Ein Sündenregister, das keines ist

Der katholische Publizist Josef Bordat, Philosoph, Blogger und Mitarbeiter bei der Tagespost, hat kürzlich ein neues Buch vorgelegt: Von Ablasshandel bis Zölibat. Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche.

Wie jedes apologetische Werk hat es viel mit Kirchengeschichte zu tun, aber die Ordnung der 36 Kapitel ist nicht chronologisch, sondern alphabetisch. Das ist praktisch, da es im Grunde ein Nachschlagewerk ist; es könnte, wäre Bordat nicht so höflich, auch heißen: „Von A bis Z – die abenteuerlichen und schier unausrottbaren Falschaussagen über die Katholische Kirche“. Jedem Kapitel ist eine solche Falschaussage in der Form vorangestellt, wie man sie in Diskussionen, beonders in den sozialen Medien, häufig antrifft. Jedes Kapitel schließt mit Literaturnachweisen und Hinweisen auf weiterführende Literatur, wobei dem Leser kein Bibliothekskatalog zugemutet wird, sondern nur ganz wenige, aber fundierte Bücher.

Das Kapitel Antisemitismus zeigt auf, daß der in der Kirche leider vorkommende Antijudaismus einerseits keineswegs kirchlich gebilligt oder gar durch die Inhalte des Christentums begründbar ist, andererseits keinesfalls linear und als einziger oder auch nur ein wesentlicher Grund in die Barbarei des Dutzendjährigen Reiches führt. Bordat belegt deutlich, daß die katholische Kirche sich stets gegen die Drangsalierung von Juden gewandt hat. Hier wäre allerdings eine Erwähnung des im 4. Jh. virulenten Antijudaismus redlich gewesen, der immerhin von den Kirchenvätern Athanasius und Hieronymus in unanständiger Weise propagiert wurde. Ein kleiner Absatz darüber, daß zu jener Zeit selbst kluge und fromme Leuchten der Kirche so hasserfüllt sein konnten, hätte das Buch noch besser gemacht.

Das ist aber schon mein einziger sachlicher Kritikpunkt. Sprachlich sind die Kapitel unterschiedlich; das über das Naturrecht ist für den philosophischen Laien schwer (aber keinesfalls unmöglich) zu lesen. Vielleicht wäre hier etwas mehr Abstand vom philosophischen Fachjargon oder die eine oder andere Fußnote möglich gewesen; allerdings ist das Thema eben schwierig, und gut, daß Bordat es nicht verflacht, sondern dem Leser diese Schwierigkeit zumutet. Andererseits ist das Kapitel über Jesus für einen normalbegabten Fünfzehnjährigen verstehbar. Insgesamt habe ich Bordats Buch Das Gewissen mit größerem Lesevergnügen gelesen als das Sündenregister. Das ist aber eine nur stilistische Anmerkung; das Sündenregister ist ein gutes Handbuch für den Umgang mit Kirchenkritikern und zugleich eine gute Quelle für jeden, der mehr über die schwierigen und zweifelhaften Punkte kirchlicher Geschichte und Gegenwart lernen möchte.

Die alphabetische Ordnung bescherte mir einen Schmunzler: die Kapitel Engel und Frauen stehen unmittelbar hintereinander – das wirkt inmitten der sachlich-wissenschaftlichen Art des Buches höchst charmant. Ersteres Kapitel erklärt den biblisch begründeten Glauben an Geistwesen und grenzt ihn eindeutig von esoterischem Engelglauben ab, der z.T. ganz ohne Gottesvorstellung auszukommen versucht; in letzterem weist Bordat nach, daß die Kirche von Anfang an hohen Respekt vor Frauen und Weiblichkeit hat.

Besonders schön finde ich das Kapitel Schöpfungsglaube, in dem Bordat den scheinbaren Widerspruch zwischen Schöpfung und Evolution auflöst:

„Was besagt die Evolutionstheorie? Daß sich das Leben in seiner ganzen Vielfalt entwickelt hat. Und was besagt der Schöpfungsglaube? Daß es für diese Entwicklung einen Grund geben muß. Zwischen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und dem theologischen Verständnis ist kein Widerspruch möglich, weil jeweils ganz unterschiedliche Kategorien der Weltanschauung angesprochen werden: Prozesse und Ursachen, Mechanismen und Gründe, die Frage nach dem Wie und die Frage nach dem Warum.“

Spannend ist auch das Kapitel über Tradition, in dem Bordat die schwierige Gratwanderung zwischen „Bewahrung der Asche“ und scheinbar praktischem, tatsächlich aber beliebigem modernistischem Wildwuchs zeigt. Die Sinnhaftigkeit der Tradition ist ihm, ist der katholischen Kirche wichtig, und gerade deshalb darf sie auch in Frage gestellt werden, wo der ursprüngliche Sinn nicht mehr klar oder schwer verständlich ist. Dabei darf das Infragestellen nicht leichtfertig zum Abschaffen führen, wenn es mit der Auffrischung des Wissens getan wäre.

„Tradition schreibt das Wesentliche unter veränderten Kontextbedingungen fort, ohne an starren Formen festzuhalten. Was Zeiterscheinung ist, darf in der jeweiligen Zeit bleiben. Was aber wesentlich ist, muß erhalten werden für die Zukunft: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21).“

Das Kapitel endet übrigens mit einem so flammend poetischen Appell an die Kirche, daß der Buchkauf schon dafür lohnen würde.

Im Kapitel Vernunft spielen die Hauptrollen die beiden berühmtesten Erzvernünftigen der katholischen Kirche: Ratzinger / Benedikt XVI. und Thomas von Aquin. An ihnen verdeutlicht Bordat, daß die katholische Kirche in sich vernünftig ist, weil sie sonst nicht sein kann – und daß die beleidigten Reaktionen auf schwierige Stellen in vernunftgeleiteten Reden und Schriften alles andere als vernünftig sind.

Von Ablasshandel bis Zölibat. Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche. Lepanto Verlag, 296 S.

Zuletzt noch ein Hinweis: Man muß Bücher nicht bei amazon bestellen. Genauso zuverlässig und ohne Schaden für die Bücherbranche bekommt man sie, wenn man

a) in einen Buchladen geht, nachdem man das Buch dort telephonisch bestellt hat,
b) über Internet bei einem Buchladen bestellt, z.B. bei der Buchhandlung Schwericke, die auch zustellt,
c) beim Lepanto Verlag bestellt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Ein Sündenregister, das keines ist

  1. jobo72 schreibt:

    Danke sehr, Claudia! Gerade auch für die kritische Anmerkung zum Antijudaismus.
    Ganz verschwiegen haben ich den „Antijudaismus der christlichen Antike“ zwar nicht (vgl. S. 14), aber doch wohl unterschätzt, so dass möglicherweise der Eindruck entsteht, ich wolle diesen verharmlosen. Nichts liegt mir ferner. Athanasius und Hieronymus bekommen ihren Auftritt in der Zweiten Auflage – Danke für den Hinweis!

    JoBo

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