Sieben Thesen und warum ich sie ablehne.

Die neueste Aktion von Maria 2.0 bestand in einem „Thesenanschlag“. Die Initiative schreibt dazu:

Neuer Thesenanschlag nach 500 Jahren

Wir hängen unsere Thesen für eine lebendige Kirche an Dom- und Kirchentüren. Mit diesem Thesenanschlag im gesamten Bundesgebiet weisen wir auf die eklatanten Missstände in der katholischen Kirche hin und untermauert damit unsere Forderungen nach Reformen hin zu einer zukunftsfähigen, geschwisterlichen und vielgestaltigen Kirche. … An alle Menschen, die guten Willens sind!

Vorab: Luthers Thesenanschlag an genau einer Kirchentür war zunächst gar nichts Besonderes. Es war üblich, daß theologische Thesenpapiere auf diese Weise veröffentlicht wurden. Damit wurden Thesen zur Diskussion gestellt, nicht mehr und nicht weniger. Heute, in Zeiten der sehr preisgünstigen Produktion von Drucksachen, mehr noch, in Zeiten des Internet, hat man für die Diskussion von Thesen praktischere Mittel, und ein Thesenanschlag dieser Art wirkt antiquiert. Spätestens wenn er dann fleißig photographiert, hochgeladen, geliked und geteilt und besonders revolutionär gefunden wird, wirkt die Aktion auch komisch.

Luthers Thesenanschlag leitete die Kirchenspaltung ein, auch wenn Luther das zunächst nicht wollte. Wer eine solche Aktion fünfhundert Jahre später vollführt und sich auf Luther bezieht, kann nicht ehrlich behaupten, die Einheit der Kirche zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund ist die Adresse „An alle Menschen, die guten Willens sind“ eine Frechheit gegenüber all denen, die guten Willens durch Wort, Gebet und Tat die katholische Kirche unterstützen. An die scheint sich das Papier nämlich nicht zu richten. Aber ich will dennoch gutwillig auf alle sieben Thesen antworten.

1. #gerecht – gleiche Würde – gleiche Rechte

In unserer Kirche haben alle Menschen Zugang zu allen Ämtern. Denn Menschenrechte und Grundgesetz garantieren allen Menschen gleiche Rechte – nur die katholische Kirche ignoriert das. Mannsein begründet heute Sonderrechte in der Kirche.

Mit der Taufe haben alle Christen eine unauslöschliche Würde, die sie allerdings selbst negieren können, wenn sie sich von der Gemeinschaft der Christen abwenden. Das bedeutet: Unabhängig von allen äußeren und inneren Merkmalen, Eigenschaften, Umständen ist ein getaufter Mensch Gottes Kind. In keiner anderen Organisation oder Gruppierung, ob Familie, Staatswesen, Verein oder was auch immer, wird das mit gleicher Absolutheit gesagt wie in der Katholischen Kirche, z.B. im Katechismus, Teil III, Abschn. 1, Kap. 1, Art. 1.

Das allgemeine Priestertum der Getauften ergibt sich bereits aus den Kurztexten zu vorgenanntem Artikel. Lumen Gentium II,10 erläutert den wesentlichen Unterschied zwischen allgemeinem Priestertum und Weiheamt:

Christus der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen (vgl. Hebr 5,1-5), hat das neue Volk "zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht" (vgl. Offb  1,6; 5,9-10). Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen  Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen  Priestertum geweiht, damit sie in allen Werken eines christlichen  Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden,  der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat (vgl. 1  Petr 2,4-10). So sollen alle Jünger Christi ausharren im Gebet und gemeinsam Gott loben (vgl. Apg 2,42-47) und sich als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe darbringen (vgl. Röm  12,1); überall auf Erden sollen sie für Christus Zeugnis geben und  allen, die es fordern, Rechenschaft ablegen von der Hoffnung auf das  ewige Leben, die in ihnen ist (vgl. 1 Petr 3,15). Das  gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des  Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich  zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander  zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise  am Priestertum Christi teil. Der Amtspriester nämlich bildet kraft  seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und  leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer  und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die Gläubigen  hingegen wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der  eucharistischen Darbringung mit und üben ihr Priestertum aus im Empfang  der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen  Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe.

Warum genau es weder falsch noch ungerecht ist, daß es keine katholischen Priesterinnen gibt, erläutere ich hier auf Radio Horeb. Ich habe keine Lust, das hier noch einmal in anderen Worten auszuführen – in meinem Vortrag gebe ich Quellen an.

Männer und Frauen haben die gleiche Würde. Sie haben Aufgaben, die sehr oft gleich oder ähnlich sind und in einigen Punkten verschieden.

2. #partizipativ – gemeinsame Verantwortung

In unserer Kirche haben alle teil am Sendungsauftrag; Macht wird geteilt. Denn der Klerikalismus ist heute eines der Grundprobleme der katholischen Kirche und fördert den Machtmissbrauch mit all seinen menschenunwürdigen Facetten.

Christen haben, sobald sie eigenverantwortlich handeln können, auch die Pflicht, ihren gottgewollten Platz zu finden und auszufüllen. Christen sind dazu aufgerufen, zu dienen. Mit einem Dienst gehen immer auch bestimmte Befugnisse einher. Klerikalismus bedeutet, der Geistlichkeit einen Einfluss zu verschaffen, der ihr nicht zukommt. Die Geistlichen das tun zu lassen, was sie zu tun haben, ist kein Klerikalismus, sondern eine Selbstverständlichkeit. Amtsmißbrauch in der Kirche und anderswo hat seine Wurzeln in angemaßter Macht, nicht in tatsächlicher Befugnis. Daß z.B. die Arbeit der Putzfrau oder der Hymnendichterin als niedriger denn die Arbeit eines Geistlichen angesehen wird, ist in der Tat klerikalistisch, und darin ist seltsamerweise die Welt größer als die Kirche, und innerhalb der Kirche erfahre ich von der Geistlichkeit meist weit höheren Respekt für meine Arbeit als von Frauen vom Schlage Maria 2.0. (Gerechterweise muss ich hinzufügen: hochnäsiges Abwatschen kenne ich auch von männlichen Laien, sowohl aus dem Tradilager als auch von expliziten Kirchenfeinden. Standesdünkel gibt es leider häufig, nur gerade bei Priestern erlebe ich ihn so gut wie nie.)

Es geht im Priestertum genau wie im Christentum überhaupt um Dienst, nicht um Macht. Natürlich kann man sagen: finanziell stehen Priester in Deutschland recht gut da, und Geld gibt eine gewisse Macht. Allerdings sehe ich auch die liebevolle Großzügigkeit vieler Priester, und dann ist Deutschland ja nur ein sehr kleiner Teil der Welt. Die allermeisten katholischen Priester leben finanziell in sehr bescheidenen Verhältnissen. Die Macht von Priestern in Pakistan, Nigeria, China oder Saudi-Arabien ist marginal, der Dienst oft heldenhaft – und das Verständnis für diese sieben Thesen düfte dort gegen Null tendieren. Jede Frau, ob bei Maria 2.0 oder woanders in Deutschland, hat durch ihr Einkommen (selbst wenn es ALG II ist) mehr Macht als jene.

3. #glaubwürdig – respektvoller Umgang und Transparenz

In unserer Kirche werden Taten sexualisierter Gewalt umfassend aufgeklärt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen. Ursachen werden konsequent bekämpft. Denn viel zu lange schon ist die katholische Kirche ein Tatort sexueller Gewalt. Kirchliche Machthaber halten immer noch Informationen zu solchen Gewaltverbrechen unter Verschluss und stehlen sich aus der Verantwortung.

Umfassende Aufklärung und Ahndung von Straftaten (ganz besonders, wo Menschen mißbraucht werden), Ursachenbekämpfung und Opferschutz sind zweifellos wichtig, und vieles liegt im Argen. Zu behaupten, die Kirche sei „ein Tatort sexueller Gewalt“, ist dennoch Unfug. Selbst angesichts der himmelschreienden Taten, die in jüngster Zeit aufgedeckt wurden, ist nicht „die Kirche“ als Ganzes Tatort (und am besten noch Täterin dazu), sondern es sind einzelnde Geistliche und einzelne Orte. Umfassende Aufklärung gibt es in meiner Heimat Berlin durchaus. Mir ist klar, daß hier noch viel zu tun ist. Aber zu behaupten, die ganze Kirche sei „viel zu lange schon Tatort“, ist unredlich. Mit dem gleichen Unrecht könnte man alle Familien und alle Sportvereine als „Tatorte“ bezeichnen.

4. #bunt – leben in gelingenden Beziehungen

Unsere Kirche zeigt eine wertschätzende Haltung und Anerkennung gegenüber selbstbestimmter achtsamer Sexualität und Partnerschaft. Denn die offiziell gelehrte Sexualmoral ist lebensfremd und diskriminierend. Sie orientiert sich nicht am christlichen Menschenbild und wird von der Mehrheit der Gläubigen nicht mehr ernst genommen.

Sexualität ist der katholischen Kirche so heilig, daß sie ihr ein eigenes Sakrament gibt. Der Katechismus Teil II, Abschn. 2, Kap. 3, Art. 7 erläutert anhand der Bibel die Bedeutung der Ehe. Ich weiß aus Erfahrung und Beobachtung, daß es viel Herzeleid erspart, wenn man sich schlicht an die katholische Sexuallehre hält. Jesus hat das Verbot des Ehebruchs bestätigt und zugleich deutlich gemacht, daß Er Barmherzigkeit will (Joh. 8,2-11). Aber Barmherzigkeit heißt eben nicht „mach weiter so“ – sondern gibt eine Chance, besser, also richtiger, zu leben als vorher.

Wenn die Mehrheit der Gläubigen das nicht mehr ernst nimmt, liegt das an mangelnder Katechese – nicht etwa an Mängeln in der Heiligen Schrift. „Bunt“ steht hier für „beliebig“ – und das kann die Kirche nicht sein, wenn sie von irgendjemandem noch ernst genommen werden will. Sie kann es nach ihrem Selbstverständnis nicht sein, weil Gottes Wort nicht beliebig ist.

5. #lebensnah – ohne Pflichtzölibat

In unserer Kirche ist die zölibatäre Lebensform keine Voraussetzung für die Ausübung eines Weiheamtes. Denn die Zölibatsverpflichtung hindert Menschen daran, ihrer Berufung zu folgen. Wer diese Pflicht nicht einhalten kann, lebt oft hinter Scheinfassaden und wird in existentielle Krisen gestürzt.

Die Berufung zum Priesteramt geht an Menschen, die zum Priesteramt fähig sind. Das sind in den meisten Fällen unverheiratete Männer; es hat allerdings seit der verbindlichen Einführung des priesterlichen Zölibats schon Ausnahmen gegeben – spätberufene Witwer und in jüngerer Zeit zur katholischen Kirche konvertierte ehemals evangelische Pfarrer mit Familie. Warum man von einem „Pflichtzölibat“ gar nicht sprechen kann und warum der Zölibat sinnvoll ist, habe ich hier erklärt.

6. #verantwortungsvoll – nachhaltiges Wirtschaften

Unsere Kirche wirtschaftet nach christlichen Prinzipien. Sie ist Verwalterin des ihr anvertrauten Vermögens; es gehört ihr nicht. Denn Prunk, dubiose Finanztransaktionen und persönliche Bereicherung kirchlicher Entscheidungsträger haben das Vertrauen in die Kirche tiefgreifend erschüttert und schwinden lassen.

Teilweise Zustimmung. Prunk und Pracht sind für Gott – und zur Freude des Gottesvolkes. Ich möchte den Petersdom nicht schlichter haben, und ich möchte auch weiterhin, daß die Kirche Künstler zu Gottes Ehre beschäftigt, aber nicht nur für Gotteslohn. Dubiose Finanztransaktionen und persönliche Bereicherung sind übel und müssen aufgeklärt, geahndet und künftig möglichst verhindert werden. Allerdings ist hier wieder ein unschöner Unterton, als seien diese Dinge ganz typisch für die Kirche. Tatsächlich sind sie typisch für die gefallene Menschheit, wie Sünde halt überhaupt. Es bedarf vieler Gebete und großer Wachsamkeit, mit Geld verantwortlich umzugehen – aber die Kirche, die an so vielen Orten in so vielen Situationen auch mit Geld hilft, verdient im Ganzen dennoch Vertrauen.

7. #relevant – für Menschen, Gesellschaft und Umwelt.

Unser Auftrag ist die Botschaft Jesu Christi. Wir handeln danach und stellen uns dem gesellschaftlichen Diskurs. Denn die Kirchenleitung hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Sie schafft es nicht, sich überzeugend Gehör zu verschaffen und sich im Sinne des Evangeliums für eine gerechte Welt einzusetzen.

Ihr glaubt der Kirche nicht mehr. Ihr sagt in sechs Punkten, daß „unsere Kirche“ (also Eure) alles endlich mal richtig machen wird, und sprecht der Katholischen Kirche deshalb die Glaubwürdigkeit ab, weil Ihr nicht mehr an sie glaubt. Aber die Kirche, die Ihr ablehnt, ist von Jesus Christus gegründet auf das Fundament der Apostel, und weder die Mächte der Unterwelt noch ein Heer von Frauen, die die Allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria updaten wollen, werden die Kirche überwältigen.

Ich als Christin und Sünderin liebe die Katholische Kirche, die ich „meine“ nenne, obwohl sie nicht mir gehört (sondern ich ihr). Ich bin traurig über ihre Verfehlungen, freue mich an ihrer Wahrheit und Ewigkeit und bleibe ihr treu. Maria verehre ich in der ursprünglichen Version, ohne Update.

Am Fest St. Matthias, anno Domini 2021

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Sieben Thesen und warum ich sie ablehne.

  1. Bobi schreibt:

    Besonders ärgerlich an diesen „Thesen“ ist für mich dieses vereinnahmende „Unsere Kirche“.
    Als kleiner Rabatzer kriege ich da den Wunsch zu sagen: „Dann macht doch Eure Kirche“. Und ich bin sicher: Leute wie Caroline Kebekus werden auch in diese Eure Kirche nicht am Sonntagmorgen kommen, auch wenn da Martina am Alter steht und nicht Martin.
    Aber im Ernst: Papst Franziskus hat eine arme Kirche für Arme beschworen, und das ist die einzige Richtung, in der Fortschritt in der Kirche sinnvoll ist.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ja, eine arme Kirche für Arme: das ist richtig. Aber mit der ganzen Schönheit, zu der sie fähig ist. Auch Franziskus von Assisi war ganz für Pracht – solange sie zur Ehre Gottes in der Kirche stattfand.

  2. Bobi schreibt:

    Ja natürlich: Arm heißt doch nicht hässlich. Pracht der Kirchen lehnen meiner Erfahrung nach nur Leute ab, die es sich zu Hause schick machen. Ich bin aus Bayern, und ich kenne dort keinen Armen, der die Pracht der Barockkirchen ablehnt.

  3. gerd schreibt:

    „Unser Auftrag ist die Botschaft Jesu Christi. Wir handeln danach und stellen uns dem gesellschaftlichen Diskurs.“

    Selbst nach mehrmaligem Nachfragen, per Mail und auch persönlich in unserer Pfarrei indem ich meine Bedenken zu diesem sog. Thesenanschlag äußerte, die in die gleiche Richtung wie Ihr Kommentar zeigen, wurde mir bis heute der Diskurs verweigert. Da sind wohl die Angesprochenen sich darüber einig, dass ich entweder nicht zu Gesellschaft gehöre, oder, dass sie nicht in der Lage sind meine Fragen zu beantworten. Es wird wohl beides zutreffen. Das ganze ist nur eine Posse, die nebenbei bemerkt nur Kirchensteuergelder verschwendet und die Ahnungslosigkeit, was die Botschaft Jesu Christi angeht, aller Beteiligten offenlegt.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Das ist ja wirklich schäbig. Diskursverweigerung, wenn man die Bereitschaft dazu gerade zugesagt hat!
      Wundert mich aber nicht, nachdem auf der Facebookseite Maria 2.0 unmittelbar nach dem Link auf die Thesen ein „Kommentarfasten“ ausgerufen wurde. Mir sieht das sehr nach einem frommen Wort für „Diskursverweigerung“ aus.

  4. akinom schreibt:

    „Ich glaube an die eine heilige katholische und apostolische Kirche“, nicht an eine deutsche, die die Aktivisten von „Maria .02“ als „unsere“ bezeichnen, eine „deutsche Kirche“, die es zu unseligen Zeiten unter „Reichsbischof Müller“ schon einmal gegeben hat.

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