Auf der katholischen Seite „Neuer Anfang“ erschien dieser Artikel. Auf Facebook kommentierte jemand ausführlich. Ich zitiere die von ihm zitierten Stellen und seine Fragen dazu und beantworte sie einzeln.
„Seit dieser Sex am Ende dieser langen Zeit auch Personen „befällt“, nicht nur periodisch wie in Rauschzeiten das Schwarzwild und in der Brunft das Rotwild, sondern homo sapiens ganzjährig, gibt es Sexualität in immer komplizierteren Formen, und die sind nicht alle wünschenswert und schon gar nicht gottgewollt.“
Wer sagt mit welchem Recht, was wünschenswert ist?
Und nicht gottgewollt?
Woher weiß er das? Hat er Gott gefragt? Was eine Person will, dazu forscht die Psychologie. Wer ist so überheblich, eine Gottespsychologie zu entwickeln? Sollte Gott tatsächlich fromme Zombies gewollt haben?
Daß es Formen von Sexualität gibt, die Gott für den Menschen nicht will, steht in der Bibel. Vorrangig in den Zehn Geboten. Hier wird Ehebruch verboten, aber auch jede Form von „Vergötterung“ des Partners oder der Sexualität selbst und jede Begehrlichkeit nach der Partnerin eines anderen (oder dem Partner einer anderen).
Im Buch Genesis wird deutlich, daß eine Ehe zwischen genau einem Mann und einer Frau das gottgewollte Modell der Partnerschaft ist. Erst einige Zeit nach dem Sündenfall (der Abwendung des Menschen von Gott) kommt die Polygamie auf, und zwar zuerst bei einem rachsüchtigen und gewalttätigen Protz (Gen 4,23-24). Alle in der Bibel beschriebenen polygamen Verhältnisse sind belastet und schaden besonders den Frauen, und zwar auch da, wo die Männer keine schlechten Kerle sind.
Homosexualität kommt in der Bibel ausschließlich im Zusammenhang mit Gewalt vor, sie wird als etwas in sich Ungutes dargestellt.
Gott will keine frommen Zombies, sondern Menschen, die sich aufgrund ihrer Einsicht und Liebe für Ihn entscheiden. Deshalb hat Er uns Gebote gegeben und die Autoren der Bibel inspiriert.
Gott will, dass es den Menschen gut geht (steht in der Bibel an mehr Stellen, als ich hier anführen kann). Deshalb gehört Sexualität (in der der Mensch ohnehin verletzlich ist, weil sie mit Hingabe zu tun hat) in den besonders geschützten, geheiligten Raum der Ehe mit der Offenheit für Kinder. Ich finde es richtig, daß die Kirche Verhütung untersagt, außer durch die Natürliche Familienplanung, bei der zudem die Frau ihren Zyklus genau beobachtet und dadurch ein besonderes Gespür für ihren Leib bekommt. Hormonelle Beeinflussung oder Einführung eines Fremdkörpers findet die Kirche falsch, und das entspricht dem Gebot, niemandem vermeidbaren Schaden zuzufügen. (So die strenge Auslegung des Tötungsverbotes.) Es geht also auch um unbeeinträchtigten, fröhlichen Sex, um Partner, zwischen deren Liebe nicht nur kein Blatt Papier, sondern nicht einmal ein Hauch Latex passt! Und es geht um Verantwortung.
„Soweit es an uns liegt, wird Umkehr gefordert.“ Dazu müsste man ja die eigene Richtung kennen, um zu wissen, von welcher Richtung man in welche neue Richtung man umkehren muss. Weiß das wirklich jeder Mensch? Umkehr wohin? Die Antwort lautet stereotyp: „Der Glaube an das Evangelium, die Botschaft dieses Mensch gewordenen Gottes und die Nachfolge in dieser Botschaft ist angesagt.“ Niemand sagt, was diese Sprechblasen ganz konkret im Tagesablauf bedeuten sollen.
Natürlich weiß nicht jeder Mensch zu jeder Zeit, ob seine Richtung stimmt. Der einschränkende Halbsatz „Soweit es an uns liegt“ weist genau darauf hin. Dennoch ist der Aufruf zur Umkehr immer richtig. Jeder Mensch hat ein Gewissen. Das Gewissen kann missachtet werden, und es kann irren. (Beides kommt in Diktaturen oder despotischen zwischenmenschlichen Verhältnissen häufig vor.) Jedoch bleibt das eigene Gewissen die höchste Instanz, die wir direkt befragen können und von der wir eine ebenso direkte Antwort erwarten dürfen (auch wenn die Antwort im Fall eines moralischen Dilemmas „Ich weiß nicht, aber ich würde jetzt eher zu …. raten“ sein kann). Deshalb kann die ehrliche Befolgung dessen, was das eigene Gewissen rät, zwar unter Umständen falsch oder dumm sein, nicht aber moralisch verkehrt. Denn auch dem irrenden Gewissen ist Folge zu leisten.
Man ist also durch das Gewissen, sofern man es benutzt, vor einer Menge falschen Entscheidungen geschützt. Aber das Gewissen benutzen muss beinhalten, es zu schulen. Dazu gibt es keine bessere Hilfe als die Botschaft Jesu – und zwar die ganze Botschaft, nicht nur die gefälligeren Teile daraus. Jesus spricht viel von Barmherzigkeit und Liebe, aber Er erwähnt auch die Konsequenzen gewissenloser Handlungen.
Dass „niemand sagt, was diese Sprechblasen ganz konkret im Tagesablauf bedeuten sollen“, stimmt nicht. Der erwähnte Jesus sagt es. Er gibt uns eine sehr klare Richtschnur für das tägliche Leben: Gott vertrauen, Ihm treu sein, nach Kräften Gutes tun, Böses nicht gutheißen, aber verzeihungsbereit sein, wenn es einem selbst widerfährt. Sehr deutlich ist das in der Bergpredigt, aber auch an zahlreichen anderen Stellen.
Jesus fasste Sympathie zu einem Jüngling, der von sich offenbar für Jesus glaubhaft alle Gebote hielt (Paulus hätte ihm das nicht abgenommen). Jesus stellte eine offensichtlich dysfunktionale Forderung an ihn, was er sicher selbst wusste, nur um ihm seine Achillesferse vor Augen zu führen. Denn er stellte eine solche Forderung nicht an seine Jünger und Jüngerinnen, die ihn ja unterhielten. Petrus durfte sein Haus behalten, und er verschmähte nicht die Teilnahme an einer kostspieligen Hochzeit. Die Erfüllung der Forderung an den Jüngling hätte kaum einen Armen über Wasser gehalten, stattdessen anschließend einen weiteren hinzugefügt.
Zachäus war ein reicher Zöllner. Jesus kehrt bei ihm ein. Er verlangt keineswegs, dass dieser sein ganzes Vermögen spendet sondern begnügt sich mit der vierfachen Rückgabe von unrechtmäßig erworbenem Gewinn.
Jesus verlangt vom Einzelnen, was gut und möglich für ihn ist. Seine Jünger schickt Er eine Zeitlang paarweise aus, um zu missionieren und zu heilen. Dabei besteht Er darauf, dass sie auf allen Besitz verzichten und sich vollständig von ihrer Umwelt abhängig machen. Dies verlangt Er für die Zeit dieser besonderen Mission, nicht aber darüber hinaus. Es geht also darum, dass die Jünger lehren und zugleich lernen sollen; dass sie Ansprüche und Eitelkeiten aufgeben, Mitgefühl mit den Ärmsten lernen und begreifen, dass sie ganz in Gottes Hand sind.
Bei der Hochzeit in Kana offenbart Er sich als der, der das Leben in Fülle bringt. Das ist Sein erstes öffentliches Auftreten als Erwachsener und eine ganz und gar messianische Tat. Diese Perikope ist sehr vielschichtig; auch die ungeheure Menge des Weines, die Zahl der Krüge, die besondere Gelegenheit (Hochzeit) haben eine messianische Bedeutung. Dazu vielleicht mal ein besonderer Artikel.
Dem reichen Jüngling empfiehlt Er, seinen Reichtum loszulassen. Bei Zachäus lädt Er sich ein und bewirkt allein dadurch, dass dieser Kollaborateur und Betrüger sich bekehrt und von sich aus eine Wiedergutmachung vorschlägt.
Jesus fordert von verschiedenen Menschen verschiedene Taten – weil sie eben verschieden sind. Er fordert stets, was dem Angesprochenen möglich und nützlich ist und was zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort richtig ist. Und immer fordert Er die Nachfolge. Genau das ist ja Nachfolge: Im Vertrauen auf Gott tun und riskieren, was mir jetzt hier möglich ist und gut ist.
Wie gesagt, stereotype Sprechblasen (Aufkleber auf dem Auto: „Jesus liebt Dich“) sind nicht hilfreich.
Hier stimme ich zu. Allerdings verstehe ich den zitierten Artikel keineswegs als stereotype Sprechblase.
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