Frederick Fleet – der Mann, der den Eisberg sah

Zunächst hatten er und seine Kollegen mehrmals um Ferngläser gebeten. Nur leider waren die irgendwie verkramt, sie bekamen sie nie. Als er den Eisberg sah, dreimal die Notglocke läutete und schrie „Eisberg direkt voraus!“ – da war es schon zu spät. Die Titanic kollidierte Sekunden später mit dem Eisberg.

Frederick Fleets Mutter – der Vater war unbekannt – hatte ihr Baby in Liverpool ausgesetzt und war nach Amerika gegangen. Frederick landete in einem für damalige Verhältnisse durchaus guten Findelhaus, in dem die Kinder sorgfältig registriert wurden, nach anglikanischem Ritus getauft und in den ersten fünf Jahren zu Pfegefamilien protestantischen Glaubens kamen. Dabei wurde darauf geachtet, daß Mädchen nicht an unverheiratete Männer vermittelt wurden. Danach wurden sie in dem Findelhaus erzogen. Mädchen und Jungen waren dabei getrennt. Beide Geschlechter lernten Lesen und Schreiben sowie Religion; die Mädchen lernten haushälterische Arbeiten, die Jungen lernten Nähen (sie fertigten auch ihre eigene Kleidung an). Ein sorgfältiger Stundenplan sah Ausbildung, Spiel und Erholung vor. Der Speiseplan war eintönig und für unsere Begriffe fehlten Obst und Gemüse, aber niemand musste hungern. Man kümmerte sich auch darum, daß die Jugendlichen, die das Heim verließen, eine ordentliche Arbeit bekamen. (Auch hier wurde besonders darauf geachtet, daß die Mädchen nicht in der Prostitution landeten.) Wie allerdings die Stimmung in dieser Einrichtung war, ob die Kinder auch mal geherzt wurden, ob sie zu Weihnachten hübsches Spielzeug bekamen – das konnte ich nicht herausfinden.

Nun, zumindest hatte Frederick eine Grundausbildung, als er mit zwölf Jahren die Ausbildung auf einem Schulschiff begann. 1903, sechzehnjährig, ging er als Schiffsjunge zur See. Er verdiente sein Geld als Ausguckjunge, später auch als Vollmatrose, auf verschiedenen Dampfern. Im April 1912 heuerte er auf einem hochmodernen Luxusdampfer an. Er und die anderen Ausguckjungen baten wiederholt, aber vergeblich, um Ferngläser. Am 14. April um 22.00 Uhr begann er gemeinsam mit Reginald Lee die Nachtwache im Krähennest. Die Nacht war windstill und mondlos. Um 23.40 hörte man sein „Eisberg direkt voraus!“ Zweieinhalb Stunden später war die Titanic verschwunden.

Vielleicht hätte bei der schlechten Sicht (weil es keine Wellen gab, wurde der Eisberg auch kaum reflektiert) nicht einmal ein Fernglas genützt – das wird man nun nie genau wissen. Fleet selbst war überzeugt, mit einem Fernglas hätte das Schlimmste verhindert werden können, wie er in mehreren Verhören sagte; er meinte auch, gerade in der mondlosen Nacht seien blaue Eisberge wie dieser eigentlich gut erkennbar.

Überlebende der Titanic – auch Frederick Fleet – wurden von anderen Schiffen unfreundlich aufgenommen, wohl aus einer Art Aberglauben. Dennoch arbeitete er noch bis 1936 auf See, dann als Schiffbauer und noch später als Bootsmann an Land.

Fleet diente in beiden Weltkriegen. Später heiratete er und zog mit seiner Frau in ein Haus, das seinem Schwager gehörte. Mit ihm gab es kein harmonisches Verhältnis. Fleet hielt sich mit schlecht bezahlten Arbeiten über Wasser. Kurz nach Weihnachten 1964 starb seine Frau, und der Schwager warf Fleet sofort hinaus. Am 9.1.1965 fand man den 77jährigen Frederick Fleet auf dem Grundstück des Schwagers erhängt auf. Er bekam ein Armengrab auf dem Hollybrook Cemetery.

1993 errichtete die American Titanic Historical Society ihm ein würdiges Grabmal.

Vielleicht hätte ein Fernglas die Titanic und über 1500 Menschen retten können. Vielleicht hätte es genügt, nur einmal auf einen jungen Mann zu hören, der nicht viel Glück im Leben gehabt hatte. Vielleicht wäre sein späteres Leben besser verlaufen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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