Wir und die anderen

Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person! Wenn in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz du dich hier auf den guten Platz! und zu dem Armen sagt ihr: Du stell dich oder setz dich dort zu meinen Füßen! – macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und seid Richter mit bösen Gedanken? Hört, meine geliebten Brüder und Schwestern! Hat nicht Gott die Armen in der Welt zu Reichen im Glauben und Erben des Reiches erwählt, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

Jakobus 2,1-5

Im Allgemeinen Gebet wird oft gebetet für die Armen, die Bedürftigen, die Kranken – und dafür, daß Gott „uns“ zeige, wie wir „ihnen“ helfen können. Darauf sagt dann die ganze Gemeinde im Chor: „Wir bitten Dich, erhöre uns.“

Die ganze Gemeinde. Und zu ihr gehören mit Sicherheit auch einige Arme, Bedürftige und Kranke.

Ich lebe in einer Gegend, in der es verglichen mit dem Rest der Welt eher wenig materielle Armut gibt (auch wenn die Roten Zahlen wachsen). Kranke können hier in aller Regel auf kompetente ärztliche und pflegerische Hilfe zählen. Von den Menschen, die am Gottesdienst teilnehmen, haben viele die üblichen Altersbeschwerden. Einige sind ernsthaft krank, obwohl sie noch jung sind. Einige sehnen sich sicher nach der Art Hilfe und Gesellschaft, die ein Pflegedienst oder Arzt nicht geben kann. Fast alle sind sorgfältig und gut gekleidet und werden nach der Sonntagsmesse ihr Sonntagsessen genießen. Manchmal sehe ich einen, von dem ich weiß, daß er nicht immer ein Dach über dem Kopf hat und daß seine Gesundheit dadurch erheblich beeinträchtigt ist. Seine Kleidung ist sauber, aber sehr abgetragen. Manchmal kommt eine Frau zum stillen Gebet in die Kirche, von der ich weiß, daß sie von Wohnungslosigkeit bedroht ist und schwerwiegende seelische Probleme hat. Es gibt noch mehrere in ähnlicher Situation, die ab und zu kommen und die zu unserer Gemeinde gehören. Und noch mehr gibt es, die sich nicht in die Kirche trauen, weil sie nicht „ordentlich“ aussehen.

Wenn wir sagen „Wir bitten für die Armen und Obdachlosen: Behüte sie und zeig uns Wege, ihnen zu helfen“ (oder ähnliches), dann sind da auf der einen Seite wir und auf der anderen die Armen. Als ob die Armen eine andere Kategorie wären, bestenfalls einer obskuren fremden Denomination angehörig, aber sicher nicht Teil dieser Gemeinde! Den wir sitzen ja gerade hier in der Kirche und beten gemeinsam.

Es ist gut, daß die Gemeinde Maria unter dem Kreuz wie viele andere Kirchen eine Suppenküche betreibt, daß es in Berlin zahlreiche Hilfen für Arme gibt, gerade von kirchlichen Stellen verschiedener Denomination und zum Teil erfrischend spontan und persönlich. So kümmert sorgt die evangelische Nachbargemeinde Zum Guten Hirten rührend für einen seit zehn Jahren Obdachlosen, der unter dem Dachüberhang eines Hauses zwischen Gemeindehaus und Kirche lagert. Es ist selbstverständlich, daß zum Apostolat der Kirche die Armenfürsorge gehört, und zwar unabhängig von Glauben oder Konfession der Bedürftigen. Aber es ist verkehrt, Gebete so zu formulieren, als seien die Armen notwendig woanders als in unserer Gemeinde.

Die Menschenscheu vieler Armer und Obdachloser hat ihre Gründe. Sicher spielt auch Stolz eine Rolle, aber mehr noch die bösen Erfahrungen mit Zeitgenossen, die Arme als Menschen zweiter Klasse (oder schlimmer) behandeln. Seien wir als Kirche deutlich anders. Vor Gott sind wir ohnehin alle Bettler.

Herr, gib uns offene Augen und Herzen für die Not unserer Nächsten. Gib den Armen unter uns den Mut, sich als Mitglieder der Gemeinde zu bekennen. Gib denen unter uns, die ihr Auskommen haben, die Liebe, sie als Brüder und Schwestern anzuerkennen und sie nicht nur über ihre Bedürftigkeit und vermeintliche oder tatsächliche Andersartigkeit zu definieren, sondern ihnen freundlich und herzlich entgegenzukommen. Amen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Wir und die anderen

  1. Wolfram schreibt:

    Seit ein Obdachloser mit mir sein (!) Brot geteilt hat, weiß ich: arm sind nicht unbedingt die, von denen man es meint. Indem wir für „die Armen“ beten, wird uns vielleicht auch deutlich, wie reich wir eigentlich sind, gemessen an anderen, und daß wir alle, ausnahmslos, teilen könnten. Es muß nicht materieller Reichtum sein, es kann auch geistige Fülle sein, Zeit zum Zuhören, Zeit, in der eine unselbständige Person nicht alleingelassen wird, während ihre Betreuung zum Arzt, zum Einkaufen oder zum Ausruhen geht.
    Und indem wir unsere Reichtümer erkennen, sollten wir auch unserer Armut gewahr werden, sonst stehen wir da wie der Pharisäer: „ich danke dir, Gott, daß ich nicht arm bin wie dieser Penner…“ Mein bürgerliches Leben ist schließlich nicht mein Verdienst, und daß mir nicht widerfahren ist, was andere aus der Bahn geworfen hat.

    Um so wichtiger ist Ihr Denkanstoß, der gerade darauf hinweist. Vergelt’s Gott!

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