Sonett, in einem ungelüfteten Warteraum geschrieben

Flucht

Die Heimat ausgelöscht von Mörderbanden.
Viertausend Kilometer weit geflohen,
Und bis hierher dringt jener Feinde Drohen –
Dort töteten sie alle, die sie fanden.

Ein kleiner Film aus guten Tagen, frohen:
Ein Hochzeitsfest, ein Tanz. Die Kämpfe branden
Im Jahr darauf. Die bunten Kleider schwanden.
Voll Blut die Straßen, und die Dächer lohen.

Hier wird von grauer Ämter grauem Zwang
Erfasst und mürb gemacht, oft stundenlang,
Beim Warten auf Berechtigung zum Leben.

Ich bin dabei. Ich halte mit ihr aus
Den lähmend-lahmen Bürokratengraus.
Ich bin dabei. Mehr kann ich ihr nicht geben.

© Claudia Sperlich

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Termin um 10.30 Uhr

Wegen Sanierungsarbeiten im Lageso Turmstraße sind Teile der Verwaltung ins ICC Berlin ausgelagert.

Wer dort um 10.30 einen Termin hat, kann folgendes erleben.

Zunächst wird man „nach vorne“ geschickt, von dort zurück an einen Schalter, an dem man die Auskunft bekommt: Es ist zwar richtig, daß man im ICC ist, denn die Organisation findet derzeit hier statt. Man muss aber nach dem Ankunftsvermerk und dem Versehen mit einem blauen Armband zur Turmstraße. Dort darf man aber nicht mit den Öffentlichen hinfahren, was eine halbe Stunde dauert, sondern man muss in einem Wartesaal auf den Zubringerbus warten. Auf die Frage, wann der kommt, erntet man ein wortloses Schulterzucken. Gegen 13.15 Uhr wird man dann tatsächlich zum Bus geleitet und kommt nach weiterem Herumstehen und einer immerhin bequemen Fahrt um 14.00 Uhr in der Turmstraße an. Dort sitzt man eine weitere Stunde in einem Zelt herum, dann noch eine ganze Weile in einer Blechbaracke und schließlich noch ein halbes Stündchen auf dem Flur vor der Tür, durch die man dann endlich gehen darf. Der Dolmetscher spricht einen Dialekt, den man nicht versteht; bis die passende Dolmetscherin kommt, ist noch einmal eine Viertelstunde vergangen, in der die Begleiterin immerhin einiges Wichtige bezüglich Meldepflicht geklärt hat.

Dann geht es – immerhin – freundlich, sachlich und flott, man bekommt wichtige Informationen und eine Karte, mit der man im Erdgeschoss Geld holen kann, allerdings muss man dort wieder einmal anstehen, und zwar an einer richtig langen Schlange. Die Begleiterin geht, sie wird ja hierbei nicht mehr gebraucht.

Es ist 16.15 Uhr, als sie das Lageso-Gelände verlässt.

Arme Seve. Arme Begleiterin.

Aber als Begleiterin bin ich nun doch sehr froh. Es ist ein großes Stück Bürokratie abgehakt. Das nächste Stück ist das Meldeamt – und die kuriose Auskunft, daß Seve keinesfalls Montag, am frühestmöglichen Termin, ihrer Meldepflicht nachkommen darf, sondern erst, wenn da mal ein Termin frei ist – vielleicht im August. Oder später. Mal sehen.

Nun, darum kümmere ich mich Montag. Denn so geht es ja nicht. Sie muss ja gemeldet sein.

ABER SAG MAL, STAAT – BIST DU EIGENTLICH TOTAL IRRE GEWORDEN? HÄ?

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Herzlichen Glückwunsch, Tobias!

O jubelt laut! Vor vierzig Jahrn geboren
Ist uns ein frommer edler Germanist,
Den Gott zu Seinem Streiter hat erkoren –
Ein Blogger, Popculteur und frommer Christ!

Tobias, unterm gelben Banner schreite,
Wenns geht und Gott es will, nochmal so lang
Und länger. Um katholisch-bunte Weite
Ist Deinen Lesern sicherlich nicht bang!

Bleib treu im Glauben – brauch ich nicht zu sagen,
Bleib treu der Liebsten – klar, Du bist dabei!
Mit Dir ist gut den neuen Aufbruch wagen,
Katholisch, klar und in der Seele frei!

© Claudia Sperlich

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Offener Brief an Herrn Sternberg

Am 20. Mai ließ Thomas Sternberg, Prädident des ZdK, gegenüber der Welt verlauten, die in Erwägung gezogene getrennte Unterbringung von christlichen und muslimischen Flüchtlingen sei ein „verheerendes Signal“. Wenn man Flüchtlinge hierzulande „nach Religion getrennt unterbrächte, würde man dem Eindruck Vorschub leisten, wir seien nicht fähig zur friedlichen Koexistenz“. Man dürfe nicht „den Irrglauben schüren, dass Christen und Muslime nicht gut zusammenleben könnten“.

Ich erfuhr das am 21. Mai und schrieb dem Herrn Sternberg eine Mail. Die wurde bis heute nicht beantwortet. Ich hatte zunächst den Katholikentag und einige Tage der Nacharbeit abgewartet, aber – ZdK und Sternberg schweigen immer noch.

Ich schweige aber nicht. Dies schrieb ich an den Präsidenten des ZdK, von dem ich nicht vertreten werden möchte:

Sehr geehrter Herr Sternberg,

ich bin fassungslos über Ihre Äußerung, man dürfe christliche Flüchtlinge nicht von muslimischen Flüchtlingen getrennt unterbringen, um nicht „dem Eindruck Vorschub [zu] leisten, wir seien nicht fähig zur friedlichen Koexistenz“.
Wie Sie genau wissen (vorausgesetzt, Sie lesen die Zeitung), kommt es in Flüchtlingsheimen immer wieder zu Drangsalierung von nicht-muslimischen Flüchtlingen durch muslimische Flüchtlinge.

Es geht um Mobbing, Gewalt, auch sexueller Natur, und Morddrohungen. Das seriös arbeitende Hilfswerk Open Doors berichtet seit langem über derartige Übergriffe. Drei von vier nicht-muslimischen Flüchtlingen melden derartige Vorfälle, die meisten Betroffenen sind Christen.

Und da wagen Sie zu sagen, man müsse erst mal abwarten, bis ein Geschundener sich traut, Meldung zu machen, und dann den Kladderadatsch die ohnehin überforderten und oft auch parteiischen Hilfskräfte in den Erstaufnahmen irgendwie bereinigen lassen?

Aus welchem bequemen Sessel heraus kümmern Sie sich denn?

Ich beherberge seit einiger Zeit eine Jesidin, die auch nicht als Touristin nach Deutschland gekommen ist. Sie war vorher fünf Monate lang in einer Notunterkunft mit 200 Menschen und berichtet zwar selbst nicht von Übergriffen, aber von ihrer beständigen Angst vor muslimischen Männern. Sofern Sie sich mal informieren, können Sie vielleicht auch erahnen, warum eine Jesidin aus Shingal (oder ein Christ aus Mossul, um nur zwei Beispiele zu nennen) eventuell einfach Angst vor Moslems hat. Sich davorstellen und sagen „Ei nun, du musst aber keine Angst haben, der tut nichts“ ist aus der Position eines in Sicherheit und Frieden lebenden Deutschen, dessen Kopf auch dann auf den Schultern bleibt, wenn er täglich vor aller Augen zur Messe geht, erbärmlich.

Wie es ist, dergleichen zu sagen, wenn zahlreiche Übergriffe bewiesen sind und kein Ende in Sicht ist, sage ich hier nicht, denn dafür habe ich nur justiziable Ausdrücke.

Ich gelte als höflicher Briefschreiber. Ich bin um Ihretwillen bereit, diesen Ruf aufzugeben. Mein Zentralkommittee sitzt übrigens in Rom, nicht in Deutschland.

Beste Grüße
Claudia Sperlich

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Blumen vor der Kirche

Die beiden Rundbeete vor St. Marien in Friedenau sind immer wieder eine Freude. Rosen und Lavendel blühen, und in der Mitte eines jeden Beetes steht ein schlankes Bäumchen.
Alle diese Pflanzen haben in irgendeiner Weise mit Maria zu tun. Die Rose ist ohnehin die Marienblume par excellence, der Lavendel hat ikonographisch auch mit ihr zu tun, und viele dieser Züchtungen nehmen zudem im Namen auf die Gottesmutter Bezug.

Blassrosa Rose
Lavendel
Rosa Rose
Prunus

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Völkermord darf Völkermord heißen.

Mit Spannung folgte ich eben der Bundestagsdebatte zu Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916.

Der Deutsche Bundestag verneigt sich vor den Opfern der Vertreibungen und Massaker an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten des Osmanischen Reichs, die vor über hundert Jahren ihren Anfang nahmen. Er beklagt die Taten der damaligen jungtürkischen Regierung, die zur fast vollständigen Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich geführt haben. Ebenso waren Angehörige anderer christlicher Volksgruppen, insbesondere aramäisch/assyrische und chaldäische Christen von Deportationen und Massakern betroffen. Im Auftrag des damaligen jungtürkischen Regimes begann am 24. April 1915 im osmanischen Konstantinopel die planmäßige Vertreibung und Vernichtung von über einer Million ethnischer Armenier. Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist. Dabei wissen wir um die Einzigartigkeit des Holocaust, für den Deutschland Schuld und Verantwortung trägt. Der Bundestag bedauert die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches, das als militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reichs trotz eindeutiger Informationen auch von Seiten deutscher Diplomaten und Missionare über die organisierte Vertreibung und Vernichtung der Armenier nicht versucht hat, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu stoppen. Das Gedenken des Deutschen Bundestages ist auch Ausdruck besonderen Respektes vor der wohl ältesten christlichen Nation der Erde.

Bundestagsabgeordnete, insbesondere solche mit türkischem Familienhintergrund, hatten im Vorfeld der Debatte massive Drohungen – auch Morddrohungen – erhalten. Die türkischen Nationalisten, die das getan haben, sind erbärmlich – und zwar unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft haben oder nicht.

Sie sind zudem auch dumm. Denn was könnte den Bundestag mehr zusammenschweißen in seiner Meinung über den Völkermord an den Armeniern, als der Versuch durchgeknallter Erdoğan-Fans, eine immer noch demokratische Regierung zu stürzen (denn darauf kommen solche Taten heraus)?

Daß es sich in der Tat um Völkermord handelt, meinen alle Redner. Zu blöd, daß Gysi vor seinen durchaus sinnvollen Aussagen noch eine Menge nicht zum Thema gehörende Dinge schwafelt – zum Beispiel, wie gut die DDR war und wie bös die BRD bezüglich Aufarbeitung der Nazizeit. Es ist mir nicht bekannt, daß die DDR den Antisemitismus wirklich bekämpft und die christlichen Märtyrer der Nazizeit wirklich anerkannt hat.

Cem Özdemir ist der erste Redner, der die Höflichkeit besitzt, die anwesenden kirchlichen Würdenträger begrüßt und ihnen dankt. Er spricht substantiell, mit historischem Fachwissen und großer Menschlichkeit. Martin Pätzold – der seine armenischen Wurzeln zur Sprache bringt und die Notwendigkeit eines Versöhnungsprozesses – ist als letzter Redner der zweite dieser Art.

Insgesamt gab es viel Seichtigkeit und Entfernung vom Thema und in einem Fall sehr billige Kollegenschelte. Aber die Qualität der Redebeiträge ist weniger wichtig. Hauptsache bleibt – alle definieren Völkermord als Völkermord. Mit überwältigender Mehrheit wird der Antrag angenommen.

Die Bundeskanzlerin war nicht anwesend.

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Völkermord ist Völkermord.

Den folgenden Artikel habe ich schon vor einem Jahr geschrieben und nun nur wenig überarbeitet. Während ich das tat, konnte man im Internetauftritt der Bundesregierung lesen:

Die nächste Plenarsitzung beginnt am Donnerstag, 2. Juni, um 9 Uhr mit der ersten Beratung eines Gesetzentwurfs zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes. Es folgen Debatten zur Bekämpfung des Menschenhandels, zum Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und zur Riester-Rente und gesetzlichen Rentenversicherung. Über das Integrationsgesetz wird erstmals am Freitag, 3. Juni, beraten.

Die Formulierung lässt immerhin hoffen: Wenn eine Debatte über das Gedenken an einen Völkermord angekündigt wird, kann man schlecht hinterher behaupten, es sei eine Debatte um keinen Völkermord gewesen. Denn genau darum geht es ja: Kuscht die Bundesregierung vor dem Neo-Osmanen Erdoğan und leugnet den Genozid an den Armeniern, oder wird sie nachweisen, daß sie noch so etwas wie Anstand und ein Gesäß im Beinkleid hat?

Der türkische Staat – das Osmanische Reich und sein Rechtsnachfolger, die Türkische Republik – leugnet, was längst bewiesen ist: den Völkermord an den Armeniern.
Ich möchte mich hier nicht darauf einlassen, ob es nun wirklich 1,5 Millionen waren oder nur eine Million oder gar nur einige hunderttausend Armenier – denn was wäre der moralische Unterschied? Ist das gezielte Abschlachten unschuldiger Menschen nicht ganz so schlimm, wenn es nicht ganz so viele trifft? Ganz abgesehen davon, daß die hohe Zahl deutlich erwiesen ist, ist es unanständig, die Diskussion um Opferzahlen mit moralischen Erwägungen zu verknüpfen.

Vielleicht weiß Erdoğan tatsächlich nichts davon, daß am 24. April 1915 ein Völkermord an den Armeniern durch die Türkei begann. Ich halte diese Ausblendung der Wirklichkeit bei ihm für möglich, da er auch in anderer Hinsicht wenig Bezug zur Realität hat (vgl. seine Stellung zu Demonstrationen, zu schweren Übergriffen der Polizei, zum Recht auf Meinungsäußerung und zur Entdeckung Amerikas sowie die unsägliche Großmannssucht, die aus seinem Palazzo spricht). Vielleicht ist er auch nur verlogen. Aber selbst wenn wir davon ausgehen, daß er aus Unwissenheit dem Heiligen Vater so töricht über den Mund gefahren ist, als der Genozid Genozid nannte – selbst dann ist Erdoğans Verhalten schuldhaft. Wer ein so hohes Amt bekleidet, hat die Pflicht, sich zu informieren. Die Pflicht zu Wahrheit und Gerechtigkeit hat jeder Mensch. Keiner dieser Pflichten kommt Erdoğan nach. Er ist damit als Staatsoberhaupt ungeeignet.

Eindeutige Beweise liegen vor.
Der Photograph Armin T. Wegner hat den Genozid sorgfältig dokumentiert, um der Welt dies Greuel vor Augen zu führen. Ich empfehle, mit seinem Namen im Internet auf Bildersuche zu gehen – und zu überlegen, ob die Bilder verhungerter, gekreuzigter, geköpfter Armenier auf einen bedauerlichen Betriebsunfall hinweisen, wie die Türkei es gern darstellt, oder doch auf einen Genozid. Es gibt eine englischsprachige Seite, von einem nur mit dem Pseudonym Holdwater auftretenden Menschen, der in von Leugnern der Shoa gewohnter Rhetorik sehr wortreich erklärt, es habe nie einen Genozid an den Armeniern gegeben, und wenn überhaupt Greuel geschehen seien, so seien sie von den Kurden, nicht Türken, verübt. Hier wird eine widerwärtige Geschichtsklitterung betrieben – bis hin zum Verschweigen der Tatsache, daß Kurden, die die Deportation der Armenier durchführten und zahlreiche Greuel verübten, im türkischen Auftrag handelten. (Bitte beachten: Ich rede nicht von der Gesamtheit aller Kurden, sondern von denen, die sich hierfür hergegeben haben.)

Das Konzentrationslager Deir ez-Zor, in dem zahlreiche deportierte Armenier (vor allem Frauen und Kinder; die Männer waren bereits ermordet worden) verhungerten, ist real; die Gebeine der Opfer sind in einer Kapelle nicht weit von Deir ez-Zor bestattet.
Die hervorragende Dokumentation Aghet – Ein Völkermord führt das klar vor Augen; lesenswert und mit zahlreichen Quellen versehen ist auch der Wikipedia-Artikel. Auch Franz Werfel hat für sein lesenswertes literarisches Denkmal für die Armenier gründlich recherchiert.

Erdoğans Behauptungen führen eine lange türkische Tradition fort. Auch Kemal Atatürk – der sich über den Sachverhalt vollkommen klar gewesen sein muß – behauptete zwar auf den Tag genau fünf Jahre nach Beginn des Genozids:

Dass solche [Massaker] an Armeniern vorkamen, ist ausgeschlossen. Wir alle kennen unser Land. Auf welchem seiner Kontinente wurden oder werden Massaker an Armeniern verübt? Ich möchte nicht über die Phasen am Anfang des [Ersten] Weltkrieges sprechen, und ohnehin ist auch das, worüber die Entente-Staaten sprechen, selbstverständlich keine der Vergangenheit angehörende Schandtat. Mit ihrer Behauptung, dass derartige Katastrophen heute in unserem Land verübt würden, forderten sie von uns, davon Abstand zu nehmen.

Beschimpfungen des Andenkens an Atatürk sind in der Türkei strafbewehrt, ebenso die „Beleidigung der türkischen Nation„. Beide Gesetze sind Gummiparagraphen; erfahrungsgemäß wird jede kritische Äußerung von der türkischen Justiz nur allzugern als Beschimpfung oder Beleidigung Atatürks oder der türkischen Nation (in der Regel wohl abzüglich der Christen, Juden und Armenier, auf die es dem türkischen Staat nicht so ankommt) gehandelt.

Ein Staat, der kritische Stimmen grundsätzlich als Beleidigung ahndet und das mit selbst für tatsächliche Beleidigungen unverhältnismäßigen Gefängnisstrafen belegt, darf nicht Mitglied einer demokratischen Vereinigung von Staaten werden. Er kann es auch nicht – denn Mitgliedschaft, gleich ob im Schrebergartenverein oder in einem Staatenbund, bedeutet Zustimmung zur Satzung. Sollte ein Staat in die EU aufgenommen werden, der sich gegen Rede- und Pressefreiheit, gegen Regimekritik und gegen die Ahndung von Unrecht mit Händen und Füßen wehrt, so ist die EU weniger wert als das Material, auf dem ihre Verträge stehen.

Neuerdings steht an der Seite der um die Mitgliedschaft in der EU buhlenden Türkei mit der Einschätzung, ihr Rechtvorgänger habe keinen Völkermord begangen, ausgerechnet die UNO. Ban Ki-Moon sagt, diese Tat stelle zwar ein grausames Verbrechen dar, aber er schließe sich der Aussage des Papstes nicht an. Der Heilige Vater hatte klar von Genozid gesprochen. Das Wort Genozid stammt von Raphael Lemkin, der damit genau was? Ja richtig: Den Mord an den Armeniern durch das Osmanische Reich beschrieb. Für die UNO erarbeitete Lemkin einen Gesetzesentwurf für die Bestrafung von Völkermord – aus genau diesem Anlaß.

In Glaube, Hoffnung und Liebe bin ich den Armeniern verbunden, den Märtyrern jenes Genozids ebenso wie den lebendigen Zeugen christlicher Kultur. Ich hoffe und bete, daß ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahre. Solange Erdoğan am Ruder ist, ist diese Hoffnung leider gering.

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Nicht nur im Mai: Rosenkranz

Vor einiger Zeit wurde ich gebeten, das jeden Samstag in meiner Gemeinde stattfindende gemeinsame Rosenkranzgebet zu leiten. Das verstand ich als Ansporn, mich neu auf diese schändlich vernachlässigte Meditation einzulassen.

Rosenkranz

Auf Kathpedia findet man einen sachlichen Artikel über den Rosenkranz – eine Gebetsform, die sich vom 11. bis zum 15. Jh. aus frühkirchlichen Reihengebeten entwickelte. Die heutige Form schuf der Kartäuser Dominikus von Preußen (um 1384-1460) – die in das Ave Maria eingeflochtenen Clausulæ (auf Deutsch etwas unscharf „Geheimnisse“) schuf er als Gedächtnisstütze, um sich zu vergegenwärtigen, worum es in dem betrachtenden Gebet ging.

Jesus und Maria 2

Für mich ist der Rosenkranz eine Gebetsform, bei der ich Jesus gleichsam durch Marias Augen betrachte und mir Seine Heilstaten immer bewusster mache. Mir hilft dabei auch, nach dem Vaterunser betend über das jeweilige Geheimnis nachzudenken – zu versuchen, es mir wirklich vor Augen zu führen, was Gott für mich getan hat.

Rosenkranz

Denn darum geht es. Er hat sich vollkommen machtlos gemacht, als befruchtete Zelle, als Kind, und später als Gefangener, Gefolterter, Gekreuzigter. Er handelt mit höchster Souveränität als Lehrer und Heiler, als Auferstandener, der den Heiligen Geist sandte und der wiederkommen wird in Herrlichkeit. Er hat eine Frau zu Seiner Mutter gemacht – und sie hat mit ihm gelitten, als Er am Kreuz starb. Er hat sie mit dem Auftrag „Siehe, das ist dein Sohn“ zur Mutter eines Jüngers gemacht und damit zur Mutter aller Jünger – aller Christen. Ihre Fürbitte können wir vertrauensvoll erbitten. Das alles kommt im Rosenkranzgebet zur Sprache.

Der Rosenkranz betrachtet Jesus durch die Augen Marias, umarmt Jesus mit Marias Armen. Während des Rosenkranzgebetes kann verschiedenes geschehen: man kann innerlich zur Ruhe kommen, die Flut der Gedanken kann sich beruhigen und ordnen, neue Gedanken können hervorkommen. Man kann den Glauben festigen und besser begreifen. Zorn und Enttäuschung können durch das Rosenkranzgebet gemildert werden – zuweilen bis dahin, daß man beim letzten Amen ganz versöhnlich gestimmt ist.

VERBUM DOMINI MANET IN AETERNUM

Der Rosenkranz ist für mich nicht die wichtigste Gebetsform von allen – aber eine sehr wichtige, die phasenweis mehr oder weniger Bedeutung für mich hat und die ich generell mehr pflegen will. Zum Beispiel, indem ich in St. Marien in Friedenau am Samstag um 17.45 vorbete. Es wäre schön, wenn ich dabei nicht ein Viertel der Anwesenden und nicht die Jüngste bin.

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Vive la Pucelle!

Jeanne d’Arc, die Heilige aus Domrémy, wurde von Freunden wie Feinden auch schlicht la Pucelle, das Mädchen, genannt.

Sie wurde vor 585 Jahren nach einem windigen Prozess voll Verfahrensfehler verbrannt. Ihre Hauptankläger starben unrühmlich: 1438 fand man den Leichnam des Promotors Jean d’Estivet in einer Jauchegrube. 1442, gute elf Jahre nach Jeannes Tod, starb der Bischof Pierre Cauchon an einem Herzschlag, während er rasiert wurde.

Ihre Mutter durfte den erfolgreichen Rehabilitationsprozess 1449/50 noch erleben. Die zahlreichen Aussagen zu ihren Gunsten waren im Gegensatz zum Prozess widerspruchsfrei. Unter anderem sagte Thomas Marie, Prior des Stiftes Saint-Michel bei Rouen:

Wo es keinen freien Richter gibt, ist weder der Prozeß noch das Urteil gültig.

Bruder Ysambert de la Pierre, Priester vom Orden der Predigerbrüder zu Rouen, sagte aus:

Als man sie als verstockte Ketzerin und Rückfällige brandmarkte, antwortete sie öffent­lich, vor allen Beisitzern: „Das wäre mir nie geschehen, wenn Ihr, Ihr Herren der Kir­che, mich in Euer Gefängnis gebracht und mich dort bewacht hättet!“
Nach Aufhebung dieser Sitzung, als die Richter auseinandergingen, sagte der Bischof von Beauvais zu den draußen wartenden Engländern: „Farewell, seid guten Mutes! Es ist vollbracht.“
Als sie ihrem Ende nahe war, bat und flehte das fromme Mädchen inständig und de­mütig, ich sollte in die nächste Kirche gehen, um ihr von dort ein Kreuz zu bringen, um es emporzuhalten, ihr vor die Augen, bis zum letzten Atemzug, damit das Kreuz, an dem der Heiland hing, unausgesetzt vor ihrem Blick bliebe, solange noch Leben in ihr war. Während sie schon in Flammen stand, rief sie unaufhörlich bis zuletzt mit lauter Stimme den Namen Jesu, dann rief sie flehend und unablässig die Heiligen des Paradieses um Hilfe an. Und dann – zum Zeichen ihres inbrünstigen Glaubens an Gott – brachte sie, noch als sie ihr Haupt neigte und ihren Geist aufgab, den Namen Jesus hervor, so wie wir es von dem Heiligen Ignatius und anderen Märtyrern lesen.
Sogleich nach Jeannes Tod kam der Henker zu mir und meinem Begleiter, Bruder Martin Ladevenu; er war von wunderbarer Reue und entsetzter Zerknirschung bewegt und völlig verzweifelt, da er fürchtete, niemals mehr Gnade und Verzeihung oder Nachsicht vor Gott zu finden. Der Henker versicherte und beteuerte, daß trotz des Öls, des Schwefels und der Kohle, die er zur Verbrennung der Eingeweide und des Herzens hinzugetan hatte, das Feuer diese nicht verzehrt, und weder die Eingeweide noch das Herz in Asche verwandelt worden waren, worüber er sich erstaunte wie vor einem offensichtlichen Wunder.

Ihre Heiligsprechung erfolgte zwar erst im 19. Jh. – dargestellt wurde sie schon weit früher immer mit einem Heiligenschein.

Jeanne d’Arc ist vorbildhaft für mutiges Bekenntnis und Verteidigung des Glaubens und der Freiheit. Vielleicht deshalb ist sie Schutzpatronin des Rundfunks.

Heilige Johanna, bitte für uns.

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Helfen, beten, Hilfe erfahren

Als ich neulich zum stillen Gebet in die Kirche kam, war dort eine Schar Kinder im Vorschulalter. Eine Katechetin sprach mit ihnen gerade das Vaterunser und dann das Ehre sei dem Vater. Zuletzt erklärte sie ihnen, daß wir beim Verlassen der Kirche noch einmal knien vor Jesus, der alles Leid für uns getragen hat, und die kleinen Knöpfe machten ihre Kniebeuge (einer zwar in Richtung Tür, aber was soll’s).
Ich sprach die Lütten an, bat sie um Fürbitte für eine Frau, die bei mir wohnt, die von weit weg kommt und in ihre Heimat nicht mehr kann, weil da alles kaputt ist. Bat: Wenn ihr heute euer Nachtgebet sprecht, denkt doch bitte auch an sie, der Staat macht Schwierigkeiten.
Die Kinder nickten, die Katechetin sagte zu: Ja, das machen wir, das werd ich auch machen.

Tags darauf war ich mit Seve beim Amt, und wir gerieten an einen Sicherheitsmann, der echtes Interesse zeigte, die Managerin informierte, sich mit ihr und uns an einen Tisch in einem fast leeren Verwaltungszelt setzte – und siehe da, alles löste sich. Sie gab echte, gute, hilfreiche Hinweise, erklärte geduldig, verstand. Dann ging sie wieder, und der Sicherheitsmann, ein Jordanier, diente als Dolmetscher und Zuhörer und gab noch einige wertvolle Tips.

Wir hatten damit die größten und verworrensten Schwierigkeiten, was die Wohnberechtigung angeht, vorläufig gemeistert. Seve hatte sich einiges auch von der Seele reden können.

Eine Jesidin, eine Christin, ein Moslem einträchtig an einem Tisch. Guter Rat, betroffenes Zuhören und Übersetzen, echtes Mitleid und gutes Tun. Seve berichtete von mehreren Untaten des IS. Ich sah, wie der Sicherheitsmann um Fassung rang, bevor er übersetzte.

Dank sei allen, die für uns gebetet haben. Dank sei Gott.

Es gab und gibt weitere Schwierigkeiten, sowohl durch die immer noch – und wohl noch lange – hohe Sprachbarriere als auch durch immer neue schlechte Einfälle des Lageso; der neueste ist, soweit ich Seve verstanden habe, eine Abmeldung durch Lageso, zwei Wochen ehe sie überhaupt das Recht bekommt, sich irgendwo anders anzumelden. Für mich heißt das: Morgen oder übermorgen muss ich wieder zum Amt und hoffe inständig, dort nicht laut zu werden. Insgesamt heißt es, daß ich vermutlich weiterhin und immer mal wieder mit einem Fuß im Gefängnis stehe, weil ich diesen Staat entlaste und einem Menschen helfe.

Es gibt aber auch weiter Menschen (MuKhi und andere), die durch Rat und Tat und Gebet helfen. Es wird sie auch geben, wenn ich, was mich nicht wundern würde, tatsächlich wegen irgendeines Verstoßes gegen Gesetze, die zu kennen und zu verstehen ich nicht wahnsinnig genug bin, eine Weile im Knast verbringe (Notiz an mich selbst: Schreibzeug mitnehmen).

Zeitweise komme ich an meine Grenzen. Ich habe auch eigene Schwierigkeiten zu lösen und muss aufpassen, daß die nicht auf der Strecke bleiben. Aber was solls! Frau Merkel hat es wohl anders gemeint, aber ich zitiere:

Wir schaffen das.

Und ich füge hinzu:

Mit Gottes Hilfe. Amen.

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