Und gegen die AfD? – Ich habe diese Ansicht von mir sympathischen Nachbarn gehört. So viele Leute werden Jahr für Jahr mobilisiert, und es ist ein einfach schönes, lustiges, friedliches Straßenfest, das zeigt, wie bunt und fröhlich „wir“ sind.
Mir liegt der CSD nicht so, sagte ich, und offengestanden glaube ich auch nicht, daß er gegen Trump hilft. Oder gegen die AfD. (Wenn es mal so einfach wäre!)
Ein wesentliches Anliegen des CSD kann ich übrigens ohne Verbiegung als fromme Katholikin unterschreiben: Jede Art der unmenschlichen Behandlung (warum auch immer) ist schrecklich. Es ist dabei unerheblich, aus welchem Grund Menschen im günstigeren Falle angepöbelt und bespuckt, im ungünstigeren enthauptet werden, also ob die Begründung lautet, weil sie nicht heterosexuell sind, oder weil sie nicht Salafisten sind, oder weil sie nicht in irgendein mehrheitlich oder obrigkeitlich oder gruppenbezogen gebilligtes Raster passen. Man darf Menschen nicht mobben, nicht mißhandeln und nicht umbringen.
Die Art des CSD, schwulen Sex hochzujazzen und zu bejubeln, kann ich nicht gutheißen. Ich finde es auch albern, daß regelmäßig so getan wird, als gebe es überragend viele Menschen, die nicht heterosexuell sind. Bei einem auf geschlechtliche Vermehrung ausgelegten Lebewesen wäre das recht kontraproduktiv.
Einer der Nachbarn (gerade wirklich glücklich vom CSD kommend) wollte wissen, was ich als Katholikin zu ihnen meine. Ich wisse ja schließlich, daß sie schwul seien. Ich antwortete nach bestem Wissen und Gewissen – und so bündig, wie es die Situation zwischen Tür und Angel erforderte: „Ich finde das, was ihr da tut, ganz grundsätzlich falsch. Und ich finde, ihr seid sehr nette Nachbarn.“
Wo da das Aber sei, wenn ich schon sage, ich finde sie nett.
Das war bereits das Aber. Ihr macht, meiner Ansicht nach, etwas Grundsätzliches falsch. Ihr seid gute Nachbarn, die ich gerne mag. Das kann ich so nebeneinander aushalten.
Was ich nicht sagte: Einige CSD-Begeisterte finden sich immer auch als pöbelnde Randerscheinung neben dem Marsch für das Leben, weil sie nicht ertragen, daß Menschen gegen das vorgeburtliche Entsorgen von Menschen und für den Schutz Ungeborener, Alter, Kranker, Behinderter Laut geben. Diese Pöbler sind immer explizit christenfeindlich. Da besteht also ein Ungleichgewicht: Ich bin für den unbedingten Schutz jedes Menschenlebens. Nicht wenige, die den CSD bejubeln, sind für den Schutz von Menschenleben nur, solange sie nicht extrem lästig werden.
Was ich auch nicht sagte: Ich gehöre als Christin zur weltweit mit Abstand am meisten verfolgten Gruppe. In Deutschland kann ich zwar noch problemlos ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Ich bin katholisch. Man gönnt sich ja sonst nichts“ tragen; meine Erfahrungen damit sind bisher ausgesprochen gut (ja, auch in einem türkischen Café in Kreuzberg). Aber die Luft wird dünner; im öffentlichen Diskurs gehört es schon lange nicht mehr zum guten Ton, den christlichen Glauben zu respektieren.
Von meinen Nachbarn weiß ich mit Sicherheit, daß sie mich nicht verletzen wollen und niemals anpöbeln. Ich weiß aber auch aus Erfahrung, daß der Wunsch nach Verletzung (auch physischer) von in CSD-Manier schrill kostümierten Menschen mir auf jedem Marsch für das Leben entgegenbrandet. Auch wenn ich mir sicher bin, daß die meisten Teilnehmer am CSD grundsätzlich friedlich sind und einfach demonstrieren und auch feiern wollen, nehme ich zwischen CSD und gewaltbereiten Spinnern am Rand des MfdL eine erhebliche Schnittmenge an.
Zurück zur Ausgangsfrage. Wenn gegen eine despotische Politik irgendwas helfen soll, dann sicher nicht die Verachtung des Christentums. Um das zu begreifen, braucht man nur ein wenig Geschichte zu lernen.
Und? Würde ich zum CSD gehen, wenn dort das Christentum ganz bestimmt nicht bewusst verhöhnt würde, von niemandem? – Ich wäre dann immer noch der Meinung, daß die katholische Sexualmoral (wie alles andere, was die katholische Kirche lehrt) schlicht wahr ist. Außerdem habe ich ein ausgeprägtes Schamgefühl und mag mich dem ein oder anderen CSD-typischen Anblick nicht aussetzen. Aber wenn es einfach nur darum ginge, Schwule davor zu schützen, an Baukräne gehängt zu werden – dann wäre ich dabei. Nur geht mir dieser berechtigte Wunsch unter in dem ganzen übrigen Zinnober des CSD. Und in dem Gegröle derer, die geköpften Christen noch ein „selbst Schuld“ hinterherrufen möchten.
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