Großen Eindruck hat mir ein Redner gemacht, der gerade volljährig geworden ist und einfach und fröhlich von seinem Leben erzählte. Wo und wie er lebt, was er gerne tut, was er gut kann – und Fußball spielt er auch. Ich durfte den jungen Mann vorher auch hinter der Bühne kurz sehen und hatte sofort den Eindruck: Ein außergewöhnlich freundlicher Mensch!
Besonderheiten? Nun ja, seine Freundlichkeit, sagte ich ja. Und sein Mut, vor einer riesigen Menschenmenge zu sprechen. Und noch etwas – er hat eine Behinderung. Aber mal ganz ehrlich: Wie „besonders“ ist Behinderung eigentlich? Kennt nicht jeder von uns irgendjemanden, der irgendeine Behinderung hat?
Weniger beeindruckt bin ich von den Hassparolen, die am Rande des Marsches (und einige Male auch mittendrin von von Leuten, die sich hineingedrängt hatten, gebrüllt wurden. Es sind wirklich immer die gleichen Sprüche.
Mein Favorit ist das so herrlich sinnfreie „Mittelalter, Mittelalter, hey hey“ – ach ja, Mittelalter! Romanik! Gregorianik! Thomas von Aquin! Hildegard von Bingen! Jeanne d’Arc! – OK, das meinen die Gröler nicht, aber ich denke es und lächle.
Den boshaften Reim „Hätt Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“ fand ich in meiner Grundschulzeit schon peinlich doof. (Ich bin jetzt 55 Jahre alt. Und ich war als Zehnjährige noch lange Atheistin und einige Jahre später ausdrücklich für ein „Recht auf Abtreibung“. Peinlich doof kann man diesen Reim auch finden, wenn man ganz und gar kein Lebensrechtler ist.)
„Eure Kinder werden so wie wir“ (in diesem Jahr erweitert durch „eure Kinder werden alle queer“) – nun ja, stimmt: irgendwann pubertieren sie. Aber das geht nicht bei allen so wüst ab, und vor allem: es hält sich nicht notwendig so lange. Angesichts zahlreicher Lebensrechtler im Alter zwischen 14 und 17 hatte ich dann die schöne Vorstellung, eine Gruppe Jugendlicher mit Kreuzen und Rosenkränzen stellt sich vor die blockierenden Krakeeler und skandiert: „Eure Kinder werden so wie wir! So mit Rosenkranz und Skapulier!“
„Mein Bauch gehört mir“ – da stimme ich zu. Auch mir gehört mein Bauch. Aber der junge Mensch im Bauch einer Frau ist nicht ihr Bauch. Hat eine eigene DNA. Wißt ihr ja eigentlich alle, oder war der Biologieunterricht so katastrophal?
„Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine“ – ja, wir auch. Es gibt für die Option „keine Kinder“ eine vollkommen sichere Option: Kein Sex. Und das ist tatsächlich immer die eigene Entscheidung.
„Haut ab, haut ab, haut ab“ – das hat den gleichen Aussagewert wie die Blockade: „Wir sind so tolerant, wir wollen, daß die Leute, die anderer Meinung sind als wir, abhauen, damit die Welt toleranter wird.“ Merkt ihr schon, oder?
Ein großes Plakat der Gegenseite behauptete, 77% aller Abtreibungsgegner seien männlich. Man muss nur die zahlreichen Photos vom Marsch für das Leben anschauen, um zu sehen, daß gleich viel Frauen wie Männer dabei sind.
Die Teilnehmer am Marsch für das Leben sind keine homogene Gruppe. Sowohl konfessionell als auch politisch bin ich mit einem Teil davon durchaus nicht einig. Aber darum geht es ja nicht. Was uns eint, ist die unbedingte Achtung des menschlichen Lebens.
Ziemlich am Anfang sprach mich eine Frau an, ob das anstrengend sei, den Ordnerdienst zu machen. Ich sagte ihr ehrlich: „Ich mache das gern. Ein wenig anstrengend ist es, und manchmal ist man mit sehr gemeinen Anschuldigungen konfrontiert, dann muss man ruhig bleiben.“ Darauf sie: „Dann musst du die segnen.“ Recht hat sie – was ich zwar schon wußte, mir aber dennoch immer wieder gern ins Gedächtnis rufe.
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