kirchen – insbesondere sein Meisterwerk, die Nevigeser Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens – seien objektiv hässlich, ist bildungsfern und eitel, denn diese Behauptung erhebt das eigene ästhetische Empfinden zur absoluten Wahrheit.

Ästhetik hat mit dem Ausdruck von Glauben (oder Unglauben) zu tun. Das zeigt die religiöse Kunst der Jahrhunderte, das zeigt auch die Kunst im Sozialismus und im Nationalsozialismus. Es gibt ästhetische Formen, die einen falschen Heroismus propagieren (diktatorische Skulpturen der letzten hundert Jahre zeigen das deutlich, aber auch barocke Darstellungen von Herrschern sind nicht frei davon – auch wenn sie künstlerisch weit gelungener sind). Die christliche Kunst hat zu verschiedenen Zeiten verschiedene Schwerpunkte im Wortsinn „ins Bild gerückt“ (etwa den triumphierenden Christus, den leidenden Christus, die Nächstenliebe u.v.a.m.). Und neuartige Kunstformen eckten oft an. „Gotik“ war zunächst ein Spottwort, so bauen allenfalls Goten, also Heiden und Barbaren. „Barock“ war ebenfalls ein Spottwort – im damaligen Italienisch bedeutete „barocco“ schief, eigenartig.

Ästhetik hat gesellschaftliche, politische, religiöse Aussagen. Eine symmetrische Gründerzeitvilla mit Dienstboteneingang sagt schon mit der Hausfront etwas anderes als Hans Scharouns organisch anmutendes Einfamilienhaus in der Weißenhofsiedlung. Eine romanische Kirche sagt bereits mit ihrem weiten Portal: „Kommt her zu mir“, eine gotische Kirche mit ihren spitzen Türmen und Fenstern sagt etwas strenger: „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach“, und die Backsteingotik des 19. Jhs. fügt pikiert hinzu: „… und benimm dich“.

Es gibt zweifellos auch mißlungene Architektur und solche, die von vornherein ohne einen Gedanken an Schönheit in die Stadt gesetzt wurde – zahlreiche Behördengebäude der 70er und 80er Jahre geben davon Zeugnis. Auch ist die persönliche Aussage „Ich finde das hässlich“ immer legitim, auch wenn es sich um Gotik oder Barock handelt. Aber eine Kirche abreißen wollen und den Architekten postum mit Hass überschütten, allein weil das Bauwerk einem nicht gefällt, ist nicht nur ein Zeichen mangelnder Frömmigkeit und Liebe. Es ist auch ein Zeichen mangelnder Urteilskraft.

Aber der Erbitterte, der das tat, hat bei mir etwas Gutes bewirkt. Erstens habe ich mich mit dem Architekten Gottfried Böhm beschäftigt, und zweitens möchte ich, sobald ich kann, nach Neviges. Ich hoffe, im nächsten Sommer wird es gelingen. Ich möchte in diesem Mariendom beten und schauen und staunen, möchte dies Gebirge auf mich wirken lassen, mich in diesem riesigen Raum bergen lassen und die Rose auf der Fensterwand bewundern.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Geschmack ist nicht Glaube

  1. Rita Carola Repplinger schreibt:

    Ich schätze ihre gut fundierten, von theologischer Bildung herrührenden Beiträge ! Danke! Sprechen Sie doch bitte auch öfter auf Radio Horeb?

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Herzlich willkommen und herzlichen Dank für diesen freundlichen Kommentar!
      Es wird sicher wieder Beiträge von mir auf Radio Horeb geben – ich hoffe, ich komme bald wieder dazu, etwas zu schreiben.

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  2. Wolfram schreibt:

    So können die Stile auch verschiedene Botschaften für verschiedene Menschen ausdrücken. Romanische Kirchen haben oft kleine Türen und kleine Fenster samt niedrigen Decken, aber dicke Mauern – „ein feste Burg ist unser Gott“, das kann man selbst in romanischen Dorfkirchen spüren, wenn die Tür zufällt, denn die Welt mit ihrem Lärm und Treiben bleibt draußen. Selbst die Schützenkapelle auf dem Dorfplatz ist kaum noch wahrnehmbar und stört das Gebet nicht. Dafür ist es oft dämmerig in diesen Kirchen – meine Oma benutzte dafür das Lehnwort „Penumbre“ französischen Ursprungs.
    Die Gotik dagegen strebt in die Höhe, löst die Wand auf und ersetzt sie durch farbige Fenster. Auch das Pfeilerwerk war ursprünglich polychrom. Der Raum ist licht, bunt und farbenfroh, so anders als die niedrigen Hütten, die ihn ursprünglich umgaben, anders auch als die meist nur naturfarbenen Kleider der Gläubigen. Eine gotische Kirche will Erstaunen wecken und einen Strahl des Paradieses in unsere Welt leuchten lassen. „Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.“
    Die großen spätromanischen Dome am Rhein, Speyer und Worms, stellen schon den Übergang vom romanischen zum gotischen Geist dar.
    Die Strenge, die mancher gotische Bau heute ausstrahlt – übrigens auch die norddeutsche Backsteingotik – liegt nicht zuletzt daran, daß die Farbenfreude verlorengegangen ist. Oft wurden die Fenster zerstört, fast alle Räume wurden irgendwann weiß ausgekälkt und die Bilder verdeckt. Die einzigen gotischen Kirchen, die schon von Anfang an eine gewisse Strenge ausstrahlten, sind Klosterkirchen. In den Regeln des Benediktiner- und des Augustinerordens ist gewissermaßen schon vorgeformt, was dann in einer gewissen Form des Protestantismus für die Gesamtgemeinde wichtig wurde: Schlichtheit, Beschränkung aufs Wesentliche in Wort und Sakrament. An diesen Kirchen aber hat sich eine Generation abgeguckt, wie „die gotische Kirche“ auszusehen hätte. Das war vielleicht auch der Rückschlag des Pendels von den oft dunklen Kirchen des Historismus, der teilweise sonderbare Blüten getrieben hat – man nehme etwa die reformierte Garnisonkirche in Straßburg, heute St.Paul, die den Formen nach im neugotischen Stil gebaut ist, deren Dekoration aber die Zinnen einer Burg auf die Innenwände wirft und somit vom Geist eher dem romanischen Stil entspricht.

    Eine alte Kirche durch eine „schöne“ zu ersetzen, ist nichts Neues. So manche heute auch schon altehrwürdige Kirche steht auf den Mauern eines Vorgängerbaus. Kunsthistoriker bewundern heute den Petersdom in Rom und verkneifen sich einige Tränen über den Vorgängerbau, der für diese Kirche abgerissen wurde. Sei es wegen Baufälligkeit (die auch keine Fatalität ist, sondern Folge von mangelnder Pflege) oder wegen gewachsener Gemeinde oder weil der Stil der Kirche unmodern war, viele Kirchen wurden schon abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

    Und wenn ich jetzt daran denke, wie Orgeln massakriert werden, die doch auch ad maiorem Dei gloriam geweiht wurden, weil der Stil nicht mehr gefällt oder weil ein Organist was Modernes will oder was pseudo-historisches… aber da höre ich jetzt auf.

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  3. gerd schreibt:

    Was mir auffällt ist die schiere Größe von Kirchenbauten u.a. auch die von Gottfried Böhm. die Anfang oder Mitte des 20.Jahrhunderts geplant und ausgeführt wurden. In Neviges passen 6000 Gläubige ins Hauptschiff. Die Auftraggeber war wohl der Ansicht, dass das Christentum in Deutschland goldenen Zeiten entgegen ging und die Gläubigen in diese Monumentalbauten strömen würden. Dass es in unserem Glauben nicht um Beton und Steine geht, hat der Herr ja eindrücklich bewiesen, als er sagte: „Reisst diesen Tempel nieder und ich werde ihn in drei Tagen wiederaufbauen.“

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  4. Hans-Jürgen Caspar schreibt:

    Guten Tag, Herr Wolfram!

    Interessant finde ich, dass Sie, wenn ich Ihren Blog recht verstehe, französisch-reformiert sind. In einer solchen Kirche in Potsdam wurde ich mit meiner Frau vor über sechzig Jahren getraut. Hier: http://www.hjcaspar.de/hpxp/gldateien/ghaeuser.htm wende ich mich der Kirche in einer Bilderserie als erstes zu.

    Dankbar für manches, das ich inzwischen bei Ihnen kennenlernen und erfahren konnte, grüße ich Sie.

    Hans-Jürgen Caspar

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