Gerechtigkeit oder was?

Fast jeder wird bestätigen, daß Gerechtigkeit ein hohes Gut ist. Aber was genau ist eigentlich Gerechtigkeit?

Wenn alle des Gleiche bekommen? Also unabhängig von Leistung und Bedürfnissen? Und wer bestimmt, was man „braucht“?
Wenn jeder bekommt, was ihm zusteht? Aber wer bestimmt, was wem zusteht?
Wenn jeder bekommt, was er verdient – im Guten wie im Bösen?
Verdient irgendjemand zehntausend Euro im Monat? Das Finanzamt sagt: Ja. Aber kann man bei jedem Menschen, der regelmäßig viel Geld auf sein Konto bekommt, sagen, daß er das „verdient“? Viel Geld bekommt vielleicht auch ein Waffenschieber oder ein Zuhälter. Ist das „Verdienst“? Wenn er es versteuert, aus der Sicht des Finanzamtes: Ja. Aber in dem Sinne, in dem man sagt „Das hat er für seine harte Arbeit auch wirklich verdient“, wohl eher nicht.

Gerechtigkeit wird auch gerne im Zusammenhang mit Strafmaß gefordert, und zwar meist in der Hoffnung auf ein hohes Strafmaß. „Er soll eine gerechte Strafe bekommen“ – das sagt kaum einer über einen Eierdieb, für den er ein Wochenende mit sozialer Arbeit angemessen fände. Als gerecht werden oft genug Strafen empfunden, die in europäischen Demokratien längst abgeschafft sind.

Über gerechten Lohn und gerechte Strafe gibt es sehr verschiedene Auffassungen. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als mich an die höchste Instanz zu wenden, wenn ich wissen will, was Gerechtigkeit ist. (Die höchste Instanz ist nicht der Bundesgerichtshof.)

Und da erfahre ich: Gerechtigkeit ist das Gegenteil von Sünde. Damit gibt es nur einen ganz Gerechten, nämlich Gott – weil Menschen nun einmal Sünder sind, auch wenn es ihre Aufgabe ist, so gerecht wie möglich zu leben.

Nun gehört zu Gottes Liebe eine weitere Eigenschaft, nämlich die Barmherzigkeit. Er ist der, der auch einen Mörder aufnimmt, wenn der Mörder seine Tat bereut und Ihn um Verzeihung bittet. Das bedeutet nicht, daß die Tat ungeschehen gemacht wird – die Auswirkungen jeder Tat bleiben bestehen.

Liebe und Barmherzigkeit sind auch im Spiel, sooft es nicht an Leistung gekoppelt wird, wenn jemand bekommt, was er zum Leben braucht. Jemandem die Nahrung nicht vorenthalten, wenn er keine Arbeit und keine Ersparnisse hat, ist barmherzig – und es ist gerecht, denn Gerechtigkeit bejaht das Leben.

Ich werde mit meinen Gedanken über Gerechtigkeit an kein Ende kommen, aber immerhin so weit: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen und können beide nicht bestehen ohne Liebe.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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