Heute fand in unserer Gemeinde der Neujahrsempfang für die Ehrenamtlichen statt. Der Pfarrer hielt eine kurze, erfrischende Rede, es gab Wein, Wasser und Brezeln, und der Pfarrsaal war voll – eine gute Voraussetzung für ein nettes Beisammensein. Es gab, wie üblich, für jeden Ehrenamtlichen ein Geschenk: Ein Lichtbogen-Feuerzeug, das ohne offene Flamme funktioniert und über USB-Kabel aufgeladen werden kann – das ganze mit Logo und Schriftzug der Gemeinde. (Es ist wirklich praktisch, ich habe es zu Hause gleich ausprobiert.)

Das ist alles sehr schön. Daß ich große Menschenmengen nicht gut ertrage und mich nach einer knappen Stunde davonmachte, ist ja niemandes Schuld.
Aber was ist eigentlich ein „Ehrenamt“?
Wir hörten in der Messe heute eine sehr passende zweite Lesung. Paulus schreibt in 1 Kor. 12,12-31a:
Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn?
Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach.
Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre, und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.
So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die andern als Propheten, die Dritten als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Wunder zu tun, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede. Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Wunder zu tun? Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen? Reden alle in Zungen? Können alle solches Reden auslegen?
Strebt aber nach den höheren Gnadengaben!
Auch damals in Korinth scheint es eitle Zwistigkeiten gegeben zu haben in der Art „Mein Ehrenamt ist besser als deines“. Das war damals so falsch wie heute, und ich stelle mir vor, Paulus hat genervt überlegt, wie er es diesem Kirchenvölkchen wirklich ganz, ganz klar machen kann.
Das Wort „Ehrenamt“ bedeutet, daß es dem Ausübenden zur Ehre gereicht. Das ist aus christlicher Sicht nicht völlig falsch. Die Leute in der Suppenküche geben den Hungrigen Essen, und da wir angehalten sind, Jesus im leidenden Nächsten zu sehen, geben sie Ihm zu essen. Die Lektoren verkünden das Wort Gottes, sie leihen also Ihm ihre Stimme. Wer die Kirche putzt und mit Blumen schmückt, putzt und schmückt gewissermaßen das Wohnzimmer Jesu. Das alles kann man als hohe Ehre verstehen für den, der es tut. Aber mir gefällt der Gedanke viel besser, daß ich eine Aufgabe habe, um zu ehren – um Gott zu ehren, nicht um selbst geehrt zu werden. Zu leicht verstehen wir sonst den Begriff als „Ehre dem Kirchenvolk auf Erden“.
Mehr noch stört mich am Begriff „Ehrenamt“, daß dadurch bestimmte Aufgaben herausgehoben und institutionalisiert werden. Menschen mit anderen, nicht weniger wichtigen Aufgaben und Charismen – vorzugsweise solchen, die sich der Institutionalisierung entziehen und zugleich lebenswichtig für die Kirche sind – haben keine Ehrenämter, werden nicht eingeladen und gefeiert und bekommen kein Geschenk. Als ich ging, traf ich vor der Tür, am Schaukasten der Kirche, eine alte Frau, die gar kein Ehrenamt hat. Sie kommt zu fast jeder Messe in St. Marien, und fast immer zum gemeinsamen Rosenkranz am Samstagabend. Als Vorbeterin des Rosenkranzes weiß ich, wie wichtig das ist, gerade weil so wenige kommen. Die Frau ist einfach da, sie macht mit, sie hat nichts als sich selbst und ihren Glauben, aber den bringt sie mit großer Regelmäßigkeit ein. Sie betet. Wie viele Leute in unserer Großgemeinde regelmäßig da sind und beten, sonst aber kein Amt haben, weiß ich nicht – es muss aber eine ganze Menge sein. Sicher ist, daß die Gemeinde ohne diese fleißigen Beter nicht bestünde.
Jeder sollte einfach für die Kirche tun, was er kann – dann wäre Ehrenamt nicht so etwas Besonderes. Mein Traum von Kirche beinhaltet, daß alle irgendwie beitragen, jeder mit seinen Gaben, daß dies gemeinsame Tun nicht Ehrenamt heißt, sondern einfach getan wird, und daß die ganze Gemeinde sich einmal im Jahr trifft, um Gott und einander zu danken und zu feiern – im Prinzip so, wie jetzt, nur eben ohne diesen Nimbus des Ehrenamtlichen. Wenn jeder – vom stillen regelmäßigen Beter bis hinab zum Diplomtheologen – das Seine gibt, kann die christliche Gemeinde bestehen. Sonst droht sie zum Verein zu werden, in dem neben allen möglichen Aktivitäten eben auch mal gebetet wird.
Angenommen, es hieße an einem Sonntag im Januar: Nach der Messe laden wir zu einem Empfang ein, um für die Charismen der Gemeinde zu danken und einander zu begegnen. Alle Gemeindemitglieder sind herzlich eingeladen!
Vielleicht würde der Pfarrsaal dann sehr voll. Vielleicht müssten wir mit einer geringeren Pro-Kopf-Menge Wein und Brezeln auskommen. Vielleicht würde die Gemeindekasse als Geschenk für jeden nur ein Blümchen hergeben. Wäre das schlimm? Ich meine nicht!
Aber bestimmt müsste man noch oft erklären, daß wirklich alle eingeladen sind, und daß die Treue zur Kirche, die Freude an Andachten, Rosenkranzgebet und so weiter eben auch ein Charisma ist, nicht weniger als Kuchen backen oder Lieder dichten.
Christus ist Licht für alle, nicht Spotlight für die Umtriebigen. Alle Christen sind aufgefordert, selbst Licht zu sein und Licht weiterzutragen. Uns anerkannten und gefeierten „Ehrenamtlichen“ täte es gut, unsere Arbeit als Normalfall anzusehen – jeder macht halt Licht, so gut er kann. Und sollte jemand glauben, die Frau, die durch nichts anderes auffällt als dadurch, daß sie seit einem halben Jahrhundert regelmäßig den Rosenkranz betet, sei im paulinischen Bild höchstens ein kleiner Finger, so möge er bedenken: Ein gebrochener kleiner Finger tut dem ganzen Menschen sehr weh. Ein amputierter kleiner Finger fehlt dem ganzen Menschen. Und vielleicht ist die Alte ja auch kein Kleinfinger, sondern eine Herzklappe, zuständig dafür, daß die ganze Gemeinde mit solider Frömmigkeit grundversorgt bleibt. Hätte sie nicht auch eine Brezel und ein Glas Wein verdient?
Gefällt mir Wird geladen …