Von wann bis wann ist Mord verboten?

Aus einer im Internet auf der Seite Domradio.de geführten sehr lebhaften Debatte um das Werbeverbot für Abtreibung (und damit auch um Abtreibung selbst) zitiere ich einige Aussagen und kommentiere sie hier.
Um Missvertändnisse auszuschließen: Ich zitiere hier zwar nur die Fraktion der „Aber es ist doch nur ein Zellhaufen“-Kommentatoren. An der Diskussion waren allerdings auch zahlreiche sehr engagierte Lebensrechtler beteiligt.

„Dir ist bewusst, dass es Grenzen gibt, bis zu denen ein Schwangerschaftsabbruch legal ist?“

Schwangerschaftsabbruch, vulgo Abtreibung, ist in Deutschland nicht legal, sondern unter bestimmten Umständen straffrei – aber immer illegal. Abgesehen davon ist Legalität nicht gleichbedeutend mit Moralität und Menschenrecht.

„Warum kommentieren Hier úberwiegend maenner?
Eine Spezies die nie schwanger war und es wohl auch nie Sein wird !
Gottseidank !
Das ist die typische art Úber Frauen zu entscheiden,soviel dann zur selbstbestimmung der frauen….“

Männer sind keine andere Spezies als Frauen. Hier wird auch nicht über Frauen entschieden, sondern Menschen – darunter auch Männer – sagen, daß man Menschen nicht umbringen soll, und daß ungeborene Menschen auch Menschen sind, also nicht umgebracht werden sollen.
In der Diskussion wird auch nicht dazu aufgerufen, über Frauen zu entscheiden – sondern dazu, über Ungeborene (die Hälfte davon ist weiblich) keine Entscheidung zu fällen, die für die Ungeborenen tödlich ist.

„wieder ist ein Mann dagegen, vernünftige Information + Beratung sind keine Werbung….“

Diese und ähnliche Informationen wurden in der Diskussion regelmäßig von einer Frau (nicht mir) kommentiert mit der ruhigen Erklärung, daß Information und Beratung vom Gesetzgeber vorgeschrieben sind (Beratungsgespräch). Diese Aussage wurde regelmäßig mit Stillschweigen übergangen.

„Wir Frauen haben diese Diskussion satt. Darüber wird nicht mehr diskutiert. Wir entscheiden, was mit unserem Körper geschieht. Ende.“

Nicht nur ich finde es unverschämt, in diesem Zusammenhang unter “Wir Frauen“ subsumiert zu werden. Abtreibung ist unabhängig von der Gesetzeslage immer ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf Leben und freie Entfaltung. Was mit dem eigenen Körper geschieht, entscheidet selbstverständlich rechtens jede Frau und jeder Mann selbst – nicht aber, was mit dem Körper eines ungeborenen Menschen geschieht.

„Kinder können auch durch „defekte“ Verhütung gezeugt werden und da soll man dann lieber das ungewollte Balg in die Welt setzen? Zur Adoption freigeben? Sich den Rest seines Lebens Scheiße fühlen und vielleicht sogar Angst haben, dass das Kind dann irgendwann vor der Tür steht? Nachdem es heimlich auf dem Klo zur Welt gebracht wurde und dann in der Babyklappe im besten Fall landet? Zumindest in den ersten drei Monaten, in denen eine Abtreibung unter Umständen erlaubt ist (ja ja ich weiß Straftat und so aber Ausnahmen bestätigen nun mal die Regel) wird da ein Zellhaufen und kein Kind abgetrieben. Ein Zellhaufen, der von den biologischen Prinzipien her einem Tumor gleicht. Das Frauen sich von anderen Frauen vorwerfen lassen müssen, dass sie ja nicht menschlich sind oder egoistisch oder wer weiß was egal, aus welchen Gründen eine solche Entscheidung getroffen wurde, finde ich erbärmlich und hilt der Frauenwelt auch nicht… Ganz im Gegenteil. Solche Äußerungen sorgen dafür, dass wir uns selbst sabotieren und irgendwann auch die Schwangerschaftsprävention wieder zurück gefahren wird… schließlich werden da potenzielle Kinder getötet… Und solange Männer und die Kirche (noch mehr Männer) in solche Diskussionen einmischen mit: Frauen haben gefälligst das zu lassen und Frauen in die Selbe Kerbe schlagen wird es auch niemals enden, dass wir uns gesellschaftlich nicht weiter entwickeln. Happy Mansplaining alle zusammen.“

Zunächst mal: Kinder werden nicht „durch“ defekte Verhütung gezeugt, sondern durch Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau, allenfalls kann man sagen: trotz Verhütung.
Abtreibung ist auch in den ersten drei Monaten nicht erlaubt, sondern illegal, aber in den meisten Fällen straffrei.
„Sich den Rest seines Lebens Scheiße fühlen“ (oder doch lange Zeit desselben) trifft für viele Frauen nach einer Abtreibung zu.
Eine vollkommen strukturierte, vitale Leibesfrucht als „Zellhaufen“ zu bezeichnen, ist, auch wenn es häufig geschieht, wissenschaftsfeindlich, dumm und böse. Man schaue sich eine Morula an: so geordnet, so wenig haufenförmig sind wir nie wieder im Leben. Ich fände es zwar unfreundlich, aber verständlich, mit meinen 56 Jahren und meinem Übergewicht als „Zellhaufen“ bezeichnet zu werden – rein biologisch hat das schon einige Berechtigung. Aber im frühen Entwicklungsstadium gleicht der Mensch allem Möglichen, nur gewiß keinem Haufen.
Der Mensch, sagte ich. Wenn ein menschliches Spermium eine menschliche Eizelle befruchtet, ist das Ergebnis ein Mensch und nichts anderes. Der junge Mensch sieht zunächst nicht so aus, daß man ihn als solchen erkennen kann, aber das ändert nichts an der Tatsache: hier ist ein menschlicher doppelter Chromosomensatz, lebensfähig, sich entwickelnd – also ein Mensch.
Auch im frühen Entwicklungsstadium gleicht der Mensch nicht einem Tumor. Denn ein Tumor besitzt nicht die Anlage, Herz, Hirn, Lungen, Arme und Beine zu entwickeln, er besitzt nicht das Potential bestimmter Geistesgaben und Fähigkeiten. Die Kommentatorin begeht hier den Fehler, äußerlichen Anschein und Sein zu verwechseln. Kein seriöser Wissenschaftler tut das.
Der letzte Abschnitt des hier besprochenen Kommentars ist so unbedarft, daß ich ihn unkommentiert lasse.

Im weiteren Verlauf wurden Abtreibungsgegner als „hirnlos“ bezeichnet und Abtreibung als eine „unangenehme, aber zum Schutz der Frauen notwendige medizinische Dienstleitung“.

Wer gegen das Werbeverbot für Abtreibung bzw. für ein sogenanntes Recht auf Abtreibung kämpft, muss notwendig erklären, von wann bis wann das Menschenleben schützenswert ist (bzw. ob es überhaupt unbedingt schützenswert ist). Entgegen dem geltenden Recht in Deutschland sind viele der Ansicht, in den ersten drei Monaten des Lebens genießt der Mensch überhaupt keine Schutzwürdigkeit, in den ersten sieben bis neun Monaten nur eine bedingte. Das wird gerne mit der aus biologischer Sicht unsinnigen Behauptung verfochten, ein Mensch sei in den ersten Monaten noch kein Mensch. Ab wann genau der Mensch nun Mensch ist, bleibt dabei unklar.

Das Christentum sagt, ein Mensch ist Mensch von Anfang an. Die Biologie hat das längst bestätigt.

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Der Balkon ist eröffnet!

Der Schneeregen bildet Pfützen, also werden die robusteren Pflanzen nicht mehr erfrieren. Was schert es mich, daß es noch kühl ist? Ich will Balkonblumen und möchte heuer auch wieder mehr Küchenkräuter haben. Heute machte ich den Anfang mit der Balkonbepflanzung und stelle fest, da ist noch viel Platz für gute und schöne Pflanzen.
Zwiebelpflanzen aller Art werde ich aber diesmal vermeiden. Denn die Hörnchen sind geradezu versessen auf Zwiebeln aller Art und buddeln gnadenlos aus, was immer man da setzen mag.

Hornveilchen
Balkon - Hornveilchen

Thymian, Salbei, Hornveilchen
Balkon - Thymian, Salbei, Hornveilchen

Rosmarin
Balkon - Rosmarin

… und das bring ich in Ordnung, wenn es trocken ist.
Balkon - ein Rest vom Winter

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U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz: Der kleine BER

Seit über zwei Jahren wird hier renoviert. Eine Anzeigetafel gibt es seit Monaten nicht mehr. Es heißt, wenn der U-Bahnhof dereinst in frischem Glanz erstrahlt, soll es dort auch einen Aufzug geben – aber das mag auch eine Legende sein.

Die Leute reden ja viel. Ich glaube, die Renovierung dieses U-Bahnhofes ist sowas wie das Schwert im Stein oder der BER – einen wahren Kern mag es irgendwo geben. Einstweilen sehe ich hier nur eine Mischung aus Grusel und volkstümlichem Humor.

U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz
U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz
U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz
U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz
U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz
U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz

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Frühlingsanfang

Ich habe nach einem Blick auf die verschneiten Nachbarsgärten

verschneiter Frühling

dem Frühling sein blaues Band lieber wieder weggenommen, damit es nicht kaputtgeht.

blaues Band

Er bekommt es wieder, wenn er Ernst macht.

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Lohnt es? Oder doch nicht?

Die meisten gewinnen nichts.

Auf den ersten Blick scheint dies Schild zu sagen: Glücksspiel lohnt nicht!

Aber dann lese ich: Der angegebene Gewinn „Gar nichts“ wird unter 95 Millionen nur einmal erzielt. Das würde ja bedeuten, daß man fast immer irgendetwas gewinnt. Einen Teil des Einsatzes vielleicht? Eher nicht. Oder die Erkenntnis, daß Glücksspiel nicht lohnt? Oder die Fähigkeit, mit wenig Geld auszukommen? Brauch ich nicht mehr, hab ich schon.

Ich lasse lieber die Finger davon.

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Ich habe eine Babyflasche!

Gestern abend wurde in St. Marien in Berlin-Friedenau die Babyflaschen-Aktion von 1000plus vorgestellt.

Babyflasche 1000plus

Zur Erinnerung: In Deutschland werden jährlich etwa hunderttausend (100.000) Menschen im Mutterleib getötet. 2017 waren es 101.209, das sind 2,5% mehr als 2016. Stellen Sie sich vor, alle Einwohner von Kaiserslautern (oder von Gütersloh oder Cottbus oder Hildesheim) würden innerhalb eines Jahres ermordet – dann haben Sie einen Begriff von der Größenordnung.

1000plus setzt sich für Mütter und Kinder ein. Die Beratung von Frauen in einer konfliktbeladenen Schwangerschaft ist kostenlos. 1000plus hilft schnell und unbürokratisch beratend, bei Amtsgängen, mit Sachspenden. 1000plus stellt aber keine Beratungsscheine aus, um auf keinen Fall eine Abtreibung zu ermöglichen. Deshalb ist 1000plus vollständig vom Staat unabhängig – und vollständig spendenfinanziert.

Hier kommen die Babyflaschen zum Einsatz. Im Vorraum der Kirche konnte man sich ein Fläschchen mitnehmen.

Babyflasche 1000plus

In den folgenden drei Wochen kommt Geld hinein – was man erübrigen kann. Man kann auch Freunde einladen und auf das Fläschchen hinweisen, oder es zur Arbeit mitnehmen und Kollegen darauf aufmerksam machen – oder darüber bloggen, facebooken, twittern etc. Nach drei Wochen bringt man die Babyflasche samt Geld in das Pfarrbüro der Kirche, wo man sie abgeholt hat – oder einer anderen Kirche, die an der Aktion beteiligt ist. Man kann auch eine Spendenbescheinigung anfordern; ein Formular liegt der Babyflasche bei.

Die Aktion 1000plus bittet, die Fläschchen auch dann wieder abzugeben, wenn man doch kein Geld übrig hatte, damit sie weiterverwendet werden können.

Und natürlich kann man in der eigenen Pfarrei anregen, mitzumachen bei der Babyflaschenaktion.

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St. Joseph

Joseph

Er wurde nie von seinem Herrn gefragt,
ob er den sonderbaren Ziehsohn wollte.
Er lernte träumend, wie er handeln sollte –
und blieb bei ihr und hat sich nicht beklagt.

Schon möglich, daß er trauerte und schmollte,
vielleicht von Zorn und Zweifel angenagt.
Doch hat das Ungewohnte er gewagt,
als das verheißne Wort ihn überrollte.

Er richtete, so gut es ging, die Hütte
und legte seinen Mantel auf die Schütte,
damit Maria weich lag und der Knabe.

Er brachte beide durch als Gastarbeiter.
Die Träume blieben seine Wegbereiter.
Vielleicht sah er den Sohn als Gottesgabe.

aus: Lass mich bekennen Deine Mandelblüte, tredition 2015

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Ein Sündenregister, das keines ist

Der katholische Publizist Josef Bordat, Philosoph, Blogger und Mitarbeiter bei der Tagespost, hat kürzlich ein neues Buch vorgelegt: Von Ablasshandel bis Zölibat. Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche.

Wie jedes apologetische Werk hat es viel mit Kirchengeschichte zu tun, aber die Ordnung der 36 Kapitel ist nicht chronologisch, sondern alphabetisch. Das ist praktisch, da es im Grunde ein Nachschlagewerk ist; es könnte, wäre Bordat nicht so höflich, auch heißen: „Von A bis Z – die abenteuerlichen und schier unausrottbaren Falschaussagen über die Katholische Kirche“. Jedem Kapitel ist eine solche Falschaussage in der Form vorangestellt, wie man sie in Diskussionen, beonders in den sozialen Medien, häufig antrifft. Jedes Kapitel schließt mit Literaturnachweisen und Hinweisen auf weiterführende Literatur, wobei dem Leser kein Bibliothekskatalog zugemutet wird, sondern nur ganz wenige, aber fundierte Bücher.

Das Kapitel Antisemitismus zeigt auf, daß der in der Kirche leider vorkommende Antijudaismus einerseits keineswegs kirchlich gebilligt oder gar durch die Inhalte des Christentums begründbar ist, andererseits keinesfalls linear und als einziger oder auch nur ein wesentlicher Grund in die Barbarei des Dutzendjährigen Reiches führt. Bordat belegt deutlich, daß die katholische Kirche sich stets gegen die Drangsalierung von Juden gewandt hat. Hier wäre allerdings eine Erwähnung des im 4. Jh. virulenten Antijudaismus redlich gewesen, der immerhin von den Kirchenvätern Athanasius und Hieronymus in unanständiger Weise propagiert wurde. Ein kleiner Absatz darüber, daß zu jener Zeit selbst kluge und fromme Leuchten der Kirche so hasserfüllt sein konnten, hätte das Buch noch besser gemacht.

Das ist aber schon mein einziger sachlicher Kritikpunkt. Sprachlich sind die Kapitel unterschiedlich; das über das Naturrecht ist für den philosophischen Laien schwer (aber keinesfalls unmöglich) zu lesen. Vielleicht wäre hier etwas mehr Abstand vom philosophischen Fachjargon oder die eine oder andere Fußnote möglich gewesen; allerdings ist das Thema eben schwierig, und gut, daß Bordat es nicht verflacht, sondern dem Leser diese Schwierigkeit zumutet. Andererseits ist das Kapitel über Jesus für einen normalbegabten Fünfzehnjährigen verstehbar. Insgesamt habe ich Bordats Buch Das Gewissen mit größerem Lesevergnügen gelesen als das Sündenregister. Das ist aber eine nur stilistische Anmerkung; das Sündenregister ist ein gutes Handbuch für den Umgang mit Kirchenkritikern und zugleich eine gute Quelle für jeden, der mehr über die schwierigen und zweifelhaften Punkte kirchlicher Geschichte und Gegenwart lernen möchte.

Die alphabetische Ordnung bescherte mir einen Schmunzler: die Kapitel Engel und Frauen stehen unmittelbar hintereinander – das wirkt inmitten der sachlich-wissenschaftlichen Art des Buches höchst charmant. Ersteres Kapitel erklärt den biblisch begründeten Glauben an Geistwesen und grenzt ihn eindeutig von esoterischem Engelglauben ab, der z.T. ganz ohne Gottesvorstellung auszukommen versucht; in letzterem weist Bordat nach, daß die Kirche von Anfang an hohen Respekt vor Frauen und Weiblichkeit hat.

Besonders schön finde ich das Kapitel Schöpfungsglaube, in dem Bordat den scheinbaren Widerspruch zwischen Schöpfung und Evolution auflöst:

„Was besagt die Evolutionstheorie? Daß sich das Leben in seiner ganzen Vielfalt entwickelt hat. Und was besagt der Schöpfungsglaube? Daß es für diese Entwicklung einen Grund geben muß. Zwischen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und dem theologischen Verständnis ist kein Widerspruch möglich, weil jeweils ganz unterschiedliche Kategorien der Weltanschauung angesprochen werden: Prozesse und Ursachen, Mechanismen und Gründe, die Frage nach dem Wie und die Frage nach dem Warum.“

Spannend ist auch das Kapitel über Tradition, in dem Bordat die schwierige Gratwanderung zwischen „Bewahrung der Asche“ und scheinbar praktischem, tatsächlich aber beliebigem modernistischem Wildwuchs zeigt. Die Sinnhaftigkeit der Tradition ist ihm, ist der katholischen Kirche wichtig, und gerade deshalb darf sie auch in Frage gestellt werden, wo der ursprüngliche Sinn nicht mehr klar oder schwer verständlich ist. Dabei darf das Infragestellen nicht leichtfertig zum Abschaffen führen, wenn es mit der Auffrischung des Wissens getan wäre.

„Tradition schreibt das Wesentliche unter veränderten Kontextbedingungen fort, ohne an starren Formen festzuhalten. Was Zeiterscheinung ist, darf in der jeweiligen Zeit bleiben. Was aber wesentlich ist, muß erhalten werden für die Zukunft: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21).“

Das Kapitel endet übrigens mit einem so flammend poetischen Appell an die Kirche, daß der Buchkauf schon dafür lohnen würde.

Im Kapitel Vernunft spielen die Hauptrollen die beiden berühmtesten Erzvernünftigen der katholischen Kirche: Ratzinger / Benedikt XVI. und Thomas von Aquin. An ihnen verdeutlicht Bordat, daß die katholische Kirche in sich vernünftig ist, weil sie sonst nicht sein kann – und daß die beleidigten Reaktionen auf schwierige Stellen in vernunftgeleiteten Reden und Schriften alles andere als vernünftig sind.

Von Ablasshandel bis Zölibat. Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche. Lepanto Verlag, 296 S.

Zuletzt noch ein Hinweis: Man muß Bücher nicht bei amazon bestellen. Genauso zuverlässig und ohne Schaden für die Bücherbranche bekommt man sie, wenn man

a) in einen Buchladen geht, nachdem man das Buch dort telephonisch bestellt hat,
b) über Internet bei einem Buchladen bestellt, z.B. bei der Buchhandlung Schwericke, die auch zustellt,
c) beim Lepanto Verlag bestellt.

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Zwei Disclaimer

Zwei auf verschiedene Weise schlechte Sachverhalte gilt es zu klären.

1. Ich habe früher mal, als Cathwalk noch ein vielversprechendes Magazin war, selbiges zweimal affirmativ zitiert. Das wird wohl nicht mehr vorkommen nach diesem haarsträubenden Irrsinn. Obwohl er auf Cathwalk selbst eine gebührende Antwort bekam, mag ich nimmer.

2. Zur Zeit ist wieder ein Irrer unterwegs, der unter den Namen klardenkender Blogger nazihafte Äußerungen in Kommentarspalten hinterläßt. Nur für alle Fälle – nein, das bin ich nicht. (Könnte man ja irgendwie selber drauf kommen, aber manche Leser sähen gern schon einen Strick um meinen dicken Hals – deshalb sag ich das lieber noch mal.)

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Kann Beten helfen?

Mit dieser Frage wurde mein Weblog gefunden, was mich sehr rührt. Nun ist der so gefundene Artikel schon etwas älter und geht auf eine bestimmte Situation ein, die längst nicht mehr aktuell ist. Ich möchte daher die Frage noch einmal genauer beantworten.

Es gibt viele Erfahrungsberichte, die von unverhoffter Hilfe nach einem Gebet sprechen. Dabei geht es um so verschiedene Dinge wie Lebensgefahr, schwere Krankheit, Unsicherheit bei einer anstehenden Entscheidung, Lebensangst, verbummelte Dinge und vieles mehr. Die guten Erfahrungen mit dem Gebet zu Gott sind so zahlreich, daß es schwierig wird, sie hinwegzupsychologisieren oder rundheraus als fromme Märchen darzustellen. Man muß nicht die bisher 65 in Lourdes geschehenen, medizinisch nicht erklärbaren anerkannten Wunderheilungen bemühen, um an die Kraft des Gebetes zu glauben – es genügt, die alltägliche Erfahrung von Trost, Ruhe, Geborgenheit und praktischer Hilfe durch das Gebet unzähliger Christen hinzunehmen.

Daß man im Gebet – also im Stillehalten und der Konzentration auf etwas anderes als sich selbst und die umgebenden Dinge – zur Ruhe kommt und dadurch zur Klärung der Gedanken, mag noch als natürliche Erklärung hingehen. Aber besonders gut ist diese Erklärung nicht mehr, wenn man – wie ich – schon mal im Zentrum eines schweren alpinen Unwetters in über 3000 Meter Höhe um Bewahrung gebetet hat und dabei ganz und gar nicht ruhig und gelassen wurde, sondern nur einfach unversehrt herunterkam. Oder wenn man – wie ich – schon mal in großer Nervosität gebetet hat: „Heiliger Antonius, ich habe keine Ahnung, ob das mit deiner Hilfe bei verlorenen Sachen stimmt, aber wenn ja, bitte hilf mir jetzt“ – und im nächsten Augenblick ein seit Stunden verbummeltes Schlüsselbund sah. Auch die Wirkung von fürbittendem Gebet für mich durfte ich schon erleben; in einer schlimmen seelischen Situation habe ich einen Freund um Fürbitte gebeten und Heilung wirklich pronto, am nächsten Tag, erfahren. Ich halte mich nicht für so besonders, daß ich mit solchen Erfahrungen allein dastehe; tatsächlich gibt es zahlreiche nicht anders als durch Gebet und Wunder erklärbare Heilungen furchtbarer Krankheiten und noch viel mehr Erfahrung von Trost, Schutz und Hilfe durch Gebet.

Jedoch ist das Gebet keine Wunscherfüllungsmaschine. Wir können Gott um alles bitten, aber Er ist nicht unser dienstbarer Geist. Oft ist es unverständlich, warum ein Gebet erhört wird und ein anderes, ebenso aufrichtiges, ebenso dringliches nicht. Aber unverständlich ist etwas Anderes als unsinnig; ich vertraue darauf, daß Gott keine Fehler macht (allerdings eine Menge Fehler zulässt, was mit unserer Freiheit zu tun hat). Wenn ich also um etwas bitte, was mir sehr sinnvoll und sogar meinem Heil dienlich scheint, z.B. einen schärferen Verstand oder größeren Einfluss im Guten auf meine Umwelt, und ich merke gar keinen Erfolg, dann kann das drei Gründe haben:

– Es ist aus einem mir unbekannten Grund nicht sinnvoll, daß diese Wünsche in Erfüllung gehen, oder
– es ist noch nicht an der Zeit, und Gott wird mir zu dem Erbetenen später verhelfen, oder
– Er hat mich schon erhört, ich habe es nur einfach nicht gemerkt.

(Bezüglich des letzten Falles lohnt es sich, auf das eigene Leben der letzten fünf oder zehn Jahre zu schauen. Was mich angeht, kann ich sagen, so doof wie vor zehn Jahren bin ich heute tatsächlich nicht mehr.)

Gott hört den Beter immer. Er erhört ihn dann, wenn es gut ist, auf eine Weise, die meist unvermutet gut ist. Aber mit diesem Satz löse ich nicht die Theodizeefrage. Ich weiß nicht, warum Er so schrecklichen und ungerechten Tod zuläßt, und die menschliche Freiheit (auch die, sich und anderen zu schaden) beantwortet die Theodizeefrage nur unbefriedigend. Damit muss ich leben.

Wäre der gute Effekt des Gebets vollständig in mathematischem Sinne beweisbar, so wäre er mir suspekt. Wenn wieder einmal nachgewiesen wird, daß beim Rosenkranzgebet der Herzrhythmus sich stabilisiert und beruhigt, dann argwöhne ich sofort, daß das auch bei einem Adagio des Lieblingskomponisten oder bei therapeutischen Atemübungen geschieht und also nicht notwendig mit dem Glauben zu tun hat. Aber unzählige Christen haben Gebetserhörungen erlebt in ganz und gar nicht ruhigen und beschaulichen Situationen. Die messbare körperliche Beruhigung bei meditativen Gebeten ist nicht die Hauptsache, sondern eine angenehme Nebensache, die nicht allein vom Glauben abhängt. Aber Heilung von Zwangsvorstellungen, von destruktiven Gedanken und von Krankheiten, Lösung kleiner und großer Probleme, Auffinden verlorener Dinge und Wege in Situationen, wo „nur noch Beten hilft“, sind zu gut dokumentiert, um sie zu ignorieren.

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