Cum lætitia – mit Freude – habe ich das apostolische Schreiben Amoris lætitia (Die Freude der Liebe) gelesen. Es wurde ja schon Minuten nach seinem Erscheinen viel Unfug darüber geschrieben; ich habe es gründlich gelesen und keinen Unfug darin gefunden. Es enthält kein Wort, das nicht gut katholisch wäre – das belegen zahlreiche Zitate aus Schreiben früherer Päpste und aus dem Katechismus der Katholischen Kirche. Es ist eine Exhortatio – Ermunterung – im besten Sinne; Franziskus schreibt in klaren, erfrischenden Worten, worum es der Kirche Christi im Kern geht und immer gehen muss – nicht, worum es ihr nach Meinung modernistischer Schwafelhänse zu gehen hat. Im folgenden gebe ich wieder, was ich aus diesem Schreiben ziehe. Wer die 304 Seiten nicht lesen möchte, mag sich hier bedienen, aber zugleich bedenken, daß dieser Artikel meine ganz persönliche Kurzfassung der Exhortatio ist.
Der Heilige Vater äußert sich – wie seine Vorgänger, wie die Kirche von Anfang an – eindeutig zur Liebe in Ehe und Familie, zur Weitergabe des Lebens, zur Bewahrung des Menschenlebens in allen Phasen.
87. Die Kirche ist eine Familie aus Familien, die durch das Leben aller Hauskirchen ständig bereichert wird. …
Daß ich selbst als Sprößling einer atheistischen Familie und als alleinstehende alte Schachtel weder Mutter noch Tochter einer solchen Hauskirche sein darf, macht das päpstliche Schreiben nicht irrelevant für mich. Die Familien, die den Glauben pflegen, tun das für mich mit. Tatsächlich sind Kirche und Glaube gut für die Familie und sind Familien, in denen dies bekannt ist, gut für die Kirche und die Weitergabe des Glaubens. Gläubige Familien sind ein Gewinn für gläubige Alleinstehende. Daß ich mir dies klarmache, ist ein Effekt dieses Schreibens.
Das vierte Kapitel (dessen Lektüre ich hier besonders empfehle) legt das wunderbare Liebeslied des Paulus im ersten Brief an die Korinther aus. Kostprobe:
92. Langmut zu besitzen bedeutet nicht, uns ständig schlecht behandeln zu lassen oder physische Aggressionen hinzunehmen oder zuzulassen, dass man uns wie Objekte behandelt. Das Problem besteht, wenn wir verlangen, dass die Beziehungen himmlisch oder die Menschen vollkommen sind oder wenn wir uns in den Mittelpunkt stellen und erwarten, dass nur unser eigener Wille erfüllt wird. Dann macht uns alles ungeduldig, alles bringt uns dazu, aggressiv zu reagieren. Wenn wir die Langmut nicht pflegen, werden wir immer Ausreden haben für Antworten aus dem Zorn heraus, und schließlich werden wir uns in Menschen verwandeln, die nicht verstehen zusammenzuleben, die unsozial sind und unfähig, die eigenen Instinkte zurückzudrängen, und die Familie wird zu einem Schlachtfeld. Darum ermahnt uns das Wort Gottes: „Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte!“ (Eph 4,31). Diese Langmut festigt sich, wenn ich anerkenne, dass der andere genauso ein Recht hat, auf dieser Erde zu leben, gemeinsam mit mir und so wie er ist. Es ist nicht wichtig, ob er eine Störung für mich ist, ob er meine Pläne durchkreuzt, ob er mir lästig ist mit seinem Wesen oder mit seinen Ideen, wenn er nicht ganz das ist, was ich erwartete. Die Liebe hat immer ein tiefes Mitgefühl, das dazu führt, den anderen als Teil dieser Welt zu akzeptieren, auch wenn er anders handeln sollte, als ich es gerne hätte.
Auch wenn diese Schriftstelle in diesem Schreiben ausdrücklich auf die Familie bezogen ist, fühle ich mich als Teil der Kirche, also der christlichen Familie als Ganzes, angesprochen. Die folgenden Mahnungen, glaubensschwächeren Familienmitgliedern gegenüber niemals eingebildet zu sein, in der Familie keinen Tag im Streit enden zu lassen und gerne zu vergeben, nehme ich mir in diesem Sinne zu Herzen. Gleiches gilt für die Erläuterung des schwierigen Pauluswortes Die Liebe … glaubt alles, das weder religiösen Glauben noch Märchenglauben bedeutet, sondern das liebende Vertrauen, das den anderen nicht auf Schritt und Tritt kontrollieren muss.
In geradezu poetischer Sprache – und zugleich mit klarem Blick für die unausweichlichen menschlichen Schwierigkeiten – erläutert Franziskus das Sakrament der Ehe. Und natürlich bleibt er auch hier, allen Unkenrufen und Forderungen zum Trotz, ganz und gar katholisch. Unverbindliche Partnerschaften, die das unauflösliche Sakrament nicht wagen, nennt er egoistisch, opportunistisch und kleinlich [132] – und bestätigt damit meine Ansicht, daß katholisch das genaue Gegenteil von spießig ist.
In ein Schreiben, das sich in wesentlichen Teilen an christliche Eheleute und solche die es werden wollen, richtet, gehört auch eine Passage über Sexualität. Auch hier schreibt Franziskus nichts Neues, aber das Alte zum Teil in neuen Worten:
152. Wir dürfen also die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen, die zum Wohl der Familie toleriert werden muss, sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten, das die Begegnung der Eheleute verschönert. Da sie eine Leidenschaft ist, die durch die Liebe, welche die Würde des anderen verehrt, überhöht ist, gelangt sie dahin, eine „lautere schiere Bejahung“ zu sein, die uns das Wunderbare zeigt, zu dem das menschliche Herz fähig ist, und „für einen Augenblick ist […] das Dasein wohlgeraten“.
Auch wenn es hunderttausendfach behauptet wird: Die Kirche wertet die Sexualität nicht ab, sondern auf. Genaue Lektüre des entsprechenden Abschnittes und Studium der angegebenen Quellen hülfe, das zu begreifen – wenn Begreifen im Sinn der Kirchenbasher läge. Die katholische Ehemoral erscheint bei oberflächlicher Lektüre als Idyll. Aber sie ist eine Aufgabe, eine Herausforderung, und es geht um Annahme aller Schrullen, Schwierigkeiten, Verfehlungen, Behinderungen, sogar aller Unausstehlichkeiten in der erweiterten Familie – nicht um stille Hinnahme von Gewalt und anderen Sünden, sondern um liebende Annahme, wo immer es irgend möglich ist, um Bereitschaft zur Vergebung und um Hilfe, wo Teile der Familie scheitern. Hier ist neben guter pastoraler Ausbildung auch die Hilfe von Psychopädagogen, Familienärzten, Ärzten für Allgemeinmedizin, Sozialarbeitern, Kinder-, Jugend- und Familienanwälten Laienmitarbeiter für die Familienpastoral [204] gefragt.
Brautleuten legt der Heilige Vater besonders ans Herz, auf eine gründliche pastorale Ehevorbereitung nicht ein geld- und kräftezehrendes Riesenfest folgen zu lassen, sondern eine schlichte und schöne Feier, in deren Zentrum das Sakrament steht – nicht die Fête, die Liebe – nicht der Konsum. Angesichts der unsäglichen Angebote für bis ins Detail durchgeplante Hochzeitsfeiern mit utopischen Ansprüchen ist dieser Abschnitt nur allzu berechtigt. Tiefere, haltbarere Freude kann durch das gemeinsame Gebet füreinander wachsen.
Als künftige Trauzeugin lese ich die Aussagen des Heiligen Vaters über das, was eine gelingende Ehe bedingt und was eheliche Liebe ihrer Umgebung schenken kann, und kann sie verstehen und bejahen, auch wenn ich selbst die Erfahrung gelingender Partnerschaft nicht gemacht habe. Eine wahrhaft christliche Ehe bereichert eben auch die Alleinstehenden in ihrer Umgebung – weil Liebe strahlt. In den irgendwann auch zu erwartenden schwierigen Zeiten sehe ich meine Aufgabe, mit Gebet und Hilfsbereitschaft im Hintergrund zu stehen und gewissermaßen zurückzustrahlen.
Auch die mögliche Notwendigkeit einer Trennung von Tisch und Bett wird nicht verschwiegen. Die seelische Not Getrennter, Geschiedener und Verlassener macht intensive Pastoral nötig; damit einhergehende materielle Not erfordert besondere Solidarität, zumal sie die seelische Not oft verstärkt. Getrennten Ehepartnern, die nicht in neuer Partnerschaft leben, empfiehlt der Heilige Vater besonders den Trost der Eucharistie. Geschiedene in neuer Verbindung müssen deutlich spüren, daß sie nicht aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgestoßen sind:
243. … Diese Fürsorge bedeutet für das Leben der christlichen Gemeinschaft keine Schwächung ihres Glaubens und ihres Zeugnisses im Hinblick auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Im Gegenteil, sie bringt gerade in dieser Fürsorge ihre Nächstenliebe zum Ausdruck.
Und – dürfen wiederverheiratete Geschiedene nun die Eucharistie empfangen oder nicht? Nein, dürfen sie nicht – denn darüber steht in dem Schreiben nichts Neues, und das heißt: es gilt das Alte. Gut so, denn es ist wahr und bewährt. Wer das schlimm findet, mag sich kundig machen – der Codex Iurix Canonici und andere relevante Schriften sind online, auch die eindeutige Aussage des Heiligen Vaters zu diesem Thema.
Der pastorale Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen muss jedoch von Barmherzigkeit geprägt sein und den Einzelfall beachten. Das heißt nicht, daß sie dann doch die Eucharistie empfangen dürfen – sondern daß seelsorgerlich auf ihre besondere Situation eingegangen wird und sie niemals aus der Kirche ausgesperrt werden. Es ist vielmehr Aufgabe der Kirche, Sündern (also allen) zu helfen, so gut wie möglich in der Gnade zu leben.
Die christliche Familie ist Zeichen der Liebe und Fülle Gottes, ist Ort der Heilung und Geborgenheit – trotz all ihrer Brüche und Makel, die sie natürlich auch hat. Sie lebt ihre besondere Spiritualität, indem sie zugleich Hauskirche und lebendige Zelle für die Verwandlung der Welt ist [324], und bei aller Liebe zu meinen atheistischen Eltern kann ich sagen: die christliche Familie steht meilenweit über dem, was ich als gute, liebevolle, wohlsituierte Familie erlebt und kennengelernt habe. Eine Familie, in der nicht gebetet wird, in der nicht Jesus der erste Ansprechpartner ist, hat Löcher, die man nicht flicken kann.
Ich bin froh über die christlichen Familien, die auch mich mittragen – obwohl ich kein Familienmitglied bin -, einfach dadurch, daß sie Jesus lieben, einander lieben und diese Liebe ausstrahlen.
Als Glied der katholischen Kirche bin auch ich Familienmitglied einer sehr großen Familie und hoffe, dies wenigstens gelegentlich so zu sein, wie der Heilige Vater in Amoris lætitia empfiehlt.
Gefällt mir Wird geladen …