Macht die Pandemie dumm?

Ich bin weder Virologe noch Psychologe. Aber ich habe den Eindruck, daß zumindest in den „sozialen“ Medien mehr Unsoziales, mehr Dummes verkündet wird als üblicherweise, und zwar auch von gescheiten Menschen.

Zunächst: Es scheint fast nur noch um Corona zu gehen. Einerseits ist das verständlich. Andererseits ist ja Corona weder das einzige Problem, das die Welt hat (Hunger, Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, vermeidbare Krankheiten, Abtreibung und viele andere Übel bleiben leider virulent, und manch ein persönliches Problem hat sich auch nicht in Luft aufgelöst).

Sodann: Es wird weiterhin behauptet, Corona sei gar nicht so schlimm, Menschen sterben halt eh, wenn sie alt sind, in Italien sterben sie plötzlich alle an allem möglichen anderen, nur nicht an Corona, die zunehmenden Infektionszahlen überall sind kein Grund zur Beunruhigung, und es trifft ja nur die Alten, und naja, die Schwachen. Da zeigt sich eine Mischung aus Wegschauen und Sozialdarwinismus, von der mir ernsthaft übel wird (und das ist kein Corona-Symptom, es kommmt wirklich urplötzlich beim Lesen solcher Aussagen und beim Schreiben dieses Absatzes).

Schließlich werden auch innerhalb der mir lieben und heiligen katholischen Kirche Dinge gesagt, die von Dummheit bis Bosheit reichen. Man könne ja, um die Gottesdienste nicht ausfallen zu lassen, drei statt eines Gottesdienstes in der Osternacht feiern. (Sagt mal, liebe Schwestern und Brüder, glaubt Ihr, mit dem Prägemal der Weihe geht die Superkraft einher, auf Schlaf zu verzichten und dabei voll konzentriert zu bleiben?)

Dann gibt es noch die Scherzkekse (in allen Arten der Weltanschauung oder Religion), die alle Asylsuchenden / Rechten / Linken / Politiker / Andersdenkende zum Spargelstechen abkommandieren wollen (mithin wollen, daß die meisten Asylbewerber schwarz arbeiten, weil sie noch gar keine Arbeitserlaubnis haben). Weil „die ja eh nichts tun“. Und dann wird auf Einwände gesagt: Nein, man habe nicht „alle“ gesagt. Klar gebe es hie und da einen Anständigen. Oder auch: Man kenne diese Leute, man habe Erfahrungen. Die seien alle so (faul, überheblich, ungebildet etc.).

Und schließlich gibt es die Äußerung, ein Virologe, der Morddrohungen erhält, habe sich eben zu weit aus dem Fenster gelehnt. Von einem ganz und gar nicht dummen Menschen geschrieben! Herrschaftszeiten… Gehts noch?

Merkt Ihr was? Mich macht die Pandemie – nein, nicht die Pandemie selbst, aber eine Folge davon – zornig. Und ja, tendenziell leider auch dumm, wenn ich nämlich meine Rachsucht gegenüber einigen besonders argen Schwätzern nicht bändige, sondern in der Diskussion äußere.

Den Abstand von zahlreichen Zeitgenossen will ich nach Möglichkeit nicht nur bis zum Ende der Pandemie einhalten. „Distanz, oder ich morde“, soll Ingeborg Bachmann gesagt haben. Mord halte ich zwar für ein bißchen übertrieben, aber zubeißen könnte ich, als ultimativen Beweis, daß zu viel Nähe nicht guttut.

Ich werde Facebook weiterhin als Multiplikator nutzen. Es gibt ja Leute, die gerne bei mir lesen. Diskutieren will ich dort voraussichtlich bis Pfingsten nicht mehr, zum Schutz vor fremder und eigener Dummheit. Mein Glaube an den Herrn und an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist ungebrochen. Daß aber die Pandemie am Ende Gutes im Menschen hervorbringt, daß sie allgemein demütiger und sanfter und genügsamer macht – das glaube ich nicht ohne Beweis, und „da luur man op“, wie meine Hamburger Vorfahren sagten.

Eine gesegnete Karwoche wünsche ich ausnahmslos allen. Für manch einen mag es Segen genug sein, mir jetzt nicht nahe zu kommen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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10 Antworten zu Macht die Pandemie dumm?

  1. Xeniana schreibt:

    Das mit den Gottesdiensten hat mich auch sehr gewundert. Drosten und die Morddrohung ist ein Unding, und „Distanz oder ich morde“ klingt sehr aktuell. Aus welchem Buch ist das oder ist es ein Zitat aus einem Interview? Eine gesegnete Karwoche wünsche ich dir.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Woher das Zitat stammt, weiß ich leider nicht – ich habe es irgendwann vor Internetzeiten mal gelesen und dann im Internet in einem Artikel gefunden, in dem es erwähnt wird. Ob es ihr nur zugeschrieben wird oder ob sie es tatsächlich gesagt hat, kann ich also nicht mit Sicherheit wissen.
      Gesegnete Karwoche auch Dir!

  2. Margareta Britz schreibt:

    Zubeißenender gut. Beware, Scherzkekse.
    Love learning the words writers use when they are passionate about their message. This is one of the rare times that scientific facts will dictate how to practise one’s faith in a responsible manner.

  3. ester769 schreibt:

    sorry mal der Vorschlag mit den mehreren Gottesdiensten beinhaltet auch, dass man dabei auf alles verzichtet was überflüssig ist, sprich die ganze Rederei und auch die Lieder zusammenstreicht. Dann hätten wir in der Zeit die normalerweise für einen Gottesdienst „drauf“ geht, eben derer drei!
    Was bitte ist daran verkehrt, wenn Katholiken und andere Christen darauf bestehen das zu tun, was man ihnen seit Jahrhunderten als konstitutiv für ihre Glauben eingebleut (hätte ich fast geschrieben) hat??

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Gegenfrage: Was ist falsch an der Verbreitung einer Seuche?

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Und ja, natürlich: man kann die Osternacht ein bißchen kürzer fassen. Aber lang genug bliebe der Gottesdienst dennoch, wenn es denn eine Osternacht sein soll. Ich fände es äußerst unwürdig, wenn man dann beim dritten Gottesdienst einen gähnenden Priester mit Augenringen hat, der sichtlich nur noch so einigermaßen zelebriert, und am nächsten Morgen dann einen, der sichtlich halb schläft.

        • ester769 schreibt:

          sorry mal dumme Gegenfrage. ist dir der Gottesdienst so wenig wert? und denkst du dass unsere Priester sooooo ausgelastet sind?
          Mir persönlich ist es lieber einen unausgeschlafenen Priester zu haben, als gar keinen!
          Und wo ist das Problem, dass der vorher schläft und danach auch?
          Kenne genug Leute in der Pflege die auch ab und an von der Spätschicht in die Frühschicht wechseln müssen, was maximal 6 Stunden Schlaf bedeutet.

        • Claudia Sperlich schreibt:

          Für die erste Gegenfrage (sie ist wirklich dumm) hier eine klare Antwort: Wenn Du das glaubst, lies bitte andere Blogs, dann hat nämlich die Lektüre dieses Blogs keinen Sinn für Dich.
          Zum zweiten: mir ist ein lebender Priester lieber als ein toter, und ein gesunder lieber als ein kranker.

          Und nein, mehr werde ich darüber zu Dir nicht sagen.

  4. gerd schreibt:

    „Macht Pandemie dumm?“

    Sie kann und wird wohl auch eine Heiden(!)angst verbreiten. Zum Glück sind wir ja katholisch! 😉

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