Heidenrespekt vor der Kirche

Mein Vater Martin Sperlich war bis zu seinem Tode Atheist, und er war mit Leib und Seele Kunsthistoriker. (Wie das zusammenpasst, verstehe ich immer weniger.) Vermutlich durch seine innige Beschäftigung mit Kunst und Kunstgeschichte hatte er vor dem Christentum und der Kirche einen Heidenrespekt. Vieles darin blieb ihm zwar fremd. Aber sein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden, sein Sinn für Schönheit, ließ ihn modernistische Tendenzen in der Kirche (und ganz besonders die Verschandelung des Innenraums so mancher alter Kirchen) sehr argwöhnisch betrachten. Er hatte dabei einen großen Scharfblick für gute moderne Kunst (wer sich mit der Restaurierung des Schlosses Charlottenburg nach dem Krieg befasst, weiß das), und als ich ihm den Dom zu Münster zeigte, war er hell begeistert von Georg Meistermanns Fenstern und wurde geradezu hymnisch vor Bert Gerresheims Kreuzweg.

Aber Kitsch, Plattheit und bloßes Dekor waren ihm zuwider. Von vielen Tischaltären behauptete er, sie wirkten, als sollen darauf Jungfrauen geschlachtet werden – und ich stimme ihm bis heute zu, obwohl ich Novus-Ordo-Messen liebe.

So schüttelreimte er 1972 angesichts der neuen Ausstattung des Würzburger Domes:

Würzburg

Straft uns der HErr mit Wirtschaftswunderplagen,
darf sich selbst in Sein Haus der miese Plunder wagen;

Wie konnte dieser Dom anheim den Laffen fallen?
Weil hier vom „Geist der Zeit“ neumodsche Pfaffen lallen.

Der gerade zu durchleidende Synodale Weg hat zwar nichts mit Kunst zu tun (und das meine ich in jedem Sinne, der einem dabei einfallen mag). Aber mit Zeitgeist. Und genau dies zeitgeistige Geschwätz macht weder vor Dichtkunst noch vor bildender Kunst Halt.

Glauben Sie mir nicht? Sehen Sie selbst, was mir zuflog – eine „Meditation“ zu Beginn der ersten Synodalversammlung.

… nachspüren…
der Kopf gehalten von der Wirbelsäule,
die Augen sind geradeaus gerichtet. Im rechten Winkel zum Leib. Egal ob sie geöffnet oder geschlossen sind,
aufrecht und auf Augenhöhe stehen Sie da.
Die Arme hängen am Rumpf.
Ein paar Minuten dastehen und erwägen, wie Gott, mein Schöpfer und Herr, mich liebevoll anschaut.

„Die Arme hängen am Rumpf“ ist nun zwar preiswürdig, kommt Ringelnatz und seinen Turngedichten nahe – aber ach, das war gar nicht gemeint. Mit ringelnatzschem Humor ausgestattet, hätten ein Synodaler Weggefährte vielleicht gesagt:

Durchhalten!
Kopf hoch! Rückgrat durchdrücken!
Augen geradeaus! Rechtwinklig gucken!
Augen auf oder zu – egal,
Hauptsache aufrecht und auf Augenhöhe!
Die Arme hängen am Rumpf!
Paar Minuten noch! Stehen! Denken!
Gott ist Schöpfer und Herr!
Gott sieht uns, Gott liebt uns!
Wegtreten!

Und dann hätte der Synodale Weg vielleicht eine sicherere und katholischere Gangart. Aber Humor – also die heitere Grundstimmung, die sich erst über sich selbst und dann über die Welt amüsieren kann – scheint dort zu fehlen.

Es geht beim Synodalen Weg bislang wesentlich um die Forderung nach Frauenpriestertum und nach der Aufhebung des priesterlichen Zölibats. Die Frage, ob es katholische Priesterinnen geben darf, ist längst entschieden: Nein, geht nicht. Wer möchte, kann meinen Vortrag hierzu hören. Die Frage nach dem verpflichtenden priesterlichen Zölibat ist etwas schwieriger, da es nicht dogmatisch festgelegt ist und es Fälle von Dispens gibt (in unserer Zeit mehrfach bei verheirateten Pfarrern, die zur Katholischen Kirche konvertieren). Aber in der Debatte geht es gar nicht darum, sondern die Aufhebung des Zölibats wird in einem Atem genannt mit a) Mißbrauch (der ja in Familien, Sportvereinen, Religionsgemeinschaften ohne Zölibat etc. gaaaar niiie vorkommen kann) und b) Frauenpriestertum (das ja sein muss, wegen der Gleichberechtigung und so). Mich nervt das nur noch. Ich versuche dennoch immer wieder, den Leuten mit Logik zu kommen. Aber bei allzu vielen ZdK-affinen Christen renne ich gegen Beton.

Und was hat das jetzt mit Kunst zu tun?

Ich kann keinen Kausalzusammenhang beweisen. Aber ich sehe zuverlässig immer wieder, daß schlechte Literatur, ungelenker Umgang mit Sprache und trivial-hässliche Bildwerke sich bestens mit solchem Gedankengut vertragen und oft aus ihm entspringen. Vielleicht ist es auch umgekehrt und mangelnder Sinn für Schönheit führt zu Logikfehlern und Machtgier.

Mir ist das redliche Bemühen um Wahrheit eines kunstsinnigen alten Atheisten weit lieber als das trotzige Beharren auf vermeintlichem Recht bei sich jugendlich gebenden Christen meines Alters.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Heidenrespekt vor der Kirche

  1. akinom schreibt:

    Ich wünsche mir mehr „Heidenrespekt“ vor und in der Kirche von „ZdK-affinen Christen“ und „Maria 2.0- Updaterinnen“.

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