Was am Katholizismus so klasse ist: Die Ästhetik der Macht!

Den Ausdruck habe ich aus einem Dokument des Synodalen Irrweges; dort heißt es: „Die Ästhetik der Macht zeigt sich in der Liturgie, aber weit darüber hinaus im Erscheinungsbild der katholischen Kirche.“ Und natürlich findet man diese Ästhetik ganz schlimm; kurz darauf ist von Klerikalismus die Rede.

Ich hingegen bin froh, daß die Liturgie von einer Ästhetik der Macht geprägt ist. Denn es ist die Allmacht Gottes, die hier mit den kleinen menschlichen Möglichkeiten „gezeigt“ wird. Natürlich kann man Gott und Seine Allmacht nicht zeigen – aber Er gab uns Phantasie, Anteil an Seiner Schöpferkraft – und deshalb können wir im heiligen liturgischen Spiel auf Gottes Macht (und Seine Güte und Liebe) hinweisen. Die Liturgie ist der Rahmen des unbegreiflichen, heiligen Geschehens, daß Jesus Christus Brot und Wein zu sich selbst wandelt, sich selbst uns ausliefert. „Der Glaube soll den Mangel der Sinne ergänzen“, heißt es bei Thomas von Aquin.

Verliebte können einander nicht hoch genug preisen. Gott ist so verliebt in uns Menschen, daß Er nach unserem Totalversagen Mensch geworden ist, um uns zu erlösen. Menschen, die ihrerseits so verliebt sind in Gott, daß sie Ihm alle Ehre erweisen – und das auf die schönste ihnen mögliche Weise – machen es richtig.

Aber der Klerikalismus! Jesus hat auch nicht prächtige Gewänder getragen!

Die Messe ist kein Reenactment. Der Priester trägt prächtige Gewänder, weil er darunter als Person verschwinden soll – die Pracht gilt dem Herrn, nicht Seinem Diener. (Diese simple Wahrheit wurde zwar schon sehr oft gesagt, aber die Redebeiträge beim Synodalen Irrweg zeigen, daß es noch nicht oft genug war.)

Die Schönheit der priesterlichen Gewänder, der liturgischen Geräte, der Kirchengebäude, einfach aller Dinge, die zur Ehre Gottes dienen, soll ins Auge fallen (und in Ohr und Nase dringen, wie Gesang und Weihrauch). Sie ist aber nicht Teil eines Events zum Amüsement des Menschen, sondern Dienst und Preisung, zu Gottes Ehre zuerst, und dann zur Freude der Menschen, weil es Freude machen soll, Gott zu ehren. Die Ästhetik der Macht ist im katholischen Sinne das, was Menschen tun können, um den unbegreiflich großen Gott doch ansatzweise begreifbar zu machen und zu begreifen.

Unser Verstand ist auf die Sinne angewiesen – was wir nicht mit den Sinnen wahrnehmen können, entzieht sich dem Verstehen. Wir zeichnen Punkte und Linien (die beide keine Ausdehnung haben und also eigentlich nicht darstellbar sind), um mathematische Vorgänge zu erfassen. Wir machen Skizzen, wenn uns die Worte fehlen, illustrieren unsere Gefühle mit Bildern und Klängen. Umgekehrt können wir unsere Gefühle durch sinnliche Wahrnehmung beeinflussen. Musik und bildende Kunst können uns in frohe oder traurige, ausgelassene oder wehmütige Stimmung versetzen. Die Bauweise und Ausstattung einer Kirche ist im Idealfall dazu angetan, ehrfürchtiges Staunen zu erwecken – und zwar nicht zuerst über die künstlerische Fertigkeit, sondern über den, dem das alles gilt, über Gott.

Die Liturgie ist von dieser Ästhetik der Macht geprägt. Der helle Glockenklang zum Einzug, das feierliche Schreiten, die prächtigen Gewänder, die Ministranten (je mehr, desto feierlicher), die Verneigung vor dem Altar und damit vor Jesus Christus (spätestens hier wird klar, daß der Priester sich als Diener versteht) – schon der Beginn einer Messe ist ein ästhetischer Hinweis auf den Allmächtigen. Wir bekennen unsere Kleinheit vor Ihm, hören staunend Sein Wort, feiern Seine Gegenwart. Das Erheben von Hostie und Kelch, Fleisch und Blut des Herrn, ist der feierlichste Augenblick. Daß überhaupt der Herr hier physisch erhoben wird, der Priester niederkniet, ist Zeichen der Ehrfurcht vor Ihm. Zeichen sind wahrnehmbar, sind und haben eine Ästhetik.

Wenn das nun alles wegfiele oder auf alltägliche Schlichtheit verkürzt würde, wenn der Priester in Alltagskleidung aufträte wie eine Mutter, die ihren Kindern die Schulbrote streicht, wäre die Messe vielleicht noch irgendwie freundlich und rührend, aber nicht mehr. Die Wandlung geschähe, aber das Gespür dafür ginge verloren. Das Sumieren der Hostie wäre eine Abfütterung.
Diesen Eindruck der Abfütterung kann man zuweilen durchaus haben. Das ist traurig und lässt auf Mängel schließen – ob in der Katechese, dem Glaubensverständnis oder der Liturgie, ist von Fall zu Fall verschieden. Solche Mängel zeigen erst recht, wie wichtig die Ästhetik zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen ist. Die Liturgie soll uns ja ergreifen, soll uns vor Augen führen, wie Gott ist: unfassbar groß, allmächtig, liebevoll, menschenfreundlich und in der Eucharistie klein und zerbrechlich und zugleich Leib und Seele nährend. Wir sind in der Messe Zeugen und Nutznießer eines unbegreiflich großen, geheimnisvollen, heilsamen, schönen Geschehens. Die Ästhetik der Macht Gottes, so gut Menschen sie eben abbilden können, ehrt Ihn und hilft uns, das wenigstens ansatzweise zu begreifen.

Die Ästhetik der Macht zeigt auf den Allmächtigen – sie zu verkürzen, heißt Ihn mißachten.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Was am Katholizismus so klasse ist: Die Ästhetik der Macht!

  1. ester769 schreibt:

    sehr gut, warum nur ist das, was einfachen gottgeweihten Jungfrrauen und normalen Menschen so völlig einsichtig ist, für studierte Theologen nicht mehr zu begreifen?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Oh, ich kenne durchaus studierte Theologen, die das verstehen. Da gibt es auch so’ne und solche.
      Allerdings befürchte ich, daß im Studium Menschen, die keinen sehr fest eingewurzelten Sinn für Schönheit haben und die nicht gelernt haben, Kunst zu betrachten, viel ästhetisches Empfinden ausgetrieben wird.

  2. emhaeu schreibt:

    Wie das aussieht, wenn das alles wegfällt, kann man mancherorts besichtigen, wenn man etwa einem ökumenischen Schulgottesdienst in der Aula einer Schule beiwohnt. Schlicht, schmucklos, im Mittelpunkt einige theatermässige Vorführungen zwecks Einbeziehung der Schüler.

  3. akinom schreibt:

    Nicht nur die fehlende Ästhetik in der Kirche und im Gottesdienst, die offenbar sogar angestrebt wird, lassen mich schaudern. Auch in der Gesellschaft fehlen nicht nur die Sonntagskleider. Menschen gleichen lebenden Litfaßsäulen, die Kleidung und auch ihre Haut zu Markte tragen. Niemand hat die Möglichkeit, die Augen vor dämonischer Hässlichkeit und Nacktheit zu verschließen. Herr, erbarme Dich. Stell Dein Licht nicht unter den Scheffel und schenke uns und unseren Herzen Schönheit und Ästhetik!

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