Gamarelli führt kein Aluminium!

Man kann über die Maßnahmenkataloge zur Corona-Krise streiten, man muss es sogar, um in demokratischer Weise auszutarieren, wie der Weg gehen soll. Aber es ist nicht zielführend, sich vor Beginn der Diskussion in Aluminiumfolie zu wickeln und „Sie wollen die Weltherrschaft!“ zu rufen.

Ich dachte bis vor kurzem, ein Mensch, der Theologie studiert und eine brillante kirchliche Karriere hinter sich gebracht hat, weiß das. Ich glaube immer noch, daß es in der Regel tatsächlich so ist. Aber es gibt prominente Ausnahmen.

Veritas liberabit vos! Die Wahrheit wird euch befreien! – das ist der Titel eines Aufrufs, den unter anderen die Kardinäle Sarah, Müller, Zen, Erzbischof Viganò (dem Vernehmen nach der Impulsgeber zu diesem Aufruf), Bischof Strickland sowie katholische Anwälte, Ärzte usw. unterschrieben. Einzig Kardinal Sarah hat seine Unterschrift widerrufen mit dem Argument, als Kardinal solle er sich in politische Dinge nicht einmischen. (Ich möchte den Aufruf hier nicht verlinken; er lässt sich leicht ergoogeln.)

Der Aufruf spricht von „Alarmismus“. Im zweiten Absatz heißt es:

Wir haben Grund zu der Annahme – und das auf Grundlage offizieller Daten der Epidemie in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle – dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen. Auf diese Weise wollen sie dauerhaft Formen inakzeptabler Freiheitsbegrenzung und der damit verbundenen Kontrolle über Personen und der Verfolgung all ihrer Bewegungen durchsetzen. Diese illiberalen Steuerungsversuche sind der beunruhigender Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht.

Weltregierung, ich bitte Euch. Eine Mehrheit von Staaten, üblicherweise einander spinnefeind, findet sich in Ein- und Niedertracht zusammen, um die Welt zu knechten? Bitte, Leute.

Weiter ist von „Kriminalisierung persönlicher und sozialer Beziehungen“ die Rede. Das ist Unfug. Persönliche und soziale Beziehungen sind nicht kriminalisiert, sondern ihre Ausdrucksformen sind eingeschränkt. Wir haben gerade mit einer Pandemie zu tun, die Fallzahlen steigen immer noch; es ist nicht ratsam, sich von seinen möglicherweise symptomlos infizierten Enkelchen umarmen zu lassen. Mit wem ich befreundet bin, mir schreibe, telephoniere etc. ist immer noch meine Angelegenheit und nicht im mindesten „kriminalisiert“.

Ich habe keine Lust, jeden einzelnen Punkt des Aufrufs öffentlich zu widerlegen (schon gar nicht jene Punkte, in denen die Eminenzen und Exzellenzen das esoterische Gedankengut von Impfgegnern teilen). Ich sehe nur mit Entsetzen, daß hier eine Spaltung im Gang ist, und zwar durch hochrangige katholische Geistliche angekurbelt. Auch wenn es nur wenige sind und ein eventueller Riss nach ihrem Weggang schnell wieder geflickt sein wird, ist das ein Schaden für die Kirche. Was da zu tun ist, habe ich kürzlich erläutert.

Ach ja: die Kirche und der böse, böse Staat, der die Sakramente verbietet!
Die Klügeren des Staates und die Weiseren der Kirche haben sich darüber verständigt, mit welchen Kompromissen Christen vorläufig leben müssen. Diese Verständigung hätte sicher besser sein können (sagt eine, die daran ebenso wenig beteiligt war wie die Autoren jenes Aufrufs und daher leicht reden hat). Aber sie fand dennoch statt und führte dazu, daß wieder öffentliche Messen gefeiert werden. Mit hohen Auflagen, um einen galoppierenden Fortgang der Pandemie nach Möglichkeit zu vermeiden. Wie hohe Auflagen notwendig sind, wie geringe Auflagen noch ausreichen – das muss austariert werden, und dabei ist wünschenswert, daß es nicht zu einer Häufung von Infektionen kommt. Aus dem Bemühen um das Lebenlassen der Gläubigen eine Verschwörungstheorie zu stricken, ist unwürdig und (sofern der Stricker ein gebildeter Mensch ist) boshaft.

An alle, die den Eucharistischen Herrn für ein Zaubermittel gegen Infektionen halten: Dem widerspricht Thomas von Aquin. Und wenn ich zwischen der Ansicht eines Viganò und der des Aquinaten zu wählen habe, halte ich mich an den Bewährten.

Si vero venenum ibi adesse deprehenderit immissum, nullo modo debet sumere nec alii dare ne calix vitae vertatur in mortem.
Wird erkannt, [dem konsekrierten Wein] sei Gift hineingemischt worden, so darf der Priester das ja nicht nehmen und keinem anderen geben, damit der Kelch des Lebens nicht zum Anlasse des Todes werde.
Summa Theologica III,83,6

Zu meinem Dienst in und an der Kirche wird demnächst auch gehören, Gottesdienstbesucher zu zählen, ihre Namen aufzuschreiben und darauf zu achten, daß sie Abstand halten. Zwei andere Möglichkeiten gäbe es: entweder die Kirchen geschlossen zu lassen oder seelenruhig zuzusehen, wie dicht an dicht sitzende und singende Gläubige ein potentiell tödliches Virus in die Reihen der Hochrisikopatienten pusten. Bei uns hat die Kirche sich in Absprache mit dem Staat für die Methode „kontrollierter Zugang“ entschieden. Ich kann daran nichts Verwerfliches finden.

Mir ist klar, daß ich durch meinen Ordnerdienst bei einigen Menschen sehr unbeliebt werde. Das tut mir leid, aber nicht so sehr, daß ich diesen wichtigen Dienst nun aufgebe. Daß allerdings zu jenen mir bald feindlich Gesonnenen auch Hirten meiner Kirche gehören, ist schmerzlich. Ich möchte von den Hirten durch Gebet und solide Katechese unterstützt, nicht aber durch Verschwörungsgeschwurbel entnervt und diffamiert werden.

Ein letzter Hinweis an die betreffenden Hirten. Bei Gamarelli, dem berühmten Geschäft für klerikale Kleidung, gibt es zahlreiche wundervolle Materialien: Seide, Leinen, Baumwolle, Samt, Spitze, Stickereien, Leder, ja selbst Metallwaren wie Gewandschließen und Bischofsringe – aber Aluminiumhüte, -pileoli oder -mitren führt das Haus Gamarelli nicht.

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Die Autorenexemplare sind da!

Und nun weiß ich sicher – schön ist dies Buch geworden!

Rosenkranz-Sonette

ROSENKRANZ-SONETTE – 33 Sonette über den Rosenkranz nebst den Bibelstellen, auf die sie sich beziehen, sowie zwölf Photos aus Maryse Fritzsch-Thillens‘ Rosenkranz-Atelier.

Ich hatte bis zuletzt Angst, daß die Bilder im Druck nicht so schön werden – sie sind aber perfekt.
Jetzt muss es nur noch gekauft und gelesen werden.

Kaufen kann man es bei mir, solange der Vorrat reicht,
bei tredition (Journalisten und Blogger können dort auch Rezensionsexemplare bekommen),
im lokalen Buchhandel auf Bestellung
und wenn es sein muss, natürlich auch bei den Amazonen. (Aber wer macht denn sowas.)

Paperback 10,00 € / ISBN 978-3-347-05506-3
Hardcover 16,00 € / ISBN 978-3-347-05507-0
e-book 3,99 € / ISBN 978-3-347-05508-7

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An die Demonstranten vorm Bundestag

Ja dann demonstriert halt!
Aber dann bitte auch mit Musik zu dem unsäglichen Pamphlet, das mir kürzlich vor Augen geriet. (Das muss man im Hintergrund laufen lassen und dabei den folgenden Text lesen. Es wirkt gegen jede Art von schlechter Laune.)

jaquelinekaempft

Es ist echt. Es ist wirklich, wirklich echt! Der Tip mit der Hintergrundmusik stammt von einer Freundin, und das brachte mich natürlich wieder zum Dichten. Ich kann nicht anders.

Berliner, hört! Im Zorne bebend!
Ihr Brandenburger, hört mich auch!
Und überhaupt: In Deutschland lebend!
Boah, hab ich eine Wut im Bauch!
Sammeln wir uns doch zum Zeichen,
das wir selbst sind – und bestimmt!
Daß uns von unserm Hirn, dem weichen,
niemand eine Unze nimmt!
Völker, hört unser Nölen,
auf zum letzten Gefecht!
Vorm Bundestag wir grölen,
wir sind so krass im Recht!

Das Virus ist bloß vorgeschoben,
es kann uns niemals gar nix tun!
Wir sind kein Vieh, und wir geloben,
nur ausnahmsweise laut zu muh’n!
Nur um Merkel zu erschrecken,
brüllen wir ins Megaphon,
um die Verschwörung aufzudecken,
lassen wir die Vernunft heut ruh’n!
Völker, hört unser Nölen,
auf zum letzten Gefecht!
Vorm Bundestag wir grölen,
wir sind so krass im Recht!

Wir kriegen’s niemals mit der Lunge,
und auch mit Herz nicht und mit Hirn!
Wir kommen her mit großem Schwunge,
um die Verschwörung zu entwirr’n.
Wir sind die immune Herde,
und wir brauchen keinen Hirt!
Denn nicht Malaise, nicht Beschwerde
hat uns je den Kopf verwirrt.
Völker, hört unser Nölen,
auf zum letzten Gefecht!
Vorm Bundestag wir grölen,
wir sind so krass im Recht!

Wenn wir als Helden untergehen
und keine Knechte werden nicht,
dann mögen andere sich sehen
als Revoluzzers Weltgericht!
Wenn auf Intensivstationen
wir erliegen Atemnot,
wird frei das Bett, so wird sich lohnen
unser Kampf bis in den Tod!
Völker, hört unser Nölen,
auf zum letzten Gefecht!
Vorm Bundestag wir grölen,
wir sind so krass im Recht!

© Claudia Sperlich

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Was Mensch und Tier unterscheidet

Die Größe des Hirns im Verhältnis zum übrigen Körper?
Der aufrechte Gang?
Kant, Hegel, Fichte?

Ja, schon, auch.
Aber vor den letztgenannten noch etwas ganz Wichtiges.

In meiner Jugend (längere Zeit her) fand man ein prähistorisches menschliches Skelett mit furchtbaren Verletzungen. Der Mensch, vermutlich ein Mann, war wohl von etwas ziemlich Großem (Mammuth oder so) angegriffen worden. Jedenfalls waren auf einer Seite Knochen vom Schädel bis zum Beinskelett in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Augenhöhle war so zugerichtet, daß der Mensch vermutlich auf dieser Seite blind oder doppelsichtig war. Ein Unterarm fehlte. Ein Bein war steif.

Die Verletzungen waren Jahre vor dem Tod des Menschen verheilt. Man fand ihn in einem Grab, umgeben von Unmengen Blütenpollen.

Ein Krüppel, jahrelang mitgeschleppt, mitgefüttert, mitgekleidet und endlich ehrenvoll bestattet. Wir wissen nichts über die Gründe hierfür. Vielleicht war der invalide Jäger ein guter Ratgeber, ein Geschichtenerzähler, ein spirituell besonders Begabter. Vielleicht konnte er gut mit Kindern umgehen. Vielleicht ist es auch viel einfacher – die Gemeinschaft wollte einen Mitmenschen einfach nicht wegwerfen, weil man schon damals ein Gespür dafür hatte, daß man einen Menschen nicht töten darf, weil er „nicht mehr passt“. Vielleicht wurde er ganz einfach geliebt.

Inzwischen gibt es zahlreiche archäologische Funde, die darauf hinweisen, daß prähistorische Menschen ihre schwerbehinderten Mitmenschen nährten und ehrten.

Menschen sind die, die ihre kranken und behinderten Artgenossen nicht zum Sterben zurücklassen, sondern pflegen und ehren. Jedenfalls war das bisher so. Möge es so bleiben! Allerdings stehen die Zeichen dafür gerade nicht besonders gut.

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Die Rosenkranz-Sonette sind erhältlich!

Meine Autorenexemplare habe ich zwar noch nicht (hoffentlich kommen sie Montag). Aber Sie können bei mir, bei tredition oder im Buchhandel bereits bestellen.
Maryse Fritzsch-Thillens hat mir wunderschöne Photos aus ihrem Rosenkranz-Atelier als Illustrationen zur Verfügung gestellt.

Created with GIMP

Ein schönes Buch zum Lesen, Meditieren, Anschauen, Verschenken.

Blogger und Journalisten können bei tredition auch ein Rezensionsexemplar bekommen.

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Leiden, Ertragen, Sühne

Drei sperrige Wörter, die mich beschäftigen – und die ich als Aufgabe der Kirche und auch meiner selbst als Teil der Kirche wahrnehme.

LEIDEN

Die Kirche leidet, wie alle Menschen, unter den Folgen von Sünde und Schuld – von außen und in den eigenen Reihen. Widrigkeiten aller Art wären nicht ohne die Ursünde, ohne die daraus folgende prinzipielle Sündhaftigkeit des Menschen. Die gefallene Menschheit in einer gefallenen Welt muss sich mit den Folgen des Falls arrangieren oder daran zugrunde gehen. Das Arrangieren gelingt meiner Erfahrung nach am besten mit dem Blick auf den Erlöser Jesus Christus, der genau hierfür gekreuzigt, gestorben und auferstanden ist, sowie in und mit der Kirche, die genau hierfür von Ihm selbst eingesetzt worden ist. Durch Ihn können wir auf mehr als bloßes Arrangierenmüssen hoffen und aus dieser Hoffnung schon jetzt mehr als „irgendwie durchkommen“.

Nicht nur dort, wo man hinterher sagt „Das hätte ich vermeiden können“, muss man das selbst- oder fremdverschuldete Leiden schultern, „sein Kreuz tragen“. Sehr viel Leiden ist unvermeidlich, wird einem angetan, widerfährt, ist Begleitdissonanz des Lebens. Zu den Aufgaben der Christen gehört es, beim Tragen zu helfen, Leid zu mindern oder, wenn es geht, zu beheben, zu trösten und Wege durch das Leid zu zeigen, wenn Abhilfe nicht möglich ist.

Eigenes Leiden (zu dem neben selbst- und fremdverschuldetem Leid und solchem, bei dem eine Schuld nicht zu erkennen ist, auch der Kirche zugefügtes Leid gehört sowie Leiden an unguten Vorgängen und Entwicklungen in der Kirche) kann ich als Christin auch als Aufgabe verstehen. Es hat auf meine Entwicklung und mein Verhältnis zu Gott, Mensch und Welt einen Einfluss, wie ich mit existenziellen Schwierigkeiten, mit Krankheit, mit Bedrohung usw. umgehe.
Ich kann in Selbstmitleid baden; dann werde ich blind für die Not anderer Menschen und für das Gute, das mir auch widerfährt, ohne daß ich es „verdient“ hätte.
Ich kann das Leiden als tapfer ertragenes Martyrium zelebrieren und zu einer unerträglich frömmlerischen alten Schachtel¹ werden, indem ich jedem demonstriere, wie vorbildlich ich mit Leiden umgehe. (Herr, bewahre mich davor, so zu werden!)
Ich kann die Zähne zusammenbeißen und das Leiden ignorieren; das birgt allerdings die Gefahr, heilbares Leiden bestehen zu lassen und einen möglichen Lernprozess zu verhindern.
Mit Gottes Gnade kann ich Leiden als Prüfung und Schule verstehen und daran reifen. Das kann dauern, aber es lohnt. „Zähne zusammenbeißen“ mag da auch eine Rolle spielen – aber besser, man bringt sie auseinander, um zu beten. Und sei es anfangs ein hilfloses „Herr, was soll das schon wieder?“

Es ist möglich, Leiden aufzuopfern, es Gott zu Füßen zu legen als das, was man eben hat – eine mir selbst noch teilweise rätselhafte Form des Umgangs mit Leiden, aber durch die Jahrhunderte bewährt.

Die Christenheit auf Erden wird als „ecclesia militans“, kämpfende Kirche, bezeichnet, die im Purgatorium als „ecclesia patiens“, leidende Kirche, die in der himmlischen Herrlichkeit angelangte als „ecclesia triumphans“, triumphierende Kirche. Aber der Kampf der Kirche auf Erden (ein geistiger und geistlicher Kampf gegen das Böse, gegen die Versuchungen) hat sehr viel mit Leiden zu tun. Das zeigen uns die unzähligen christlichen Märtyrer unserer Tage, aber auch die Christen, die inmitten kirchlicher Zwistigkeiten und kirchenferner Umwelt – und mit eigenen Leiden reichlich bedacht – christlich und kirchlich bleiben wollen. Christliches Leben ist immer ein Leben aus der Gnade Gottes; auf der Erde und im Purgatorium ist es außerdem ein Zustand der Hoffnung (die in Gottes Herrlichkeit endlich erfüllt sein wird).

Wir durchleben nun zweifellos eine besondere Leidenszeit. Traurig, wenn wir diese Zeit damit verplempern, Schuldige zu suchen (aber beileibe nicht uns selbst), unsere Nächsten durch horrenden Leichtsinn zu gefährden oder wie trotzige Kinder darauf bestehen, daß Einschränkungen jetzt sofort aufgehoben werden müssen sowie jede ganz leichte Milderung als Freibrief zur Unvernunft mißverstehen. (Ein Blick auf die Statistiken des Robert-Koch-Instituts zeigt, wohin das führt.)
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1. Ich finde kein männliches Äquivalent zu „alte Schachtel“; meine männlichen Leser mögen sich dennoch angesprochen fühlen.

ERTRAGEN

Es ist möglich (wenn auch unpopulär), Leid zu ertragen, um Gott zu dienen.
Lasse ich mich darauf ein, Leiden zu ertragen, bedeutet das nicht, daß ich flugs eine tröstende göttliche Antwort bekomme. Das novellistische Buch Hiob ist ein gutes Beispiel dafür (nebenbei wohl das am häufigsten in der Literatur rezipierte).

Ertragen heißt nun, wie bereits gesagt, keinesfalls „ärztliche und organisatorische Hilfe ablehnen“. Wir müssen nicht ertragen, an einer Krankheit qualvoll zu sterben, wenn es sich vermeiden lässt. Es ist richtig, in fairer und vernünftiger Weise auf die verordneten Maßnahmen zu schauen – und es ist grundfalsch, alles Unbequeme und Traurige abzulehnen, weil es „von den deutschen Bischöfen“, „vom Nannystaat“ oder auch „von Bill Gates und den Juden“ kommt, um nur einige der abstrusen Zuschreibungen anzuführen.

Dem in letzter Zeit so oft zitierten Pauluswort „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (gesagt als Ermutigung zur Verkündung des Evangeliums in schwieriger Zeit) stelle ich ein anderes Pauluswort gegenüber, damals situationsbedingt und nicht mit Blick auf spätere Obrigkeiten gesprochen, aber dennoch zuweilen sehr passend: „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter.“ Wer die Bibel kennt, weiß, daß Paulus hier keineswegs das Weihrauchkorn für den Kaiser oder die Befolgung des Predigtverbots durch religiöse Führer gemeint hat. Ertragen hat auch mit Gehorsam zu tun. Nebenbei sagt das auch der Papst.

Übrigens ist das Verkünden des Evangeliums zumindest in Westeuropa keineswegs untersagt. Wer diesen Text lesen kann, hat Internet, vermutlich auch Telephon und noch ältere kulturschaffende Mittel, wie Schreibzeug und Bücher. Also komme mir keiner mit Verbot der Verkündung – setze er sich einfach hin und überlege, wie jetzt, in genau dieser Situation, Verkündung der Frohen Botschaft möglich ist. Vielleicht landet er dann bei einer gestreamten Messe oder beim Bloggen, vielleicht bei (Pfarr-)Briefen und Büchern. Oder er versuchts mit „passiver Verkündung“ und liest mal wieder ein religiöses Buch. Oder er hilft seinem Nachbarn, der gebrechlich oder in Quarantäne ist.

Aber die Eucharistie! Quelle und Gipfel! Und die Beichte! Und alle anderen Sakramente!

Ja Sakra… kein Zweifel, daß es für einen praktizierenden Katholiken sehr schwer erträglich ist, darauf eine Zeitlang zu verzichten. (Was glaubt der geneigte Leser eigentlich, wie es mir geht, wenn ich mein Gelübde nicht im Vollsinn erfüllen kann? Wenn ich zwar weiß, daß nun ein gerechter Grund vorliegt – „platterdings unmöglich“ ist ein gerechter Grund! – mich aber wie amputiert und verbannt fühle?) Nun gibt es Lockerungen, nun dürfen bald wieder öffentliche Messen stattfinden, aber mit hohen Auflagen, um eine weitere Ausbreitung eines mordsmäßig gefährlichen Virus zu verhindern. Und was tun viele? Jammern herum, daß das nicht genug ist, und das so eine Messe dann doch nicht das Richtige ist. Ach nee? Wird da vielleicht nicht Brot und Wein zu Leib und Blut Jesu Christi gewandelt?

Ertragen heißt auch: in Liebe zu Gott und dem Nächsten (selbst wenn er ein Politiker oder ein Bischof ist, was manch einem besonders fatal scheint) ausharren. Auch wenn die Lockerungen vermutlich bald wieder zurückgenommen werden, so hanebüchen wie viele Zeitgenossen sich jetzt wieder benehmen (Coronaparties, eng beieinander stehende Menschen in den Schlangen vor Kaufhäusern, öffentliche Gottesdienste verschiedener Religionen, ehe das erlaubt ist – ja, auch katholische, und die entnervenden Rufe nach „würdiger“ Messe, wobei „würdig“ vor allem „brechend voll, mit Mundkommunion und ohne Mundschutz“ zu bedeuten scheint). Auch diese Unverantwortlichen muss ich ertragen, erstens weil mir nichts anderes übrig bleibt und zweitens weil das zum Christentum gehört. Ich hoffe, die Reihenfolge irgendwann innerlich umkehren zu können – im Moment denke ich ziemlich oft: Sie sind aber unerträglich!
Nun, am Kreuz hängen ist auch unerträglich. Und wer hat es ertragen, obwohl Er nicht musste? Obwohl Er tatsächlich kraft göttlicher Macht hätte herabsteigen können, wie Ihm einige Zyniker anempfahlen? Er hat unendliche Geduld, auch mit mir, und ich kann wenigstens versuchen, Ihm auch darin nachzufolgen.

Ich habe das Glück, in Berlin zu leben, Lektorin zu sein, legale Möglichkeiten zu Beichte und Eucharistie zu haben und eine systemrelevante Arbeit zu tun (Friedhöfe waren in meinem Leben noch nie so systemrelevant wie jetzt). Dafür bin ich dankbar. Dennoch bin ich stark eingeschränkt, wie alle anderen auch. Ich kann nicht so, wie ich gern würde. Ich versuche es zu ertragen, so gut ich kann. Dabei liegen auch meine Nerven oft blank. Aber ich habe einen Herrn, für den ich ertragen kann. Er hilft, das weiß ich.

SÜHNE

Der folgende Absatz zitiert aus zwei meiner Blogartikel hier und hier.

Sühne heißt, heilen, wenn andere verletzt haben, trösten, wenn andere die Hoffnung zerstört haben, helfen, wo andere geschadet haben. Lieben, wo andere benutzt haben! Bei der Sühne im religiösen Sinn geht es ganz wesentlich um die Unterstützung des schuldig Gewordenen, der aus irgendwelchen Gründen – sei es mangelnde Einsicht in seine Schuld, sei es mangelnde Fähigkeit zur Wiedergutmachung – die Schuld unbeglichen lässt. Für ihn zu beten ist eine gute Tat. Dabei geht es nicht darum, Schuld kleinzureden. Wir könnten ja auch gar nicht Gott überzeugen, daß alles nicht so schlimm ist – Er weiß, wie schlimm oder wie gut es steht! Es geht darum, Ihn für den Schuldigen um Einsicht und Vergebung und für den Geschädigten um Heilung und Versöhnung zu bitten. Im Sühnegebet sagen wir, was der Schuldige nicht sagen kann oder will.

Wir können diese Zeit als Zeit der Sühne begreifen. Sühne ist nicht Strafe – eher genau das Gegenteil davon, das Einspringen für jemanden, der seine Strafe nicht bezahlen kann. Ich meine dabei nicht nur die Verantwortungslosen, die kranke Tiere zum Verzehr feilbieten (oder was immer die derzeitige Pandemie ausgelöst hat). Ich meine die vielfältigen Formen von Unrecht unserer Tage, den unverantwortlichen Umgang mit dieser wundervollen Erde, die massenhafte Tötung Ungeborener, die schamlosen Forderungen nach Beseitigung nicht des Leides, sondern der Leidenden, die für Krieg und Not ursächlichen Haltungen und Taten, die befremdlichen innerkirchlichen Entwicklungen und Streitigkeiten – die Liste ist offen.

Sühne ist keine masochistische Haltung, sondern ein Akt der Solidarität sowie der Nächsten- und auch der Feindesliebe. Gebete für Schuldige und Geschädigte (zuweilen fallen diese Gruppen zusammen) und gute Werke gehören dazu. Das Christentum kennt die Dreiheit „Fasten – Beten – Almosen geben“, das ist nicht nur ein Weg der Buße, sondern auch als Weg der Sühne möglich – meiner Erfahrung nach auch in dieser sonderbaren österlichen Zeit. Ich möchte das nicht als populistischen Aufruf nach Art südamerikanischer Volksbeglücker verstanden wissen, sondern als Hinweis auf eine bewährte Form der Sühne. In der eher wohlhabenden Gegend, in der ich erstaunlicherweise leben darf, gibt es genug Möglichkeiten, Obdachlosen das Geld für eine Notunterkunft zu geben; abgesehen davon bestehen mehr Hilfsmöglichkeiten für sinnvolle Projekte, als ich hier aufzählen kann. Die derzeitige Krise hat überall auch zu Einbrüchen der Spenden geführt.

Tatsächlich bleibt aber der wichtigste Punkt in der genannten Dreiheit immer das Gebet – und es ist der Punkt, der möglich ist, auch wenn man aus eigener Krankheit und Not weder fasten noch Almosen geben kann. Tatsächlich scheint mir, daß in meiner Gemeinde zur Zeit erheblich mehr Menschen zum stillen Gebet in die Kirche gehen als sonst. Üblicherweise war ich bei meiner stillen Anbetung oft alleine in der geräumigen Kirche; das ist mir seit Februar nicht passiert. (Wir sind weit entfernt von abstandslosen Massen, aber ich bin eben auch nie alleine in der Kirche.) Das ist ein guter Effekt der schlimmen Zeit. Vielen wird schmerzlich klar, was fehlt, wenn die Messe fehlt, und wie wichtig das Gebet und die Kirche sind. Vielleicht auch manchem, der sich innerlich schon von ihr entfernt hatte.

Heute ist, wie jeden ersten Freitag im Monat, Herz-Jesu-Freitag. Die katholische Kirche führte ihn ein, um Gottes liebevolle Barmherzigkeit, die bis zum Kreuzestod gehende Liebe zu allen Menschen, besonders in den Blick zu rücken. Im Vertrauen auf dies allen Menschen offenstehende Herz können wir Leiden ertragen und Unrecht sühnen.

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Ein ängstlicher kleiner Ganove

Als ich die Futterstation für die Hörnchen öffnete, sah ich einen sehr niedlichen kleinen Eindringling, angstvoll in die Ecke gedrückt.

Maus_1

Ich versuchte vergeblich, die Maus zu beschwichtigen. Sie fand mich – verständlicherweise – beängstigend riesig. Und sie kann ja nicht wissen, daß ich keine Mäuse verzehre. Trotzdem knabberte sie an den Haselnüssen – Mäuse fressen halt auch mit dem Tod vor Augen.

Maus_2
Maus_3

Sie muss in nächtelanger Arbeit das Plexiglas angeknabbert haben, um bei geschlossenem Deckel (den sie nicht heben kann) an die Nüsse zu kommen. Pech für die Hörnchen? Ach was. Es langt ja doch für alle.

Maus_4

Eigentlich wollte ich noch weiter photographieren, aber das Tierlein war so verschreckt. Da habe ich sie lieber in Ruhe gelassen.

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Glauben und Dichten in Zeiten der Seuche

Coronazeit

Jesus, mein Heiland,

ich sehne mich so nach Dir.
Mein Herz ist wie ausgehöhlt.

Vernunft und Glauben erklären:
Dies ist die Zeit des Ertragens,
bestehe gehorsam die Zeit.

Mein Herz tut weh in der Prüfung.
Ich sehne mich, Heiland, nach Dir
und bete um Heilung der Welt.

© Claudia Sperlich

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Mein neuestes Büchlein!

Es ist nun da!

Created with GIMP

Der Rosenkranz, das alte meditative Gebet, wird hier in Form von 33 Sonetten besungen, geschildert, erläutert. (Der Symbolgehalt der Zahl ist mir übrigens erst aufgefallen, als das Buch fertig war.)

Mit Bildern aus dem Rosenkranz-Atelier von Maryse Fritzsch-Thillens.

Paperback 10,00 € / Gebunden 16,00 € / e-book 3,99 €


Bestellen kann man es hier oder bei mir (über Kontaktformular) oder in einem beliebigen Buchladen. Wegen der Corona-Krise kann es mit der Lieferung etwas dauern – aber sicher nicht lange. Und mit Glück kann es auch schnell gehen. Geduld – ich warte ja auch geduldig (naja… einigermaßen geduldig) auf meine Autorenexemplare.

Vorab schon mal ein Sonett und ein Bild!

Jesus, der von den Toten auferstanden ist

Sie kamen voller Trauer, und sie fanden
Das Grab geöffnet, Jesu Leichnam fort.
Ein Bote saß dort, sprach das frohe Wort:
„Er ist nicht hier, denn Er ist auferstanden!“

Voll Schrecken flohen sie von jenem Ort,
Da noch die Ängste ihre Sinne banden.
Sie schwiegen erst. Doch eine hat verstanden –
Sie ging zurück – sah Ihn lebendig dort.

„Sagt Seinen Jüngern: Er geht euch voraus!“
So hatte sie’s gehört und richtet’s aus,
Aus Magdala die siebenfach Befreite.

Maria, wenn wir stumm vor Schrecken sind,
Wenn Angst uns schweigen lässt von Deinem Kind,
Dann mach uns Mut und gibt uns dein Geleite.

glorreich

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Brauchen wir Corona?

Blöde Frage?
Wenn ich mich auf der heute sehr belebten Schlosstraße umschaue – was ich notgedrungen tue, wenn ich mit dem Fahrrad von der Arbeit komme – dann sehe ich im Vorbeifahren zwar nichts, was in gewöhnlichen Zeiten ungewöhnlich wäre. Aber in ungewöhnlichen Zeiten wie diesen ist dies gewöhnliche Herumwuseln, dicht an dicht auf Bänken sitzen und einkaufen, was man nicht zum Überleben braucht, einfach nur krasse Torheit.

Übertroffen wird das von einer Demonstration in Tennessee, die sich rühmen darf, die drei dümmsten Plakate der Demonstrationsgeschichte in einer kleinen Schar von einigen Dutzend dicht beieinander stehenden Demonstranten zu präsentieren.

Sieger ist ein Plakat, das ich nur deshalb dumm nenne, weil ich Bosheit für genuin dumm halte. Tatsächlich ist es reine, unverfälschte, widerliche Bosheit:

SACRIFICE THE WEAK
REOPEN TN

zu Deutsch: Opfert die Schwachen, macht Tennessee wieder auf.

Mit einigem Abstand Zweiter ist:

Trust God for Safety,
NOT MAN

Deutsch: Vertraut Gott für die Sicherheit, nicht dem Menschen

– das ist nur dumm, nicht böse, daher der Abstand.
Dumm ist es, weil es so tut, als hätte Gott uns keinen Verstand gegeben, als dürften wir nicht dankbar anerkennen, daß menschliche Planung und Forschung die Seuche durchaus in ihre Schranken weisen könnten, wenn es keine wildgewordenen Saboteure gäbe. Als hätte Gott unsere Dummheit gewollt.

Dicht darauf folgt der dritte Sieger:

Natural Immunity
OVER
Manmade Poison

Deutsch: Natürliche Immunität statt menschengemachtes Gift

Da haben wir in Biologie aber mal ganz fest geschlafen, was? Mit „Manmade Poison“ ist wohl der noch nicht fertig entwickelte Impfstoff gemeint, oder vielleicht auch jegliches Medikament, das es hoffentlich bald gegen Covid19 gibt. Natürliche Immunität oder zumindest geringe Empfindlichkeit gegen das Coronavirus scheinen Kinder und Jugendliche weit häufiger zu haben als Erwachsene, und besonders empfindlich sind Alte; im Prinzip landen wir also wieder bei der Sieger-Aussage mit dem Opfer, aber hier wird das nicht so explizit boshaft gesagt – vermutlich, weil die Person, die das Schild hält, nicht so sehr ein böses wie ein schlichtes Gemüt ist und nicht kapiert, was sie da von sich gibt.

Zurück nach Berlin. Das Getümmel auf einer Einkaufstraße ist wirklich beängstigend. Und ich frage mich: Haben alle mahnenden Worte von Virologen, vom Robert-Koch-Institut, von Ärzten und Schwestern und Pflegern auf Intensivstationen rein gar nichts genützt?

Vielleicht ein bißchen. Einige Leute, darunter ich, passen ja weiter auf. Ich werde vor Ablauf der Pandemie nicht zum Frisör gehen, nicht mehr als einmal pro Woche einkaufen und auch dann nicht Dinge, die ich vielleicht gerade nicht brauche. Kann sein, daß ich mich auf so nützliche Sachen wie „Flicken statt wegwerfen“ besinne. Jedenfalls werde ich vorerst nicht durch belebte Straßen bummeln.

Aber ich befürchte, die kurze Zeit, in der die Mehrheit vernünftig war, geht gerade zu Ende. Und das nützt dem Virus – sonst niemandem. Ich bete für die Irren, die den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen haben, und noch mehr bete ich für ihre Großeltern und immungeschwächten Nachbarn. Denn die trifft es als nächstes.

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