Mein Vater, die Nashörner und das Schloss

Gestern, am 9. Januar 2019, war der 100. Geburtstag meines Vaters Martin Sperlich. Die Pückler-Gesellschaft, zu deren Gründern er gehörte und deren Vorstand er eine Zeitlang innehatte, lud zu einer Feierstunde in der Eosander-Kapelle im Schloss Charlottenburg und anschließendem Empfang im Theaterbau daselbst.

In der Kapelle wurden Reden gehalten, und ich hatte ein wenig Sorge (ich war in der ersten Reihe plaziert und musste unbedingt wach aussehen). Und dann waren die vier Reden alle hervorragend und keine zu lang, mein Vater wurde in so liebenswürdiger Weise und ganz ohne Banalitäten und Wiederholungen dargestellt als der besondere Mensch, Freund und Wissenschaftler, der er war. Der einzige Minuspunkt war die Temperatur der Eosanderkapelle, die noch empfindlich kalt ist, wenn sie gesteckt voll Menschen in warmen Sachen ist.

Martin Sperlich war fünfzehn Jahre lang Direktor der Berliner Schlösserverwaltung gewesen und hatte mit Energie, Fleiß und immer wachsendem Wissen die Schlösser und Gärten West-Berlins behütet und gepflegt. Mit seinem Kollegen Heinz Schönemann aus Potsdam hatte er in den Zeiten des Kalten Krieges und der Trennung Deutschlands diktatorische Hürden überwunden und ihm bei den wenigen bewilligten Besuchen des Westteils (denn die DDR erlaubte Gelehrten nicht oft den Austausch mit Kollegen und das Ansehen relevanter Werke) mit Wagen und genau ausgeklügeltem Zeitplan geholfen, so viel wie möglich zu sehen. Mir war besonders Schönemanns warmherzige Rede wichtig, nachdem ich nicht zum ersten Mal eine Diskussion im Internet erlebt hatte, in der immer noch „Ossis“ und „Wessis“ einander gegenüberstanden und von „wir“ und „ihr“ sprachen, als seien sie homogene Massen.

Durch Spenden hat die Pückler-Gesellschaft einen Gedenkraum im Theaterbau im Schloss Charlottenburg eingerichtet, in dem Martin Sperlichs legendäre Nashornsammlung ausgestellt ist. Der Raum befindet sich im linken Flügel und ist der Öffentlichkeit zugänglich, allerdings wird um telephonische Anmeldung gebeten, da dort auch wissenschaftliche Veranstaltungen stattfinden. Nach den Reden in der Kapelle ging es hierher. Die von Joachim Dunkel geschaffenen Büsten von Martin Sperlich und seiner Vorgängerin im Amt, Margarete Kühn, sind dort ebenfalls ausgestellt. Margarete Kühn haben wir zu verdanken, daß das im Krieg schwer beschädigte Schloss Charlottenburg nicht abgerissen und durch einen Behördenbau ersetzt wurde.

Die Nashornbilder sind sehr gut gehängt, und ich freue mich, daß sie nun auch der Allgemeinheit zugänglich sind. Das ist auch im Sinne meines Vaters, der immer wollte, daß Kunst allen sichtbar gemacht wird, und dessen Haus auch Interessierten immer wieder offenstand.

Die Pückler-Gesellschaft hatte mich gebeten, aus den Gedichten meines Vaters zu lesen. Das tat ich gern und schloss mit einem eigenen Gedicht ab; hier das erste und das letzte Gedicht der Lesung:

Königsberg-Ponarth 1930

Im Treppendunst von Küchen und Aborten
ging unser kleines Leben halberwacht
mit frühem Aufstehn und der Niedertracht
der Nachbarinnen mit den spitzen Worten;

doch sind das auch Genossen und Konsorten,
der Kranken wird in ihre Fiebernacht
das Hausgemachte an das Bett gebracht,
als die Geranien ihr fast verdorrten.

Wir hatten unsern Stolz und Mut und Glauben,
der Leiermann dankte zum dritten Stock,
und einer züchtete im Dachstuhl Tauben.

Am Straßenacker zerrt ein Ziegenbock
und einer brummt ein Lied in seinen Bart
vom roten Stadtteil Königsberg-Ponarth.

Martin Sperlich

***

Vater

Wir gingen abends oft zum Automaten.
Laternen warfen ihre gelben Scheiben
aufs Pflaster, und mein Schatten wollt nicht bleiben –
ich staunte, daß wir niemals auf ihn traten.

In deiner Hand war sehr viel Raum für meine.
Im Wechsel schwer und leicht erklang dein Gehen,
und wenn ich rannte, bliebst du manchmal stehen –
dein Hinken wartete auf kurze Beine.

Du gabst mir Antwort auf die schwersten Fragen
und zeigtest mir den Großen Himmelswagen,
und manchmal rezitiertest du Gedichte.

Dann stecktest du die Schachtel Filterlose
bedächtig in die Tasche deiner Hose –
dann gings nach Haus zur Gutenachtgeschichte.

© Claudia Sperlich

Ich bin sehr dankbar für diesen schönen Abend, diese gute Art des Gedenkens und dafür, daß jeder, der mag, die Nashornsammlung sehen kann. (Nochmals: Bitte anmelden! Hier die Kontaktdaten des Schlosses Charlottenburg.)

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Mein Vater, die Nashörner und das Schloss

  1. akinom schreibt:

    „Deinen Gläubigen wird das Leben gewandelt, nicht genommen.“ Das ist das Zitat aus der heutigen Präfation beim Auferstehungsamt für den Mann meiner Cousine, der am Neujahrsmorgen 93-jährig
    gestorben ist… Wie gut, tröstlich und wichtig sind doch Feiern und Orte des Gedenkens, die vielen fehlen. So ging es mir durch den Kopf, als ich diesen Blogbeitrag las. Und bei den Zeilen von Martin Sperlich dachte ich schmunzelnd: „Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum!“ Gewiss wird er es genau so sehen und sich darüber freuen.

    • brettenbacher schreibt:

      „Deinen Gläubigen wird das Leben gewandelt, nicht genommen.“ (Danke, akinom, Sie freundlich spendender Zungenräuber)

      Und fast ist einem , als sei an diesem Abend der Apfel zum Baum geflogen.

      Es wohlet einem im Tiefsten, und es mochten an diesem Abend auch die Geranien in ihren Winterquartieren erblühet sein.

  2. akinom schreibt:

    Noch ein Fundstück bei ZEIT ONLINE: „68 Stunden, 16.000 Kilometer: Artenschützer haben ein tonnenschweres Zoo-Nashorn per Luftfracht nach Tansania verfrachtet. Dieser Film zeigt dessen abenteuerliche Reise.“

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