Die ze.tt, der junge Partner von ZEIT Online, bringt unter dem Titel „Mein Leben darf wichtiger sein als das werdende Leben – eine Fotografin dokumentiert ihre Abtreibung“ ein Interview mit Esther Mauersberger, die damit natürlich nicht ihre Abtreibung dokumentiert, sondern die ihres Kindes.
Frau Mauersberger ist Geburtsfotografin und Mutter zweier Kinder; sie beschäftigt sich also als Berufstätige und als Mutter mit jungen Menschen. Ihre Homepage zeigt mir, daß sie ihr Handwerk versteht; ihre ungestellten Bilder Neugeborener sind sehr schön. Ich habe auch keinen Grund, an ihrer Liebe zu ihren lebenden Kindern zu zweifeln. Aber das Interview macht mich traurig und zornig und lässt mich denken, diese Frau macht sich absichtlich dümmer, als sie ist.
Der Artikel beginnt mit den üblichen pathetischen Vorwürfen gegenüber allen, die Abtreibung nicht gut finden – hier hat die Journalistin nichts ausgelassen, Abtreibung als völlig normal und jeden, der dagegen ist, als unnormal und ein bißchen doof darzustellen:
Wie es ist, ungewollt schwanger zu werden, kann wohl keine nachfühlen, die diese Situation noch nicht selbst durchlebt hat. Noch immer wird Schwangerschaftsabbrüchen viel Voreingenommenheit entgegengebracht, noch immer gibt es Frauen, die für ihre Entscheidung verurteilt werden. In einer Welt, in der Verhütung weiterhin primär als Frauensache verstanden wird, sind Schuldzuweisungen schnell gemacht.
Natürlich kann man nur nachfühlen, was man erlebt hat. Daraus zu schließen, man dürfe nur eine Meinung und eine Haltung haben zu dem, was man erlebt hat, ist unsinnig. (Sonst dürfte kein junger Mensch eine irgendwie geartete Einstellung zum Umgang mit älteren Menschen haben.)
Abtreibung falsch finden und Frauen, die abgetrieben haben, verurteilen sind zwei verschiedene Dinge. Zwischen Tat und Täter muss unterschieden werden. In der katholischen Kirche nennt man das „die Sünde hassen und den Sünder lieben“. Für mich heißt das in diesem Fall: Keinesfalls hasse ich Frau Mauersberger; sollte ich doch Hass ihr gegenüber empfinden, wäre das beichtpflichtig. Aber ich finde Abtreibung schrecklich und bin der Meinung, daß sie damit eine Schuld auf sich geladen hat. Wie weit der Erzeuger des Kindes schuldig geworden ist, kann ich nicht beurteilen.
Zu den Photos gehört auch eines von einem Zettel mit einem maschinengeschriebenen Gedicht.
5+1
wie mein körper festhält
wie er so selbstverständlich
brütet
das gewaltsame beenden dieses prozesses
das bereitet mir schmerzen
ich hoffe du verzeihst
Einige Sätze des Interviews haben mich besonders aufgeregt:
Angeblich zerstörte ich ein ungeborenes Leben.
Ja, so nennt man das, wenn man einen lebenden Menschen in einem sehr frühen Stadium umbringen lässt. Ein wenig Biologie gefällig? Bei der Verschmelzung von Samenzelle und Eizelle entsteht ein neues Lebewesen, gleicher Art wie die Eltern, mit einem doppelten Chromosomensatz und einer eigenen DNA.
Ich darf mich wichtig nehmen, ich bin der Rede wert. Und das lebende Leben darf wichtiger sein als das werdende, potenzielle Leben.
Nochmals: Es ist nicht „potentielles“, sondern wirkliches Leben, nicht werdend, sondern seiend. Es ist, wenn die Eltern Menschen sind, ein Mensch. Und Menschen darf man nicht umbringen.
Ganz rational betrachtet werden bei verschwendeten Ejakulationen mehr Zellen getötet als bei einem Schwangerschaftsabbruch.
Das ist jetzt wirklich blöd, gelle? Erstens sterben bei einem verschwendeten Samenerguß ausschließlich Samenzellen. Das sind Zellen, die außerhalb des Körpers nicht lebensfähig sind. Zweitens (falls jetzt noch jemand mit den vielen ohne Wissen und Willen der Mutter vorzeitig gestorbener Embryonen kommt) ist es moralisch ein Unterschied, ob die Oma von alleine die Treppe herunterfällt oder ob der Enkel sie herunterschubst. Ebenso, ob ein Mensch im Embryonalstadium ohne Zutun der Mutter, durch Krankheit oder Unfall, stirbt, oder ob er vergiftet oder zerrissen wird.
Die Interviewte wollte „hin zu mehr Rationalität“ in der Beurteilung von Abtreibung. Ich hoffe, ich konnte helfen.







