Dienstag der fünften Fastenwoche

Umkehr

Du greifst in mein Herz –
lenke auch meine Schritte,
zügle auch meine Zunge,
kläre auch meine Gedanken.

Du zeigst mir mich selbst –
daß ich vor mir erschrecke,
daß ich die Schuld bekenne,
daß ich zu Dir mich wende.

Du zeigst mir den Weg –
gib mir den Mut, zu gehen,
führ mich nach Deinem Willen,
tu mir nach Deinem Willen.

© Claudia Sperlich

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Montag der fünften Fastenwoche

Überfall

Herr und Gott, Du hast mich überfallen,
unvermutet, jählings mich begnadet,
mich gerufen, Sicherheit und Ängste
gleichermaßen hinter mir zu lassen,
umzukehren, völlig Dir zu trauen,
meine Eitelkeiten abzulegen.
Gott, ich lege alle meine Sünden,
Laster, Unzulänglichkeiten, Fehler
vor Dich hin – ich habe ja nichts andres.
Führe mich, wohin Du willst, mein Gott,
tu mir, was Du willst, denn ich bin Dein.

© Claudia Sperlich

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Judica

Parusia

Komm wieder, Herr, den Streit der Welt zu schlichten!
Wenn Du nicht sichtbar alles lenkst und leitest,
wenn Du nicht über sie den Segen breitest,
dann wird die Welt sich selbst zugrunderichten.

Von neuem hat die Welt sich selbst geknechtet,
da Du sie doch von Schuld und Tod befreitest.
Solang Du, Herr, nicht wieder auf ihr schreitest,
bleibt Mensch von Mensch und Macht und Geld geknechtet.

Noch liegt die ganze Schöpfung in den Wehen.
Willst Du denn die Erlösung nicht vollenden?
Dein Reich, Herr, komme. Laß die Zeit sich wenden.
Komm wieder, Herr, und laß die Welt vergehen.

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Samstag der vierten Fastenwoche

Seine Wahl, meine Wahl

Von den Sternen steigt herab
meine Sehnsucht,
zu den Sternen fliegt hinauf
meine Sehnsucht.
Der in meinem Herzen wohnt
alle Zeiten,
der ist, der mein Herz erhebt
bis zum Vater.
Ihn, den Herrn der Sterne, liebt
meine Seele,
als Erwählte wähle ich
Ihn, den Höchsten.

© Claudia Sperlich

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Ein bescheidener Vorschlag

… der British Transplantation Society während einer Konferenz in Glasgow im Februar 2016 lautete, Müttern schwerkranker, nicht lebensfähiger Föten von der Abtreibung abzuraten.
Klingt gut, nicht? Ärzte gegen Abtreibung, auch bei todgeweihten Kindern?
Nun ja…

Ärzte hoffen, jährlich auf hundert Organspender im frühen Säuglingsalter zu kommen. Hebammen sollen über die Verwendungsfähigkeit kindlicher Organe für Transplantationen belehrt werden.

Es geht also darum, Kinder, die auch durch modernste medizinische Hilfe nicht lebensfähig gemacht werden können (z.B. wegen Anenzephalie), mit dem Ziel zur Welt zu bringen, ihre Organe für andere Menschen zu nutzen. Das bedeutet, daß das Kind nicht im Arm der Mutter stirbt, sondern noch lebend für die Transplantation vorbereitet wird und daß nach dem Hirntod der Körper künstlich am Leben gehalten wird, um die Organe entnehmen zu können. (Tatsächlich hat 2014 eine Frau dies entschieden; die Nieren ihres anenzephalen Sohnes retteten das Leben eines Erwachsenen.)

In Daily Mail äußern sich zwei Ärzte zu dem ethischen Problem, Babys zu Organspendern zu machen. In meiner Übersetzung:

PRO: Dr Joe Brierley, Facharzt, Great Ormond Street Hospital

Da täglich drei Menschen sterben, während sie auf eine Organtransplantation warten, begrüße ich alles, was die Zahl der Spender erhöht.
Es ist unbedingt notwendig, den Familien der in der Intensivpflege Sterbenden zur bestmöglichen Information zu verhelfen, damit sie diese Entscheidung treffen. Im Fall von Anenzephalie treten solche Diskussionen auf bei einer Frau, der gesagt wurde, ihre Schwangerschaft kann mit einer Totgeburt enden, oder, wenn das Kind lebend geboren wird, wird es als Neugeborenes sterben.
Auch wenn es ein Grundpfeiler guter Pflege ist, diese Information zu bieten, darf dies meiner Ansicht nach nicht benutzt werden, um eine Frau zu überzeugen, keinen Abbruch vorzunehmen.
Wenn aber die Entscheidung getroffen wird, die Schwangerschaft aus anderen Gründen fortzuführen, dann sollten alle palliativen Pflegemöglichkeiten – einschließlich Spende – diskutiert werden.
Oft machen Menschen sich mitten in der Tragödie eines Kindstodes nicht klar, daß eine Organspende geschehen kann. Aus Gründen ihrer Größe können kindliche Organe oft nur anderen Kindern helfen – aber manchmal können die Organe von Kleinstkindern auch einem Erwachsenen helfen. Nach meiner Erfahrung rettet die überwältigende Großzügigkeit von Menschen in so traurigen Situationen Leben und kann Familien, die einen schmerzlichen Verlust erleben, Trost spenden.
Natürlich ist Organspende nicht für jeden etwas, und die Aufgabe der Fachleute ist, Menschen zu unterstützen, wie immer sie auch entscheiden. Und auch wenn ein Kind geboren wird, kann es immer noch Gründe geben, die eine Spende unmöglich machen.
In den letzten zwei Jahren gab es elf Organspender im Alter unter 60 Tagen – der Mut ihrer Familien sollte uns alle inspirieren, Organspenden zu diskutieren und zu erwägen.

Für Dr Joe Brierley gibt es bei nicht überlebensfähigen Kindern zwei Möglichkeiten: 1. Abtreibung, 2. Austragen mit dem Ziel, die Organe zu verwenden. Der Gedanke, ein todkrankes Kind auszutragen und es dann bis zu seinem Tod im Arm zu halten, kommt ihm gar nicht erst.

CONTRA: Dr Trevor Stammers, Bioethiker, St Mary’s University

Es wäre ganz einfach abscheulich, sollten Transplantationsärzte Frauen, bei deren ungeborenen Kindern schwere Mißbildungen diagnostiziert wurden, auffordern, ihr Baby auszutragen, aus dem einzigen Grund, daß sein Körper nach Organen geplündert werden kann.
Mütter, die entscheiden, Babys mit so schweren Mißbildungen auszutragen – weil sie ihr Kind, so wie es ist, lieben wollen, so lange es lebt – wurden bis jetzt oft bedrängt, es doch einfach abzutreiben.
Sie wurden als dumm angesehen, wenn sie ihre Schwangerschaft fortführten. Es ist besorgniserregend, daß Mütter nun zum Austragen ermutigt werden mit der ausdrücklichen Absicht, die Organe des Kindes wegzunehmen. Was geschieht, wenn sie sich anders entscheiden, sobald sie ihren neugeborenen Sohn, ihre neugeborene Tochter sehen?
Es ist ein makabrer Vorschlag, der das öffentliche Vertrauen zur Transplantation – eine der größten medizinischen Errungenschaften in meiner Lebenszeit – untergräbt.
Das Konzept reduziert das Baby auf nichts als ein utilitaristisches Mittel zum Zweck – eine Sammlung von Ersatzteilen – statt das Leben um seiner selbst willen zu achten.
Ja, ich weiß, daß diese Organe möglicherweise das Leben anderer Menschen retten können, aber was kostet das unsere Menschlichkeit?
Die Integrität der Transplantationsmedizin wurde bereits durch den Gebrauch der Organe euthanasierter Erwachsener kompromittiert.
Die Körper von Kindern zu plündern, die ausschließlich um ihrer Organe willen geboren wurden, wird diesen Berufszweig weiter beflecken – und könnte sehr wohl zu einem weiteren Schwinden der Bereitschaft zur Organspende führen.

Auch aus der Sicht eines grundsätzlichen Befürworters von Organspenden ist es ein Unding, nicht lebensfähige Kinder nur als Ersatzteillager zu sehen. Persönlich bin ich gegen Organspenden. Ich habe das in einem längeren Artikel erklärt (hier). Meine Abneigung gegen Organspenden wächst durch Aussagen wie die von Dr. Joe Brierly. Seine Argumentation erinnert mich an Jonathan Swifts satirischen Aufsatz A Modest Proposal / Ein bescheidener Vorschlag.

Ich bin gegen Abtreibung auch bei schwer kranken und nicht lebensfähigen Kindern. Meine Gründe gegen Abtreibung sind aber niemals das Bereithalten von Ersatzteilen oder sonstige utilitaristische Erwägungen. Menschenleben ist deshalb schützenswert, weil es Menschenleben ist – nicht weil es möglicherweise anderen nützt.

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Freitag der vierten Fastenwoche

Wann, mein Gott?

Wann, mein Gott, gibst Du die Gnade,
zu begreifen, was Du sagst?
Unter meines Schicksals Rade
fühl ich nur, wie Du mich plagst.

Deines Weltenrads Getriebe
dreht und dreht sich, mir zum Grauen.
Du mein Gott – Du Gott der Liebe -,
laß Dein Licht mich endlich schauen!

© Claudia Sperlich

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Donnerstag der vierten Fastenwoche

Allwissend unwissend

Du bist der Dreieine, bist Einer und Drei,
schon das unbegreiflich und wahr.
Du bist der Gott, der als Mensch geborn,
der machtvoll in Wort und Tat,
der sich aus Liebe geopfert hat,
geschunden wurde und starb.
Du warst als Mensch Dir selbst nicht bewußt,
die eine Gottheit zu sein,
Du hast als Mensch Dich verlassen geglaubt
von Dir, dem Vater und Geist.
Aus freiem Willen kann niemand je
nicht wissen, was er ist.
Nur Du, Dreieiner, allwissender Gott,
hast Dich außer Dir hingestellt,
Du wußtest als Vater, wußtest als Geist
Dich eins mit dem göttlichen Sohn,
Du glaubtest als Sohn, nur Mensch zu sein,
am Kreuz verlassen von Dir.
Mir weist dies Rätsel den Weg zu Dir,
der ganz sich entäußert hat.

© Claudia Sperlich

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Die Meinung der anderen

In gut sieben Monaten werde ich wieder am Marsch für das Leben teilnehmen – hoffentlich wieder als Ordnerin, das hat mir beim letzten Mal Freude gemacht.

Organisatoren und Teilnehmern wird immer wieder gerne geistige Nähe zu dem Mordgesindel des Dutzendjährigen Reiches vorgeworfen, und zwar genau deswegen, weil sie gegen Tötung irgendeines Menschen sind. Da greift man dann auch mal zur Verleumdung durch gefälschte Photos. Oder beruft sich auf angebliche, tatsächlich aber nie geäußerte Worte von Kirchenleuten, um zu „beweisen“, daß die Kirche ein frauenverachtender und reaktionärer Haufen ist. Damit müssen wir leben, und ich weiß, daß stichhaltige Gegenbeweise nicht akzeptiert werden. Mit dem Vorwurf, ein ungebildetes Dummchen in den Fängen katholischer Schergen zu sein, muss ich auch dann leben, wenn ich ihn in lateinischer Sprache widerlege – ebenso mit dem Vorwurf, Gewalt anzuwenden gegen Menschen, die gewalttätig eine genehmigte und friedliche Versammlung stören (wenn ich z.B. sage: Lass das).

Das ist so, ich werde es nicht ändern können. Als Kinder haben wir gern eine Kurzfassung benutzt für die Aussage, daß geistige Defizite nicht pharmazeutisch bekämpft werden können (dbddhkPsAv).

Zur Zeit wird mit besonderer Vehemenz behauptet, Lebensschützer seien AfD-gesteuert. Nun, zum einen gibt es die Lebensschutzbewegung schon einige Jahrzehnte länger als die AfD. Zum anderen ist sie nicht homogen. Ich kenne zahlreiche Lebensschützer; mit den meisten bin ich mir einig in der heftigen Abneigung gegen diese Partei. Es gibt unter Lebensschützern Menschen, die ich sehr schätze und die eine andere politische Meinung als ich vertreten. Es gab eine Zeitlang unter den Menschen, die ich schätze, auch einige, die der AfD nahestehen – bis mir die Äußerungen dieser Menschen immer unangenehmer und nach meiner Auffassung menschenfeindlicher wurden, so daß ich sie nicht mehr schätzen kann. Deshalb sind sie aber dennoch teilweise im Lebensschutz aktiv und in diesem einen Punkt mit mir einig.

Dadurch wird nun nicht der Lebensschutz zu einer schlechten Sache. Denn ob eine Sache gut ist oder schlecht, hängt nicht davon ab, ob ich ihre Unterstützer samt und sonders gerne mag oder nicht. Die biologische Tatsache, daß der Inhaber einer humanen DNA ein Mensch ist, ist unabhängig davon, ob das auch richtig unsympathische Leute wissen und sagen. Wenn jemand sagt „Ein Mensch ist von der Zeugung an Mensch“, so ist das auch dann richtig, wenn er im nächsten Satz etwas sehr Dummes über Fremde oder Frauen oder Arbeitslose sagt.

So wie beim letzten Mal und den Malen davor werde ich auf dem Marsch für das Leben einigen Menschen begegnen, die ich nicht leiden kann. Es werden leider auch einige Menschen dabeisein, die meiner Ansicht nach dummes Zeug über andere verbreiten. Das bleibt nicht aus bei mehreren tausend Menschen. Ich habe diese Wahrnehmung auch auf Demonstrationen gegen Atomkraft und gegen Gebäudespekulanten gemacht. Das, was Menschen auf einer Versammlung eint, ist das Thema der Versammlung. In anderen Themen können sie sich einig sein, müssen aber nicht. Je mehr Menschen anwesend sind, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, daß nicht alle in allem einig sind.

Die Organisatoren des Marsches für das Leben sind sich einig darüber, daß dies an keiner Stelle eine parteipolitische oder sonstwie weltanschaulich geprägte Aktion sein soll. Es geht um Lebensschutz – und um nichts anderes.

Davon abgesehen, ist mir beim Marsch für da Leben bisher stets zweierlei aufgefallen: 1. Die, die mitgehen, sind friedlich; fast alle wirken auf mich sehr sympathisch, die paar, die das nicht tun, sind auch friedlich. 2. Die Gegner des Marsches sind kindische Krakeeler; einige von ihnen habe ich auch außerhalb der Gegenaktion als logikfern und äußerst despotisch erlebt.

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Mittwoch der vierten Fastenwoche

Wandlung

Kein andrer Ton bewegt mein Herz so stark
wie jene Glöckchen bei dem Hochgebet.
Kein Anblick trifft mich mit so großer Wucht
wie Christi Leib und Blut in Priesterhänden.
Die Hostie wird zerbrochen: Todeszeichen –
bei diesem leisen Krachen stockt mein Atem.
Dann tragen meine Füße mich nach vorn
und meine Hände werden Gottes Thron –
hier ist der Herr und will mir innewohnen,
die Weisheit selbst im törichten Geschöpf,
in einem Sünder die Vollkommenheit.

© Claudia Sperlich

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Kreuzweg

Ich habe einen vor Jahren geschriebenen Kreuzweg wieder vorgeholt und überarbeitet – vielleicht kann das als Anregung dienen.
Für die Responsorien habe ich Psalmverse benutzt; die vollständigen Psalmen sind darüber verlinkt.

1. Station – Jesus wird zum Tode verurteilt

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Ein besetztes Land, in dem verschiedene politische und religiöse Strömungen konkurrieren, einander bekämpfen, die Besatzer bekämpfen, sich mit den Besatzern arrangieren. Ein Politiker, der Sit­ten und Religion im besetzten Gebiet nicht einmal ansatzweise begreift und um seine Macht bangt. Ein junger Mann, der ans Messer geliefert wird und sich nicht wehrt, der keinen Versuch macht, sich herauszureden.
Der Prozess wird in aller Eile durch sämtliche Instanzen geführt. Der Angeklagte könnte sich verteidigen – und tut nichts weniger als dies.

Ps. 57
V Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig! Denn bei dir birgt sich meine Seele.
A Gott wird seine Gnade und Wahrheit senden.
V Ich nehme Zuflucht unter dem Schatten deiner Flügel, bis das Verderben vorübergezogen ist.
A Gott wird seine Gnade und Wahrheit senden.
V Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache hinausführt.
A Gott wird seine Gnade und Wahrheit senden.

Pilatus:
Ich verstehe diese Juden nicht. Der junge Mann, der die Gegend in solchen Aufruhr versetzte, hat­te, schien es, irgendwie gegen ihre Kultvorschriften verstoßen oder so. Ich fand ihn interessant, aber er kam mir auch seltsam vor – nicht direkt arrogant, aber – warum hat er mir nicht geantwortet?
Als die religiösen Führer der Juden mir drohten, mich beim Kaiser anzuschwärzen, mußte ich han­deln. Meine Haut ist mir wichtiger als die eines unbekannten Juden.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

2. Station – Jesus nimmt das Kreuz auf Seine Schultern

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Die Längsbalken stehen an der Hinrichtungsstätte parat. Delinquenten müssen den Querbalken wie ein Joch tragen; die ausgebreiteten Arme werden daran festgebunden. Die Geißelung mit Lederstricken, in die spitze und scharfkantige Metallstücke eingeflochten waren, hat den Rücken auf­gerissen. Dornen bohren sich in die Kopf­haut, das Blut läuft in die Augen. Von Blut und Schweiß angelockte Fliegen kann der Delinquent nicht verscheuchen.

Ps. 25
V Wende Dich zu mir und sei mir gnädig, denn ich bin einsam und elend!
A Vergib mir alle meine Sünden.
V Sieh an mein Elend und mein Leid, und vergib mir alle meine Sünden!
A Vergib mir alle meine Sünden.
V Bewahre meine Seele und rette mich! Laß mich nicht zuschanden werden, denn ich vertraue auf dich!
A Vergib mir alle meine Sünden.
V O Gott, erlöse Israel aus allen seinen Nöten!
A Vergib mir alle meine Sünden.

Jesus:
Angst hatte ich, so sonderbar das klingt, nicht mehr. Die hatte ich vorher ge­habt, im Garten, in dieser seltsamen Nacht nach dem Paschamahl. Da hatte ich um mein Leben zum Vater gefleht, aber im Gebet war mir klargeworden, wie anders mein Weg sein sollte. Als mir der Querbalken des Kreuzes aufgebunden wurde, war das wie ein Schlußstrich: Bis hierher ging das Leben, nun kam der Tod.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

3. Station – Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Durst, Schmerz und Blutverlust machen den Gang unsicher. Die an den Querbalken gefes­selten Arme verhindern ein Abstützen. Jesus landet schmerzhaft auf den Knien, richtet sich mühsam wieder auf. Sand und Steinchen bleiben an den aufgeschundenen Knien kle­ben.

Ps. 130
V Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, o Herr: Herr, höre meine Stimme! Laß Deine Ohren aufmerksam sein auf die Stimme meines Flehens!
A Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, o Herr: Herr, höre meine Stimme!
V Wenn Du, o Herr, Sünden anrechnest, Herr, wer kann bestehen? Aber bei Dir ist die Vergebung, damit man Dich fürchte.
A Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, o Herr: Herr, höre meine Stimme!
V Ich harre auf den Herrn, meine Seele harrt, und ich hoffe auf Sein Wort.
A Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, o Herr: Herr, höre meine Stimme!

ein Soldat:
Es war der dritte an diesem Tag, den wir da hinauf trieben. Die Haut hing Ihm in Fetzen vom Leib, der Dornenkranz hatte die Kopfhaut eingeschnitten. Ein Aufwiegler, ein Halb­verrückter vielleicht, und Er soll auch irgend­welche Zeloten unterstützt haben. Eine Menge Zulauf hatte Er ge­habt, und jetzt war Er am Ende. Er stolperte – bei der Aus­peitschung war Er aufrecht geblieben. Jetzt fiel Er also doch noch. Aber Er richtete sich wie­der auf, ohne zu fluchen.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

4. Station – Jesus begegnet Seiner Mutter

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Auch wenn Kunst und fromme Legende das Verhältnis Jesu zu Seiner Familie vergolden – in der Bibel lesen wir ausschließlich von schwierigen Verhältnissen im Hause des Zimmermanns. Jesus ist kein braver und folgsamer Sohn, Er hat we­der die väterliche Werkstatt übernommen noch geheiratet, wie es die Konvention erwartet – und Seine Ver­wandten haben ihn für verrückt erklärt. Nun kommt Seine Mutter auf diesem hoffnungslos scheinenden letzten Weg zu Ihm. Sie sieht den ge­folterten, blutenden, geschwächten Mann mit der barbarischen Last auf dem Nacken und kann nichts für Ihn tun – außer da sein und dies Ende mit Ihm er­tragen.

Ps. 71
V Sei mir ein Felsenhorst, zu dem ich stets fliehen kann, der Du verheißen hast, mir zu helfen; denn Du bist mein Fels und meine Burg.
A Denn Du bist meine Hoffnung, o Herr, Du Herrscher.
V Mein Gott, befreie mich aus der Hand des Gottlosen, aus der Faust des Ungerechten und Gewalttätigen!
A Denn Du bist meine Hoffnung, o Herr, Du Herrscher.
V Auf Dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an, vom Mutterschoß an hast Du für mich gesorgt; mein Rühmen gilt Dir allezeit.
A Denn Du bist meine Hoffnung, o Herr, Du Herrscher.

Maria:
Ich hatte mit meinem Sohn oft Differenzen gehabt. Diese Leute, mit denen Er sich abgab, diese neumodischen Sachen, die Er sagte. Ich hatte an Seinem Verstand gezweifelt. Aber das spielte jetzt alles keine Rolle mehr. Hier war mein Sohn, der mal mein Baby ge­wesen war, den ich in meinem Leib und auf meinen Armen getragen und gewickelt und gewiegt und gestillt hatte, und jetzt konnte ich Ihn nicht einmal in den Arm neh­men.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

5. Station – Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Aus Cyrene in Nordafrika ist er gekommen und hat hier Arbeit in der Landwirtschaft gefunden. Er kommt erschöpft vom Feld. Die Soldaten sehen, daß der Delinquent kurz vor dem Zusammenbruch ist, und kommandieren den Landarbeiter: Du da, hilf dem Kerl! Simon scheut sich vor der Verunreinigung durch Blut, vor der Begegnung mit dem Gesetzesbrecher, vor der Nähe zu den heidnischen Soldaten, will weder kollaborieren noch sich ver­unreinigen. Aber ihm bleibt nichts anderes übrig.

Ps. 130
V Meine Seele harrt auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen, mehr als die Wächter auf den Morgen.
A Ja, Er wird Israel erlösen von allen seinen Sünden.
V Israel, hoffe auf den Herrn! Denn bei dem Herrn ist die Gnade, und bei Ihm ist Erlösung in Fülle.
A Ja, Er wird Israel erlösen von allen seinen Sünden.

Simon:
Ich wohnte noch nicht lang in der Gegend, und mir war nicht klar, was für Leute diesen Weg auch nehmen mußten. Ich kam von der Arbeit, und die Soldaten machten sich einen Spaß dar­aus, mich als Helfer zu mißbrauchen. Ich kam mir doppelt schäbig vor: den Römern zu helfen, ihre schmutzige Arbeit zu verrich­ten; einen Gesetzesbrecher (man sagte ihm irgendwelche Frevel nach) zu berühren, samt Staub, Schweiß, Tränen und Blut. Ir­gendwann schickten die Solda­ten mich nach Hause, und Er sagte leise und heiser: Friede.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

6. Station: Veronica reicht Jesus das Schweißtuch

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Blut, Schweiß, Staub und Tränen vermischen sich zu einem juckenden und brennenden Film auf der geschundenen Haut, laufen in die Augen und verschleiern die Sicht. Eine Frau geht auf Jesus zu, drückt ein sauberes weiches Tuch ganz behutsam auf Sein Gesicht und lindert durch diese zärt­liche Berührung die Schmerzen.

Ps. 41
V Wohl dem, der sich des Armen annimmt; der Herr wird ihn erretten zur bösen Zeit.
A Herr, sei mir gnädig! Heile meine Seele, denn ich habe gegen Dich gesündigt!
V Der Herr wird ihn bewahren und am Leben erhalten, er wird glücklich gepriesen im Land; ja, Du wirst ihn nicht der Gier seiner Feinde ausliefern!
A Herr, sei mir gnädig! Heile meine Seele, denn ich habe gegen Dich gesündigt!
V Der Herr wird ihn erquicken auf seinem Krankenlager; Du machst, daß es ihm besser geht, wenn er krank ist.
A Herr, sei mir gnädig! Heile meine Seele, denn ich habe gegen Dich gesündigt!

Veronika:
Ich hatte Ihn einige Male gehört und hatte gehofft, er würde uns Freiheit brin­gen. Nun hatten sie Ihn gefangen, und ich war voll Wut und Enttäu­schung hingelaufen. Dann sah ich, wie schrecklich sie Ihn zugerichtet hatten. Schweiß, Staub und Tränen muß­ten auf der zer­schundenen Haut brennen. Seine Arme waren an den Querbalken gebun­den, Er versuchte, den Schweiß aus den Au­gen zu blinzeln. Ich hatte ein sauberes Tuch da­bei und wischte Ihm das Gesicht ab.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Es ist warm um die Mittagszeit, im Jerusalemer Frühling. Auf dem steinigen, baum­losen Weg nach Golgotha ist es heiß. Seit gestern Abend hat Jesus weder gegessen noch getrun­ken. Die Wunden von der Geißelung und der Dornenkrone entzünden sich. Er fiebert, der Gang wird unsicher. Wie­der stürzt Er. Mit äußerster Anstrengung kommt er wieder auf die Füße und schleppt sich weiter.

Ps. 62
V Nur auf Gott wartet still meine Seele; von Ihm kommt meine Rettung.
A Nur Er ist mein Fels und mein Heil, meine sichere Burg; ich werde nicht allzusehr wanken.
V Auf Gott ruht mein Heil und meine Ehre; der Fels meiner Stärke, meine Zuflucht ist in Gott.
A Nur Er ist mein Fels und mein Heil, meine sichere Burg; ich werde nicht allzusehr wanken.
V Vertraue auf Ihn allezeit, o Volk, schüttet euer Herz vor ihm aus! Gott ist unsere Zuflucht.
A Nur Er ist mein Fels und mein Heil, meine sichere Burg; ich werde nicht allzusehr wanken.

ein Zelot:
Die Römer hatten wieder zwei von uns zum Tode verurteilt, und ich wollte mich mit un­seren Kämpfern solidarisch zeigen. Dann kam noch dieser andere, in meinen Augen ein Träumer, der den bewaffneten Kampf abgelehnt hatte. Die Römer waren mit Ihm ge­nauso brutal umgesprun­gen wie mit den Widerständ­lern. Er stürzte vor meinen Augen hin; die Haut auf den Knien platzte auf. Ein Sol­dat riß Ihn grob nach oben. Er blieb still. Ich bekam so etwas wie Respekt vor Ihm.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Freiheit von römischer Besatzung hat Er ihnen nicht versprochen – auch wenn die Frauen sich da­nach nicht weniger sehnten als die Männer. Aber Er ist ihnen mit Freundlichkeit begegnet, hat sie ernstgenommen, sie als Schülerinnen ange­nommen, mit ihnen über die Schrift diskutiert. Er – der Gesandte des Herrn.

Ps. 42
V Wie ein Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele, o Gott, nach Dir!
A Meine Seele lechzt, o Gott, nach Dir!
V Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott: Wann werde ich kommen und vor Gottes Angesicht erscheinen?
A Meine Seele lechzt, o Gott, nach Dir!
V Meine Tränen sind meine Speise bei Tag und bei Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
A Meine Seele lechzt, o Gott, nach Dir!

eine Frau:
Er tat mir unendlich leid. Meine Freundinnen und ich hatten Ihn einigemale ge­hört, und immer hatten wir Worte der Liebe gehört. Den Kindern war Er liebevoll und zärt­lich begegnet – auch den Mädchen. Uns hatte Er Verstand und Handlungsfähigkeit zugestanden – das war unge­wohnt. Nun standen wir da und weinten, als wir sahen, wie Er litt. Was er dann sagte – nahm Er sich selbst zurück? War Er resigniert, fürchtete Er den Untergang Judas? Auch Frauen und Ju­gendliche waren gekreuzigt worden – meinte Er das? Oder warnte Er uns: Hütet euch, roh und ge­fühllos zu werden?

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Durst, Schmerz und Erschöpfung nehmen überhand. Plötzlich dreht sich alles, Jesus verliert den Boden unter den Füßen, stürzt lang hin. Einen Augenblick liegt Er benommen da. Ein Soldat reißt Ihn grob nach oben. Immer noch benommen, stolpert Er langsam weiter.

Ps. 142
V Ich schreie mit meiner Stimme zum Herrn, ich flehe mit meiner Stimme zum Herrn.
A Ich schütte meine Klage vor Ihm aus und verkünde meine Not vor Ihm.
V Wenn mein Geist in mir verzagt ist, so kennst du doch meinen Pfad; auf dem Weg, den ich wandeln soll, haben sie mir heimlich eine Schlinge gelegt.
A Ich schütte meine Klage vor Ihm aus und verkünde meine Not vor Ihm.
V Ich schaue zur Rechten, siehe, da ist keiner, der mich kennt; jede Zuflucht ist mir abgeschnitten, niemand fragt nach meiner Seele!
A Ich schütte meine Klage vor Ihm aus und verkünde meine Not vor Ihm.

ein Zuschauer:
Zugegeben, ich war aus Sensationsgier gekommen. Vor mir selbst hatte ich gesagt, man müsse sich klarmachen, was diese schreckliche Strafe für die Opfer bedeutet – aber das war Selbstbetrug. Blut wollte ich sehen – und sah es. Der eine, angeblich ein Wun­dertäter, stürzte vor meinen Augen der Länge nach hin. Die Soldaten packten Ihn, Er rap­pelte sich wieder hoch. Zu­fällig blickte Er in meine Richtung – und ich empfand, daß Er mir gerade ins Gesicht sah. Von die­sem Augenblick an empfand ich nur noch Mitleid mit dem geschundenen Menschen.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

10. Station: Jesus wird Seiner Kleider beraubt

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Es ist üblich, die Kleider Hingerichteter den diensthabenden Soldaten zu überlas­sen. Oft sind es noch gute Kleider, und der Sold ist nicht übertrieben hoch. Abgese­hen davon ist den meisten Soldaten jede Ablenkung Recht, und während sie die Kleider teilen und um das gute Obergewand spielen, trinken sie und reißen derbe Witze. Ohne das würde es nachher keiner schaffen, einem lebendigen Menschen Nägel ins Fleisch zu trei­ben.

Ps. 142
V Ich schreie, o Herr, zu Dir; ich sage: Du bist meine Zuflucht, mein Teil im Land der Lebendigen!
A Du bist meine Zuflucht, mein Teil im Land der Lebendigen!
V Höre auf mein Wehklagen, denn ich bin sehr schwach; errette mich von meinen Verfolgern, denn sie sind mir zu mächtig!
A Du bist meine Zuflucht, mein Teil im Land der Lebendigen!
V Führe meine Seele aus dem Kerker, daß ich Deinen Namen preise! Die Gerechten werden sich zu mir sammeln, wenn Du mir wohlgetan hast.
A Du bist meine Zuflucht, mein Teil im Land der Lebendigen!

Jesus:
Daß mir jede Nervenfaser wehtat, war nicht so schlimm wie das hier. Nackt stand ich vor der Menge, wurde begafft wie ein Stück Vieh, die Soldaten gröl­ten, und die, die aus Solidarität da waren, sahen schamhaft weg – das war schlim­mer als die körperliche Folter. Niemals war ich so ausgeliefert gewesen.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

11. Station: Jesus wird an das Kreuz genagelt

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Bei der Kreuzigung werden dicke Nägel in Unterarme getrieben, zwischen Elle und Speiche hindurch. Ein großer Schmerznerv verläuft direkt daneben. Die Fußwurzelknochen werden ebenfalls mit Nägeln durchbohrt. Um den Erstickungstod hinauszuzögern, ist eine kleine Stütze unter den Füßen angebracht. Der Delinquent hängt an den durchbohrten Armen, ringt nach Luft, bäumt sich reflexhaft auf – immer im Wechsel, bis er stirbt. Dadurch schießt der Schmerz abwechselnd durch Unterarme und Unterschenkel, während die Luft immer schwerer in die durch das Hängen zusammengequetschten Lungen fließen kann. Was die Umstehenden durchdrang wie lau­tes Schreien, mag tatsächlich nur ein ersticktes Röcheln gewesen sein. Doch auch in scheinbarer Verlassenheit hören sie einen Psalmvers, in dem Sinn und Ziel vorausgesetzt wird: Mein Gott, mein Gott, wozu hast Du mich verlassen? Wozu – das hebräische le-mah, auf was hin, fragt nach dem Ziel, nicht dem Grund.

Ps. 22
V Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen? Warum bleibst du fern von meiner Rettung, von den Worten meiner Klage?
A Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?
V Mein Gott, ich rufe bei Tag, und du antwortest nicht, und auch bei Nacht, und ich habe keine Ruhe.
A Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?
V Aber du bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels!
A Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?

Maria von Magdala:
Ich habe nicht gewagt, hinzusehen. Aber das Geräusch von Häm­mern und Nägeln, die sich in Hände und Füße bohrten, war nicht auszusperren. In diesem Augenblick fiel es mir zum ersten Mal schwer, das Leben meines besten Freundes in einem himmlischen Licht zu se­hen. Warum mußte dieser barba­rische Justizmord sein? Warum konnte der Ewige Ihn nicht leben lassen? Als das Kreuz aufgerichtet war, als Sein zerschundener Körper da hing und er immer schlechter Luft bekam – da betete ich um Seinen Tod, um ein Ende Seiner Leiden.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

12. Station: Jesus stirbt am Kreuz

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Blutverlust, Luftmangel und reißender, schneidender, stechender Schmerz führen langsam zum Tod. Die Worte, die Jesus am Kreuz noch spricht, sind kaum zu hören und kosten Ihn die letzte Kraft. Endlich ist es vorbei. Alles ist vorbei für die Freun­de, die unter dem Kreuz aushalten.

Ps. 22
V Eine Rotte von Übeltätern umgibt mich; sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben.
A Du aber, o Herr, sei nicht ferne! O meine Stärke, eile mir zu Hilfe!
V Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie schauen her und sehen mich schadenfroh an.
A Du aber, o Herr, sei nicht ferne! O meine Stärke, eile mir zu Hilfe!
V Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los über mein Gewand.
A Du aber, o Herr, sei nicht ferne! O meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Johannes:
Wie ein zu Tode Gefolterter aussieht, habe ich nicht beschrieben. Es war uns allen auch leider nur zu deutlich – Jesus war bei weitem nicht der einzige, der die­sen Tod sterben mußte. Als ich mich so weit gefaßt hatte, daß ich in Sein Ge­sicht sehen wollte – noch einmal -, da sah ich zu­gleich über ihm das ungelenk gemalte Schild: Jesus aus Nazareth, Kö­nig der Juden. Das sollte eine Verhöhnung sein – und war mir etwas ganz anderes: Unser Meister ist König über den Tod hinaus.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

13. Station: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß Seiner Mutter gelegt

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Die römischen Behörden lassen Gekreuzigte gern noch einige Tage hängen – zur Abschreckung, als habe jemals eine öffentliche Hinrichtung abschreckend gewirkt. Joseph aus Arimathäa aber will ei­nerseits Jesus die letzte Ehre erweisen und an­dererseits den Sabbat nicht durch einen unbestatteten Leichnam entweiht sehen. In aller Eile erwirkt er von Pila­tus die Erlaubnis zur Bestattung. Der Leichnam ist blut- und staubverkrus­tet und zerschunden. Die Freunde waschen Ihn, sehr vorsichtig, um die Haut nicht noch schlimmer zu zerreißen, und hüllen Ihn in Tü­cher ein. Maria nimmt Abschied von Ihm, in­dem sie Ihn auf ihren Knien hält wie ein kleines Kind.

Ps. 116
V Die Fesseln des Todes umfingen mich und die Ängste des Totenreichs trafen mich; ich kam in Drangsal und Kummer.
A Ach, Herr, errette meine Seele!
V Da rief ich den Namen des Herrn an: Ach, Herr, errette meine Seele!
A Ach, Herr, errette meine Seele!
V Der Herr ist gnädig und gerecht, ja, unser Gott ist barmherzig.
A Ach, Herr, errette meine Seele!

Josef aus Arimathäa:
Erst heute habe ich gewagt, meine Sympathie für Rabbi Jesus öffent­lich zu zeigen. Ich half, Seinen geschändeten Körper vom Kreuz zu nehmen. Das hieß zunächst, die Nägel mit Werkzeug aus den zerfetzten Unter­armen und Füßen zu ziehen, sich unrein zu machen mit Blut. Aber ich konnte diese Barbarei nicht so sein lassen. Er sollte nicht über den Tod hinaus verhöhnt werden. Er war doch ein Gerechter – und dann dieser Schandtod!

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

14. Station: Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt

V Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, und preisen Dich.
A Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.

Joseph von Arimathäa stellte seine Grabstelle zur Verfügung. Es war bei wohlhabenden Leuten üblich, die eigene Grabstätte zu kaufen, und also auch möglich, sie zu verschenken. Nikodemos sorgte für die Balsamierung des Leichnams. Wie ein Verbrecher war der Herr gestorben, wie ein Fürst sollte Er bestattet werden.

Ps. 18
V Den Herrn, den Hochgelobten, rief ich an — und ich wurde von meinen Feinden errettet!
A Er hörte meine Stimme in Seinem Tempel, mein Schreien vor Ihm drang zu Seinen Ohren.
V Die Fesseln des Todes umfingen mich, die Ströme Belials schreckten mich; die Fesseln des Totenreiches umschlangen mich, es ereilten mich die Fallstricke des Todes.
A Er hörte meine Stimme in Seinem Tempel, mein Schreien vor Ihm drang zu Seinen Ohren.
V In meiner Bedrängnis rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott; Er hörte meine Stimme in Seinem Tempel, mein Schreien vor Ihm drang zu Seinen Ohren.
A Er hörte meine Stimme in Seinem Tempel, mein Schreien vor Ihm drang zu Seinen Ohren.

Nikodemus:
Leicht hat Er es keinem gemacht – provokant war Er gewesen! Aber kein Ver­brecher. Und selbst wenn – das hier war Justizmord. Er hatte keine Gelegenheit zur Verteidigung bekom­men. Nun war Er tot, und alles, was ich tun konnte, war, Ihm ein anständiges Begräbnis zu ver­schaffen. Wir waren ganze fünf: seine Mutter, noch eine Frau, er hatte ja auch Schülerinnen ge­habt, ein junger Ge­lehrter, einer aus der Partei der Pharisäer und ich. Ein stilles, verängstigtes Begräb­nis für einen mutigen jungen Mann.

V Gekreuzigter Menschensohn,
A erbarme Dich unser.

Schlußgebet
Die Welt steht voller Kreuze und wartet auf die Erlösung. Aber Du bist nicht im Grab geblieben. Niedertracht und Unrecht haben nicht das letzte Wort. Gott ist der Lebendigmacher.
Jesus Christus, auferstandener Menschensohn, laß uns vertrauen auf das Leben und auf Deine Lie­be, auch wenn um uns nur Hass und Tod zu sehen ist. Hilf uns, Gerechtigkeit und Liebe aufzuspü­ren und gegen die tägliche Gemeinheit und Tücke anzugehen.

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