Die stillen Tage bei den Mägden Mariens – ich berichtete schon – gaben mir Zeit, die Benedict Option zu lesen. Rod Dreher, ein erst zum Katholizismus und dann zur Orthodoxie konvertierter US-amerikanischer Christ mit brennendem Herzen, eucharistischer Frömmigkeit und großem Respekt vor anderen Konfessionen, schreibt mit seiner Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft einerseits eine scharfe Beobachtung des fadenscheinig werdenden Wohlfühlchristentums, das auch in Europa um sich greift, andererseits einen energischen Aufruf, sich auf die Wahrheit und Schönheit christlicher Kultur (und nicht etwa eines Kulturchristentums) zu besinnen, sie furchtlos und fröhlich neu zu beleben.
Tobias Klein hat das so ernsthaft wie witzig geschriebene Buch hervorragend übersetzt; besonders bewundere ich seine souveräne Übertragung des Plaudertons einiger Abschnitte. Es klingt an keiner Stelle „übersetzt“.
Inspiriert vom strengen und glaubensfrohen Leben der Benediktiner in Norcia, der Heimatstadt des Heiligen Benedikt, legt Dreher den Kontrast zwischen christlichem und modernen Leben dar. Denn ein ohne Abstriche christliches Leben ist in modernen westlichen Gesellschaften nicht ohne Abgrenzung möglich. Die Abgrenzung von einer hedonistischen Gesellschaft mit einer Vielzahl schwammiger Selbsterlösungslehren darf nicht einfach darin bestehen, daß man eben sonntags in die Kirche geht und sonst so weitermacht wie alle. Denn durch diese Haltung hat in den westlichen Kirchen schon längst ein „Moralistisch-therapeutischer Deismus“ Land gewonnen, eine Ersatzreligion, die besagt, daß wir irgendwie gut sein müssen, damit es uns gut geht, und daß es irgendeinen höheren Willen gibt, der das in Ordnung findet. Das Ziel des Christentums ist aber nicht ein irdisches Wohlgefühl der Anständigen, sondern das überirdische, ewige, selige Leben in der vollkommenen Liebe des Erlösers.
Der Weg dorthin ist von Kirchenlehrern und anderen Heiligen beschrieben und begangen. Dreher wirbt für eine neue Erarbeitung des verschütteten Wissens spätantiker und mittelalterlicher Autoren, für eine Neuauflage christlicher Bildung. Aber das Buch ist keine Anleitung zum Verständnis der Patristik, sondern ein fast alle Lebensbereiche ansprechender Weckruf, sich von jeder Versuchung zum hedonistischen Laissez-Faire oder zu einem Wohlfühlchristentum abzuwenden. Phantasie und Kreativität sind gefragt, um eine von klösterlicher Frömmigkeit und Disziplin inspirierte Lebensweise in Familie und Gesellschaft zu bringen. Das ist ein schwieriger Weg; es gab bereits mehrere existenzvernichtende Urteile in den USA, wo Christen sich geweigert haben, für homosexuelle Paare „Hochzeitstorten“ zu backen und „Hochzeitssträuße“ zu binden. Auch in Deutschland ist ein vergleichbarer Gegenwind spürbar, vielleicht noch nicht ganz so stark, aber wir sind auf dem schlechtesten Wege dazu.
Zunächst ist notwendig, daß wir neu lernen, was Christentum ist und will, dann ist unsere Kreativität gefragt. Wir müssen von der Pfarrkirche nicht erwarten, daß sie mal was in der Richtung anfängt, sondern etwas in der Richtung anfangen und dazu einen Raum im Gemeindehaus der Pfarrkirche erbitten. Wir müssen uns mit anderen Christen vernetzen, auch über Konfessionsgrenzen hinweg, müssen gemeinsam beten und handeln. Auch muss man bereit sein, die eigenen Ansprüche herunterzuschrauben. Denn in naher Zukunft werden Christen gezwungen sein, entweder dem Christentum widersprechende Dinge zu tun oder eine schlechter bezahlte Arbeit zu bekommen. (Ich bin sicher, daß das auch für Europa gilt.) Fragen wir uns bei allem, was wir tun, um unser Geld zu verdienen, ob es mit unserem Glauben vereinbar ist! Ist es das nicht, so kann man zwar um des Arbeitsplatzes willen zustimmen und damit „Weihrauch für Cäsar opfern“ (wie Dreher es nennt), aber man kann dann nicht gleichzeitig überzeugend christlich sein. Zum christlichen Leben gehört in derartigen Fällen auch, sich eine neue Arbeitsstelle zu suchen – auch wenn sie schlechter bezahlt ist oder eine weitere Ausbildung erfordert.
Weder die Arbeit noch die hochtechnischen Arbeitsmittel, allen voran das Internet, darf die Herrschaft über uns haben. Arbeit ist wichtig, nicht weil wir Arbeitstiere sind, sondern weil die Arbeit über den Erhalt unseres Lebens hinaus zu Gottes Ehre geschehen soll.
Ich habe die Benedikt-Option im tiefen Frieden eines Klosters gelesen, in dem ich Urlaub machte. Drehers klare Worte über die Notwendigkeit, zu Verzicht und harter Arbeit bereit zu sein und in einer zunehmend entchristlichten Welt erkennbar christlich zu leben, und die Beispiele, die er gibt, haben mich stellenweise beschämt innehalten lassen: Was tue ich denn, um diesem Anspruch gerecht zu werden?
Zugleich habe ich zu einem sehr wichtigen Punkt bei Dreher heftig genickt: Er stellt klar, daß Gebet, Anbetung und Empfang der Sakramente nicht Dinge sind, die dazukommen, wenn man mal Zeit hat, sondern das Fundament, auf dem eine christliche Gemeinschaft gedeihen kann. Auch in diesem Sinne ist es gut, seinen Urlaub (und möglichst viel Zeit außerhalb des Urlaubs) mit Stundengebet, Anbetung und guter christlicher Lektüre zu füllen.
„Wenn wir heutigen Christen nicht fest auf dem Felsen der geheiligten Ordnung stehen, wie unsere heilige Tradition sie offenbart – eine Ordnung des Denkens, Redens und Handelns, die das Christliche in der Kultur verkörpert und von Generation zu Generation weiterträgt -, dann haben wir überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen. Wenn wir nicht Praktiken in unser tägliches Leben einbeziehen, die sicherstellen, daß diese geheiligte Ordnung uns, unseren Familien und Gemeinschaften stets präsent bleibt, werden wir sie verlieren. Und wenn wir sie verlieren, laufen wir Gefahr, Ihn aus den Augen zu verlieren, auf den alles in dieser geheiligten Ordnung hinweist wie eine göttliche Schatzkarte.“
Mein Fazit aus dieser Lektüre ist: Ich möchte künftig noch entschiedener tun, was ich tun kann, und ich möchte wenigstens versuchen, in meiner Heimatgemeinde etwas von der Benedikt-Option wahr werden zu lassen.
Rod Dreher, Die Benedikt-Option. Deutsch von Tobias Klein. fe-medienverlags GmbH, 398 S., ISBN 978-3-86357-205-1









