Corona und Klima – ein Buch über den Umgang mit Krisenzeiten

Zwei große Krisen haben uns im Griff, ein „katastrophisches Paar“, wie Josef Bordat es nennt – wobei die Klimakrise derzeit von Corona überschattet ist, aber aller Voraussicht nach sehr viel länger dauern wird. Beide Krisen sind global und betreffen nicht nur einzelne Biographien, sondern alle sozialen Gefüge der Menschheit. Es geht in dem Buch um Bewältigungsstrategien und Deutungsmuster; in der Einführung werden die damit zusammenhängenden Grundprobleme kurz vorgestellt.

Gott, Technik und Mensch stehen jeder für sich auf dem Prüfstand; Josef Bordat geht es darum, sie zusammenzudenken und so die Krisen unserer Zeit zu bewältigen. Hierzu stellt er historische Deutungsmuster vor. Er beginnt mit der von Leibniz ausgearbeiteten Theodizeefrage (der Frage nach der Rechtfertigung Gottes), die er in gewohnter Gründlichkeit erklärt. Das Erdbeben von Lissabon ließ die Theodizeefrage neu stellen. Immanuel Kant setzte sich als erster nicht in moraltheologischer, sondern in naturwissenschaftlicher Weise damit auseinander und versuchte, die geologischen Ursachen für Beben zu erklären – obwohl seine Erklärungen fehlerhaft waren, begründete er die Erdbebenforschung. Dabei sieht er die Beobachtung natürlicher Zusammenhänge auch als Preisung Gottes an und ruft auf, angesichts unvermeidbarer Übel wenigstens die vermeidbaren zu verringern.

Einen neuen Begriff bildete der 1937 geborene Philosoph Hans Poser: Die Technodizee, die Rechtfertigung der Technik, beschäftigt sich mit Nutzen und Schaden durch technische Errungenschaften, bringt Wissenschaft, Technik und Moral zusammen. Zunächst außermoralische Probleme wie die Notwendigkeit der Energieversorgung haben moralisch relevante Folgen, da sie einen Eingriff in die Natur darstellen und immer in irgendeiner Hinsicht auch zerstörerisch wirken. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels muss Technik gerechtfertigt sein. Der Mensch muss sich vor dem Menschen für die Technik verantworten – und zwar nicht nur ein Mensch, sondern Erfinder, Bauherr, Geldgeber und Verbraucher gleichermaßen, und keiner davon hat allumfassendes Wissen.

Kurz geht Bordat auf zwei moralische Probleme im Zusammenhang mit Corona und Klimawandel ein. Zunächst die Impfung, die er mit Poser als „Ermöglichungsgrund einer besseren Welt“ sieht (was man ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches mit vorsichtigem Optimismus bestätigen kann). Auf das Problem möglicher Nebenwirkungen geht er ebenso ein wie auf das moralisch brisante Problem der Verwendung embryonaler Zellinien, das er mit den Argumenten löst, denen auch die Kirche folgt: Abtreibungen wurden niemals mit dem Zweck der Herstellung von Impfstoffen vorgenommen. Wenn aber etwas in sich Böses eine unbeabsichtigte gute Folge hat, darf man diese unter Umständen nutzen.

Beim Problem des anthropogenen Klimawandels sieht er mit Sorge eine Renaissance der „klimafreundlichen“ Atomkraft und zählt in unsentimentalster wissenschaftlicher Trockenheit ihre Nachteile auf. Es sind deren übergenug. Bordat zitiert Robert Spaemann, der darlegt, daß auch ein geringes Risiko, das Leben folgender Generationen auszulöschen, nicht gerechtfertigt werden kann.

Bordat sieht eine Gesamtberohung durch Natur-Übel und Technik-Übel, die sich nicht mehr trennen lassen. Die Verantwortung des Menschen für Umweltfragen wurde auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 festgehalten. Damit wurde zugleich die „Anthropodizee“, die Rechtfertigung des Menschen, eingeläutet. Leid aufgrund menschlichen Fehlverhaltens und Leid aufgrund von Naturkatastrophen betreffen gleichermaßen unser moralisches Handeln, unsere Verantwortung. Die allerdings ist abhängig von der Freiheit.

Willensfreiheit besteht auf jeden Fall, auch wenn neurologische Experimente scheinbar dagegen sprechen – und auch, wenn wir auf vielfältige Weise vorgeprägt sind. Damit besteht auch immer Verantwortung. Die trägt jeder einzelne und die Gemeinschaft aller, die tragen Individuen und Institutionen auf je eigene, nicht leicht zu bestimmende Art. Individuelle Entscheidungen haben unter Umständen weitreichende Konsequenzen, auch wenn die von dem Individuum noch gar nicht gesehen werden können. In diesem Zusammenhang erläutert Bordat Hans Jonas‘ Verantwortungsethik.

Im vierten Teil geht es um die Bewältigung der Krise durch Glauben und Wissen gemeinsam. Hier räumt der Autor (nicht zum ersten Mal, aber es ist ja immer wieder nötig) mit dem Vorurteil auf, das Christentum sei wissenschaftsfeindlich.

Anhand von Kants kritischer Leibniz-Rezeption und dem Gottesbegriff bei Hans Jonas stellt der Autor nochmals mehrere grundsätzliche Deutungsmuster einander gegenüber. Wie nicht anders zu erwaten, geht Bordat am Ende auf den Kreuzestod Jesu ein. Dabei erklärt er den Ausruf Jesu „Warum hast Du mich verlassen?“ philologisch richtig, indem er lemah mit „wozu, wofür“ überträgt. Ein Ziel annehmen im Leid – das kann mit Blick auf Jesus gelingen.

Gegen den Vorwurf, Bestrebungen zum Klimaschutz seien samt und sonders quasi-religiös (und also für Christen nicht ernstzunehmen) wendet Bordat sich in scholastischer Weise: Er nimmt ihn zunächst ernst und zeigt, wo Bestrebungen zum Klimaschutz tatsächlich religiös anmuten. Dann erklärt er, warum das Schlagwort „Klimareligion“ dennoch absurd ist – erklärt es mit einem Exkurs über die Klimaforschung, die im frühen 19. Jh. begann und ständig genauer wird.

Das Buch schließt mit einem Appell, Glauben und Wissen zu vereinen und so die Krise (und Krisen überhaupt) zu bewältigen.

Das Buch erschien im Sommer letzten Jahres; die Opferzahlen durch Corona sind daher überholt. Bordat macht aber genaue Angaben, welche Statistik zu welchem Datum aktuell war. Die grundsätzliche Aktualität des Buches bleibt unberührt. Etwas geschmälert wird meine Lesefreude durch die konsequente Schreibweise „Teodizee“ und „Teologe“ im ersten Kapitel (edit: offenbar nur im e-book; die Paperback-Ausgabe hat diesen Fehler nicht). Ab dem zweiten Kapitel wird aber kein h mehr unterschlagen.

Ein nachdenkliches, zum Nachdenken anregendes Buch, auf erholsame Weise ruhig und sachlich (nur an einer Stelle ist Bordat wirklich grantig, da geht es um Querdenker – und er hat auch da meine Sympathie). Wer sich ein Buch wünscht, nach dessen Lektüre er weiß, wie man Pandemien und Klimawandel besiegt, sollte ein anderes kaufen. Wer aber kluge, auf Philosophie, Religion und Wissenschaft gleichermaßen fußende Bewältigungsstrategien sucht, für den ist dies das Richtige.

Josef Bordat: Corona und Klima. Zur Deutung des Wandels, tredition 2021, 131 S.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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3 Antworten zu Corona und Klima – ein Buch über den Umgang mit Krisenzeiten

  1. Herr S. schreibt:

    Danke für die Buchbesprechung. Ich werde mir das Buch vielleicht zu meinem Geburtstag wünschen und dann lesen.

    Mir gefällt übrigens Ihre höchstvernünftige persönliche Einstellung zur derzeitigen Corona-Pandemie und Ihrem Umgang damit als katholische Christin, sehr geehrte Frau Sperlich.

    Das ist heute leider selbst gerade unter wertkonservativen glaubenstreuen Christen keine Selbstverständlichkeit mehr.

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  2. jobo72 schreibt:

    Vielen Dank für die Rezension, liebe Claudia!

    >>Etwas geschmälert wird meine Lesefreude durch die konsequente Schreibweise „Teodizee“ und „Teologe“ im ersten Kapitel.<<

    Oha…! Das ist ja peinlich…! – Ich hab jetzt noch mal mit hochrotem Kopf ins Buch geschaut, konnte darin die Fehler aber nicht finden. Das liegt sicher an mir – als Autor ist man ja manchmal wie vernagelt, was Druckfehler angeht. Vielleicht kannst Du mir die Seiten nennen, dann schaue ich gezielt. – Vielen Dank, auch für den Hinweis!

    LG, Josef

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