Mein ganz naiver Glaube

Die Kirche durchlebt eine schwere Krise, eine Krise des Glaubens, des Vertrauens, verursacht durch alles Mögliche, von schlampiger Katechese bis zu körperlichem und seelischem Mißbrauch Schutzbefohlener. Spaltungen und Häresien gehören zu den Folgen. Statt mit einer demütigen Aufarbeitung haben wir es nun in Deutschland mit dem Synodalen Irrweg zu tun, bei dem Verkündung und Mission keine Themen sind, dafür aber Struktur, Struktur, Struktur. Das ist schauerlich.

Ich frage mich allerdings: Glaubt denn irgendjemand, es habe nie ähnlich schwere Krisen in der Geschichte der Kirche gegeben? Sie ist aus mindestens ebenso schweren Krisen nicht nur siegreich, sondern gestärkt hervorgegangen!

Zur Zeit erlebe ich, daß die Kirche, in die ich als junge Frau begeistert eingetreten bin und der ich als nicht mehr junge Frau mit noch größerer Begeisterung angehöre, Erschütterungen erlebt – teils von einigen sogar hochrangigen Mitgliedern verschuldet, zum größeren Teil als üble Frucht jahrzehntelanger Mängel in der Katechese. Allerdings denke ich bei letzterem Punkt: Wir sind doch alphabetisiert. Wer sich für die Kirche interessiert, kann auch herausfinden, was ihre Lehre ist und bedeutet. Zumal in Internetzeiten, wo man die Schriften sämtlicher Kirchenväter und -mütter, alle päpstlichen Verlautbarungen, Biographien von Heiligen und anderen bedeutenden Katholiken lesen kann, ist „Das hat mir niemand beigebracht“ nah an der faulen Ausrede.

Verbrecher in den eigenen Reihen, ein trotziges Abwenden der Welt aufgrund von mangelnder Katechese und mangelnder Strahlkraft der Kirche;
innerkirchliche Grabenkämpfe zwischen „Tradis“ und „Modernisten“ („Alte Messe und sonst nichts“ gegen „Nächstenliebe und Ökumene retten die Welt“);
eingezwängt in der Mitte eine kleine Schar ganz naiver Gläubiger, die einfach glaubt, wenn Jesus das und das gelehrt hat und für uns gestorben und auferstanden ist, dann ist das einfach so, das glauben wir und Punkt –
so stellt sich die Kirche (nicht nur) in Deutschland derzeit dar, und das sieht nicht schön aus.

Aber sie ist die Braut Christi, auch wenn man das gerade nicht so leicht erkennen kann, auch wenn man dazu meinen möchte „Der Bräutigam hat einen komischen Geschmack“. Er ist mein und ihr Herr und Bräutigam, sie ist meine Mutter und Heimat. Je mehr ich mich lesend, hörend und betend mit ihr beschäftige, desto mehr erkenne ich ihre wunderbare Größe und Güte. Sie ist nicht eine prinzipiell gute Organisation, in deren Reihen leider viele Unfähige und Böse sind, sondern sie ist die gottgegebene Mutter, die auch Böse und Unfähige in ihren Armen hält.

Die Motive des Synodalen Irrwegs kenne ich nicht; ich möchte nicht annehmen, daß sie von Grund auf böse sind. Wahrscheinlich halten die meisten Teilnehmer es für wirklich gut, wenn Liturgie und kirchliche Lehre trivialisiert und beliebig gemacht werden. Aber um die Kirche in ihren Grundfesten zu ändern, muss man davon ausgehen, daß ihre Grundfesten nichts mit Gott zu tun haben. Da frage ich mich aber schon: Warum sollte man sich dann die Mühe machen, die Kirche zu ändern? Wenn sie nicht von Gott kommt, kann man doch auch was anderes machen, was einem leichter fällt und mehr Freude bringt – oder?

Ich glaube, sie kommt von Gott, und ich freue mich darüber. Deshalb bleibe ich in meinem ganz naiven Glauben in der Kirche, bei Jesus Christus, so gut ich es kann.

Die Kirche
Melodie: Wenn ich, o Schöpfer, Deine Macht (GL 463)

Die Kirche steht auf festem Grund,
der Herr hat sie errichtet.
Sie ist des Glaubens treuer Bund,
den keine Macht vernichtet.
Sie ist des Herren liebe Braut,
von Ewigkeit Ihm angetraut,
sie atmet Seine Liebe.

Die Kirche preist zu aller Zeit
den Herrn in allen Sprachen.
Sie öffnet ihre Arme weit,
wo Traum und Bilder brachen.
Sie lehrt die Wahrheit, zeigt den Weg,
sie ist in Weltenflut der Steg
zu Gottes Wort und Liebe.

Die Kirche reicht die Helferhand
den Schwachen und den Kleinen.
Wer zu ihr seinen Heimweg fand,
kann sich mit Gott vereinen.
In ihr ist Christi Leib und Blut,
Versöhnungsdienst und Glaubensgut,
in ihr ist Christi Liebe.

Die Kirche bleibt in Ewigkeit
des Paradieses Pforte.
Sie kämpft und leidet in der Zeit,
bringt Licht an alle Orte.
Sie kommt, wie Gott verheißen hat,
sie ist die goldne Gottesstadt,
erbaut aus lauter Liebe.

Die Kirche hält in ihrem Schoß
mich liebevoll geborgen.
Sie ist im Sturm mein Halt und Floß
und Linderung der Sorgen.
Ich bin getauft, hab an ihr teil,
sie weist allein den Weg zum Heil,
sie weist den Weg zur Liebe.

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Mein ganz naiver Glaube

  1. emmauspilger schreibt:

    Liebe Claudia,

    was man liebt, um das sorgt man sich. So geht es uns sicherlich hinsichtlich der Kirche. All zu oft lässt einen die Sorge den Blick fokussieren – auf das Unmittelbare, das Menschenmögliche und scheinbar Menschenunmögliche.
    Ich bin in Frieden freudig, dass die Kirche nicht nur eine deutsche Kirche ist, welche meint die christliche Welt mit ihrem synodalen Weg retten zu müssen, sondern der Herr sie als allumfassend, eben katholisch, gegründet hat. Was an einem Ort durch das Böse im Menschen zu kranken beginnt, wird von anderswo wieder durch Christus im Menschen zur Heilung geführt. Das ist mein naiver Glaube, der eines Kindes, der seinem Vater glaubt, dass das Böse die Familie, seine Kirche, nie überwinden wird.
    In der Offb 11:2 lesen wir: die heilige Stadt wird zertreten. Für mich ein Beleg, dass zwar die Kirche in der Gesellschaft und in deren Kultur jedwede Bedeutung verliert, aber es im Tempel immer Anbetende gibt. Zwar überschaubar, zählbar, aber um den Altar versammelt, wo Gott wohnt mitten unter ihnen (Offb 11:1).
    Lassen wir uns also nicht den Mut nehmen und beten wir, dass wir alle nicht allzu sehr auf das Problem blicken, sondern auf die Lösung – dem Erlöser. Er wird als Weg uns und seinen Hirten den Weg finden lassen, damit letztendlich alles den Seinen zum Guten gereicht.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank für diesen Kommentar, emmauspilger!
      Meine Antwort auf diese Glaubenskrise und alle Anfeindungen von innen und außen, denen die Kirche derzeit ausgesetzt ist, heißt Gebet und Anbetung. Aber zuweilen antworte ich eben auch – gerade wenn es um den Synodalen Irrweg geht – mit angefressenen Blogartikeln.

  2. gerd schreibt:

    Die mangelnde Katechese blieb nie ohne vereinzelten Widerspruch. Ich (Jahrgang 1960) erinnere mich an meinen Jugendpfarrer, der heftige Dispute in Sachen Religionsunterricht mit seinem Bischof geführt hat und dafür ins Abseits gerückt wurde. Ein Priester der es mit der Katechese ernst genommen hat, galt vielen seiner Mitbrüder(!) als suspekt und zu vorkonziliar, was immer das auch zu bedeuten hat. Diese Kirchenkrise ist eine hausgemachte (niemand von ausserhalb kann eine solche Zerstörung bewirken) und ich wage zu behaupten, dass die, die sie hervorgerufen haben, genau wussten was sie taten. Niemand wird gezwungen die frohe Botschaft zu verwässern und ihres Sinnes zu entledigen. Das geschah wohlüberlegt und strategisch. Was dabei bei den Laien ankam, können wir nun bedauern oder bestaunen. Eine vollkommen Unwissenheit über Glaubensfragen gepaart mit dem Dünkel des scheibar überlegenen eigenen Intellektes über die naiven Gläubigen.
    Wenn Gott einen Grund hat ihrer zu spotten, dann wohl in der heutigen Zeit.

  3. Klaus Kegebein schreibt:

    „[Die Kirche] ist aus mindestens ebenso schweren Krisen nicht nur siegreich, sondern gestärkt hervorgegangen!“ – Stimmt! Nämlich immer dann, wenn sie aus Krisen und Fehler gelernt hat und sich GEWANDELT hat. Zum Beispiel indem sie (viel zu spät) vom Ablasshandel abließ, als sie merkte, dass Luther nicht einfach ein lästiger Mönch, sondern eine ernstzunehmende Gefahr war. Oder beim Zweiten Vatikanum, als die Kirche (im Rückblick auf die Shoah) feststellte, dass der katholische Antisemitismus verkehrt war.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Bitte informieren Sie sich unbedingt über die Rolle des Papstes während der Nazizeit. Und bitte benutzen Sie als Informationsquellen nicht Hochhuth oder die Giordano-Bruno-Gesellschaft, sondern seriöse Quellen.
      Den Satz „Ich bin im Herzen noch viel dichter an Jesus…“ (gemeint ist wohl: als sämtliche Katholiken und Protestanten zusammen) finde ich ausgesprochen hochnäsig. Geistlicher Hochmut ist ja nicht selten, und er kommt leider in allen Konfessionen vor. Vielleicht ist es nicht so gemeint, aber – versuchen Sie doch bitte in Erwägung zu ziehen, daß keiner über den anderen weiß, wie nah sein Herz beim Herrn ist.

      • Klaus Kegebein schreibt:

        Zum Vorwurf der Hochnäsigkeit und des geistlichen Hochmuts:
        Sie schreiben: „…gemeint ist wohl ,als sämtliche Katholiken und Protestanten zusammen‘…“
        Es ist schon erstaunlich, wie sehr Sie mich missverstanden haben! Ich bezog mich auf Ihren Kommentar: „Wer heute irgendetwas ,vorkonziliar‘ nennt, ist vermutlich selbst vorkonziliar – vor Nizäa.“
        Mit meiner Antwort „Ich bin im Herzen noch viel dichter an Jesus…“ wollte ich ausdrücken (und ich denke, dass man das auch verstehen konnte), dass ich mit meinem Herzen nicht so dicht am 2. Vatikanischen Konzil, nicht so dicht an der „vorkonziliaren Zeit“ und nicht so dicht am Konzil von Nizäa bin, wie bei Jesus – dem „Original“ – bin.
        Und das diente lediglich dazu, MEINE Position klarzustellen; das war KEIN Urteil über andere!
        Übrigens: Halten Sie Ihre Bezeichnung „Synodaler Irrweg“ für ein Zeichen von geistlicher Demut? ICH finde das nicht…

        • Claudia Sperlich schreibt:

          Ich habe Sie durchaus richtig verstanden. Für die Bemerkung über den Synodalen Irrweg: der Punkt ginge an Sie, wenn der Synodale Weg mir nicht nach sehr reiflicher Überlegung aus guten Gründen als Irrweg erschiene.
          Lassen wir es damit gut sein.

  4. Klaus Kegebein schreibt:

    @Claudia Sperlich: „Wer heute irgendetwas ,vorkonziliar‘ nennt, ist vermutlich selbst vorkonziliar – vor Nizäa.“ – Wenn ich mich damit angesprochen fühlen soll, dann ist „vor Nizäa“ noch nicht früh genug. Ich bin im Herzen noch viel dichter an Jesus und der urchristlichen Gemeinde – als es noch keine institutionelle Kirche, kein Priesteramt, keine Hierarchie und keinen CIC gab: „Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens.“ (Apg 2,46)
    Das ist MEIN „ganz naiver Glaube“.

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