Fronleichnam

In Berlin ist es kein Feiertag, deshalb finden Messe und Prozession erst abends statt, und in vielen Kirchen wird Sonntag nachgefeiert.

Was wir dort überhaupt feiern, erklären z.B. Josef Bordat und Allotria catholica.

Im vergangenen Jahr habe ich mich über die Fronleichnamsfeier auf dem Gendarmenmarkt und die Prozession zur Hedwigskathedrale schwer geärgert (ich berichtete hier). Dennoch werde ich heute abend wieder zum Gendarmenmarkt pilgern und hoffe einfach, daß der vielstimmige Protest, der dieser unfeierlichen Feier folgte, Wirkung hat. Im Übrigen werde ich mich heuer von keinem Ordner und im Zweifelsfall auch von keinem Bischof daran hindern lassen, den Eucharistischen Herrn kniend zu verehren. Sollte mich jemand wegtragen wollen, nur zu, ich bin fett.

Übrigens bin ich voll Vorfreude und hoffe einfach, daß es diesmal eine schöne und würdige Feier ist, daß wir es in jedem Fall dazu machen. Vorab einige ältere Fronleichnamsgedichte von mir als Hoffnungszeichen:

Fronleichnam am Gendarmenmarkt

I

Mein Herz fasst die Freude nicht,
die Gott mir schenkt –
mein ganzer Leib ist erfüllt
bis in Finger- und Zehenspitzen
von goldener, quellender, leuchtender
Freude aus Gott, meinem Herrn:
Er hat meine Sünden vergeben,
ich darf Seinen Leib empfangen,
ich darf Ihn kniend verehren,
mit Ihm durch die Straßen ziehen.

II

Selbst die Amseln singen heute lauter –
zwar nur weil sie festlichen Gesang
konkurrierend überbrücken wollen,
aber immerhin: Sie sind in Schwung,
wenn bei Wandlung und vor der Monstranz
alle Menschen schweigen vor dem Herrn,
modulieren ungebremst die Amseln,
und mein Ohr hört Gotteslob darin.

© Claudia Sperlich

Fronleichnam

Der Herr zieht vorbei
im strömenden Regen.
Ich knie vor Ihm
auf nasser Straße.
Als Katholikin
bin ich erkennbar
am Fleck auf der Hose
und pfeif auf dem Heimweg
voll heiliger Speise
das Tantum ergo.

© Claudia Sperlich

Herr Jesus, Du läßt Dich von mir verzehren.
Du selbst wirst mir, mein Gott, was Du mir gibst,
Du läßt Dich von mir essen, weil Du liebst,
Du läßt es zu, Du willst Dich nicht verwehren.

Daß Du verdunstest nicht und nicht verstiebst!
Ist Brot und Wein, geschaffen Dir zur Ehre,
Nicht Schöpfer, nur Geschöpf, ist Erdenschwere,
Wie ich, wie was Du kelterst, was Du siebst.

So seh ich Dich, mein Gott, den Überreichen:
Du gibst Dich selbst in den geschaffnen Zeichen.
Du teilst das Brot, schenkst vielen reichlich ein.

Du bist der Gastfreund und bist Trank und Speise.
Ich nehme, esse, trinke – und ich preise.
Du lieferst Dich mir aus in Brot und Wein.

aus: Eucharistie. Sonettenkranz. in Zyklische Sonette, tredition 2016

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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