Eine Gebetszusage und eine Erhörung

Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.
Gal. 3,28
… der uns zu einem Königreich gemacht hat und zu Priestern vor Gott, seinem Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen.
Off. 1,6

Als junge Christin, 22jährig getauft und voll modernistischer Ideen, überzeugt von Jesus Christus, aber nur in Teilen von Seiner Kirche, war ich sicher, die Kirche müsse einmal zur Weihe von Priesterinnen gelangen. Ich liebte die Kirche nicht so sehr als Mutter, sondern als Großmutter, deren Schrullen man eben hinnimmt und der man ab und zu behutsam erklärt, wie das Leben heutzutage geht.

Es kam so weit, daß ich mich ärgerte, wenn der Papst etwas über die Rolle der Frau sagte. Und als ich mich irgendwann Mitte Zwanzig mal wieder sehr geärgert hatte über den armen Papst, der doch einfach nur Leuten wie mir die Position der Kirche verständlich machen wollte, beging ich eine der größten Peinlichkeiten meines Christenlebens: Ich schrieb ihm, daß ich aufgrund Gal. 3,28 und Off. 1,6 nicht nachvollziehen könne, warum Frauen vom Weiheamt ausgeschlossen seien. Daß es ungerecht sei und die Kirche doch Gerechtigkeit verteidige.

Was ich erwartete, weiß ich selbst nicht genau. Irgendein sehr hochmütiger Anteil von mir hätte sich damals aber nicht allzu sehr gewundert, hätte der Vatikan auf mich gehört und alles geändert.

Einige Wochen später bekam ich eine Antwort. Man habe mein Schreiben zur Kenntnis genommen und freue sich, daß ich die Bibel lese; der Heilige Stuhl könne allerdings nichts ändern. Man werde für mich beten.

Ich weiß nicht mehr, welcher Geistliche aus dem päpstlichen Mitarbeiterstab das unterzeichnet hatte. Ich war halb spöttisch-amüsiert, halb enttäuscht, daß nicht der Heilige Vater persönlich gechrieben hatte. Die Gebetszusage empfand ich als Floskel.

Über die Jahre und Jahrzehnte erkannte ich immer besser, wie gut die kirchliche Lehre ist. Den kurzen Briefwechsel aus den 80er Jahren vergaß ich dabei nicht. Realistischer geworden, hielt ich die Antwort für einen Textbaustein, notwendig angesichts tausender übermütiger Mittzwanzigerinnen, andererseits wurde mir deutlich, daß die Gebetszusage alles andere als eine Floskel war. Ich ging und gehe davon aus, daß solche Zusagen von solchen Absendern nicht leichtfertig gemacht werden.

Aber das Thema ließ mich nicht los. Als Bloggerin schrieb ich einst einen Artikel, daß ich einerseits kein überzeugendes Argument gegen Priesterinnen finde, andererseits eine Priesterinnenweihe zu neuer Spaltung führen würde, was ich schlimmer fände als einen eventuellen Mangel der Kirche. (Suchen Sie nicht. Sie werden den Artikel nicht mehr finden.) Nicht viel später fand ich die Argumente für das Priestertum der Frau gar nicht mehr so überzeugend, blieb aber unsicher.

2013 gelangte ich dahin, die kirchliche Lehre voll und ganz zu bejahen. Bekehrung, Geduld, viel Lektüre und viele Gespräche, auch Beichten, waren dem vorangegangen und sollten noch folgen. Ich begriff: Frauen und Männer haben genau die gleiche Würde – und viele gleichartige oder ähnliche sowie einige spezifische Fähigkeiten und Aufgaben. Das allgemeine Priestertum der Gläubigen ist etwas kategorisch anderes als das Weihepriestertum.

Radio Horeb war an meiner Mitarbeit interessiert, wobei es um dies Thema zunächst gar nicht ging. Ich verfasste Vorträge, einerseits weil ich Freude daran habe, anderen die Kirche zu erklären, andererseits weil ich noch viel lieber selbst etwas über die Kirche lerne. Da sagt mir jemand „Du könntest mal was über Thomas von Aquin sagen”, ich sage begeistert Ja, stelle fest, daß ich vom Aquinaten kaum eine Ahnung habe und mache mich daran, das zu ändern. Auf diese oder ähnlich Weise entstehen meine Vorträge fast immer.

Bei dem Thema „Priesterinnen” war es anders. Ich hatte mich lange damit auseinandergesetzt, das Für und Wider abgewogen, Befürworter und Gegner gehört – und auf beiden Seiten umgängliche Vernunftmenschen ebenso gefunden wie fanatische Schreihälse und alles dazwischen. Ich recherchierte gründlich, lernte wieder einmal die entsprechenden Details der Kirchengeschichte – und habe diesen Vortrag inzwischen nicht nur auf Radio Horeb gehalten. Am Echo merke ich, daß er gut verständlich ist.

Zurück zum Anfang: Vor etwa 35 Jahren hat mir ein Priester, der von mir nicht mehr kannte als ein unbedarftes Schreiben, sein Gebet zugesagt. Ich bin sicher, daß er seine Zusage eingehalten hat. Ich weiß nicht, ob er noch auf Erden lebt oder bereits im Himmel ist (eine andere Option nehme ich in diesem Fall nicht an). Aber mir gefällt die Idee, daß er auf irgendeine Weise mitbekommt, wie seine Gebete erhört wurden.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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